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Interview

"Durch den Film ist Henri immer noch bei uns"

Die Doku "Privileg" porträtiert den 2024 verstorbenen Berliner trans Mann Henri Vogel. Zum Kinostart sprachen wir mit Regisseur Ali Schmahl über die Entstehung des Films, zurückhaltende Verleihe und ermutigende Reaktionen.


Henri Vogel (l.) und sein Ehemann Johannes im Dokumentarfilm "Privileg" von Ali Schmahl (Bild: déjà-vu film)
  • Von Kat Ohlmann
    17. März 2025, 05:33h 8 Min.

Ali Schmahl, am 20. März 2025 startet deine Doku "Privileg" über den Berliner trans Mann Henri Vogel im Kino. Wie ist die Idee zum Film entstanden?

Ich habe zuerst nach einer trans Person gesucht, die mit einer Person des gleichen Geschlechts zusammen ist. In meiner Heimat Iran ist Homosexualität verboten, aber geschlechtsangleichende Operationen sind erlaubt. Schwule Männer dürfen nicht zusammen sein oder zusammen leben, aber wenn einer transitioniert, dürfen sie zusammen leben und heiraten.

Ich habe in Deutschland lange erfolglos nach so einem Protagonisten gesucht und mit vielen Menschen auf CSDs, Festivals und Veranstaltungen gesprochen. Irgendwann sprach ich mit einem Kollegen, und der meinte: "Ja, mein bester Freund Henri kann dir helfen." Er hat uns miteinander bekannt gemacht, wir haben uns besprochen und mit dem Film gestartet.

Interessant war es beim allerersten Treffen, als Henri gefragt hat: "Wie soll der Film laufen? Was willst du genau machen?" Und ich habe gesagt, dass ich das nicht entscheide. Henri war überrascht. Ich habe ihm gesagt, dass alles, was er erzählen und zeigen wird, den Film ausmacht. Der Film folgt ihm, und das ist die Message.

Was war noch überraschend?

Henri war erst erstaunt, als er herausgefunden hat, dass ich gar nicht queer bin. Er hatte erst angenommen, ich sei ein schwuler Iraner und hat sich während der ersten Drehtage gewundert, dass das nicht so ist. Er hat aber gemerkt, dass ich den Film machen will, um der queeren Community ein bisschen mehr Sichtbarkeit zu geben, und konnte mir vertrauen.

Mir war es auch wichtig, mich komplett zurückzuhalten und Henri und seinen Ehemann Johannes einfach vor der Kamera machen zu lassen, ohne mich einzumischen. Ich wollte, dass die beiden so authentisch rüberkommen wie möglich, um direkt eine gute Verbindung zu den Zuschauer*innen aufzubauen.


Poster zum Film: "Privileg" startet am 20. März 2025 im Kino. Vorführungen gibt es bislang aber nur vom 20. bis 24. März täglich um 18 Uhr im Programmkino Krokodil in Berlin

Was sind bisher deine Berührungspunkte mit der queeren Community?

Im Iran habe ich auch schon beim Film gearbeitet und an der Produktion eines Spielfilms mitgewirkt, in dem es um eine Transition geht. Ich hatte im Iran auch queere und trans Freund*­innen und habe mitbekommen, wie ein Freund, der trans Mann ist, aus Angst vor Gewalt und Beleidigungen nicht mehr Bus oder Taxi gefahren ist. Ich wollte allgemein gerne etwas für die queere Community tun, weil es auch wegen der politischen Lage weltweit wieder schwieriger für sie wird.

Wie genau wolltest du einer bessere Sichtbarkeit mit dem Film erreichen?

Wir haben den Film zum Beispiel einmal in einer kleinen Runde von Gästen gezeigt, darunter Geschäftsführer von verschiedenen Firmen. Und ein paar Monate danach hat mich einer dieser Geschäftsführer angerufen und mir gesagt: "Ali, wir haben jetzt einen neuen Mitarbeiter, und der ist trans Mann. Und ich hätte ihn nicht angestellt, wenn ich deinen Film nicht gesehen hätte." Wenn ich diese Rückmeldung von jemandem höre, der ein mittelständisches Unternehmen im ländlichen Raum führt und davor vielleicht wenig Berührungspunkte mit dem Thema hatte, freue ich mich sehr.

Und was denkst du selber: Ist Trans-Sein ein Privileg?

So zu sein, wie mal will, ist schon ein Privileg. Wenn man sich selbst entscheidet, wer man sein will und diese Person ist, ist das ein Privileg. Privileg ist ein großes Wort – manche Menschen haben weniger Privilegien als andere, queere BIPoCs sind zum Beispiel von Mehrfachdiskriminierung betroffen. Henri sagt am Ende des Films, dass trans zu sein bedeute, diskriminiert und erniedrigt zu werden, aber andererseits bedeute es für ihn auch "ich selbst zu sein und mich selbst erfinden zu können, mir einen neuen Namen zu geben und zu sein, wer ich bin. Das ist ein Privileg."

Wenn man es schafft, so zu sein, wie man möchte, und sich nicht von außen beeinflussen zu lassen, ist das bewundernswert. Hut ab!


Regisseur Ali Schmahl (Bild: déjà-vu film)

Und wie schätzt du die Situation für trans Personen seit dem Selbst­bestimmungs­gesetz in Deutschland ein?

Ich finde es toll, dass es das jetzt gibt – und andererseits auch schade, dass Henri nicht mehr da ist, das zu erleben. Er hat sich dafür sehr eingesetzt und dann ist er leider von uns gegangen, bevor das Gesetz kam. Ich freue mich zu sehen, dass das Gesetz von vielen Menschen genutzt wird und dass so viele Anträge gestellt werden.

Henri erzählt im Film, dass der Prozess nicht einfach war, seinen Namen und sein Geschlechtseintrag ändern zu lassen. Wir müssen uns mehr dafür einsetzen, es jungen queeren Menschen leichter zu machen und ihnen helfen, die Steine aus dem Weg zu räumen. Denn diese Steine gibt es auch mit Selbst­bestimmungs­gesetz noch. Dazu wünsche ich mir mehr Unterstützung. Ich wünsche mir auch, dass sich die Situation für queere Menschen weiter verbessert und wir uns in Richtung einer gleichberechtigten Gesellschaft entwickeln. Wir können nur was verändern, wenn wir alle zusammenhalten und die Veränderungen einfach voranbringen, sonst bleibt alles, wie es ist – oder wird sogar schlimmer.

Wo kann man den Film sehen?

Ich bin glücklich, dass der Film seit über anderthalb Jahren immer noch auf Amazon Prime in den USA und Großbritannien läuft. Auf TubiTV kann man den Film in USA, Mexiko und Australien anschauen.

In welchen deutschen Kinos wird der Film jetzt gezeigt?

Die Situation ist momentan schwierig und wir haben leider erst ein paar Zusagen. Das Problem ist, dass viele sich nicht trauen, sich mit diesem Thema auseinanderzusetzen. In "Privileg" redet Henri offen über harte Themen wie Politik, Religion und Gesellschaft – und wir haben auch versucht, möglichst alles drin zu lassen.


Henri Vogel spricht in der Doku Klartext (Bild: déjà-vu film)

Wie schwierig war es, einen Verleih zu finden?

Einfach war es nicht. Wir haben auf der Berlinale 2023 mit Verleihern aus den USA, Kanada und zwei europäischen Ländern gesprochen und die haben gesagt: "Wir können den Film nicht annehmen, weil wir direkt dicht machen müssten, sobald wir den Film veröffentlichen würden." Wir hatten letztes Jahr Glück und sind mit dem Verleih déjà-vu film aus Hamburg zusammengekommen.

Ich muss aber auch betonen, dass wir während der Pandemie nur weitermachen konnten, weil Produzent Gerard Thierney uns weiterfinanziert hat, als wir kein Geld mehr hatten.

Und wo lief der Film bislang?

Die Premiere war letzten Januar im Zoopalast in Berlin mit vielen bekannten Personen der LGBTI-Community. Es war eine sehr schöne Premiere.

Was waren die Reaktionen auf den Film, die du bisher bekommen hast?

Die Reaktionen waren sehr interessant, und uns wurde gesagt, dass das Publikum direkt mitfühlen kann, weil alle Emotionen echt seien und nichts vorgegeben oder diktiert werde. Es gab auch Kritikpunkte und Verbesserungsvorschläge, die wir gerne aufgenommen haben – aber weil der Film fertig war, konnten wir das nicht mehr alles ändern.

Wie fanden Henri und Johannes Vogel den Film?

Sie waren positiv überrascht. Als die beiden den Film zum allerersten Mal angeschaut haben, haben sie gesagt: "Cool, wir wissen nicht, was wir sagen sollen, aber damit haben wir nicht gerechnet."

Wie hast du auf Henris tragischen Tod reagiert?

Ich war sprachlos. Ich war voll überrascht, und wusste nicht, was ich tun soll – es war einfach ein Schock. Der Tod von Henri ist so traurig. Er war auch ein guter Freund von mir. Wir haben uns getroffen, ich war zu seinem Geburtstag eingeladen.

Wie fühlt es sich an, Henri durch den Film verewigt zu haben?

Ich bin happy, dass der Film da ist und Henri dadurch immer noch bei uns ist. Und dass Menschen Henri jetzt noch durch den Film kennenlernen dürfen. Und wenn ich dann mit diesem Film etwas verändern könnte, das wäre für mich eine riesige Freude – egal wie klein diese Veränderung wäre.

Für Henri war es wichtig zu betonen, dass der Film nur seine Perspektive zeigt. Er sagt im Film: "Wenn eine trans Person spricht, spricht sie nur für sich selbst und nicht für die gesamte Community." Weil jede Person eine andere Perspektive und Lebensweise habe. Er wollte sagen, dass es total viele Perspektiven in der trans Community gibt, und alle es wert sind, gehört zu werden.

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Hast du zu Henris Ehemann Johannes Vogel noch weiterhin Kontakt?

Ja, wir sind weiterhin in Kontakt, gehen zusammen was trinken und sind gemeinsam bei Veranstaltungen. Er ist weiterhin gerne bei Q&As und Gesprächen dabei.

Und das ist wegen Henri – denn er war ein Mensch, der Zeit für alle hatte. Er traf sich mit allen seinen Freund*innen und hatte ein Ohr für sie. Bei seiner Trauung zum Beispiel habe ich mich gefragt, wie er so viele Menschen in seinem Leben haben konnte, sich mit allen treffen und alle glücklich zusammenhalten konnte. Das ist eine Fähigkeit, die nicht jeder hat. Aber das war eben auch Henri.

Ich bin auch mit anderen Freund*innen von Henri weiterhin befreundet. Und wenn wir uns irgendwo über den Weg laufen, dann lachen und quatschen wir zusammen und haben eine schöne Zeit.

Was machst du sonst für Filme? Was ist dein aktuelles Projekt?

Ich mache sonst gesellschaftskritische politische Filme und wünsche mir, mit der Arbeit etwas im Kleinen zu verändern. Im Moment arbeite ich mit meiner Frau an einem Film über Narzissmus.

Infos zum Film

Privileg. Dokumentarfilm. Deutschland 2024. Regie: Ali Schmahl. Laufzeit: 80 Minuten. Sprache: deutsche Originalfassung. FSK 12. Verleih: déjà-vu film. Kinostart: 20. März 2025. Der Film läuft vom 20. bis 24. März täglich um 18 Uhr im Programmkino Krokodil in Berlin. Wenn der Film genügend Besucher*­innen hat, wird er in weiteren Kinos gezeigt
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