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Buchtipp "Lieben"

Auch nach der Wahl gilt: Wählt Liebe!

Für die queere Autorin und Denkerin Emilia Roig ist Liebe "keine Zustandsbeschreibung, sondern eine Praxis". Der Kampf gegen Patriarchat, Kapitalismus und Queerfeindlichkeit sei eine gute Übung.


Emilia Roig 2024 auf der Berliner Konferenz "re:publica" (Bild: Kritzolina / wikipedia)

Noch vor wenigen Tagen sind viele von uns überall durch deutsche Städte gezogen unter dem CSD-Motto "Wähl Liebe". Die frostige Kälte, die wir als queere Menschen zunehmend auch politisch wahrzunehmen beginnen, hat uns nicht gehindert, auf die Straße zu gehen. Im Gegenteil, Protest ist nach der Wahl dringender denn je, um Grundrechte und Erreichtes zu verteidigen. Wir haben allen Grund dazu. Nein, wir wollen nicht in die Vergangenheit katapultiert werden, wie es eine rechte und leider auch konservative Politik vorhat. Wir sind auch keineswegs wehrlos und stehen auch nicht alleine. Was aber wählen wir eigentlich, wenn wir Liebe wählen?

Auf jeden Fall eine bessere Zukunft, eine gerechtere, gewaltfreie. Klingt nach Utopie, aber ohne ein solches Ziel, sähe es verdammt traurig aus. Eine ganze Menge mehr Antworten liefert Emilia Roig, eine in Berlin lebende queere Politologin, in ihrem bereits im letzten Jahr im Hanser Verlag erschienenen Buch "Lieben" (Amazon-Affiliate-Link ). Da heißt es gleich am Anfang:

Liebe ist keine Zustandsbeschreibung, sondern eine Praxis. Der bewusste, absichtsvolle Akt des Liebens besteht für mich in der Frage, was unsere individuelle Verantwortung unseren Mitmenschen, unserer Umwelt und uns selbst gegenüber ist.

Deshalb sei jeder Kampf gegen das Patriarchat und den Kapitalismus und ihren Beiprodukten Rassismus, Sexismus, Trans- und Homofeindlichkeit eine Übung in Liebe. Roig denkt global – man kann es auch ganzheitlich nennen. Sie lässt keinen Bereich aus, bei dem menschliches Verhalten und unsere Haltung in welcher Weise auch immer berührt sind. Sie stellt alles auf den Prüfstand und zur Diskussion.

Kritik an Kleinfamilie, Ehe und Monogamie


"Lieben" ist im September 2024 bei Hanser Berlin erschienen

Also, wie stehen wir zur Familie, zum Sex, zur Freundschaft, zur romantischen Liebe, zur Natur und all dem, was wir darin finden, zu den Tieren, den Pflanzen? Roig macht bei ihren Überlegungen auch nicht Halt vor der Spiritualität, dem Universum oder dem möglichen Einfluss der Planeten, wenn sie über Astrologie spricht und dem wachsenden Interesse dafür. Sie fragt auch, was Intelligenz sei und wem wir sie in der Natur zusprechen und wem nicht.

Gut, man muss ihr nicht in allem folgen. Manches klingt dann doch ziemlich blauäugig, etwa wenn es um Drogen geht, deren Wirkung sie positiv als "bewusstseinserweiternd" preist. Da schießt Roig mitunter doch übers Ziel hinaus und an der Realität vorbei.

Anderes wiederum trifft absolut den Kern – etwa ihre Kritik an der Kleinfamilie, an der Ehe und an der Monogamie, auch an der nach wie vor hemmungslosen Naturzerstörung und vieles andere mehr. Auffallend, wie gerade bürgerliche Medien wie die "Frankfurter Allgemeine" oder die "Neue Zürcher Zeitung" in ihren Rezensionen darauf reagieren und wie sie Roigs Positionen ins Lächerliche ziehen. Was dort als "Sendungsbewusstsein" belächelt wird, ist in Wahrheit ein Blick für die Wirklichkeit.

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Roigs Begriff der Liebe ist weltumspannend

Dass Konservative an der Familie als Grundwert unserer Gesellschaft festhalten, ist ja nicht neu, so wenig wie sie beharrlich ausblenden, dass die Kernfamilie der primäre Ort ist, an dem Kinder und Frauen Gewalt erfahren. Denn warum wurde erst vor Kurzem durch das Gewalthilfegesetz ein milliardenschweres Programm zum Schutz von Frauen und Kindern auf den Weg gebracht? Ganz einfach, weil häusliche Gewalt nicht ab-, sondern zunimmt. Deshalb kann man Roig nur zustimmen, wenn sie schreibt:

Die Kleinfamilie ist kein neutraler oder gar natürlicher Ort, sie ist eine mächtige gesellschaftliche Norm, die kollektiv aufrechterhalten wird, unter anderem durch das Schweigen darüber, was innerhalb von Familien wirklich geschieht.

Roig hat das buchstäblich am eigenen Leib erfahren und weiß deshalb, von was sie hier spricht. Sie antwortet mit einem Song von Nina Simone, worin es heißt: "You've got to learn to leave the table when love's no longer being served." Prägnanter lässt sich die Konsequenz wohl nicht ausdrücken. Und es ist das "Konstrukt der monogamen Paarbeziehung", das breitere Unterstützungsnetze verhindere und damit Gewalt im Grunde noch begünstige.

Roigs Begriff der Liebe ist im wahrsten Sinne weltumspannend, sie lässt niemanden und nichts außer Acht und zieht daraus den Schluss: "Liebe bedeutet aber, Unterschiede und Andersartigkeit zu respektieren und der Versuchung zu widerstehen, sich selbst im geliebten Wesen zu sehen." Das Buch endet mit dem Bekenntnis zur Selbstliebe, die wir nicht mit Narzissmus verwechseln dürfen, sondern als eine Praxis von Selbstschutz und Selbstachtung verstehen sollten: "Den Schutz und die Liebe, die ich als Kind gebraucht hätte, gab ich mir selbst."

Infos zum Buch

Emilia Roig: Lieben. 128 Seiten. Hanser Berlin. Berlin 2025. Hardcover: 20 € (ISBN 978-3-446-27983-4). E-Book: 14,99 €

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