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Interview

Ian McKellen: Mein Aktivismus hat mich zu einem besseren Schauspieler gemacht

Im Kinofilm "The Critic" spielt Ian McKellen einen schwulen Theaterkritiker im London der 1930er Jahre. Wir sprachen mit dem 85-Jährigen über die Folgen versteckter Homosexualität, seine Liebe zum Beruf und ein Wiedersehen mit Gandalf.


Heimlich schwul, aber mächtig: Ian McKellen als gefürchteter Theaterkritiker Jimmy Erskine in "The Critic" (Bild: IMAGO / Landmark Media)

Als er im vergangenen Jahr bei einer Theatervorstellung von der Bühne fiel, hätte nicht viel gefehlt und Ian McKellen hätte seine jahrzehntelange Schauspiel-Karriere an den Nagel hängen müssen. Doch nun ist er bereit für seine Rückkehr, wie der 85-jährige uns im Interview verrät.

Anlässlich seines neuen, noch vor dem Unfall gedrehten Films "The Critic" (seit 13. März 2025 im Kino) sprechen wir mit dem schwulen Briten über die Liebe zu seinem Beruf, Erinnerungen an die Zeit, als Homosexualität noch unter Strafe stand, und ein mögliches Wiedersehen mit Gandalf, seiner wohl berühmtesten, Oscar-nominierten Rolle.


Poster zum Film: "The Critic" läuft seit 13. März 2025 im Kino

Mr. McKellen, in Ihrem neuen Film "The Critic" spielen Sie einen Theaterkritiker, der mitunter ziemlich grausam und gemein ist. Haben Sie sich sein Wesen auch damit erklärt, dass die Gesellschaft ihn als homo­sexuellen Mann in den 1930er Jahren selbst oft grausam und gemein behandelt hat?

Das trifft es ziemlich genau auf den Kopf, würde ich sagen. Das Verhalten dieses Jimmy Erskine, seine Grausamkeit, ist über die Jahre entstanden durch das, was er und andere Männer wie er in jener Zeit am eigenen Leib erfahren haben. Ich fühlte mich da an Shakespeares Stück "Der Kaufmann von Venedig" erinnert. Der Titel bezieht sich ja nicht auf den jüdischen Geldverleiher Shylock, sondern auf den Kaufmann Antonio, der das Stück mit folgenden Worten beginnt: "Fürwahr, ich weiß nicht, was mich traurig macht". Doch für das aufmerksame Publikum wird schnell klar, warum er traurig ist.

Entschuldigung, das müssen Sie bitte noch ein wenig ausführen!

Nun, Antonio ist traurig, weil sein Geliebter ihm eröffnet hat, dass er eine Frau heiraten will und dafür seine Unterstützung braucht. All seinen Frust, seine Trauer, seine Wut über diese Verletzung lässt er anschließend an dem Juden aus. Er ist dabei ganz klar und auf entsetzliche Weise antisemitisch, was kein bisschen zu entschuldigen ist. Aber erklären tut sich das für nicht nur mich, sondern viele andere Shakespeare-Experten damit, dass er selbst eben schwul ist, zu einer Zeit, als er dafür vermutlich zum Tode hätte verurteilt werden können. Einfach weil es, wie nun auch in unserem Film, für eine Minderheit oft am einfachsten ist, gegen eine andere auszuteilen.

In "The Critic" schreibt Erskine vor allem eine junge Schauspielerin in Grund und Boden. Mussten Sie beim Drehen manchmal an eigene Erfahrungen mit Kritiker*­innen denken?

Ich habe eigentlich fast nur gute Erfahrungen mit Kritikern gemacht, wenn ich drüber nachdenke. Tatsächlich ist im Grunde einer von ihnen schuld daran, dass ich die Schauspielerei überhaupt zum Beruf gemacht habe.

Wie das?

Als Studienanfänger spielte ich eine Rolle in einer Theaterproduktion unserer Universität, und eine Kritik in einer inzwischen nicht mehr existierenden, landesweiten Tageszeitung schrieb sehr positiv über meine Arbeit. Bis dahin war mein Plan eigentlich gewesen, die Schauspielerei nebenbei als Hobby zu betreiben und mit etwas anderem mein Geld zu verdienen. Aber diese Kritik brachte mich zu der Überzeugung, dass ich vielleicht doch gut genug sei, um das professionell zu machen. Bis heute bin ich dankbar für diesen Text damals, denn ich habe meine Entscheidung keinen Tag bereut.

Lesen Sie bis heute, was über Ihre Arbeit geschrieben wird?

Früher mehr als heute. Und eher bei Theaterproduktionen als bei Filmen. Denn auf der Bühne könnte ich ja im Zweifelsfall am nächsten Abend an meiner Performance noch etwas ändern, während ein Film lange im Kasten ist, bis irgendwer darüber schreibt. Als Schauspieler ist man in einem Beruf tätig, wo es dazu gehört, kritisiert zu werden. Erst vom Regisseur oder der Regisseurin, später von der Presse. Aber während die Ansagen eines Regisseurs für uns essentiell sind, sind die Kritiken letztlich irrelevant, schließlich werden sie nicht für uns, sondern für die Leserschaft geschrieben. Von daher finde ich es eigentlich sinnvoll, wenn man sie ignoriert. Das Problem ist nur: Wenn man auf die negativen pfeift, weil man meint, die urteilende Person habe keine Ahnung, darf man natürlich auch den positiven keine Bedeutung beimessen.

Sie haben aber auch schon zu Protokoll gegeben, sich an eine besonders unverschämte Kritik während eines Engagements in New York zu erinnern…

Ach ja. John irgendwas… Ein amerikanischer Kritiker, der bekannt dafür war, sehr rüpelhaft über das Äußere vor allem von Frauen zu schreiben. Ich spielte damals den Edgar in "König Lear" und zog mich in einer Szene komplett aus. Das war für ihn scheinbar eine Überraschung – und natürlich die Gelegenheit zu einem plumpen Gag, der er nicht widerstehen konnte. Ich glaube, sein Urteil lautete, mein Penis sei größer als mein Talent oder irgendetwas in der Art.

Direktlink | Englischer Originaltrailer zu "The Critic"
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Um noch einmal auf Ihre Rolle in "The Critic" zurückzukommen: Die Erfahrung, als homo­sexueller Mann nicht offen seine Sexualität ausleben zu dürfen und sich immer verstecken zu müssen, haben Sie selbst noch gemacht. Fühlten Sie sich durch den Dreh in jene Zeit zurückversetzt?

Da kamen selbstverständlich Erinnerungen hoch. Erst in den 1980er Jahren wurde Homosexualität in Großbritannien entkriminalisiert, und auch danach gab es noch etliche diskriminierende Gesetze. Darunter habe ich natürlich immer wieder gelitten. Und ich glaube, dass ich auch deswegen bei der Schauspielerei gelandet bin, denn in der Theaterwelt interessierte es eigentlich niemanden, wer mit wem schläft. Die Akzeptanz war dort immer schon viel größer. Mit meiner Blutsverwandtschaft habe ich nicht darüber gesprochen, dass ich schwul war, aber ansonsten habe ich eigentlich immer sehr offen und glücklich mit meinen jeweiligen Lebensgefährten gelebt. Ich hatte diesbezüglich also Glück, doch letztlich war ich auch unbedarft und egoistisch.

Wie meinen Sie das?

Im Grunde habe ich mir selbst etwas vorgemacht und dachte, es sei doch alles gut. Dass ich mir eingestanden habe, dass all diese Gesetze abgeschafft gehören und ich dafür kämpfen muss, habe ich erst, als ich schon fast 50 Jahre alt war. Da hatte ich dann mein öffentliches Coming-out und wurde zum Aktivisten. Was, das muss ich im Rückblick wirklich sagen, mein Leben verändert und mich zu einem besseren, ehrlicheren Schauspieler gemacht hat.

In "The Critic" sagt Ihre Figur an einer Stelle, das Theater sei für die Ewigkeit und für die Gesellschaft vielleicht sogar wichtiger als die Politik. Stimmen Sie zu?

Wenn man sich in der Welt des Theaters bewegt, fühlt es sich auf jeden Fall so an. Nicht umsonst wusste Shakespeare besser als alle anderen, dass die Welt eine Bühne ist und wir alle bloß Spieler sind. Auf jeden Fall kann ich sagen, dass dieser Beruf ein wundervoller Weg ist, seinen Lebensunterhalt zu verdienen. Sich tagein, tagaus mit der menschlichen Natur auseinanderzusetzen, ist enorm erhellend, und der ständige Einsatz unserer Vorstellungskraft kann sehr beflügelnd sein. Ich weiß also nur allzu gut, wie schnell man das Gefühl entwickeln kann, es gäbe auf der Welt nichts Wichtigeres.

Im vergangenen Jahr stürzten Sie während einer Vorstellung von der Bühne und mussten eine lange Pause einlegen. Sind Sie inzwischen bereit für eine Rückkehr in den Beruf?

So langsam wage ich mich seit einiger Zeit wieder aus der Deckung. Ein paar kleine öffentliche Auftritte hatte ich schon wieder, bei denen ich natürlich sofort feststellte, dass es mir doch gefehlt hat. Ich genieße es nun einmal, aufzutreten und die Blicke auf mich zu ziehen. Deswegen habe ich keinen Zweifel, dass ich auch wieder auf der Bühne stehen werde. Erst einmal kehre ich allerdings vor die Kamera zurück und drehe demnächst mit Steven Soderbergh. Trotzdem kann ich nicht leugnen, dass diese erzwungene Auszeit auch etwas war, dass ich ab dem Moment meiner Genesung genießen konnte.

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Wie haben Sie sich Ihre Zeit vertrieben?

Vor allem habe ich sie mit meinen Freunden verbracht, die ich normalerweise viel zu selten sehe. Gerade während eines Theaterengagements muss ich mir meine Kräfte sehr gut einteilen, deswegen schlage ich immer alle Einladungen aus und treffe eigentlich nie Verabredungen. Und ich weiß gar nicht, wann ich davor zuletzt mit Freunden im Urlaub gewesen war. All das nun tun zu können, war also herrlich. Aber ich liebe meine Arbeit wirklich sehr, und solange meine Beine und mein Verstand mitmachen, habe ich nicht vor, abzudanken.

Heißt das auch, dass wir Sie womöglich doch noch einmal als Gandalf sehen werden, in den geplanten neuen "Herr der Ringe"-Filmen?

Peter Jackson und ich haben darüber auf jeden Fall schon gesprochen. Und mit Andy Serkis, der die Filme inszenieren wird, bin ich auch im Gespräch. Aber noch sind die Drehbücher nicht einmal geschrieben. Wenn ich dabei sein soll, müssen sie sich also ein wenig beeilen. Lust nach Mittelerde zurückzukehren, hätte ich auf jeden Fall. Und auch nach Neuseeland, wo wir damals die Trilogie ja gedreht haben.

Infos zum Film

The Critic. Thriller. Großbritannien 2023. Regie: Anand Tucker. Cast: Ian McKellen, Gemma Arterton, Mark Strong, Ben Barnes, Alfred Enoch, Romola Garai, Lesley Manville. Laufzeit: 101 Minuten. Sprache: englische Originalfassung mit deutschen Untertiteln. FSK 12. Verleih: Universal Pictures Germany. Kinostart: 13. März 2025
Galerie:
The Critic
13 Bilder
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