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C/O Berlin

Wie das queere Vermächtnis von Rotimi Fani-Kayode vernebelt wird

Eine von der Tate Modern übernommene Schau in Berlin zeigt zeitgenössische afrikanische Fotografie. Ein Highlight: Fani-Kayodes Werkserie "Bodies of Experience". Dabei wird jedoch die queere Identität des Künstlers unterschlagen.


Künstler und Aktivist Rotimi Fani-Kayode (Bild: (cc) Robert Taylor / wikipedia), Adebiyi – Teil der Werkserie "Bodies of Experience" von Rotimi Fani-Kayode im C/O Berlin

Die großformatigen Bilder sind ein wahrer Blickfang: Wir sehen nackte Haut von Schwarzen Männern in sinnlichen, mitunter ekstatischen Posen. Und wir sehen, wie die Protagonisten auf den Fotos symbolisch aufgeladene Requisiten der westafrikanischen Yoruba-Rituale nutzen. Der aus einer angesehenen nigerianischen Familie stammende britische Fotograf Rotimi Fani-Kayode widmet sich in seiner Werkserie "Bodies of Experience" (1989) jenen religiösen Bräuchen, mit denen er selbst aufwuchs.

Bei seiner Arbeit handelt es sich jedoch nicht etwa um dokumentarische Schnappschüsse, sondern um inszenierte Studioaufnahmen mit ausgewählten Models. Dabei verbindet der Künstler bewusst traditionelle Spiritualität mit seiner eigenen erotischen Phantasie. Der Blick auf die Yoruba-Kultur ist also ein sehr persönlicher, doch das geht aus der Auswahl der gezeigten Bilder nicht unmittelbar hervor.

Auf der dazugehörigen Ausstellungstafel findet sich ein Zitat von Fani-Kayode: "Als afrikanischer Künstler, der mit einem westlichen Medium arbeitet, versuche ich die spirituelle Ebene in meinen Bildern stark zu machen, um zu mehrdeutigen und neu interpretierbaren Realitätsauffassungen zu gelangen." Dabei bleibt jedoch unerwähnt, dass seine Arbeit nicht nur auf seiner ethnischen und religiösen, sondern auch auf seiner homosexuellen Identität beruht.

Pionier der "Black Queer Photographers"

Rotimi Fani-Kayode gilt heute im anglo-amerikanischen Raum als Pionier der "Black Queer Photographers". Seine Geschichte ist von Religiosität, einem Klima der Gewalt und Flucht geprägt: Noch vor Ausbruch des Biafra-Kriegs flieht er als Kind mit der Familie 1966 von Nigeria nach England, 1976 zieht es ihn für sein Studium in die USA. Dort freundet er sich mit Robert Mapplethorpe an, dessen künstlerischer Freiheitsdrang ihm als Vorbild dient. Schließlich lässt er sich in London nieder. Von 1983 bis zu seinem Tod im Dezember 1989 lebt und arbeitet Fani-Kayode in Brixton, wo sich sein Atelier zu einem Hotspot für Ausdrucksformen afro-queerer Identitäten entwickelt – zu einer Zeit, als afrikanische Queerness praktisch unsichtbar ist und die homophobe Stimmung aufgrund von HIV und Aids in Großbritannien einen Höhepunkt erreicht.

Das Thema der afrikanischen Diaspora beschäftigt Fani-Kayode ebenso wie der Umstand, dass Homosexualität sowohl in der westlichen als auch in der afrikanischen Welt geleugnet wird. Besonders die Konflikte zwischen seinem schwulen Begehren und der Yoruba-Erziehung stellen für ihn eine Herausforderung dar. Darum verbindet er in einem Großteil seiner Arbeit Sexualität mit Spiritualität – so auch in seiner Werkserie "Bodies Experiences". Fani-Kayode zählt damit zu den ersten, die sich mit Intersektionalität auseinandersetzten – also mit dem Thema der Mehrfach-Identitäten. Auf anderen Aufnahmen sehen wir nackte Männerkörper, allein oder pärchenweise, vor allem mit Schwarzer Hautfarbe, aber auch in interethnischer Konstellation. Zu dieser Zeit sind das radikale Visionen einer Grenzüberschreitung. Das sind Bilder, die für sich sprechen, auch ohne zusätzliche Information.

Doch von all dem erfährt man nichts in der von der Tate Modern in London übernommenen Schau im Ausstellungshaus C/O Berlin, die noch bis Anfang Mai unter dem Titel "A World in Common. Contemporary African Photography" mehr als zwanzig afrikanische bzw. afrikanischstämmige Künstler*innen präsentiert.


Ausstellungsansicht "Bodies of Experience" von Rotimi Fani-Kayode im C/O Berlin (Bild: Axel Krämer)

"Ich mache meine Bilder absichtlich homosexuell"

Den spirituellen Werken von Fani-Kayode ist eine ganze Wand gewidmet, vor dem Gebäude wird mit einem seiner Fotografien auf einer Schautafel geworben. Dass die homosexuelle Identität des Künstlers unterschlagen wird, ist umso bedauerlicher, als dass er zeit seines Lebens nicht müde wurde, auf seinen homoerotischen Blick zu verweisen. Diesen betrachtete er als Kern seiner Arbeit. Ein Zitat von ihm lautet: "Ich mache meine Bilder absichtlich homosexuell. Schwarze Männer haben bisher weder ihren eigenen Völkern noch dem Westen gegenüber eine bestimmte schockierende Tatsache offenbart: dass sie einander begehren können."

Zudem engagierte sich Fani-Kayode künstlerisch wie politisch als Aids-Aktivist, bis er im Dezember 1989 selbst an den Folgen von HIV starb. Doch auch davon ist in der Schau nicht die Rede. Ärgerlich ist diese Ausstellungspolitik vor allem angesichts der Tatsache, dass der Tate-Kurator Osei Bonsu der Schau mit dem Einführungstext einen dekolonialen Anstrich verleiht und damit auf eine Debatte verweist, bei der es auch um das Phänomen der sich verschärfenden Homophobie in afrikanischen Ländern gehen sollte. In Nigeria ist Homosexualität bis heute streng verboten. Fani-Kayodes künstlerischer Ansatz würde, sofern er nicht ausgeblendet wäre, in diesem Zusammenhang neue und differenzierende Einblicke gewähren.

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Wie man es lieber nicht machen sollte

Nun ist das C/O Berlin gewiss kein Haus, das die Nennung und Darstellung von queeren Identitäten scheut – das beweist schon die Ausstellungshistorie, zu der etwa die vor drei Jahren gezeigte Schau "Queerness in Photography" zählt. Für die aktuelle Ausstellung übernahm die Institution sämtliche Ausstellungstexte von der Tate Gallery; auf eine eigenständige Überarbeitung wurde verzichtet. So ganz wohl hat man sich dabei offenbar nicht gefühlt, zumindest nicht bezüglich Rotimi Fani-Kayode.

Pressesprecherin Ksenia Disterhof räumt auf Anfrage ein, dass Fani-Kayodes Homosexualität nicht benannt wird: "Es handelt sich jedoch um kein absichtliches, verschämendes Weglassen. In unseren Führungen thematisieren wir es jedenfalls immer." Das kommt dann allerdings nur bei einem Bruchteil des Ausstellungs-Publikums an. Schließlich fügt Disterhof noch hinzu, man habe außerdem das Stadtmagazin "Siegessäule" explizit darauf hingewiesen, mit Fani-Kayode einen queeren Künstler im Programm zu haben – von dessen Werk es zumindest ein dekoratives Pressefoto gibt.

Diese Praxis mag tatsächlich die Aufmerksamkeit eines queeren Publikums auf einen sehenswerten Künstler lenken. Doch es mutet eher wie ein hilfloses Augenzwinkern unter Eingeweihten an, anstatt mit Hilfe eines knappen Hinweises im Ausstellungstext Transparenz für alle zu schaffen. So scheint das Vorgehen lediglich als Beispiel dafür zu dienen, wie man es lieber nicht machen sollte.

-w-