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Österreich
Lesbische Liebe, die in Auschwitz endete: Ein Musical im Gedenken an Ruth Maier
Ruth Maier floh von den Nazis von Wien nach Norwegen und verliebte sich dort in eine Frau. Doch das Glück währte nur kurz. Nun erinnert das aufrüttelnde Musical "Briefe von Ruth" in der Wiener Kammeroper an "Österreichs Anne Frank".

Szene aus dem Musical "Briefe von Ruth" (Bild: Herwig Prammer)
- Von Christian Höller
1. März 2025, 15:19h 8 Min.
"Sie hatte so viel Lebenslust, so viele Ambitionen", sagt der norwegische Komponist Gisle Kverndokk über Ruth Maier. Doch dann sei sie im Alter von nur 22 Jahren ein Opfer des Holocaust geworden. Kverndokk hat das Leben der jungen Frau vertont. Das Musical "Briefe von Ruth" wird bis zum 16. März in der Wiener Kammeroper aufgeführt. Das berührende und aufrüttelnde Stück ist erstmals in der Geburtsstadt von Ruth zu sehen. Für die Neuinszenierung ist Philipp Moschitz verantwortlich.
Es hat lange gedauert, bis sich Österreich dem Gedenken an Ruth Maier widmet. Sie wurde 1920 in Wien geboren. Nach der Machtergreifung der Nazis floh sie 1939 nach Norwegen. Dort verliebte sie sich in Gunvor Hofmo, die später Schriftstellerin wurde. Doch das Glück der Frauen währte nur kurz. Denn die Nazis überfielen 1940 Norwegen. Zwei Jahre später wurde Ruth verhaftet und nach Auschwitz deportiert, wo sie im Konzentrationslager ermordet wurde. Maier gilt als "Österreichs Anne Frank". Denn sie hat wie Anne Frank viele Tagebuchaufzeichnungen und Briefe hinterlassen. Diese dienen als Grundlage für das Musical.
Anlässlich der Aufführung veranstaltet das Theater an der Wien am 9. März ein Symposium mit dem Titel "Leben und Lieben in Zeiten des Hasses". Dieses findet in Zusammenarbeit mit QWIEN, dem Zentrum für queere Geschichte in Wien, der Königlichen Norwegischen Botschaft in Österreich und dem Jüdischen Museum in Wien statt. Dort wird unter anderem der Historiker Runar Jordåen von der Universität Bergen über die queere Geschichte Norwegens sprechen. Außerdem hat der Wiener Mandelbaum Verlag jetzt eine Neuauflage des Buches mit den Tagebüchern und Briefen von Ruth Maier (Amazon-Affiliate-Link ) veröffentlicht.
Tagebücher von Ruth Maier gehören zum Unesco-Erbe
In Norwegen gibt es seit Jahren verschiedene Initiativen, die das Gedenken an die lesbische Frau hochhalten. Aufgrund einer norwegischen Initiative wurden die Tagebücher und Briefe in das Weltdokumentenerbe der Unesco aufgenommen. Die Dokumente befinden sich im norwegischen Zentrum für Holocaust und Minoritätenstudien. In Norwegen wird an verschiedenen Orten und Plätzen an Ruth Maier erinnert. Ihre Tagebücher werden in den Schulen gelesen. Der damalige norwegische Ministerpräsident Jens Stoltenberg ging 2012 bei einem Staatsakt zum Holocaust-Gedenktag ausdrücklich auf das Schicksal von Ruth Maier ein: "Wie war das mit den Verbrechen gegen Ruth Maier und die anderen Juden? Zweifellos wurden die Morde von Nazis ausgeführt. Aber es waren Norweger, die die Lastwagen fuhren. Und es geschah in Norwegen", sagte Stoltenberg. Seit dieser Rede ist das Schicksal von Ruth Maier in Norwegen einer breiten Öffentlichkeit bekannt.
Ihre Tagebücher und Briefe sind aus mehreren Gründen bemerkenswert. Denn darin beschreibt die junge Frau ihre intensive Liebe zu Gunvor Hofmo. Sie lässt ihren Gefühlen freien Lauf. Sie schildert ihre Sehnsüchte und Hoffnungen. Wichtig sind auch ihre Einträge über die Verfolgung der Jüd*innen in Österreich und in Norwegen. Ruth erzählt ausführlich, welche Grausamkeiten sie erlebt und gesehen hat. Damit sind ihre Briefe und Tagebücher ein bedeutendes Zeitdokument. Ruth Maier hat nicht nur viel geschrieben. Sie war auch eine Künstlerin. Sie hat Zeichnungen, Aquarelle und Fotoalben hinterlassen. Auch diese wurden dem norwegischen Zentrum für Holocaust und Minoritätenstudien übergeben.
Brutale Verfolgung von Jüd*innen in Wien
Die Tagebücher von Ruth Maier machen deutlich, dass in Wien die Verfolgung von Jüd*innen besonders grausam gewesen ist. Dabei haben manche Österreicher*innen einst behauptet, dass sie davon nicht viel mitbekommen haben. Doch das kann nicht stimmen. In den Tagebüchern berichtet Ruth Maier von Pogromen, von Ausschreitungen, von Zerstörungen der Tempel, von Plünderungen von Geschäften und Wohnungen. "Ist das das Goldne Wienerherz oder ist das der Gipfel der Bestialität? Dass man uns quält, das sind wir gewohnt", schreibt Maier. Aber seit der Machtübernahme durch die Nazis im Jahr 1938 sei die Situation für Jüd*innen in Wien grausamer geworden. Die junge Frau erzählt von der "Freude am Spiel mit dem wehrlosen Opfer", vom Trieb zu quälen, vom "Sadismus bis zur Raserei."
Im Tagebuch-Eintrag vom 5. Oktober 1938 schildert sie, wie die Wiener*innen mit Jüd*innen umgegangen sind: "Alles könnt ihr an ihnen auslassen, eure zurückgedrängten Neigungen, Triebe, eure Minderwertigkeitsgefühle, eure Bestialität. Was ihr wollt! Wir haben keine Waffen und können uns bei Gott nicht wehren." Zwei Wochen später schreibt Ruth Maier: "Es sind Pogrome!! Sie prügeln die Juden und wollen sie an Laternen aufhängen. Sie rufen 'Hepp, hepp' Die Rettungsgesellschaft hat zu tun. Sie zerstören die Tempel. Sie reißen den alten Juden an den Bärten, sie hauen die Frauen. Sie schlagen die Fenster ein. Ruth, merk Dir das! Es ist sieben Uhr abends und jetzt, in dem Moment geht's wieder los. Drinnen in den kleinen Gassen: Schiffamtsgasse, Leopoldgasse etc."

Emily Mrosek als Ruth Maier und Dorothea Maria Müller als Gunvor Hofmo in "Briefe von Ruth" (Bild: Herwig Prammer)
"Alles zerschlagen, mit Lust und Freude"
In den nächsten Tagen wird die Lage noch brutaler. "Wir rasten durch die Straßen, es war wie im Krieg … Leute starrten, kalte Luft, Gestalten und vorn ein Lastauto mit Juden, ganz aufrecht, wie Schlachtvieh! Diesen Anblick werd' und darf ich nie vergessen. Juden, wie Schlachtvieh im Lastauto", schreibt Ruth Maier am 11. November 1938. "Wir schlüpften wie gehetztes Wild ins Haus, keuchten die Stiegen hinauf. Dann begann es: Sie schlugen, verhafteten, zerdroschen Wohnungseinrichtungen etc."
Nach diesen Pogromen sei sie durch Wien gegangen. "Es ist wie am Friedhof. Alles zerschlagen, mit Lust und Freude, die jüdischen Geschäfte versiegelt, nichts als Rollbalken. Dann ein Zettel: 'Das Inventar dieses Cafés ist arisch. Daher nicht beschädigen!'" Ruth Maier fragt sich, warum den Jüd*innen nicht geholfen werde. "Ihr Studenten, rührselige Weltverbesserer, Sozialisten, Kommunisten, Träumer, Schwärmer mit den weißen Händen. Warum lasst ihr das geschehen? Warum?" Am 24. Dezember 1938 habe das Radio süße und schmelzende Weihnachtslieder gespielt "Gegenüber blinken die eingeschlagenen Fenster vom jüdischen Geschäft, hebräische Aufschriften. Wie verlogen die Welt ist, verlogen, so verlogen", lautet der damalige Tagebuch-Eintrag.
"Die Tage sind heller, wenn man liebt"
Ihr Schwester Judith schaffte es mit einem Kindertransport nach England. Ruth erhielt im Januar 1939 ein Visum für Norwegen. Dort konnte sie bei der Familie eines Bekannten ihres Vaters wohnen. Doch im April 1940 wurde Norwegen von den Nationalsozialisten besetzt. Ruth suchte eine Arbeit. Sie meldete sich für den freiwilligen Frauenarbeitsdienst und war in verschiedenen Arbeitslagern für Frauen. Dort lernte sie mit Gunvor Hofmo ihre große Liebe kennen. "Ich kann nicht sagen, wie warm mir ist, zusammen mit Gunvor. Ich liebe sehr ihre tiefen Augen. Ich liebe ihre Art, verhalten über Dinge zu sprechen. Gunvor ist ein wertvoller Mensch. Ich würde sehr viel opfern, um sie glücklich zu machen", beschreibt Ruth Anfang Januar 1941 ihre Gefühle für Gunvor. Wenige Tage später notiert sie: "Die Tage sind heller, wenn man liebt. Wenn Gunvor nicht da ist, fehlt etwas in mir."
Wegen der deutschen Besetzung wurde für Ruth die Situation in Norwegen immer schlimmer. Sie erinnerte sich an die Pogrome in Wien und hatte massive Ängste. Sie erlitt einen psychischen Zusammenbruch. Im Februar 1941 hielte sie sich auf eigenem Wunsch für fast zwei Monate in der psychiatrischen Abteilung eines Krankenhauses auf. In dieser Zeit gab ihr die Liebe zu Gunvor Kraft. Am Abend vor der Abreise "strich ich ihre Hand. Und ich dachte: Alle sollen dir so gut sein wie ich. Alle sollen einen Menschen haben, den sie so lieb haben wie ich dich. Und es war wirklich so, dass alles dunkel war und nur von Gunvor Licht ausging."
Am 14. März 1941, als sie in der psychiatrischen Abteilung war, notiert Ruth: "Was Gunvor in mir lebendig gemacht hat, ist das Gute in mir." Sie habe ihr gezeigt und sie daran erinnert, "was Leben heißen soll." Zwei Wochen später schreibt Ruth einen Brief an ihre Freundin: "Ich denke immer an Dich, wenn ich schöne Musik höre. Wie jetzt. Da kommt etwas Gutes in mir hoch. Etwas, das ausgelöst werden will. Und zu diesem Auslösen komme ich, wenn ich Dir schreibe."
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"Meine Liebe zu ihr füllt mein ganzes Sein"
Nach dem Aufenthalt im Krankenhaus hielt sich das Paar an unterschiedlichen Orten auf. Ruth wartete in dieser Zeit sehnsüchtig auf Briefe von Gunvor. "Es macht mich zum Sklaven, auf Briefe zu warten, ohne dass je einer kommt. – Oh, nein! Wo sind die Zeiten, da ich mich empören wollte? Jetzt bin ich still und froh. Ich denke: Ich habe eine Freundin! Sonst nichts." Am 21. April 1941 schreibt Ruth: "Du Liebes, Stunden wie diese machen mich schreiben, ob ich nun will oder nicht. Was soll es, dagegen mich zu wehren. Hab' ich doch solche Sehnsucht nach dir. Sehnsucht, die ich nur binden kann, indem ich zur Feder greife. Da wird große Stille in mir und mein Geist beugt sich zu deinem." Nach einem Ausflug am 2. November 1941 ist Ruth glückselig: "Gunvor ist hinter allem, was ich tue. Meine Liebe zu ihr füllt mein ganzes Sein. Ich glaube nicht, dass ich je jemanden so geliebt hab' wie sie." Am 15. November 1941 lautet ihr Tagebuch-Eintrag: "Es ließe sich viel schreiben. Aber was zwischen Gunvor und mir ist, ist zu heilig, als dass Worte daran rühren dürfen."
Doch im Jahr 1942 gab es für Jüd*innen in Norwegen keinen Ausweg mehr. Alle Jüd*innen wurden registriert. Anfang Oktober 1942 ging es mit den Verhaftungen durch norwegische Polizisten los. Am 26. November 1942 wurde Ruth Maier in Oslo festgenommen. Mit über 500 anderen Jüd*innen wurde sie mit dem Transportschiff "Donau" in die polnische Stadt Stettin gebracht. Von dort wurden die Menschen mit Güterwaggons in das Konzentrationslager Auschwitz deportiert. Einige Männer wurden zur Zwangsarbeit verpflichtet. Alle anderen Menschen wie Ruth Maier wurden von den Nazis gleich nach ihrer Ankunft ermordet. Ihr Todestag ist der 1. Dezember 1942. Ihre Freundin Gunvor Hofmo erzählte später, dass sie mit Ruth an Bord des Schiffes gehen wollte. Doch sie sei von einem deutschen Soldaten zurückgehalten worden. Daraufhin habe Guvor zum Soldaten gerufen: "Ist das deine oder meine Freundin?"
Ruth Maier: "Es wartet doch so viel auf mich". Tagebücher und Briefe, Wien 1933 -Oslo 1942. Herausgegeben von Jan Erik Vold. 432 Seiten. Mandelbaum Verlag. Wien 2025. Taschenbuch: 28 € (ISBN 978-3-9913-6082-7)
Links zum Thema:
» Mehr Infos zum Stück "Briefe von Ruth" auf theater-wien.at
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