Hauptmenü Accesskey 1 Hauptinhalt 2 Footer 3 Suche 4 Impressum 8 Kontakt 9 Startseite 0
Neu Presse TV-Tipps Termine
© Queer Communications GmbH
https://queer.de/?53084

Buchtipp

Ungeschminkt: René Koch setzt Hildegard Knef ein queeres Denkmal

Gesprächspartner, Seelentröster, Beichtvater – und der beste schwule Freund: In seinem neuen Büchlein "Meine Freundin Hildegard Knef" erzählt der Visagist René Koch von seiner Beziehung zu der Schauspielerin, Sängerin und Romanautorin.


Die Diva und ihr Visagist (Bild: privat)

Schon am Miniaturformat lässt sich erkennen, dass es sich nicht um eine Biografie mit dem Anspruch auf Vollständigkeit handelt. "Meine Freundin Hildegard Knef" (Amazon-Affiliate-Link ): So lautet der Titel des Büchleins, das nicht größer ist als der Spiegel eines Schminkkoffers und auf den ersten Blick wie ein Daumenkino daher kommt. Doch trotz des Formats hat es das Bändchen in sich. So enthält es auf knapp über 120 Seiten nicht nur eine Reihe bislang unveröffentlichter Fotos – die Knef mit Lockenwicklern und Fluppe im Mund, oder etwa beim Knuddeln mit der nach ihr benannten Rassehündin "Hilde"-, sondern auch sehr persönliche Texte, die einen durchaus queeren und gleichwohl unverstellten Blick auf die Diva offenbaren.

Die Buchstaben auf dem Umschlag leuchten in knalligem Pink, als hätte sie René Koch mit einem Lippenstift aus den 1980er Jahren aufgemalt. Er war der Visagist der Diva, die in diesem Jahr ihren 100. Geburtstag feiern würde. Aus diesem Anlass hat er seine Erinnerungen an sie aufgeschrieben: einerseits aus der Perspektive des künstlerischen Beraters, andererseits aber auch als "Gesprächspartner, Seelentröster und Beichtvater", wie es im Klappentext heißt – und als bester schwuler Freund.

Knef-Gedenkort in Kochs Lippenstiftmuseum

René Koch betreibt im Berliner Stadtteil Wilmersdorf seit Jahren sein Lippenstiftmuseum, in dem der Nachlass von Hildegard Knef einen wichtigen Raum einnimmt. Früher ging sie hier ein und aus, und auch nach ihrem Tod lebt sie dort als unvergängliche Diva weiter: Koch hat ihr zu Ehren einen ganz speziellen Gedenkort eingerichtet. In einer Ecke ruht eine Koffertruhe. Diese erinnert an den von ihr besungenen Koffer, den sie den Textzeilen zufolge stets in Berlin ließ, wohin auch immer es sie zwischenzeitlich verschlug. Und auch jener Stuhl, auf dem sie einst Platz nahm, um sich von dem Mann ihres Vertrauens das Gesicht pudern und die so typischen langen Wimpern ankleben zu lassen, steht nach wie vor an derselben Stelle.


Ein Gedenkort für Hildegard Knef im Berliner Lippenstiftmuseum (Bild: Axel Krämer)

Unvergessen bleibt, wie die Ur-Berlinerin mit schnodderig-tiefer Stimme ihre selbstgetextete Coverversion von "The Lady is a Tramp" zum besten gab: "Ich glaub, 'ne Dame werd' ich nie". Doch zumindest äußerlich gelang ihr durchaus die Illusion einer solchen – dank des künstlerisch-kreativen Einsatzes von René Koch: "Haare aufdrehen, Gesichtspackung auftragen, Augenbrauen zupfen". Die wundersame Transformation zur Lady erinnert beinah an das Vorspiel einer Drag Performance – eine Prozedur, die sie in ihrem Roman "So nicht!" minutiös schildert, wobei sie ihrem Visagisten ein Pseudonym verpasst: "Raimund heißt er, er wedelt herein. Overall, Reißverschluss bis zum gebräunten Bauchnabel geöffnet, schleppt er zwei Krokodilledertaschen, in denen sich Schminktöpfe stapeln, fliegt, dennoch kaum den Boden berührend, ins Wohnzimmer, kreischt: 'Hallo, hallöchen', schiebt mich kurzerhand ins Bad, blickt strafend." 'Du siehst aus wie Ida Putenschlund.'" René Koch findet, Hilde habe ihn damit "sehr treffend" beschrieben.

Viele kaum bekannte Anekdoten


"Meine Freundin Hildegard Knef" ist am 28. Februar 2025 im BuchVerlag Leipzig erschienen

Viele Anekdoten, die René Koch in seinem Buch beschreibt, dürften den meisten unbekannt sein, zumindest aus seinem Blickwinkel, der sich durch Ironie und mitunter auch Übertreibung auszeichnet. Köstlich ist etwa jener Vorfall, bei dem sich René Koch bei Hilde Ohrringe für den Tuntenball ausleiht und vergisst, sie wieder zurückzugeben. Zur Erinnerung schickt sie ihm eine humorvolle Karte, die ihre besondere Verbindung widerspiegelt und – neben vielen weiteren persönlichen Notizen – im Buch abgebildet ist.

Inhaltlich ist das Buch in Kapitel eingeteilt, die mit "Tapetenwechsel", "Harter Diven-Alltag" oder "Ohne Wimpern keine Knef" überschrieben sind. Zwischen all den amüsant geschilderten Episoden finden sich auch Zeugnisse ihres Engagements für die queere Community: So hat Hildegard Knef etwa auf dem Höhepunkt der Aids-Hysterie ausdrücklich ihre Solidarität mit HIV-Infizierten und überhaupt allen Angehörigen der sogenannten Risikogruppen bekundet.

Ein Vorbild für queere Künstler*­innen

Berührend wiederum ist es, wenn Koch davon erzählt, wie Hildegard Knef hoch betagt mit einem Lungenemphysem ans Bett gefesselt war. "Da rief sie mich an, ich solle kommen, sie aufhübschen, der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit hätte sich zum Krankenbesuch angesagt. Ich sehe sie noch vor mir, schwach und zerbrechlich: habe gepinselt, gepudert, gestylt, so war sie plötzlich 'die Knef'". Doch dann kam eine Absage vom Senat. "'Kannst mir abschminken', meinte sie danach traurig. Ja, da musste ich sie in die Arme nehmen."

Im Schlusskapitel "Hilde forever" erklärt René Koch, warum Hildegard Knef auch heute noch ein Vorbild für viele Menschen ist, nicht zuletzt im Schaffen queerer Künstler*­innen wie Jo van Nelsen, Tim Fischer, Gérome Castell oder Ulrich Michael Heissig alias Irmgard Knef.

"Hilde liebte es geradezu, wenn ihre Lieder, auch sie selbst, parodiert oder kopiert wurden. Ihr knapper Kommentar dazu war: 'Nachgemacht wird doch nur, was gut ist!'" Ganz sicher würde sie sich auch darüber freuen, dass ihr Visagist und Wegbegleiter René Koch nun die gemeinsamen Erlebnisse auf eine so ungeschminkte und Berlinerisch-herzliche Art öffentlich macht.

Infos zum Buch

René Koch: Meine Freundin Hildegard Knef. Die Diva und ihr Visagist. 128 Seiten. Minibibliothek. Format 6.2 x 9.5 cm. BuchVerlag Leipzig. Leipzig 2025. Gebundene Ausgabe: 6 € (ISBN 978-3-89798-690-9)

Informationen zu Amazon-Affiliate-Links:
Dieser Artikel enthält Links zu amazon. Mit diesen sogenannten Affiliate-Links kannst du queer.de unterstützen: Kommt über einen Klick auf den Link ein Einkauf zustande, erhalten wir eine Provision. Der Kaufpreis erhöht sich dadurch nicht.

-w-