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Filmfestival
Ein Bett im Erdbeerfeld und Hitler als Nachbar
In London endete am Sonntag Europas größtes queeres Filmfestival BFI Flare. Während das Remake von "The Wedding Banquet" eher enttäuschte, beeindruckten u.a. die beiden Kurzfilme "Here" und "Nebenan".

Szene aus dem Kurzfilm "Here" (Bild: BFI Flare)
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31. März 2025, 12:17h 6 Min.
Ein queerer Film, der auf der Berlinale den Goldenen Bären gewinnt – und beim BFI Flare in London, dem größten queeren Filmfestival Europas, ist von der famosen "Oslo Stories"-Trilogie des Norwegers Dag Johan Haugerud nichts zu sehen (dafür ab 17. April in unseren Kinos). Die diesjährigen Teddy-Gewinner "Lesbian Space Princess" von Emma Hough Hobbs und Leela Varghese und "Die Satanische Sau" von Rosa von Praunheim vermisst man hier ebenso wie den rigorosen Max-Ophüls-Preisträger "Scham" von Lukas Röder, dem aktuell wohl aufregendsten schwulen Filmemacher. Immerhin durfte Fabian Stumm seine "Sad Jokes" an der Themse präsentieren, wenngleich mit mittlerweile einjähriger Verspätung.
Zu solchen ungewöhnlichen Schwächen bei der Auswahl gesellt sich eine glücklose Ouvertüre mit dem Remake von "The Wedding Banquet". Im Unterschied zum funkelnden Original von Ang Lee bleibt dieser Aufguss von Andrew Ahn enttäuschend brav und überraschend bieder. In Zeiten zunehmender Homophobie ist es dennoch ein wichtiger Mainstream-Film, der Diversität und die Ehe für alle feiert. Ab 5. Juni läuft die queere Komödie in den hiesigen Kinos.

Event "Basteln von Badges" beim BFI Flare
Am Sonntag fiel beim BFI Flare der letzte Vorhang. Die Publikumsbilanz bleibt beeindruckend. Einmal mehr waren beim größten LGBTI-Filmfest fast alle Vorstellungen ausverkauft. Selbst schrullig anmutende Events wie "Basteln von Badges" finden im Königreich viel Beifall. Die queere Kino-Karawane zieht weiter zum Pink Apple (29.4. bis 5.5.) nach Zürich, dort sind die "Oslo Stories" bereits gebucht.
Im Folgenden stellen wir die Tops aus London näher vor.
The Wedding Banquet
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Regisseur Andrew Ahn war acht Jahre alt, als seine ahnungslosen Eltern ihm den Film von Ang Lee aus der Videothek mitbrachten. Den Inhalt hatten sie nicht so ganz gelesen, für den Jungen wurde das Werk zum Schlüsselerlebnis und einer queeren Offenbarung. Ko-Autor war damals James Schamus, der drei Jahrzehnte später nun auch das Remake verfasste.
Für seinen Mainstream-Aufguss konnte eine Oscar-Gewinnerin, ein "Saturday Night"-Star sowie ein K-Pop-Jungstar gewonnen werden. Erzählt wird vom südkoreanischen Min, der seinen langjährigen Partner heiraten möchte, um endlich ein Green Card zu bekommen. Als Min überraschend einen Korb erhält, bietet sich seine beste Freundin Angela als Heiratskandidatin an. Das könnte nebenbei dem lange gehegten Kinderwunsch von ihr und ihrer Partnerin auf die Sprünge helfen. Als jedoch die Oma aus Seoul anreist, um ein traditionelles koreanisches Hochzeitsbankett zu veranstalten, werden alle Karten neu gemischt.

James Schamus (l.) und Andrew Ahn (Bild: Millie Turner / The Makers)
Klingt ganz nett, doch der Funke will nie richtig zünden, die queere Rom-Com bleibt auf Seifenopern-Liga. Nicht nur an der Chemie zwischen den beiden Pärchen mangelt es spürbar, auch die Inszenierung bleibt seltsam prüde. Ein Küsschen auf die Wange und im Bett bleibt das T-Shirt an. Warum diese Vorsicht? Die Interview-Frage danach durfte der Regisseur nicht beantworten, "not a relevant question!" zischte die anwesende PR-Agentin und erteilte Redeverbot. Trump-Verhältnisse nun auch bei harmlosen Film-Interviews? In Zeiten zunehmender Homophobie ist "The Wedding Baquet" aller Schwächen zum Trotz ein wichtiger Film: Kein Nischen-Kino, sondern Mainstream, das Diversität und die Ehe für alle feiert.
Nebenan

Szene aus "Nebenan" (Bild: BFI Flare)
Was tun, wenn der Nachbar deiner frischbezogenen Wohnung sich als leibhaftiger Adolf Hitler entpuppt? Dieses surreale Szenario bietet der Münchner HFF-Absolvent Lukas März in seinem knapp zwanzig minütigen Kurzfilm "Nebenan". Tom (Nils Thalmann) und sein Partner Marcel (Sebastian Fink) sind glücklich über ihre neue Wohnung. "Irgendwo muss da doch ein Haken sein", wundern sie sich kurz. Tatsächlich entdecken sie im Flur plötzlich eine geheime Tür. Der Schlüssel fehlt, alle Versuche, die Tür zu versperren, misslingen. Die alarmierte Hausmeisterin erklärt sich für nicht zuständig. Während Tom immer mehr in den Panikmodus fällt, will Marcel die Sache herunterspielen. Doch hinter dem Zimmer wohnt ein Mann. Und der sieht genau so aus wie Adolf Hitler – Deep-Fake-Technologie macht's möglich. Bald sitzt der virtuelle Führer an ihrem Küchentisch. Und wenig später sieht auch Marcel so aus wie ein Hitler – oder hat sich sein Freund das alles nur eingebildet? Hübsch rätselhaft erzählt, atmosphärisch dicht inszeniert präsentiert sich ein Thriller über die Frage: Was tun, wen plötzlich dein Nachbar ein Nazi ist. Für seinen Kurzfilm "Lieferissimo" hat Lukas März bereits Publikumspreis des Merlinka Queer Film Festivals Belgrad gewonnen. Den Namen sollte man sich merken.
Here

"Here"-Regisseurin Lilly Zhuang
Im Kurzfilm-Programm kann auch die chinesisch-niederländische Regisseurin Lilly Zhuang überzeugen. Eine flirrende Teenie-Lovestory im sommerlichen Erdbeerfeld – doch zuvor müssen erst homophobe Hürden und andere Missverständnisse überwunden werden, bevor das frischgebackene Pärchen im Meer planschen kann. Der 17-jährige Kaden (Fraser Patrick Kelly) kommt als Erntehelfer auf eine Farm in Yorkshire. Mit seiner stillen Art gilt der introvertierte Neue schnell als Außenseiter in der Gemeinschaftsunterkunft. Allein Lucas (Cameron Dews) macht den Unterschied unter den stumpfsinnigen Macho-Gockeln. Cool, charismatisch und zudem charmant teilt er in den Pausen seine Erdbeeren mit dem schwer beeindruckten Kaden. Und schützt ihn mit lässiger Souveränität vor dem Mobbing der Kollegen. Vor dem Happy End müssen die beiden Jungs freilich erst die eigene, verinnerlichte Homophobie gemeinsam überwinden.
Cherub
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Von Bodyshaming und Schönheitsidealen handelt dieses Drama über eine übergewichtigen, einsamen Mann, der ein eintöniges Leben führt. In einem Sex-Shop entdeckt Hetero Harvey zufällig das titelgebende Schwulen-Magazin, welches dicke Männer feiert. Prompt will sich der Held beim "Foto des Monats" bewerben und endlich die lange vermisste Anerkennung für sich und seinen Körper bekommen. Das Drama kommt ohne Dialoge aus und entstand mit einem Mini-Etat von 10.000 Dollar Budget. Als Kurzfilm wäre das gewisse ein origineller Coup, abendfüllend gerät jedoch nicht so ganz. Die Eintönigkeit des Alltags wird zur Eintönigkeit auf der Leinwand.
A Few Feet Away
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Der 20-jährige Santiago hängt ständig am Handy, um ein nächstes Sex-Date klar zu machen. Doch die Erfolgsquote bleibt bescheiden. Das Treffen mit einem verhärmten Makler in dessen Vermietungsobjekt scheitert an Kondomen. Der nächste Treff in einer Bar, das in der Toilette fortgesetzt werden sollen, kommt gleichfalls nicht zustande. Santiago bleibt in dieser Nacht in Buenos Aires ein Sex-Stehaufmännchen. Der 30-jährige Tadeo Pestaña Caro will mit seinem Kinodebüt die Sucht nach Grindr und Co. thematisieren. Sein leinwandpräsenter Hauptdarsteller Max Suen tröstet über manche dramaturgischen Hänger locker hinweg.
The Astronaut Lovers
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Vor 14 Jahren gewann er mit "Ausente" den Teddy Award. Nun erzählt der argentinische Filmemacher Marco Berger von zwei Kindheitsfreunden, die nach langer Zeit sich während eines Wochenendurlaubs mit Freunden begegnen und neu erleben. Pedro hat im fernen Spanien sein Schwulsein entdeckt und ausgelebt. Maxi lebt glücklich mit seiner Freundin. Die Sympathie der beiden Jungs ist sofort vorhanden wie in alten Zeiten. "Du siehst nicht schwul aus!" – "Wäre ich ein Astronaut, würdest du nicht sagen: Du siehst nicht aus wie ein Astronaut", plappert das Duo kichernd am Strand. Ein Flirt jagt den nächsten, die Anspielungen werden immer direkter.
Die zunächst recht hübsche Idee dreht sich nach einer halben Stunde jedoch spürbar im Kreis, der Dialog-Tsunami mutiert immer mehr zu einem Hörspiel, dem die Handlung fehlt. Als Kurzfilm-Idee grandios, für abendfüllend fehlt es an Substanz und Entwicklung.
Als Sahnehäubchen gibt es immerhin als Anmach-Vorschlag die originelle Abwandlung des Pinocchio-Paradox: Maxi fragt Pedro, ob er das Rätsel über die Nase von Pinocchio kennt: Wenn sie nur wächst, wenn er lügt, was passiert dann, wenn er sagt: "Meine Nase wird wachsen"? Ich bin wie Pinocchio, aber mein Schwanz wird nur hart, wenn ich lüge", sagt er.
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