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"Das Vermächtnis"

Emotionaler schwuler Theatermarathon in Wien

Fast sieben Stunden dauert Matthew López' Stück "Das Vermächtnis" rund um eine schwule Clique in New York. 2018 uraufgeführt, feierte es jetzt am Wiener Theater in der Josefstadt seine österreichische Erstaufführung.


Leo (Nils Arztmann) und Toby Darling (Raphael von Bargen) in "Das Vermächtnis". Mehr Szenenfotos zeigen wir in der unten verlinkten Galerie (Bild: Philine Hofmann)

"Murder on the Dancefloor" ist ein großartiger Ohrwurm. Der Disco-Pop-Hit von Sophie Ellis-Bextor soll 2002 der meistgespielte Song Europas gewesen sein. Doch seine Erfolgsgeschichte war damit nicht vorbei. Im vergangenen Jahr ging das Lied viral, weil er im Überraschungs-Erfolg "Saltburn" während einer Nacktszene mit Barry Keoghan zu hören ist.

Doch wenn "Murder on the Dancefloor" in "Das Vermächtnis" eingesetzt wird, ist von Feierlaune keine Spur. Der Song folgt auf eine der emotionalsten Szenen und sorgt so für einen harten, unerwarteten Bruch. Kurz zuvor wird von New York auf dem Höhepunkt der Aids-Epidemie erzählt, einer "Stadt in Flammen", in der ein schwuler Freund nach dem anderen wegstirbt. Wobei verrecken es wohl eher trifft.

Adam weiß nicht, wie er seine Geschichte erzählen soll

Das sind rührende Momente, die einem einmal mehr bewusst machen, dass das nicht mal ein halbes Jahrhundert her ist. Und dass diese Zeit doch so weit weg scheint und die Überlebenden so wenig präsent sind, weder in der queeren und noch weniger in der gesamtgesellschaftlichen Wahrnehmung. Und dann: "Murder on the Dancefloor".

Freundschaft, Liebe, Verlust: Es ist dieser Dreiklang, aus dem die Geschichte besteht, die der junge Adam erzählen will, die er "Das Vermächtnis" nennen wird. Es gibt nur ein Problem. Er weiß nicht, wie er beginnen soll. Also hilft ihm E. M. Forster dabei.

E. M. Forster darf auf der Bühne schwul sein

Forster, der britische Schriftsteller, der seinen großen, explizit schwulen Roman "Maurice" schon 1913/14 schrieb, aber erst 1971 postum veröffentlicht wurde. Weil er nie dazu stehen konnte, schwul zu sein.

Der Autor Matthew López nutzt "Howards End" von 1910 und transformiert den Roman in die Gegenwart: Aus der Geschichte heterosexueller Figuren verschiedener Klassen macht er eine von schwulen Männern mehrerer Generationen. Und E. M. Forster, liebevoll Morgan genannt, spielt selbst mit in der Adaption seines Romans. Sachte kommentiert er das Geschehen, sagt auch mal seine Meinung oder trifft Vorhersagen – wie ein antiker Chor, nur als Einzelkämpfer. Jetzt darf er auch für die Öffentlichkeit schwul sein.

Ficken, fisten, Schwänze

Es geht in "Das Vermächtnis" vor allem um die schwule Clique rund um Eric und Toby, deren Beziehung von Beginn an unter einem Konstruktionsfehler leidet. Der eine sucht Sicherheit, der andere Bestätigung. Aber der Sex ist gut, mehr als gut sogar. Als plötzlich der angehende Schauspieler Adam in ihr Leben tritt, bringt er einiges durcheinander: Eric hat jemanden, den er weiterbilden kann, so wie Professor Higgins es mit Eliza Doolittle in "My fair Lady" versucht hat. Und Toby findet jemanden zum Bewundern, Anschmachten, ficken wollen.


Das Ensemble: Premiere feierte "Das Vermächtnis" am 15. März, weitere Vorstellungen stehen bis zum 14. Juni auf dem Programm (Bild: Philine Hofmann)

Ja, ficken. Es wird viel von ficken und fisten und Schwänzen gesprochen in "Das Vermächtnis". Die Sprache des Stückes ist authentisch und ungefiltert, ohne unangenehm-bemüht derb zu sein. Nur gezeigt wird das im Theater in der Josefstadt kaum: Während Eric und Toby wilden Sex haben, stehen sie angezogen an verschiedenen Seiten der Bühne. Das klingt vielleicht prüde, ist es aber nicht. Der Effekt leidet darunter nicht, im Gegenteil.

Ein Theaterstück wie eine Netflix-Serie

Die Bühne (Silvia Merlo und Ulf Stengl) ist denkbar spartanisch. Nur ein paar schwarze Quader stehen darauf. Dafür wird der Hintergrund oft bunt beleuchtet, er wechselt von tiefblau bis grell orange, je nach Stimmung. Diese Kargheit ist oft vage, ermöglicht aber einen großen Interpretations-Spielraum. Und sie lenkt den Fokus ganz auf die Geschichte, unterbrochen nur von sehr gezielt gesetzten Akzenten. Die deutschsprachige Erstaufführung im Münchner Residenztheater wählte mit ihrer opulenten Bühne noch einen ganz anderen Ansatz (Theaterkritik von Marvin Wittiber).

Es ist durchaus mutig, eine sieben Stunden lange Aufführung – eine "obszöne Länge", wie der Milliardär Henry einmal augenzwinkernd über einen Film sagt, aber das Stück meint – auf eine so andeutungshaften Bühne zu spielen – doch es gelingt.

Das liegt natürlich auch am Text und dessen Dramaturgie. "Das Vermächtnis" ist im besten Sinne kein komplizierter Stoff, er besteht aus gleichen Teilen aus Showing und Telling. Man kann der Geschichte und den Figuren einfach folgen, es gibt ein beständiges Auf und Ab aus traurigen, fröhlichen und lustigen Momenten, kalkulierte Höhepunkte und Überraschungen inbegriffen, wenn auch im letzten Viertel weniger. "Das Vermächtnis" fühlt sich eher an, wie vier Folgen einer Netflix-Serie hintereinander zu schauen – bei der das Ende ein bisschen zu kitschig im Schnelldurchlauf erzählt wird.

Direktlink | Crash-Kurs zu "Das Vermächtnis" mit Regisseur Elmar Goerden und Ensemble-Mitgliedern
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Der Schock des ersten Trump-Sieges

Die Inszenierung ist die längste in der Geschichte des Theaters in der Josefstadt, immerhin schon 1788 gegründet und das älteste noch bespielte Theater Wiens. Obwohl "Das Vermächtnis" schon 2018 uraufgeführt wurde und seitdem mit Preisen überhäuft wurde, kommt es erst jetzt (und drei Jahre nach der deutschsprachigen) zur österreichischen Erstaufführung.

"Es ist das richtige Stück zur richtigen Zeit am richtigen Ort", sagt der deutsche Regisseur Elmar Goerden dem ORF zu seiner Inszenierung. Was nach Phrase klingt, ergibt auf den zweiten Blick durchaus Sinn. Denn das Stück von Matthew López spielt während des US-Wahlkampfs zwischen Hillary Clinton und Donald Trump. Als der gewinnt, ist der Schock in der liberalen, schwulen Clique enorm. Wie würde diese Clique heute reagieren angesichts des erneuten Sieges? Wären sie umso geschockter oder bereits resigniert?

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Kurzweilige sieben Stunden

Elmar Goerden kann sich auf ein herausragendes Ensemble verlassen, allen voran Martin Niedermayr als sensibler Eric, der sich selbst unterschätzt, und Raphael von Bargen als bemitleidenswertes Arschloch Toby. Nils Arztmann brilliert in seiner Doppelrolle als Adam und Leo, und Marcello De Nardo beweist eine enorme Wandlungsfähigkeit als Arzt Tristan und DJ auf Fire Island.

"Das Vermächtnis" findet in der Josefstadt eine gelungene Balance aus Tragik und Komik, aus politischer Diskussion und dem Nachdenken über die eigene Verantwortung, aus den Schmerzen, die uns lange begleiten, und der Heilung, die wir suchen. Es sind, auch wenn das schwer zu glauben ist, wenn man es nicht selbst erlebt, kurzweilige sieben Stunden voller Intensität und schwuler Zeitgeschichte.

Galerie:
Das Vermächtnis
20 Bilder
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