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Interview
Ist "The End" ein queerer Film, Joshua Oppenheimer?
Im Kino ist das Apokalypse-Musical "The End" mit Tilda Swinton angelaufen. Wir sprachen mit Regisseur Joshua Oppenheimer über seinen ersten Spielfilm, den Irrglauben, dass es immer gut ausgehen wird, Aktivismus und sein Coming-out in der Aids-Krise.

Joshua Oppenheimer hat sich mit den beiden Dokumentarfilmen "The Act of Killing" (2012) und "The Look of Silence" (2014) einen Namen gemacht (Bild: IMAGO / dts Nachrichtenagentur)
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30. März 2025, 07:10h 6 Min.
Geboren 1974 in Texas, studierte Joshua Oppenheimer zunächst in Harvard und dann in London, bevor er seine Karriere als Dokumentarfilmer begann. Berühmt wurde er 2012 mit dem Film "The Act of Killing" über die Massaker in Indonesien Mitte der 1960er Jahre. Der Film wurde unter anderem mit dem Europäischen Filmpreis ausgezeichnet und für den Oscar nominiert. Auch der Nachfolger "The Look of Silence" brachte ihm eine Oscar-Nominierung ein.
Jetzt legt Oppenheimer, der an der University of Westminster als Professor lehrt und mit seinem Ehemann in Kopenhagen lebt, seinen ersten Spielfilm vor. Anlässlich des Endzeit-Musicals "The End" mit Tilda Swinton (seit 27. März 2025 im Kino) trafen wir ihn in Berlin zum Interview.
Mr. Oppenheimer, als Regisseur wurden Sie berühmt mit den Dokumentarfilmen "The Act of Killing" und "The Look of Silence". War Ihr Plan immer, danach einen Spielfilm zu drehen?
Eigentlich wollte ich noch einen dritten Dokumentarfilm in Indonesien drehen, über Milliardäre, die sich an der Ausbeutung einer Nation bereicherten, die fürchterliche Angst vor ihnen hat, weil sie am dortigen Genozid 1965 beteiligt waren. Aber nach der Premiere von "The Act of Killing" konnte ich nicht mehr nach Indonesien einreisen. Stattdessen widmete ich mich Oligarchen anderswo. In Zentralasien stieß ich auf einen Öl-Tycoon, der sich seine Bohrrechte mit Gewalt sicherte und für seine Familie einen Bunker kaufen wollte wie den, in dem nun "The End" spielt. Ich durfte ihn begleiten, und all die Fragen, die mir dabei in den Sinn kamen, aber die ich natürlich nicht stellen konnte, fanden nun Einzug in meinen ersten großen Spielfilm.

Joshua Oppenheimer, Tilda Swinton, Luisa Neubauer und George MacKay beim einem Preview-Screening von "The End" im Rahmen der Berlinale (Bild: IMAGO / Eventpress)
Zum Beispiel welche?
Wie würde er mit der Schuld umgehen, die die Katastrophe mitausgelöst hat, vor der er letztlich fliehen wird? Wie wird es sich anfühlen, nur eine kleine Gruppe Menschen mitnehmen und retten zu können, aber andere zurückzulassen? Und wie plant man, eine kommende Generation großzuziehen, die nie die Welt gesehen hat, und nutzt deren Unschuld aus als eine Art leere Leinwand, auf der man sich selbst mit einem idealisierten Porträt seiner selbst reinwaschen kann?
Wann fiel der ungewöhnliche Entschluss, eben diese Fragen in einem Musical zu verhandeln?
Auf der Rückreise von dieser Bunker-Begehung sah ich mir mal wieder einen meiner Lieblingsfilme an, das Musical "Die Regenschirme von Cherbourg" von Jaques Demy. Einfach, um auf andere Gedanken zu kommen. In meinem Kopf hatte ich die Idee, einen Film über diese Oligarchen-Familie zu drehen, 25 Jahre nachdem sie den Bunker bezogen haben. Dass das als Dokumentarfilm ein Ding der Unmöglichkeit war, wusste ich natürlich. Aber plötzlich inspirierte mich dieses Musical, vielleicht auch weil das ein Genre ist, in dem es auch um Selbstbetrug und die letztlich falsche Hoffnung auf ein Happy End geht. So entstand die Idee, ein Musical namens "The End" zu drehen, das von der Illusion handelt, am Ende könnte immer noch alles gut werden, die in dieser Intensität niemand so sehr verinnerlicht hat wie weiße US-Amerikaner*innen.
Sie selbst sind nicht nur Filmemacher, sondern engagierter Aktivist für Klimaschutz und die Rechte von Arbeiter*innen, Sie kämpfen gegen Fremdenfeindlichkeit und für den Erhalt der Demokratie. Ihre Botschaft dabei ist immer eine der Hoffnung. Wo liegt da der Unterschied zum eben beschriebenen Irrglauben, es könnte alles noch gut ausgehen?
Ich verschließe nicht die Augen vor der Realität. Aber ich kann nicht nicht hoffnungsvoll sein. Wenn ich mich umblicke in meinem Leben und die tiefen Verbindungen sehe, die ich zu anderen Menschen um mich herum habe, wie könnte ich da nicht optimistisch sein? Und wenn ich – wie kürzlich in Berlin, wo ich auf einer Fridays-for-Future-Kundgebung gesprochen habe – auf einer Demonstration zwischen 10.000 Menschen stehe, werde ich noch optimistischer. Weil ich sehe, welche Kraft es hat, wenn Menschen mit den gleichen Zielen und Hoffnungen Schulter an Schulter stehen, gemeinsam kämpfen und das beschützen, wovon wir alle abhängen.
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Lassen Sie uns nochmal zu "The End" zurückkommen. Wonach suchten Sie Ihre Hauptdarsteller*innen aus?
Ich brauche für diese Rollen Schauspieler*innen, die durch und durch unerschrocken sind. Die sich meinen Ideen mit Haut und Haar verschreiben würden – und dabei auch noch singen und tanzen. Tilda Swinton kam mir entsprechend sofort in den Sinn, denn deren vollkommen furchtlose Arbeit hat mich immer schon begeistert. Die Wahrhaftigkeit, aber all die Nuancen des Verlangens, die sie zum Beispiel in ihrer Rolle in "Michael Clayton" in ihrem Gesicht sichtbar machte, wollte ich auch in "The End" sehen. Deswegen entschied ich mich für Schauspieler*innen, von denen ich diese Intensität schon gesehen hatte, sei es George MacKay in "Captain Fantastic", Michael Shannon in "Zeiten des Aufruhrs" oder Moses Ingram in "Das Damengambit".
Mit dem von Tim McInnerny gespielten Butler gibt es auch eine schwule Figur in Ihrer Geschichte. Würden Sie insgesamt sagen, dass "The End" ein queerer Film? Nicht zuletzt, weil Sie als queerer Mann dafür verantwortlich zeichnen?
Ja, das würde ich, denn meine Identität als queerer Mann ist untrennbar mit meiner Arbeit als Filmemacher verbunden. Nicht weil ich ästhetische Entscheidungen treffe oder Metaphern finde, die dezidiert queere Statements setzen sollen. Dafür ist es mir viel zu wichtig, die Deutungshoheit über meine Arbeit dem Publikum zu überlassen. Sondern weil ich Filme nur drehen kann als Mittel der Selbstreflexion und wenn ich uneingeschränkt ehrlich bin, mit mir selbst und mit der Welt. Ich selbst scheine also immer durch in meinen Arbeiten. Und weil ich selbst queer bin, sind sie es eben auch.
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Und für Ihren Aktivismus gilt das gleiche?
Da vielleicht sogar noch mehr. Auf die Straße zu gehen, sich nicht zu verstecken und lautstark für Veränderung zu kämpfen, ist für mich eine sehr persönliche Angelegenheit, die zurückgeht auf jene Zeit in den 1990er Jahren, als ich mein Coming-out hatte. An eine erfolgreiche Behandlung von HIV war noch nicht zu denken, und ich war Teil der schwulen Community, die durch Aids quasi halbiert worden war. Es gab eigentlich niemanden, der nicht geliebte Menschen elend hat sterben sehen. Für mich, der aus einer Familie stammt, in der einige mit viel Glück dem Holocaust entkommen waren, war es so, als hätte sich während meiner Kindheit ein weiterer, stiller Holocaust ereignet. Ich konnte in meiner Situation gar nicht anders, als radikal ehrlich und menschlich zu sein. Und das hieß eben, nicht nur mein Coming-out zu haben und ich selbst zu sein, sondern mich solidarisch zu zeigen mit dem Widerstand gegen das Unerträgliche. So schloss ich mich damals ACT UP an – und der zivile Ungehorsam wurde zum festen Bestandteil meiner Identität.
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