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Buchtipp
Lesbische Liebe als unerfülltes Versprechen
Giulia Baldellis Debütroman "Das Schweigen meiner Freundin" handelt von schmerzender Stille und queerer Sehnsucht, die auch zwischen den Zeilen unerfüllt bleibt.

Ausschnitt aus dem Cover der italienischen Originalausgabe
- Von Luise Erbentraut
28. März 2025, 10:36h 4 Min.
Giulia ist eine willensstarke Persönlichkeit, die es versteht, sich durchzusetzen – selbst bei Dingen, die ihr zuwiderlaufen. So geschieht es auch, als ihre Mutter sie im Alter von zehn Jahren bittet, sich der drei Jahre jüngeren Christi, der Enkelin einer Nachbarin, anzunehmen. Was zunächst als notwendiges Übel beginnt, wendet sich schnell zu einer Beziehung, die immer wieder die Grenzen einer Freundschaft auf unterschiedlichste Weisen infrage stellt und Giulias ganzes Leben über begleitet.
Der knapp 500 Seiten starke Debütroman "Das Schweigen meiner Freundin" (Amazon-Affiliate-Link ) von Giulia Baldelli (in der Übersetzung von Elisa Harnischmacher) beginnt damit, dass der 60-jährigen Protagonistin gleichen Vornamens nur noch drei Monate zu leben bleiben – ein Ausgangspunkt, der sie dazu anregt, an den Ort ihrer Jugend zurückzukehren. Dort lässt sie in einsamer Stille die Beziehungen Revue passieren, die ihr Leben am meisten beeinflussten.
Die Dreiecksgeschichte, die sich daraus ergibt, dass der junge Mattia direkt in Cristis Herz springt, eröffnet eine bisexuelle Perspektive auf ein Schema, das zeitlos bleibt. Doch das queere Potential dieses Blickwinkels bleibt im Roman unausgeschöpft. Stattdessen reiht sich ein Schicksalsschlag an den nächsten.
Der finanzielle Abstieg einer Familie

"Das Schweigen meiner Freundin" ist im DuMont Buchverlag erschienen
Bereits in den Jahren der Kinderzeit stellt der Roman eine Verbindung zum gesellschaftlichen Zeitgeist Italiens um die Jahrtausendwende her. Der kleine, katholisch-konservativ geprägte Ort, in dem Giulia und Cristi die Sommer ihre Kindertage verbringen, bleibt nicht unberührt von den politischen und finanziellen Umbrüchen, die die italienische Wirtschaft zwischen 1991 und 1994 prägen.
Dass weder Cristis Oma noch Cristi selbst lesen und schreiben können, ist nur eine der vielen feinen Nuancen, die den Unterschied zwischen Armut und Arbeiter*innen-Klasse verdeutlichen. Denn Cristis Legasthenie reicht nicht aus, um den niemals ruhenden Klatsch und Tratsch der Dorfgemeinde in Schach zu halten. Cristis alleinerziehende Mutter, die – den Erzählungen der Dorfbevölkerung nach – selbstsüchtig den Männern hinterherjagt, um sich ein besseres Leben zu ermöglichen, lässt ihr Kind jedes Jahr während der Sommermonate bei der Großmutter.
Obwohl Cristi eine eigensinnige, freiheitsliebende Figur ist, bleibt es Leitmotiv, dass sie, der Männer wegen, wie aus dem Nichts bei Giulia abgestellt wird – selbst als Cristis Großmutter und Mutter längst verstorben sind.
Sehnsucht nach Identifikation und Begehren

Giulia Baldelli, geboren 1979, lebt mit ihrem Mann und ihren drei Kindern in Bologna (Bild: DuMont Buchverlag)
Giulias Jugend hingegen wird durch die Wirtschaftskrise und den finanziellen Abstieg ihrer Familie überschattet. Die Arbeitslosigkeit ihres Vaters, die ihn seither schwer belastet, führt zu einer Depression. Das Haus mit dem Aprikosenbaum im Garten, das Giulias sicheren Hafen im Kindesalter bildete, muss verkauft werden. Dass der Erlös den Grundstein für ihr Jurastudium legt und – Spoiler – dafür sorgt, dass sie es sich mit noch nicht einmal ganz 30 Jahren zurückkaufen kann, bleibt trotz ihres Scharfsinns unreflektiert.
Die tiefe Hingabe, die Giulias Leben neben ihrem Ehrgeiz, das Haus zurückzukaufen, prägt, ist ihre Liebe zu Cristi. Diese Liebe entwickelt sie bereits in ihrer Kindheit und sie verfolgt sie mit mindestens ebenso viel Zielstrebigkeit. Die Sensibilität, mit der Giulia schon in jungen Jahren den Duft von Cristis Haut wahrnimmt, und die Gefühle, die der erste gemeinsame Kuss am Fluss in ihr auslöst, zeichnen eine lesbische Liebe, die weder naiv noch unschuldig wirkt. Sie erscheint ganz bewusst und weit entfernt von kindlichen Versuchen.
Ich lege mich wieder neben sie, und aus den Augenwinkeln sehe ich ihr makelloses Lächeln, [b]ei dem ich mir wünsche, sie zu sein oder wenigstens immer in ihrer Nähe.
Mit der Sehnsucht nach Identifikation und Begehren berührt der Roman die Tiefen sapphischer Zuneigung. Gerade deshalb irritiert, dass Mattia ins Leben der beiden Mädchen tritt und Cristis Herz für sich gewinnt. Denn mit der Liebe kommt auch die Eifersucht, die das Spannungsfeld zwischen Giulia, Cristi und Mattia aufbaut. Zwar wird hier angesprochen, dass unterschiedliche Begehrensformen nebeneinanderstehen können, doch die Besonderheiten dieser verschwinden im narrativen Muster der Dreiecksgeschichte.
Womit der Titel "Das Schweigen meiner Freundin" hält, was er verspricht, ist, dass Cristi Giulia gegenüber so wortkarg bleibt, dass sie selbst ihre großen Gefühle nicht erwidert. Die intensive Liebesbeziehung der beiden Frauen in ihren frühen Zwanzigern gleicht einer emotionalen Achterbahn. Diese wird zwar lebhaft dargestellt, erfüllt jedoch kaum mehr als das Stereotyp eines studentischen Alltags. Das bleibt auch so, selbst – oder gerade – als Mattia wieder in ihr Leben tritt.
Giulia Baldelli: Das Schweigen meiner Freundin. Roman. Aus dem Italienischen übersetzt von Elisa Harnischmacher. 496 Seiten. DuMont Buchverlag. Köln 2024. Gebundene Ausgabe: 25 € (ISBN 978-3-8321-6800-1). E-Book: 19,99 €
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