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Roman
Queere Liebe nur ein "Stinkefinger an die Gesellschaft"?
"Erdbeeren und Zigarettenqualm", der Debütroman der schottischen Autorin Madeline Docherty, wurde im Original mit begeisterten Kritiken bedacht. Leider bietet er einen ernüchternd stereotypischen Blick auf queere Beziehungen.

Die englische Originalausgabe von Madeline Dochertys Roman "Erdbeeren und Zigarettenqualm" erschien 2024 unter dem Titel "Gender Theory" (Bild: John Murray Press)
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25. Februar 2025, 08:38h 4 Min.
Du pflegst mit Ella, deiner besten Freundin, eine Beziehung, die weit über bloße Freundschaft hinausgeht. Am liebsten würdest du Tag und Nacht mit ihr verbringen, euch gemeinsam in einen Raum zurückziehen, eure Lieblingsserie schauen und jedes noch so kleine Detail sozialer Begegnungen durchkauen. Mit ihr hast du eine Parallelwelt geschaffen, einen Zufluchtsort, aus dem du gar nicht mehr auftauchen willst – ohne zu bemerken, wie du dich zunehmend vom restlichen sozialen Leben abkapselst. Dir entgeht, wie besitzergreifend du gegenüber Ella agierst und wie unausgewogen eure Dynamik ist. Du erhältst so viel von dieser Beziehung – doch was gibst du zurück?
"Erdbeeren und Zigarettenqualm" (Amazon-Affiliate-Link ) ist das Debüt der schottischen Autorin Madeline Docherty und wurde in der Originalausgabe bereits mit begeisterten Kritiken bedacht. Das gesamte Buch ist, ähnlich wie die Einleitung dieses Textes, in der zweiten Person Singular erzählt – eine Erzählweise, die Leser*innen unmittelbar in die Geschichte hineinzieht, sie zur Hauptfigur macht oder aber eine Distanz schafft, die eine kritische Auseinandersetzung mit der Figur erzwingt. Innere Monologe und Selbstgespräche erhalten dadurch besondere Intensität, weshalb diese Technik oft für Erinnerungen, traumatische Erfahrungen oder selbstkritische Reflexionen eingesetzt wird.
Das Buch gibt Betroffenen von Endometriose eine Stimme

"Erdbeeren und Zigarettenqualm" ist am 25. Februar 2025 im Ecco Verlag erschienen
Die Protagonistin des Romans befindet sich in einer Lebenskrise, die sie durch die direkte Adressierung des Publikums greifbar macht. Sie ist orientierungslos, weiß nicht, wohin mit sich, was sie antreibt oder welchen Sinn sie ihrem Leben geben soll. Das sind nachvollziehbare Motive, doch die Umsetzung scheitert daran, dass die Hauptfigur blass bleibt und die Erzählstruktur in allzu vorhersehbaren Bahnen verläuft: eine junge Frau, die zur Selbsterkenntnis über ihren Egozentrismus und ihre Eskapismusversuche gelangt und sich allmählich daraus befreit.
Das Buch gibt Betroffenen von Endometriose eine Stimme, indem es den ständigen Selbstzweifel, die innere Scham und die körperlichen Schmerzen der Protagonistin thematisiert. Doch Dochertys Erzählweise bleibt zu oberflächlich, ihre Beobachtungen zu unpräzise, um echte Empathie zu erzeugen. Über 200 Seiten hinweg gelingt es dem Roman nicht, eine nachhaltige emotionale Wirkung zu entfalten. Stattdessen fühlt er sich – und nicht nur, weil die Protagonistin selbst eine ähnliche Leere empfindet – wie ein Vakuum an, dem es an Tiefe und Zartheit mangelt.
Die lesbische Beziehung erscheint als dogmatisch und kalt
Die Protagonistin lehnt es ab, ihre Sexualität zu labeln, bewegt sich aber letztlich doch von einer heterosexuellen Beziehung zur nächsten. Ihre einzig langfristige lesbische Partnerschaft hingegen beschreibt sie als politisch motiviert und unterstellt ihr einen Mangel an echtem Gefühl: "Berties Liebe ließ keinen Raum für Sanftheit, für komplizierte Gefühle. Sie wuchs aus demselben Fundament wie ihre Persönlichkeit und ihre politischen Ansichten, aus Wut. Sie liebte dich, weil du eine Frau warst, weil du so warst wie sie. Ihre Liebe war ein revolutionärer Akt, eine politische Entscheidung, ein Stinkefinger an die Gesellschaft."
Es ist ein ernüchternd stereotypischer Blick auf queere Beziehungen: Während die heterosexuellen Bindungen als authentischer und emotional stabiler dargestellt werden, erscheint die lesbische Beziehung als dogmatisch und kalt. Dass der einzige realistische queere Love Interest des Romans als ideologisch überhöht und beziehungstechnisch defizitär gezeichnet wird, ist enttäuschend und klischeebehaftet.
Die wirklich relevanten Konflikte werden nur angedeutet
"Erdbeeren und Zigarettenqualm" liest sich glatt und harmlos, ohne Ecken und Kanten. Es wagt wenig und bleibt gefällig. Der englische Originaltitel "Gender Theory" suggeriert eine tiefere Auseinandersetzung mit Geschlechterrollen, die im Buch jedoch kaum stattfindet. Der deutsche Titel hingegen, "Erdbeeren und Zigarettenqualm", unterstreicht die Beliebigkeit des Romans. Die wirklich relevanten Konflikte – eine ehrliche Aussprache mit Ella, das Ringen um eine queere Identität in einem heteronormativen Umfeld, die Beziehung zur eigenen Familie und das ambivalente Verhältnis zur Mutterschaft, das sich in der Liaison mit einem deutlich älteren Mann widerspiegelt – werden nur angedeutet, aber nie konsequent durchdrungen.
Abgesehen von der Sichtbarkeit, die das Buch dem Thema Endometriose verschafft, bleibt wenig, das in Erinnerung bleibt. Ein zu seichtes, wenig mitfühlendes Buch.
Madeline Docherty: Erdbeeren und Zigarettenqualm. Roman. 256 Seiten. Aus dem Englischen von Yasemin Dinçer. Ecco Verlag. 2025. Taschenbuch: 18 € (ISBN 978-3-7530-0127-2). E-Book: 14,99 €
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