Hauptmenü Accesskey 1 Hauptinhalt 2 Footer 3 Suche 4 Impressum 8 Kontakt 9 Startseite 0
Neu Presse TV-Tipps Termine
© Queer Communications GmbH
https://queer.de/?53124

Kinostart

Das unordentliche Leben der Hildegard Knef

Die filmische Autobiografie "Ich will alles. Hildegard Knef" lädt zu einer kurzweiligen Zeitreise, die es ermöglicht, sich den großen Einfluss der ehrgeizigen Sängerin, Schauspielerin, Autorin und Diva zu Lebzeiten vorzustellen.


Hildegard Knef (1925-2002) zeigte der Welt, wie man Ruhm und Niederlagen überlebt (Bild: Lothar Winkler / Agentur Hipp)
  • Von Lina Heimann
    1. April 2025, 06:35h 5 Min.

Das Leben ist unordentlich, auch wenn man versucht, es ordentlich zu leben, aber genau in dieser Unordnung, lässt sich die Beständigkeit finden ¬— so beschrieb Hildegard Knef einst das Leben in einer Fernsehaufzeichnung. Luzia Schmids Dokumentation "Ich will alles", die auf der diesjährigen Berlinale Premiere feierte, porträtiert eine Frau, die ehrgeizig ist, sich nach den großen Erfolgen sehnt und sich dafür nicht entschuldigt. Knefs Karriere ist geprägt von einem Auf und Ab, auf Ruhm und Anerkennung folgen immer wieder Strecken, in denen Erfolge ausbleiben und Knef sich beruflichen wie privaten Herausforderungen stellen muss. Schlussendlich ist es ihr Ehrgeiz und der Wille, alles zu wollen, der sie immer wieder weiterbringt.

Der Film beginnt mit einem Auftritt, bei dem die Diva ihren wohl bekanntesten Hit "Für mich soll's rote Rosen regnen" mit ihrer so markanten rauchigen Stimme singt. Erst dann macht die Dokumentation einen Schritt zurück und erzählt Knefs Lebensweg in verschiedenen Etappen und überwiegend chronologisch, von der Jugend im Zweiten Weltkrieg, den ersten Rollen im Nachkriegsdeutschland, dem Schritt in die USA und zurück nach Deutschland sowie die weitere Entwicklung ihrer Karriere bis zu ihrem Tod im Jahr 2002.

Im prüden Deutschland eckt sie immer wieder an


Poster zum Film: "Ich will alles. Hildegard Knef" startet am 3. April 2025 bundesweit im Kino

Ein kleines bisschen Unordnung lässt sich auch in der Form der Doku finden: "Ich will alles" führt Zuschauer*­innen mit Archivmaterial, eingesprochenen Auszügen aus Knefs Büchern und neu gefilmten Interviews, mit der Tochter Christina Antonia Gardiner und dem dritten Ehemann Paul Rudolf Freiherr von Schell durch Knefs Leben. Dabei wird sehr deutlich, dass in Hildegard Knefs Karriere die öffentlichen Reaktionen auf ihre Rollen, Auftritte und ihr Verhalten immer wieder ein prägendes Thema sind. Insbesondere im prüden Deutschland der Nachkriegsjahre eckt sie immer wieder an, ihre Rolle (und ganz besonders die Nacktszene) in Willi Forsts "Die Sünderin" löst Proteste und Aufführungsverbote aus. Auch später bricht Knef Tabus und erntet Kritik, zum Beispiel mit der Veröffentlichung eines Buches über ihre Krebserkrankung in den 1970er Jahren oder später durch den öffentlichen Umgang mit ihrem Facelifting.

Der mediale Diskurs um die Knef erinnert auch ohne die Existenz von Sozialen Medien an heutige Diskurse um Celebrities — sie wird zur Projektionsfläche für ihre Fans, die Bühnenpersona mit der Privatperson gleichsetzen und hohe Ansprüche an ihr Idol stellen. Auffällig sind aus heutiger Perspektive besonders die oft grenz­überschreitenden und dreisten Fragen der Fernsehmoderatoren, die den Eindruck erwecken, dass nur, weil eine Person im öffentlichen Leben steht, ihr deswegen jegliche Privatsphäre entzogen werden kann. In diesen Momenten wird Knefs Offenheit sowie Schlagfertigkeit deutlich, auch auf unangemessene Fragen antwortet sie oft ruhig und intelligent, selten verliert sie in der Öffentlichkeit die Fassung — wenngleich ihre Tochter erzählt, dass dies im Privaten durchaus anders ist und besonders die Ehe zu Schauspieler David Cameron von Streit geprägt war. Hier kommt die Qualität des von Schmid verwendeten Archivmaterials zum Tragen, Knefs Worte sind heute noch fesselnd, und die Dokumentation lässt erahnen, welche Auswirkungen die Auftritte zu Knefs Lebzeiten hatten.


Hildegard Knef war dreimal verheiratet (Bild: Bavaria Media)

Die Knef beim Wort nehmen

Die Dokumentation zeigt Hildegard Knef als komplexen und nicht immer einfachen Menschen – das geht auch aus Knefs eigenen Aussagen und Texten hervor, in denen sie sich selbstkritisch und streng mit sich zeigt und über (Fehl)Entscheidungen in ihrer Jugend sinniert. So geht sie auch offen mit ihren Erfahrungen während des Zweiten Weltkriegs um, und verheimlicht nicht, dass sie eine Liebesbeziehung mit dem nationalsozialistischen Ewald von Dowandofsky hatte, der Produktionschef bei der Filmfirma Tobis war und ihr diese Beziehung ermöglicht, als Schauspielerin zu arbeiten.

Das von Schmid gewählte Archivmaterial formt eine Collage, mit der es der Film schafft, Knefs Persönlichkeit und Präsenz zu vermitteln. Die Doku kommt, bis auf die zwischendurch eingebauten Interviews, mit Knefs eigenen Worten aus. Trotz der prägnanten Verwendung von Knefs selbstverfassten Texten und Auftritten, stellt sich die Frage, an wen die Dokumentation gerichtet ist, da es eben auch nicht die erste filmische Abhandlung über Knefs Leben ist und sie wenig neue Informationen liefert. Mir scheint, sie ist vor allem an Menschen – wie mich – adressiert, die Knef als Name sowie einzelne Lieder kennen, nicht aber Details über ihr Leben oder ihre gesamte Diskografie, Filme, Bücher und Fernsehauftritte und denen diese Doku einen umfassenden Einblick und eine Art kurze Zeitreise bietet, die es ermöglicht, sich Knefs Einfluss zu Lebzeiten vorzustellen.

Besonders bei einem Film, über eine Person, die sich selbst durch Liedtexte und Bücher geäußert und über ihr eigenes Leben reflektiert hat, ist Luzia Schmids Ansatz sehr passend und funktioniert überwiegend gut. Schmid setzt voraus, dass Zuschauer*innen aufmerksam schauen und die Bilder dem Kontext nach einordnen, da mit Jahreszahlen oder sonstigen erklärenden Einblendungen eher sparsam umgegangen wird. Dies ermöglicht es Zuschauer*innen aber auch, die Knef auch nach ihrem Tod beim Wort zu nehmen, und fordert dazu auf, das Gesagte selbstständig einzuordnen. Dadurch, dass ihre Aussagen nur zum Teil von anderen eingeordnet werden, bleiben eben auch die Widersprüchlichkeiten stehen und es wird nicht versucht, die Unordentlichkeiten verschwinden zu lassen, sondern der Film ermutigt dazu, diese auszuhalten.

Infos zum Film

Ich will alles. Hildegard Knef. Dokumentarfilm. Deutschland 2025. Regie: Luzia Schmid. Mitwirkende: Nina Kunzendorf (Stimme), Christina Palastanga, Paul von Schell. Laufzeit: 98 Minuten. Sprache: deutsche Originalfassung. FSK 12. Verleih: Piffl Medien. Kinostart: 3. April 2025
-w-