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Erich Ebermayer

Als schwuler Jugendlicher zwischen 1. Weltkrieg und Machtergreifung

Erich Ebermayer, 1900 geboren, erlebte historische Ereignisse hautnah. In "Jugend im Lichte des Vaters" beschreibt er auch erste schwule Erfahrungen. Über 50 Jahre lag das Manuskript im Nachlass, jetzt ist es erschienen.


Erich Ebermayer (1900-1970) im Jahr 1952 (Bild: Bayerische Staatsbibliothek München / Timpe)

Fuchs, du hast die Ganz gestohlen. Nein, die Gans. Oder doch die Ganz? Manche Unsicherheiten mit der deutschen Rechtschreibung bestehen heute wie vor über 100 Jahren, zumindest in der Grundschule. Damals, 1910, schreibt der Viertklässler Erich Ebermayer ein Diktat. Er hat ein gutes Gefühl, nur die Gans verunsichert ihn. Er will es an die renommierte humanistische Leipziger Thomasschule schaffen.

Würde er den Aufnahmetest nicht bestehen, wäre das eine Schande, notiert Erich Ebermayer gut 60 Jahre später. Woran er sich auch erinnert: Dass ihm die nackten Männerfiguren aus Gips in der Aula gefallen. Er schreibt die Gans erst richtig, dann mit z, sieht dann beim Nachbarn die richtige Schreibweise und korrigiert sich.

Sein Vater, der Top-Jurist


"Jugend im Lichte des Vaters" ist im Leipziger Lehmstedt Verlag erschienen

An dem einen Buchstaben wird es nicht gelegen haben, aber er schafft den Übertritt an das ehrwürdige Gymnasium. Damit fängt nicht nur ein wichtiger Lebensabschnitt an, so lässt der spätere Schriftsteller auch seine Erinnerungen "Jugend im Lichte des Vaters" (Amazon-Affiliate-Link ) beginnen.

Der Titel mag auf den ersten Blick etwas gefühlig anmuten. Doch der Vater Ludwig hatte tatsächlich immensen Einfluss auf den Jugendlichen. Ludwig Ebermayer war zu der Zeit seit einigen Jahren Richter am Reichsgericht, dem obersten Gerichtshof im Deutschen Reich, vergleichbar mit dem heutigen Bundesgerichtshof.

Das erste "Flügelrauschen der Seele"

Erich Ebermayer schildert in seinen Erinnerungen eindrücklich, wie viel Respekt er vor seinem Vater hat. Doch der Respekt ist nicht demütig oder angsterfüllt, sondern herzlich – er schwärmt von Wanderungen durch die Leipziger Wälder am Wochenende, vom "Glück der Zweisamkeit". Es ist eine außergewöhnliche Vater-Sohn-Geschichte, vor allem in späteren Jahren.

Was sich neben Rechtschreibschwierigkeiten offenbar nicht verändert hat: Der Zauber des ersten Verliebtseins. Ebermayer kann sich anscheinend auch als fast 70-Jähriger noch in sein 13-jähriges Ich – und dessen rosarote Gefühle – hineinfühlen. Paul-Hinrich Leo, ein Klassenkamerad, beschert ihm das erste "Flügelrauschen der Seele", er schreibt ihm einen täglichen Liebesbrief. Ebermayer verfasst die Autobiografie zwar mit sechs Jahrzehnten Distanz, doch es fühlt sich vor allem an diesen Stellen eher an wie ein Tagebucheintrag nach dem gemeinsamen glücklichen Tag am See, so plastisch und detailgetreu erinnert er sich. Von Schuld oder Sünde ist hier keine Spur.

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Ebermayers Nachlass, ein verstaubter Fund

Wann genau Ebermayer "Jugend im Lichte des Jahres" verfasste, ist nicht bekannt. Aus zeitlichen Bezügen lässt sich jedoch schließen, dass sie 1969/1970 und damit nicht lange vor seinem Unfalltod Ende September 1970 entstanden sein müssen. Doch erst jetzt, rund 55 Jahre später, erscheinen sie, herausgegeben von der Leipziger Schauspielerin und Autorin Steffi Böttger. Sie hat die Erinnerungen zurückhaltend, aber sinnvoll und manchmal korrigierend kommentiert. Dass das möglich ist, ist auch dem Literaturwissenschaftler Dirk Heißerer zu verdanken: Er entdeckte 2004 auf Schloss Kaibitz in der Oberpfalz, dem langjährigen Wohnort Ebermayers, dessen verstaubten literarischen Nachlass.

Und das ist aus mehreren Gründen ein wirklich großes Glück. Erich Ebermayers Jugenderinnerungen sind ein bemerkenswertes Zeugnis über das Aufwachsen in bürgerlichen Verhältnissen während einer der wohl turbulentesten Zeiten der deutschen Geschichte.

Hautnah bei der Novemberrevolution

Zu Beginn des Ersten Weltkriegs war der Teenager noch kriegsbegeistert und vom deutschen Sieg überzeugt, später litt er wie so viele unter Hunger und den knappen Lebensmittelmarken. Als Jurastudent erlebte er nicht nur die von Kurt Eisner angeführte Novemberrevolution 1918 in München hautnah mit. Nur wenig später verfolgte er den Prozess gegen die Kapp-Putschisten, Gegner der neu geschaffenen Weimarer Republik. Erichs Vater Ludwig war als Oberreichsanwalt Ankläger in dem Verfahren.

Doch nicht nur diese subjektiven Perspektiven auf Wendepunkte deutscher Geschichte sind spannend. Auch wie Ebermayer über sein Privatleben schreibt, ist höchst interessant – dabei darf man nicht vergessen, dass es auch 1970 noch gewagt war, offen über die eigene Homosexualität zu schreiben. Klar ist außerdem, dass eine Autobiografie kein objektiver Tatsachenbericht ist. So ist bekannt, dass Ebermayer seine Vernehmung nach Paragraf 175 in späteren Memoiren beschönigt.


Foto von Erich Ebermayer (l.) und seinem Vater (r., 1922) und das Cover von "Jugend im Lichte des Vaters" (2024 mit einem Foto von ca. 1930)

Sein erstes Mal im sündigen Neapel

Ebermayer schreibt zwar diskret, aber dennoch freimütig über seine Gefühle und Männer, die auch seine Familie gerne aufnimmt. Sein liberaler Vater war an einer Strafrechtsreform beteiligt und setzte sich zwar nicht für die Abschaffung von Paragraf 175 ein, jedoch für Straflosigkeit bei "konstitutioneller Veranlagung".

Mit 19 führt Erich Ebermayer eine Beziehung, die man nach heutigen Maßstäben wohl toxisch nennen würde. Das ist ihm auch selbst bewusst, er wird depressiv: "Ich wollte nicht geliebt werden, ich wollte lieben dürfen." Erst einige Jahre später hat er im liberalen wie sündigen Neapel zum ersten Mal Sex mit einem "bello ragazzo", mit dem er auf einer berüchtigten Straße verkuppelt wird. "Gesprochen wurde nicht viel. Aber das war auch nicht nötig."

Seine Depression nährte aber auch die immer deutlichere Gewissheit, dass ihn sein Jurastudium nicht wirklich interessiert. Er will seinen Leidenschaften folgen, dem Theater, der Oper und Literatur. Da machte er schon als jugendlicher Theatergänger Bekanntschaft etwa mit der Komponistenwitwe und Festspielleiterin Cosima Wagner.

Freundschaft mit Klaus Mann

Und so ist "Jugend im Lichte des Vaters" auch die Erzählung, wie Erich Ebermayer seiner Berufung folgt. Erste schriftstellerische Erfolge treten früh ein, später lobt ihn "mein verehrter Meister" Thomas Mann, mit dessen schwulen Sohn Klaus er sogar befreundet ist. Später nahm Thomas Mann Ebermayer jedoch übel, dass er Deutschland im Nationalsozialismus nicht verlassen hat, sondern die innere Emigration wählte. Einige seiner Bücher wurden wegen ihres homosexuellen Inhalts verboten, die familiäre Nähe zum Chef der Kanzlei des Führers, seinem Cousin Philipp Bouhler, halfen jedoch.

"Jugend im Lichte des Vaters" ergänzt Ebermayers Autobiografien der späteren Jahre, die leider nur noch antiquarisch erhältlich sind. Tagebücher der Zeiträume 1945-1948 sollen sich außerdem noch unveröffentlicht im Nachlass befinden. Erich Ebermayer ist heute, trotz seines Erfolgs als Schriftsteller vor und nach dem Krieg, so gut wie vergessen. Jetzt lässt er sich wiederentdecken: Seine Memoiren sind lebendig und voller Lust am Erzählen geschrieben. Es ist ein aufschlussreiches und dabei unterhaltsames Vergnügen, in die Jugenderinnerungen dieses klugen, aber auch ambivalenten Mannes einzutauchen – und dabei viel zu entdecken.

Infos zum Buch

Erich Ebermayer: Jugend im Lichte des Vaters. 420 Seiten. Lehmstedt Verlag. Leipzig 2024. Gebundene Ausgabe mit Schutzumschlag: 25 € (ISBN 978-3-95797-179-1)

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