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Operntipp
Ein queerer Herrscher: Die subversive Männlichkeit des Echnaton
Taugt der Pharao Echnaton zur queeren Ikone? Die Komische Oper Berlin zeigt Philip Glass' Oper "Echnaton (Akhnaten)" mit Musik und starken Bildern, die für sich selbst sprechen – ohne ins Spekulative abzudriften.

Sinnbild für die Gleichrangigkeit der Liebenden: Echnaton und Nefertiti in der "Echnaton"-Inszenierung der Komischen Oper Berlin (Bild: Monika Rittershaus)
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5. April 2025, 09:46h 6 Min.
Die Idee war, ihn zu einer schwulen Ikone zu stilisieren – zur ersten Galionsfigur der Emanzipationsgeschichte, die so gesehen ihren Anfang bereits im Altertum hätte. Echnaton: ein exzentrischer Pharao und Freidenker, der eine bis dahin nie dagewesene religiöse, kulturelle und soziale Revolution von oben angezettelt und seinen jüngeren Geliebten Semenchkare gegen alle Widerstände zum Mitregenten eingesetzt hat. So in etwa hatte Derek Jarman, der Gründungsvater des New Queer Cinema, den Handlungsbogen für ein geplantes Filmprojekt skizziert, das bis zu seinem Tod 1994 jedoch nie realisiert wurde.
Bei dem bereits in den 1970er Jahren dafür ausgearbeiteten Skript handelte es sich freilich um eine künstlerische Zuspitzung, für deren Plausibilität einige selektiv ausgewählte Fundstücke aus der Historie eingesetzt und dabei frei interpretiert wurden.
Über Echnaton gibt es viele Spekulationen
Ähnliche Mutmaßungen um Echnatons Sexualität gibt es indes zuhauf – beflügelt durch seine geschlechtlich fluiden Darstellungen in der Kunstgeschichte. Kolossalstatuen zeigen ihn nackt, mit unbestimmbaren Geschlechtsorganen. Auf Reliefs ist er mit schweren Lidern, vollen Lippen und weichen Körperumrissen abgebildet – in größtmöglichem Kontrast zu den kriegerischen und heroisch-verklärten Abbildern seiner Vorgänger. Eine Büste im Luxor-Museum zeigt ihn mit weiblicher Brust.
Davon abgesehen sind sich Historiker*innen einig, dass der Pharao während seiner Regierungszeit mit jahrtausendealten Konventionen bezüglich Kunst, Religion und gesellschaftlicher Ordnung brach.
Alles, was Echnatons geschlechtliche Identität betrifft, seine sexuelle Orientierung oder die Rolle Semenchkares an seiner Seite, gilt hingegen als umstritten: War der spätere Co-Regent wirklich Echnatons Liebhaber oder doch eher ein Sohn Echnatons aus einer außerehelichen Beziehung? Oder verbirgt sich hinter Semenchkare das Pseudonym von Echnatons Gemahlin Nefertiti (Nofrete), die sich zur Machtbeteiligung einen männlichen Namen geben musste? Mit jedem neuen Fundstück, das die Archäologie aus den spärlichen Überresten von Echnatons gegründeter Hauptstadt Achet-Aton zutage fördert, schießen neue Spekulationen ins Kraut.
Sind Echnaton und Ödipus identisch?
Der Nachwelt bietet sich Echnaton jedenfalls als ideale Projektionsfläche für die schillerndsten Hypothesen an. So wird der Pharao als erster Verfechter eines monotheistischen Glaubens häufig mit Moses in Verbindung gebracht. Während Sigmund Freud davon überzeugt war, dass Moses der Aton-Priesterschaft Echnatons angehörte, glauben andere wiederum, dass es sich bei beiden um ein und dieselbe Person handelt.
Genauso plausibel wie unbewiesen ist eine andere populäre Theorie, der zufolge Echnaton mit der mythologischen Figur des Ödipus identisch ist. Verwiesen wird dabei auf die allzu enge Mutterbindung von beiden, auf Echnatons sinnbildliche Ermordung des Patriarchats und die namentliche Übereinstimmung ihrer beider Heimatstädte, das griechische und das ägyptische Theben. Das Auftauchen einer Sphinx in einem griechischen Mythos wird in dieser Lesart als ein Wink mit dem Zaunpfahl verstanden.
Philipp Glass' Oper feierte 1984 Uraufführung in Stuttgart
Kein anderer als Philipp Glass wurde von der Stuttgarter Oper dazu beauftragt, den Echnaton-Mythos musikalisch zu dramatisieren. Im Jahr 1984 fand dort die Uraufführung statt. Der Komponist widerstand den Verlockungen des allzu Spekulativen und überließ es den historischen Fundstücken, für sich selbst zu sprechen – in einer Kunstform, die sich als musikalische Archäologie bezeichnen lässt. Er wendet dabei einen besonderen Kniff an, indem er auf eine dialogische Dramaturgie des Geschehens verzichtet und stattdessen ausschließlich überlieferte Texte sprechen lässt: Begleitet vom Orchester, erklingen diese Stimmen in den jeweiligen Originalsprachen: das Totenbuch, Echnatons Sonnenhymne, ein Bibel-Psalm sowie Briefe und Inschriften auf Stelen. Am Ende wird sogar aus einem zeitgenössischen Reiseführer zitiert. Der geheimnisvolle Semenchkare, dessen Identität in der Forschung letztlich ungeklärt bleibt, kommt in der Oper nicht zu Wort und bleibt ein Geheimnis.

Zartfühlend und androgyn: John Holiday als Echnaton in der Oper von Philip Glass an der Komischen Oper (Bild: Monika Rittershaus)
Mit dem kontrast- und variatonsreichen Einsatz der repetitiven Strukturen seiner Minimal Music verdeutlicht Glass den Machtwechsel zwischen dem alten und neuen Regime. So ertönt während des Begräbnisses von Echnatons Vater ein von dem Chor der Priester stakkatoartig gesungener Text aus dem ägyptischen Totenbuch – begleitet von martialisch eingesetzten Perkussionsinstrumenten, um den archaischen Charakter des alten Reichs zu betonen. Zartfühlend und androgyn erscheint dagegen der mit einem Countertenor besetzte Echnaton, der unter der zurückhaltenden Begleitung von Streichern und Blasinstrumenten der Sonne als Ursprung allen Lebens huldigt.
Im Hintergrund ertönt kurz darauf wie ein Echo der vom Chor leise gesungene Psalm 104 in hebräischer Sprache. Dabei handelt es sich um das alttestamentliche Loblied auf den Schöpfer, das inhaltlich den Worten Echnatons gleicht – eine Anspielung auf dessen monotheistische Vorbildfunktion und Wirkung, auch längst nach seinem Tod. In der Verkündigung des neuen Zeitalters an der Seite seiner Mutter Teje und seiner Gemahlin Nefertiti deutet sich die ödipale Verstrickung Echnatons an.
Es ist bemerkenswert, dass Teje in der für eine Mutterrolle unüblichen Sopranstimme singt, während für Nefertiti die deutlich weniger romantisch konnotierte Altstimme vorgesehen ist. Im Duett Echnatons mit seiner Mutter spiegelt diese zudem in einer Phrase dessen melodische Bewegung mit einer Verzögerung von einer halben Note und vermittelt so den Eindruck, ihn zu manipulieren.

Der Countertenor John Holiday als Echnaton in dem von Klaus Bruns entworfenen Krinolinenkleid (Bild: Monika Rittershaus)
Aktuelle Inszenierung an der Komischen Oper Berlin
Zu den Höhepunkten der Oper zählt das Liebesduett Echnatons und Nefertitis. Echnatons Stimme bleibt meist höher als die seiner Gattin, die ihn zunächst zu dominieren scheint, um schließlich doch mit ihm immer wieder auf derselben Tonhöhe zu verschmelzen: ein Sinnbild für die Gleichrangigkeit der beiden Liebenden – und für eine Queerness, die zeitlos wie auch universell erscheint und gleichwohl nicht an moderne Kategorien und Festlegungen gebunden ist. Genau in diesem Sinne hat der Regisseur und ehemalige Intendant der Komischen Oper – Barrie Kosky – für seine aktuelle Inszenierung starke, hochästhetische Bilder erschaffen, die für sich sprechen und das Potential dazu haben, sich auf lange Zeit ins Gedächtnis einzubrennen.
Fesselnd geraten vor allem die Szenen mit dem aus Texas stammenden Schwarzen Countertenor John Holiday, dessen von Klaus Bruns entworfenen opulenten Kostüme während der zweieinhalbstündigen Aufführung mehrfach wechseln. Holidays Auftritt als Echnaton im tiefdekollierten Krinolinenkleid lässt den klassischen Reifrock – mitunter ein Symbol für ein ins Groteske verzerrte Frauenbild – als ein Zeichen von Souveränität und Machtbewusstsein erscheinen, und zwar jenseits aller Geschlechtszuschreibungen.
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Dass Kosky seine Inszenierung nicht mit plakativ-ägyptischer Symbolik überlädt, kommt dem Stück zugute. So präsentiert er uns ein von Raum und Zeit los gelöstes, meditatives Musiktheater, das man in jeglichem Sinne als minimalistisch bezeichnen kann. Ein Stück, das im Repertoire der Komischen Oper hoffentlich über viele Spielzeiten erhalten bleibt.
Links zum Thema:
» Mehr Infos zur "Echnaton (Akhnaten)"-Inszenierung von Barrie Kosky, Termine und Karten auf der Homepage der Komischen Oper Berlin
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