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Buchtipp

Schwul? Muslim? Franzose? – Alles auf einmal

Ein marokkanischer Vater, eine französische Mutter, und dann auch noch schwul: Marouane Bakhti bewegt sich zwischen den Identitäten. Sein poetisches Buch "Wie man aus der Welt verschwindet" ist eine Spurensuche, an deren Ende viele Fragen stehen – und eine große Freiheit.


Marouane Bakhti, Sohn eines marokkanischen Vaters und einer französischen Mutter, studierte Geschichte und Journalismus an der Sorbonne

Eine Gandoura ist eines der traditionellen Kleidungsstücke Marokkos und ganz Nordafrikas. Eine leichte Tunika, die bis zu den Knöcheln reicht, meist einfarbig, oft mit charakteristischer Stickerei um den Kragen und die Brust nach unten, etwa bis zum Bauchnabel.

Doch Marouane Bakhti, Autor und Ich-Erzähler, trägt seine Gandoura einmal wie ein trägerloses Kleid. Sein Vater ohrfeigt ihn dafür, er wird zum "Monster der Männlichkeit, ein Monster aus einem idiotischen fremden Land mit einer ekelhaften misogynen Kultur". Ein Tag, der ihm die Augen öffnet.

Wozu sich festlegen?

Marouane Bakhti, geboren 1997, hat eine französische Mutter und einen marokkanischen, nach Frankreich eingewanderten Vater. Er wächst ländlich auf. Und er merkt schon früh, dass er schwul ist. Von außen entsteht der Druck, sich einer Identität zugehörig zu fühlen. Was ist er denn nun? Muslim oder Franzose? Schwul oder Marokkaner? Doch der Autor und Journalist weigert sich, sich festzulegen. Wozu auch?

In seinem Buch "Wie man aus der Welt verschwindet" (Amazon-Affiliate-Link ) beschreibt er, wie ihn seine verschiedenen Identitätsmerkmale zu einem Ganzen machen – oder zumindest machen könnten, wenn es nicht immer wieder Fragen, Unsicherheiten, Verwerfungen gäbe.

In der Schule angespuckt


"Wie man aus der Welt verschwindet" ist am 27. März 2025 im Berliner März Verlag erschienen

Es beginnt damit, dass er der Provinz den Rücken kehrt, um "die tristen grünen Flecken auf den großen grauen Ebenen" hinter sich zu lassen, in Paris will er "die erotische Wüste ausmerzen, in der ich so lange umherirrte". Er wuchs in einem homophoben Umfeld auf, wird in der Schule angespuckt, und dann fragt der Vater auch noch, wieso er Sport nicht so sehr mag wie die anderen Jungen.

Marouane Bakhti schreibt das alles lose auf, nicht chronologisch, sondern notizenhaft, fragmentarisch, mal in Erinnerungen, dann in Reflexionen, zwischendurch auch in Dialogen. Das ist anfangs gewöhnungsbedürftig, und die ersten Seiten sollten nicht abschrecken. Denn "Wie man aus der Welt verschwindet" ist keine gewöhnliche Lektüre, aber eine, die lohnt.

"Mir gefällt die Vorstellung, dass sich die Leute in meinem Buch verlieren"

Denn auch wenn es schwer ist, sich dem Buch zu nähern, es bildet dennoch ein großes Ganzes. Das muss enorm viel Kraft gekostet haben. Die Fragmente zu schreiben, sei ein natürlicher Prozess gewesen, erzählt er in einem Interview mit der "London Review of Books", doch die Zusammenstellung sei ein "Herkulesaufgabe" gewesen.

"Ich glaube nicht, dass ich schreibe, um verstanden zu werden. Mir gefällt die Vorstellung, dass sich die Leute in meinem Buch verlieren", ergänzt er. Und es ist gar nicht so unwahrscheinlich, dass sich viele Leser*­innen darin verlieren werden. Denn teilweise schweift er ab, schreibt unzusammenhängend, kommt dann in einen brachialen Gedankenstrom, findet außer- und ungewöhnliche Metaphern und Symbole, schreibt vor Kraft strotzend, dass es einem entgegenschreit – bemerkenswert ins Deutsche übertragen von Arabel Summent.

Der Versuch, religiös zu werden

Er habe, so erzählt er es, all die Fragmente ausgedruckt, vor sich ausgebreitet und dann zusammengesetzt. Dabei nutzt er zwei Fixpunkte als Skelett: zwei Todesfälle in seiner Familie in Marokko. Dazu fügt sich der Rest des Textes wie eine Collage.

Marouane Bakhti beschreibt seine Identitätssuche, zu der etwa auch gehört, jede Nacht zu beten, um "der Religiöse in der Familie" zu sein. Bis ihn seine Cousins besuchen und über seine falschen Gebete lachen. Sein Vater beherrscht sie selbst nicht, er konnte sie dem Sohn nicht richtig beibringen.

Männer wollen den "Araber in mir"

Zur Suche gehört auch, mit Frankreich zu fremdeln, dem Land, das die Heimat eines Teils seiner Familie kolonisiert hat. Und schließlich, Männer zu treffen, die den "Araber in mir" begehren, an einem Bahnhof cruisen zu gehen, sich später in S. zu verlieben – wo der Autor dann angesichts der Überforderung der Liebe ganz kitschig wird.

Marouane Bakhti hat eine poetische, komplexe Selbstannäherung geschrieben, die viele Fragen stellt, nach Versöhnung sucht, und dabei keine finalen Antworten gibt. Der Titel ist dahingehend vielleicht sogar missverständlich. Denn es geht ums Ankommen mindestens genauso sehr wie ums Verschwinden.

Das ist nicht nur für all diejenigen interessant, die sich ähnliche Fragen stellen – sondern für alle. Oder, in den Worten von Susan Sontag: Literatur ist auch dafür da, um uns bewusst zu machen, "dass andere Menschen, Menschen, die anders sind als wir, wirklich existieren."

Infos zum Buch

Marouane Bakhtis: Wie man aus der Welt verschwindet. Aus dem Französischen von Arabel Summent. 148 Seiten. März Verlag. Berlin 2025. Gebundene Ausgabe: 20 € (ISBN 978-3-7550-0050-1). E-Book: 16,99 €

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