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Queer Cinema Classics, Teil 45

Ein queerer Meilenstein des Hollywood-Kinos

Mit dem Biopic "Milk" setzte Gus Van Sant dem Politiker Harvey Milk, der 1977 als erster offen schwuler Mann in ein wichtiges Amt gewählt wurde, ein filmisches Denkmal. Die politische Botschaft hat auch 45 Jahre nach Milks Ermordung nichts an Relevanz verloren.


Dem schwulen Aktivisten Harvey Milk (Sean Penn) gelang 1977 der Einzug in den Stadtrat von San Francisco ein (Bild: Constantin Film)
  • Von Stefan Hochgesand
    23. Februar 2025, 06:37h 7 Min.

Man sollte sich immer gut überlegen, wen man abschleppt und mit nach Hause nimmt. Es könnte den Lauf des eigenen Lebens drastisch verändern – oder gar den Lauf der Geschichte. Unpraktischerweise lässt sich das in der Regel schwer prognostizieren. Vielleicht liegt aber genau darin auch die eigentliche Schönheit.

"Schwule und die Polizei geraten aneinander", lesen wir in einer Zeitungsüberschrift. Dann: Bewegtbilder aus dem Archiv, von Polizeirazzien in Homo-Bars aus den 1950ern und 1960ern. Wir sehen in Schwarzweiß, leicht in Sepiatinte getaucht, wie Männer von der Polizei in Autos geladen werden. Es sind beklemmende, gruselige Bilder. Straff und harsch skizziert Regisseur Gus Van Sant zu Beginn seines Films "Milk" das bitter nötige Vorwissen und Fundament für die Geschichte von Harvey Milk im San Francisco der 1970er Jahre. Und schon hier macht uns der ergreifende Streicher-Score von Komponist Danny Elfman klar: Wir haben es mit einem zugänglichen Film zu tun, der auf ein großes Publikum abzielt. So groß es eben geht bei einem Biopic über einen schwulen Bürgerrechtler.

Sean Penn – was für ein Glücksfall!


"Milk" ist als Blu-ray, DVD und VoD erhältlich

Der Film etabliert früh, dass Harvey Milk erschossen werden wird. Wenn das einige der Zuschauer*­innen ohnehin schon wissen, dann wohl nicht aus dem Geschichtsunterricht, wo vermutlich meistens nicht über ihn gesprochen wird, schon gar nicht vor dem Jahr 2009, als der Film in die deutschen Kinos kam, und schon gar nicht in Deutschland. Schonungslos weist der Film in den ersten Minuten über einmontiertes Archivmaterial darauf hin: Milks Amtskollegin Dianne Feinstein verkündet dessen gewaltsamen Tod. Erst dann tritt Sean Penn als Harvey Milk in Erscheinung. Sean Penn – was für eine Besetzung, was für ein Glücksfall! Wie es ihm gelingt, schelmischen Humor, Herzensgüte und politischer Verve auszudrücken! Harvey spricht nun in ein Mikrofon und erzählt seine Story, "für den Fall, dass ich ermordet werde". Neun Tage später wird er wirklich sterben.

Es folgt der eingangs erwähnte One-Night-Stand, der zum One-Life-Stand wird. Harvey Milk und Scott Smith (James Franco, eingangs noch mit frisseligem mittellangem Haar) begegnen einander auf der Treppe in einer U-Bahn-Unterführung. Harvey outet sich mit einem entwaffnenden Lächeln als Versicherungskaufmann, also als einer von den Leuten, die "zuständig für alles Schlechte in der Welt" seien. "Ich date keine Männer über 40", sagt Smith zwar noch verschmitzt. Aber zufällig stellt sich heraus, dass Milk ja noch ein paar Stunden lang 39 ist. So kann's gehen! Kurz darauf im Bett gesteht Harvey Kuchen-naschend: Nun sei er 40, aber habe niemals irgendwas gemacht, worauf er stolz sein könne. Und genau das soll sich bald ändern!

Der "Mayor of Castro Street"

In San Francisco findet Harvey die Rolle seines Lebens: Aus Harvey wird der "Mayor of Castro Street". Wohl gemerkt ein Phantasie-, oder sagen wir, ein Ehrentitel, denn die Castro Street hat keinen eigenen Bürgermeister. Doch Harvey hat es sich in den Kopf gesetzt, der Stadt eine schwule politische Vertretung zu verpassen, und dass jetzt mal Schluss sein muss mit den Schikanen und der Hassgewalt gegen sexuelle Minderheiten. In den nächsten Jahren wandelt sich das Castro auch mit seiner Hilfe zu einem Viertel queerer Lebensfreude. 1972 also eröffnet Harvey dort seinen Laden: Castro Camera. Es ist aber sehr viel mehr als ein Fotogeschäft. Der Laden wird zum Community-Treffpunkt und später zum Polit-Hauptquartier für die Gay-Aktivisten rund um Harvey.

Mit dabei ist auch die wohlorganisierte Wahlkampf-Managerin Anne Kronenberg (toll: Alison Pill) und der junge Ex-Stricher Cleve Jones (noch toller: Emile Hirsch), der zwar zunächst nichts mit Schwulenpolitik zu tun haben möchte, aber durch Harveys Mentoren-Skills schnell begreift, dass er eben doch etwas bewirken kann und soll und will. "Milk" zeichnet zauberhaft nach, wie das Castro-Viertel mit Elan aufblüht und wie die Hippie-Bärte den Oberlippenbärten der Schwulen weichen. Zwischenmontierte Archivaufnahmen belegen immer wieder den authentischen Charakter der Spielszenen. If you're going to San Francisco, you gonna meet some gentle people there!


Harvey Milk zog mit Rückenwind der Community in den Stadtrat ein (Bild: Constantin Film)

Drei Mal kandidiert Harvey erfolglos, aber er lässt sich von keiner Niederlage unterkriegen. Auch weil er den zunehmenden Rückenwind seiner Community spürt. 1977 ist es dann endlich soweit: Harvey wird – auch dank Änderungen im Wahlrecht und durch Annes smarter Wahlkampftaktik – Stadtrat und damit Teil des inneren Zirkels rund um Bürgermeister George Moscone. Damit ist Harvey der erste offen Schwule, der in Kalifornien in ein bedeutsames politisches Amt gewählt wird. Zum Gremium gehört allerdings auch Dan White (Josh Brolin), der die irischstämmige, vornehmlich konservative Arbeiterschaft der Stadt repräsentiert, denen die "Schwulisierung" San Franciscos mehrheitlich ein Dorn im Auge ist. Trotzdem zeigt sich Dan zunächst offen und lädt Harvey sogar zur Taufe seines Kindes ein.

Josh Brolin als Maybe-Schwuler

Nach der Zeremonie, nur wenige Meter vom Taufbecken entfernt, versucht Harvey einen politischen Deal mit Harvey einzufädeln. Und obwohl das Biopic auf seine zwei Stunden hin so ziemlich alle Register zieht, um uns Harvey als einen Schwulenheld zu zeichnen, schimmert hier eben auch eine andere Seite des progressiven Politikers durch: Er will für seine Leute alles rausholen, und es macht ihm dabei nichts aus, Dan für seine Zwecke zu benutzen – wohlwissend, dass dessen Wähler etwas anderes wollen. Dabei hat Harvey (zumindest im Film) eine Theorie: Er glaubt, Dan sei "einer von uns", also selbst schwul, aber sich dessen womöglich noch nicht bewusst. Harvey glaubt, das in Dans Blick zu erkennen und in seiner Angst, sich anzupassen. Josh Brolin macht seinen Job als Maybe-Schwuler, maybe-in-the-closet exzellent. Letztlich zieht Harvey ihn gewieft über den Tisch. Ein dirty Politikmanöver für die gute Sache – aber zu welchem Preis?

Die politische Stimmung in Stadt und Land spitzt sich schließlich in der Diskussion um Proposition 6 zu: Der Republikaner John Briggs und die evangelikale Sängerin und Anti-Gay-Rights-Aktivistin Anita Bryant wollen mit dieser konservativen Gesetzinitiative die Rechte von schwulen und lesbischen Lehrer*innen maßgeblich einschränken und sie letztlich aus dem Schuldienst verbannen. Showdown für Harvey Milk!

Ein ungemein sehenswerter Film

"Milk" ist auch über 15 Jahre nach seiner Erstveröffentlichung ein ungemein sehenswerter Film. Man muss dazu gar nicht mit den Details US-amerikanischer (Lokal)-Politik vertraut sein. "Milk" macht einen einfach optimistisch, denn Harvey Milk war ein Mann, der Menschen Hoffnung schenken konnte: Steckt die Köpfe nicht in den Sand, sondern macht euch erhobenen Hauptes für eure Anliegen stark! Seid stolz, dass ihr anders seid! Milks Botschaft hat auch über 45 Jahre nach seinem Tod und zu einer Zeit, in der nach den USA auch viele andere westlichen Gesellschaften wieder konservativer und offen queerfeindlicher zu werden drohen, nichts an Relevanz verloren. Wie können wir wieder mutiger werden und gemeinsam für unsere Interessen einstehen?

Zur Wahrheit des queerphoben Backlashs gehört leider auch, dass sogar Sean Penn, der 2009 für seine Rolle als Harvey Milk den Oscar als bester Hauptdarsteller gewann und bei der Verleihung noch wortgewaltig die Ehe für Alle unterstütze, seit 2022 in Interviews, z.B. mit dem britischen "Independent", hämisch über "verweiblichte Männer" herzieht. Es ist ein Jammer! Aber letztlich nicht entscheidend. Denn Harvey Milk, der Mann, und der Film und sogar die Rolle, wie Sean Penn sie damals so großartig sensibel, inspiriert und inspirierend darstellte – all das ist größer und hallt mehr nach als jeder noch so stumpfe Satz, den ein real existierender Schauspieler jemals in der "echten Welt" sagen könnte. Eigentlich müsste Penn das auch wissen, wenn er bei seinem eigenen Film aufgepasst hätte. Wahrscheinlich müsste er ihn bei Gelegenheit noch mal gucken. So wie wir alle. Vor allem in den düstersten Momenten. Manchmal ist Kino auch ein Kerzenmeer der Hoffnung. You gonna meet some gentle people there!

Die Artikelserie "Queer Cinema Classics" wird gefördert durch die Bundesstiftung Magnus Hirschfeld. Sie erscheint parallel bei sissy und queer.de.

Infos zum Film

Milk. Biopic. USA 2008. Regie: Gus Van Sant. Cast: Sean Penn, Emile Hirsch, Josh Brolin, James Franco, Diego Luna, Alison Pill, Lucas Grabeel, Victor Garber, Denis O'Hare, Joseph Cross. Howard Rosenman, Brandon Boyce, Jeff Koons. Laufzeit: 128 Minuten. Sprache: deutsche Synchronfassung, englische Originalfassung, Untertitel: Deutsch (optional). FSK 12. Constantin Film. Erhältlich als Blu-ray, DVD und VoD

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