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Kinostart
Die Rangordnung im schwulen Nachtleben von Amsterdam
"Out" erzählt von einem jungen schwulen Paar aus der Provinz, das voller Hoffnungen nach Amsterdam zieht. Doch die queeren Möglichkeiten dort sind derart reichhaltig, dass sich die beiden Männer immer mehr voneinander entfremden.

Ajani (Jefferson Yaw Frempong-Manson, r.) mit einem seiner neuen Freunde in Amsterdam
- Von
23. März 2025, 05:27h 5 Min.
Für die meisten queeren Menschen auf dem Land sind große Städte Orte der Sehnsucht und der Rettung. Endlich müssen sie sich nicht mehr verstecken, können ihre wahre Identität ausleben, ohne dass sie irgendwer schief ansieht – oder Schlimmeres. Endlich finden sie Gleichgesinnte, Solidarität und vielleicht sogar eine Beziehung.
Bei Ajani (Jefferson Yaw Frempong-Manson) und Tom (Bas Keizer) allerdings läuft es ein bisschen anders. Sie leben noch bei den Eltern auf dem Land, aber sind bereits ein Paar, wenn auch ein heimliches. Ajani hat gleich in der ersten Szene des Films sein Coming-out bei seiner Familie. Wir hören deren aufmunternde Worte, doch die Kamera bleibt dabei die ganze Zeit auf Tom, der still neben Ajani sitzt und für den das Geständnis offensichtlich genauso überraschend kommt wie für alle anderen am Tisch.
Denn Tom, erfahren wir kurz darauf, sieht sich als bi – und findet es völlig unnötig, sich deswegen irgendwem zu erklären, obwohl Ajani ihn dazu ermuntert. Ob er wirklich bi ist oder dies nur als bequeme Ausrede nutzt, bleibt den ganzen Film hindurch offen; irgendwelches Interesse an Frauen zeigt Tom jedenfalls nie.
Die herausfordernde Freiheit der Großstadt

Poster zum Film: "Out" startet am 27. März 2025 in deutschen Kinos
Die holländische Provinz ist gleich doppelt schwierig für die beiden: Nicht nur glauben sie, ihre Beziehung verheimlichen zu müssen, sie drehen auch gerne gemeinsam künstlerische Filme, die vor Ort nur auf mäßiges Interesse stoßen. Umso größer ist Toms Freude, als er einen Studienplatz an einer Filmhochschule in Amsterdam ergattert. Das verliebte junge Paar zieht hoffnungsfroh in die Großstadt, findet rasch eine WG und startet das Studium.
Selbstverständlich gehen sie auch auf Entdeckungsreise durchs reichhaltige queere Nachtleben der Metropole. Doch schnell machen sich erste Differenzen bemerkbar: Der extrovertierte Ajani lernt sofort Leute kennen und möchte diese spannende neue Welt erkunden. Der introvertierte Tom hingegen bleibt zurückhaltend, würde am liebsten einfach seine Beziehung mit Ajani leben und sich ansonsten auf seine Filmleidenschaft konzentrieren. Doch Ajani will mehr, und so zieht Tom halt mit ihm und seinen neuen Freunden durch die Nächte – oder lässt sie manchmal auch allein ziehen, wenn er selbst eine wichtige Vorlesung am nächsten Tag nicht verpassen will.

Ajani (Jefferson Yaw Frempong-Manson (l.) und Tom (Bas Keizer) in "Out" (Bild: Cinemien)
Verzicht der Beziehung zuliebe?
Zuerst sind es nur kleine Dinge, aber nach und nach entwickeln sich die beiden jungen Männer auseinander, allerdings ohne dass dies gleich zu ernsthafteren Beziehungsproblemen führt. Dann jedoch bekommt Ajani das Angebot, ein Zimmer an zentraler Lage in Amsterdam zu übernehmen: hell, direkt am Wasser, bezahlbar. Und eigentlich wäre es groß genug für zwei, doch der Besitzer erlaubt nur eine Einzelbelegung. Zudem müsste der Einzug zwingend genau in der Zeit passieren, in der Tom einen einmonatigen Filmdreh für sie beide in Berlin organisiert hat, den er auf keinen Fall verschieben will. Plötzlich stellt sich die Frage, ob einer der beiden bereit ist, für die Beziehung auf etwas zu verzichten, das ihm wichtig ist – und was es heißen würde, wenn nicht.
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"Out" ist komplett in Schwarzweiß gedreht und das erste fiktionale Werk von Regisseur Dennis Alink und Drehbuchautor Thomas van der Gronde, die zuvor ausschließlich Dokumentarfilme gemacht hatten. In einem Interview erklärte Alink, dass Toms Geschichte einige autobiografische Bezüge zu ihm habe und der Film möglichst dokumentarisch wirken solle – auch deshalb das Schwarzweiß. Dieser dokumentarische Stil zieht sich tatsächlich konsequent durch das kleine, feine Beziehungsdrama, das oft in engen Räumen spielt, in denen die Kamera ganz nah bei den Darstellern ist, sei es an Partys, in Clubs oder beim Sex zwischen Tom und Ajani, der betont realistisch inszeniert ist.

Das Leben von Regisseur Dennis Alink verlief ganz ähnlich wie das seiner Protagonisten(Bild: PeterHoutmann / wikipedia)
Rangordnung im queeren Nachtleben
Zu diesem Realismus gehört wohl auch die "Pyramide", eine Art Attraktivitäts-Rangordnung im schwulen Nachtleben Amsterdams. Einer von Ajanis Freunden erklärt sie Tom, als dieser mit sich ringt, ob er in einen Club mitgehen soll oder nicht. "Zuoberst stehen die weißen muskulösen Typen, dann kommen die Schwarzen muskulösen Typen, danach Normalos wie du, dann Alte, Asiaten und Dicke." Tom müsse an seiner Präsenz arbeiten und mal richtig trainieren, schließlich er sei doch schon weiß und schlank… beste Voraussetzungen, ganz nach oben zu kommen. Obwohl Tom also nur im Mittelfeld der Rangordnung angesiedelt ist, geht er mit in den Club – in der Hoffnung, Ajani dadurch wieder näher zu kommen. Das klappt zwar, aber anders als erhofft.
"Out" beschäftigt sich nur am Rande mit dem Coming-out gegenüber der Familie oder nicht-queeren Freund*innen. Stattdessen geht es um Beziehungsdynamiken in der queeren Welt, um die Frage, ob ein Paar es übersteht, wenn beide die plötzlichen neuen Freiheiten so unterschiedlich auskosten wollen. Es geht auch um eine Selbstfindungsreise der jungen Hauptfiguren, die über das Queersein hinausgeht. Und dass beide dabei am gleichen Punkt starten, heißt noch lange nicht, dass sie schließlich am gleichen Ort ankommen.
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Out. Drama. Niederlande 2024. Regie: Dennis Alink. Cast: Bas Keizer, Bram Agterbos, Jefferson, Yaw Frempong-Manson, Joel Castillo, Johan De Joode. Laufzeit: 91 Minuten. Sprache: niederländische Originalfassung mit deutschen Untertiteln. FSK 16. Verleih: Cinemien. Kinostart: 27. März 2025
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