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Folge 9 von 10

Schwules Leben vor 100 Jahren: Theater

Was passierte 1925 auf den Brettern, die die schwule Welt bedeuten, und welche Dramen über Homosexualität haben das Kulturleben in diesem Jahr mitgeprägt?


Queeres Theaterstück (v.l.n.r.): Gustaf Gründgens, Erika Mann, Pamela Wedekind und Klaus Mann auf einem Pressefoto zu "Anja und Esther"

Travestie im Theater – "Charleys Tante" und "Voo Doo"

Wie Männer in Frauenrollen bewertet wurden, hatte auch mit der Art der Darstellung zu tun. In vielen Possen und Schwänken, also derb-spaßhaften und anspruchslosen Theaterstücken, kam es nicht auf eine virtuose Täuschung über das "wahre" Geschlecht, sondern nur auf oberflächliche Späße an. Das bis heute mit Abstand erfolgreichste Theaterstück mit einer Travestierolle ist "Charleys Tante". Es wurde 1892 von Brandon Thomas geschrieben und ist seit dieser Zeit unzählige Male aufgeführt worden. Auch 1925 war die Begeisterung für dieses Theaterstück ungebrochen, was an hunderten von Artikeln ablesbar ist. "Charleys Tante" wird als das erfolgreichste Theaterstück der Welt gepriesen, das in 18 Sprachen übersetzt wurde ("Dortmunder Zeitung", 3. Januar 1925) und "wahre Lachstürme" auslöste ("Rahdener Wochenblatt", 22. Januar 1925).

Daneben gab es aber auch Damenimitatoren, die versuchten, das Erscheinungsbild des weiblichen Geschlechts möglichst perfekt zu imitieren. Dazu gehörte Willy Pape, der über viele Jahre unter seinem Künstlernamen Voo Doo auftrat. Sein Tourneeplan führte ihn 1925 u. a. ins Berliner Palmenhaus (Januar), ins Münchener Colosseum (März), in den Kölner Kaiserhof (Mai) und in das P.D.D. in Düsseldorf (Dezember). Das Publikum war von Voo Doo begeistert: In Köln war er eine "Zugnummer ersten Ranges (…). Alles ist Tempo, Schmiß, konzentriertes Leben" ("Der Mittag", 10. Mai 1925). In Düsseldorf trat Voo Doo als "indische Tänzerin" mit zwei Schlangen auf. "Die erstklassigen Leistungen der bildschönen Tänzerin und ihres Partners finden großen, verdienten Beifall" ("Der Mittag", 6. Dezember 1925). Wussten die Redaktionen überhaupt, dass Voo Doo ein Mann war? Vor einem Jahr habe ich mich hier auf queer.de schon intensiv mit ihm und auch dem Theaterstück "Charleys Tante" beschäftigt. Der Historiker Jens Dobler hat Papes Leben in seinem Buch "You have never seen a dancer like Voo Doo. Das unglaubliche Leben des Willy Pape" (2022) mustergültig erforscht.


Werbung für das Gastspiel von Willy Pape als Voo Doo im Mai 1925 im Kölner Kaiserhof

Homosexualität im Theater

Auf der Theaterbühne waren auch Dramen präsent, die Homosexualität thematisierten. In diesem Abschnitt habe ich mich vor allem an Wolf Borchers' Dissertation "Männliche Homosexualität in der Dramatik der Weimarer Republik" (2001) orientiert, in der er auf 640 Seiten mehr als 160 Dramen vorstellt. Ergänzt habe ich u. a. die erst seit einigen Jahren online verfügbaren Rezensionen in Zeitungen. Dabei habe ich mich an den Dramen orientiert, die das Theaterleben im Jahr 1925 mitgeprägt haben, sei es durch die Veröffentlichung als Buch in der Erstausgabe (EA), die Uraufführung (UA), eine Wiederaufführung (WA) oder die Rezeption in Zeitungen. Einige Dramen, die für die Jahre 1924/1925 relevant waren, habe ich bereits vor einem Jahr hier auf queer.de behandelt. Dazu gehören Bertolt Brechts Stück über Edward II., Arnolt Bronnens "Vatermord", Hans Kaltnekers "Die Schwester" und Carl Sternheims "Oscar Wilde".

Nach einer Zusammenfassung der wichtigsten Thesen von Borchers und der Darstellung von Dramen in Homosexuellenzeitschriften behandle ich die Stücke in alphabetischer Reihenfolge der jeweiligen Autoren. Die bedeutendste Uraufführung eines Theaterstückes mit homosexueller Thematik im Jahre 1925 war "Anja und Esther" – geschrieben von dem damals erst 18-jährigen Klaus Mann.

Wolf Borchers über die Dramen der Weimarer Republik

Wolf Borchers stellt zusammenfassend fest (S. 561-576): "Das Thema Homosexualität ist in der Weimarer Republik zum unübersehbaren Bestandteil der Dramatik und Theatergeschichte geworden, ist für diesen Zeitraum aus einer tabuisierten Randposition vorübergehend herausgetreten. Trotz des bestehenden Strafrechts entwickelt sich vielmals eine selbstverständliche Behandlung." Während die Werke der frühen Phase Homosexualität als etwas Besonderes zeigten, z. B. in Form "idealistischer Überhöhung", werde Homosexualität später "als eine Liebe wie jede andere auch" begriffen und dargestellt. Es seien Werke entstanden, "die sich gegen eine Diskriminierung wenden" mit "der Tendenz, eine Gleichberechtigung einzuklagen". Vor allem in der mittleren Phase der Weimarer Republik sei Homosexualität in mehreren Dramen Thema eines wichtigen Handlungsstrangs, wobei die gesellschaftliche Situation auch von heterosexuellen Autoren reflektiert werde. Die Darstellungen bezögen sich auf historische Themen, aber auch auf die zeitgenössische Situation, u. a. auf die Strafbarkeit von Homosexualität. "Die vor 1918 gängigen Verschleierungen oder Eliminierungen in Stücken (…) treten in den Hintergrund und tauchen erst gegen Ende der Republik wieder verstärkt auf."

Drei Artikel in Homosexuellenzeitschriften über Dramen

Einzelne Artikel in den Homosexuellenzeitschriften des Jahres 1925 lenken die Aufmerksamkeit auch auf Stücke, die von Borchers nicht im Kontext von Homosexualität behandelt werden, und veranschaulichen, wie schmerzlich auf der Theaterbühne Rollen vermisst wurden, die die Möglichkeit einer positiven Identifikation geboten hätten. In den "Blättern für Menschenrecht" (Jg. 1925, Februar, S. 36-40) schreibt Dr. K. B. über Gerhart Hauptmanns "Einsame Menschen", dass es darin um Freundschaft, Liebe und Sex zwischen Mann und Frau gehe. Über den Protagonisten des Stückes, Johannes Vockerat, sagt seine Mutter, dass er "sein lebelang nie schlimme Neigungen gehabt" habe (s. a. Projekt Gutenberg). Der Autor K. B. identifiziert sich offensichtlich mit diesem Johannes Vockerat, der sich in dem Drama über die "Schranken der Gesellschaft" hinwegsetzt und gegen traditionelle gesellschaftliche Vorstellungen kämpft.

Von dem Autor Hage stammen zwei interessante Artikel: In "Das Freundschaftsblatt" (Jg. 1925, Heft 8) geht es ihm um Eduard Stuckens Drama "Luzifer". Der Hinweis auf ein "Liebesspiel", das ohne Nachkommen bleibt, führt bei Hage zu der Frage, ob auch er selbst zu einem fruchtlosen Leben verdammt sei und ihm dadurch das "Erdenparadies" verwehrt bleibe. Hage kann sich offenbar mit Luzifer als einem gefallenen Engel identifizieren. Er denkt in diesem Zusammenhang über Frank Wedekinds Drama "Frühlings Erwachen" (mit einem gleichgeschlechtlichen Kuss in der Weinbergszene) nach.

In dem Artikel "Das Freundschaftsdrama" ("Die Freundschaft", Jg. 1925, Heft 8) kritisiert Hage, dass das zeitgenössische Drama "fast ganz über Freundschaft und Freundesliebe" schweige. "Man mag einwenden, (dass) es normal-empfindenden Schauspielern unmöglich wäre, sie (Homosexuelle) überzeugend darzustellen; ich glaube das nicht." Vermutlich führe nur die "Furcht vor Konflikten" dazu, dass die Weinbergszene in "Frühlings Erwachen" leider "immer gestrichen" werde. Hage geht auch auf Frank Wedekinds "Die Büchse der Pandora" mit der lesbischen Gräfin Geschwitz ein, kritisiert die Inszenierung von Bertolt Brechts Theaterstück über Edward II. und lässt den Artikel mit der Frage enden: "Wann zeigt man dem Publikum einmal ein zartes dramatisches Freundschaftslied?"


Der Autor Hage macht sich Gedanken über die Möglichkeiten eines Freundschaftsdramas

Hans Otto Löwenstein (?): "Oberst Redl" in Österreich

Mir liegen drei Zeitungsartikel vor, die – meistens nur kurz – auf ein 1925 in Österreich aufgeführtes Drama über den Fall des homosexuellen Spions August Redl eingehen. Zitieren möchte ich nur die österreichische sozialdemokratische "Arbeiter-Zeitung" (19. März 1925): Der Rezensent kritisiert das "roh" gezimmerte Theaterstück, "dessen Verfasser sich nicht nennt". Einem Publikum, das die Spionagegeschichte miterlebt habe, solle man "nicht so eine willkürliche (…) Verdrehung des Sachverhaltes vorsetzen". Das Theaterstück hätte, so der Rezensent weiter, Redl "wahrheitsgemäß" als homosexuell darstellen sollen und die erfundene russische "Verführerin" hätte wegfallen müssen. Auch "bühnentechnisch ist das Stück sehr ungelenk" und die "Mittel (…) (seien) geschmacklos". Der Schauspieler Robert Valberg hatte nicht nur im Film "Oberst Redl" von 1925, sondern auch in diesem gleichnamigen Theaterstück die Hauptrolle. Das Drama entstand zeitgleich mit dem Film und offenbar in deutlicher Anlehnung an ihn, denn der Film heterosexualisiert die reale Affäre ebenso. Insofern ist es zumindest möglich, dass der österreichische Filmregisseur Hans Otto Löwenstein (1881-1931) nicht nur die Regie des Films innehatte, sondern auch das Theaterstück verfasste. Die Zeitungsartikel über das Theaterstück sind bedeutsam, weil dieses heute ansonsten unbekannt ist. Auch Borchers kennt nur zwei spätere andere Dramen über August Redl, nämlich Egon Erwin Kischs "Die Hetzjagd" (1926) und Cäsar von Arx' "Opernball 13" (1932).

Klaus Mann und sein Werk "Anja und Esther"

Der Schauplatz des Dramas "Anja und Esther" – das im April 1925 in der Druckfassung erschien – ist ein "Erholungsheim für gefallene Kinder", das Klaus Mann später in seiner Autobiografie "Der Wendepunkt" (1942, hier zitiert nach der Ausgabe von 1984, S. 153) als eine Mischung aus Sanatorium, Gefängnis, Bordell und Kloster beschrieb. Die Protagonist*innen sind vier Jugendliche, die untereinander in komplizierten Beziehungen leben. Anja und Esther haben ein lesbisches Verhältnis, Jakob ist unglücklich in Anja verliebt; Anjas Halbbruder Kaspar steht eher außerhalb des Geschehens und beschäftigt sich mit einem Knaben namens Gimietto. In diese Konstellation bricht Erik ein, mit dem Esther eine Beziehung anfängt, woraufhin sie Anja verlässt. Auch Kaspar fühlt sich von Erik angezogen und folgt Esther und Erik in eine ungewisse Zukunft. Anja hingegen übt sich in Verzicht.

Nach Borchers stehen Homo- und Heterosexualität hier wertfrei nebeneinander. Vor allem das lesbische Verhältnis – so Borchers – nimmt einen breiten Raum ein, wobei die Homoerotik in dem Stück nur dezent durch Streicheln angedeutet wird. In dem Stück gibt es einige biografische Bezüge: Wie Kaspar in dem Stück für Erik schwärmt, schwärmte Klaus Mann zur Entstehungszeit des Stücks für den Schauspieler Hans Brausewetter, dem das Stück gewidmet ist und den Klaus Mann als Vorbild für die Figur des Erik wählte. Wie bei anderen literarischen Werken Klaus Manns gibt es auch hier Parallelen zwischen dem Heim und der von ihm besuchten Odenwaldschule (EA: 1925, UA: 20.10.1925, WA: 22.10.1925; s. Borchers, S. 312-319).

Klaus Mann – die Aufführung von "Anja und Esther" in München

Bei der Uraufführung in den Münchener Kammerspielen am 20. Oktober 1925 fielen "bedenkliche Stellen" dem Rotstift zum Opfer, was auch mehreren Journalisten auffiel. Fast alle Zeitungsmeldungen, die ich gefunden habe, waren negativ. Eine Zeitung schrieb, in diesem Stück würden Schüler beschrieben, die in einem "ungehemmten Triebleben miteinander leben". Klaus Mann wird als ein Autor angesehen, der nur "gewandt ein bisschen unsaubere Jugenderotik (…) auswalzt" ("Westfälische Zeitung", 23. Oktober 1925). Das Theaterstück zeige einen "Spielplatz der Entarteten (und) Entgleisten". Wegen der "sittlichen Haltlosigkeit" sei das Werk "grundsätzlich abzulehnen", auch wenn die Regie "manch bedenkliche Stelle gestrichen" habe ("Essener Volkszeitung", 24. Oktober 1924). Vielleicht lag es am Einfluss der Polizei in München, die (nicht genannte) Schwierigkeiten gemacht habe, dass im Vergleich zur Buchausgabe auf der Bühne "die erotischen Fragwürdigkeiten zu sanften Gefühlsregungen gemildert" schienen ("Westfälische Neueste Nachrichten", 24. Oktober 1925). Die Atmosphäre in diesem "Pubertäts-Drama" über Sex und Erotik wird als "schwül, dekadent" bezeichnet. Diese "bedauerlichen Dinge für die Norm hinzustellen, ist ein Zeichen von Unreife" und das Stück sei ein "Ausbruch von schamloser Gesinnung". Klaus Mann habe allerdings durchaus Talent und werde bestimmt später mal etwas zu sagen haben ("Westdeutsche Landeszeitung", 30. Oktober 1925). Ich habe nur einen einzigen durchgängig positiven Kommentar gefunden: Darin wird Klaus Manns Werk mit "Tonio Kröger" und "Der Tod in Venedig" seines Vaters Thomas Mann verglichen. Wie bei Thomas Mann gebe es das gleiche Konzept der "Eroberer" und der "Verzichtenden". Der Autor zitiert am Ende einen Satz über Homosexualität aus "Der Tod in Venedig", der "schönsten Novelle" von Thomas Mann ("Siegener Zeitung", 18. Dezember 1925).

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Klaus Mann – die Aufführung von "Anja und Esther" in Hamburg


Die "Berliner Illustrierte Zeitung" schnitt aus dem Pressefoto zur Aufführung der Dichterkinder den Kopf des damals noch unbekannten Gustaf Gründgens ab

Zwei Tage nach der erfolglosen und zensierten Uraufführung in München wurde das Stück ab dem 22. Oktober 1925 in den Hamburger Kammerspielen aufgeführt. Zur öffentlichen Resonanz der Hamburger Inszenierung trug wohl die spektakuläre Besetzung erheblich bei. Unter der Inszenierung von Gustaf Gründgens, der auch auftrat, übernahmen die noch jungen "Dichterkinder" Klaus Mann, Erika Mann und Pamela Wedekind die Theaterrollen. Nach Ansicht des Rezensenten Otto Schabbel war das Stück an "Deutlichkeit erotischer Verwirrungen (…) nicht zu überbieten". Auch wenn Klaus Mann hier – ähnlich wie in "Der fromme Tanz" – seine literarische Begabung zeige, werde das Stück trotzdem "wieder in der Versenkung verschwinden" ("Kölnische Zeitung", 26. Oktober 1925). Die Aufführung dieses "Familien- und Kinderfestes" in Hamburg wurde wegen der Prominenz der Darsteller*­innen als eine "kleine Sensation" bezeichnet. Ein Rezensent bezeichnete es aber als fraglich, ob auch Thomas Mann daran seine Freude habe, denn Klaus Mann sei in diesem "schwülen erotischen Stück" ein Ankläger der älteren Generation ("Essener Allgemeine Zeitung", 27. Oktober 1925).

Auch Borchers (S. 312-319) zitiert aus zeitgenössischen Rezensionen mit vergleichbarer Tendenz. St. Ch. Waldecke bezeichnet Klaus Manns Drama in der Homo­sexuellenzeitschrift "Der Eigene" (Jg. 1925, S. 584-587) als "visionär und doch klug". Es sei nicht "Aufklärung", sondern "verdichtetes Weltgeschehen". Die Figuren seien "lebendig" und stammten aus "des Dichters eigenem Wesen". Für Waldecke gehörte Klaus Mann zu den wenigen, die das Theater neu beleben könnten.

Auf dem Titelblatt der "Berliner Illustrirten Zeitung" vom 31. Oktober 1925 wurde ein Pressefoto der drei "Dichterkinder" Erika Mann, Klaus Mann und Pamela Wedekind abgedruckt. Auf der linken Seite hatte die Redaktion den Kopf von Gustaf Gründgens abgeschnitten, weil er außerhalb Hamburgs noch weitgehend unbekannt war.


Auf diesem Foto von der Hamburger Inszenierung sind ganz rechts Klaus Mann und Gustaf Gründgens zu sehen

Wilhelm Schmidtbonn: "Der Zorn des Achilles"

Nach Borchers spiegeln Dramen vor einem antiken Hintergrund den von Homo­sexuellen der damaligen Zeit betriebenen Griechenland-Kult wider, häufig verbunden mit der Glorifizierung von Männerpaaren, deren Freundschaft sich in der Kampfhandlung bewährt. Diese Stoffe scheinen einen relativen Freiraum in der Darstellung ermöglicht zu haben. Dazu gehört die Tragödie "Der Zorn des Achilles" von Wilhelm Schmidtbonn, die den Machtkonflikt zwischen Agamemnon und Achilles während des Trojanischen Krieges behandelt (EA: 1910, UA: 6.12.1910, WA: 1912, 1913, 1925; s. Borchers, S. 29-32). "Die Beziehung zwischen Achilles und Patroklos ist von Verschmelzung geprägt" (Borchers) und Achilles ist fasziniert von Patroklos' Schönheit. Patroklos tröstet "Achilles durch ein Lautenspiel (…), ein Bild, das in Anlehnung an Davids Harfenspiel vor Saul zum festen Kanon homo­erotischer Literatur gehört". Durch den Vergleich mit Gefühlen zu Frauen (Patroklos sei "weich wie ein Mädchen") wird – so Borchers – "die homo­erotische Komponente der Beziehung assoziiert". Es gibt Liebeserklärungen und Körpernähe, wenn Patroklos "von hinten den Arm um Achilles' Hals" legt. Achilles möchte "nach seinem Tod zu Patroklos gelegt und mit ihm verbrannt" werden. Patroklos – der blaue Kornblumen in seinem Haar trägt und dessen Schwert mit blauen Blumen umwunden ist – wird als "femininer Charakter" dargestellt.

Für Magnus Hirschfeld ("Die Homosexualität des Mannes und des Weibes", 1914, S. 1020) hat das Drama "fast antike Größe" und Hans Dietrich (d. i. Hans Dietrich Hellbach) hob in seiner Untersuchung über die "Freundesliebe in der deutschen Literatur" (1931, Neuausgabe 1996, S. 128) hervor, dass Schmidtbonn der Liebe der beiden Männer "tieferen Ausdruck" gegeben habe. Im April 1925 kam es am Krefelder Stadttheater zu wiederholten Aufführungen, zu denen allerdings keine Zeitungsartikel gefunden wurden, die auf den Aspekt der Freundesliebe Bezug nahmen.

-w-