https://queer.de/?53175
TV-Doku
Simone de Beauvoir und ihr Buch "Das andere Geschlecht": Aufwachen aus der Matrix
Eine neue TV-Doku zeigt Simone de Beauvoir als klarsichtige Wegbereiterin der modernen Frauenbewegung und des Queerfeminismus. Doch die Philosophin hatte auch blinde Flecke – und verachtete ihre lesbischen Neigungen.

Entscheidende Impulse zur Ausarbeitung ihrer berühmten Schrift "Das andere Geschlecht" (1949) empfing Simone de Beauvoir auf einer Vortragsreise durch die USA (Bild: ARTE / Photo collection S.L.B - Diffusion Gallimard)
- Von
6. April 2025, 03:50h 7 Min.
In New York gehen ihr die Augen auf. Simone de Beauvoir befindet sich auf einer Vortragsreise durch die USA, da macht es "Bling"- und auf einmal scheint es so, als hätte die 39-jährige Schriftstellerin und Philosophin eine dieser roten Pillen geschluckt. So wie der Protagonist Neo in dem Science-Fiction-Film "Matrix", der von einem Moment zum nächsten in einer dystopischen Realität erwacht und erkennt, dass die Menschheit in Wirklichkeit unter der Kontrolle von Maschinen lebt. Nur dass die Maschinen in diesem Fall Männer sind – Männer, die über die Frauen herrschen.
"Ich habe das Gefühl, aus meinem Leben herauszutreten … und schaue wie ein Blinder, der gerade das Augenlicht erlangt", notiert Simone de Beauvoir am 25. Januar 1947 in ihr Tagebuch. Sie beginnt, Frauen anders wahrzunehmen. Dabei erlebt sie eine Überraschung nach der anderen – nicht nur, dass die Damen auf der Fifth Avenue "die reinsten Blumenbeete und Vogelkäfige" auf ihren makellos gewellten Frisuren tragen. Sie erkennt, dass die ganze Welt im Zeichen von Geschichten und Glaubenssätzen steht, die allein von Männern geprägt sind. Und alles, was um sie herum geschieht, zielt darauf ab, die Gegensätzlichkeit und die Ungleichheit zwischen den Geschlechtern zu zementieren. Die Frau, so stellt sie fest, dient dem Mann allein zur sexuellen Befriedigung, zur Aufzucht von Kindern und der Organisation des Haushalts.
"Es gibt biologische Fakten, die Mann und Frau unterscheiden, niemand bestreitet das", sagt Simone de Beauvoir später in einem TV-Interview. "Doch was eine ganze Gesellschaft daraus konstruiert, hat kaum etwas oder im Grunde gar nichts zu tun mit physiologischen Unterschieden. Zur Frau wird man erzogen, ihr wird eine Rolle in der Gesellschaft zugewiesen, die sich nicht notwendigerweise aus ihrem biologischen Geschlecht ergibt."
"Le Deuxième Sexe" wird zum Bestseller
Simone de Beauvoir fasst in den USA den Entschluss, ein Buch darüber zu schreiben – auch wenn sie zunächst zögert: "Es ist ein Reizthema, vor allem für Frauen, und neu ist es auch nicht." Dabei stellen sich Fragen über Fragen: Was genau ist das Problem? "Gibt es überhaupt Frauen als soziale Kategorie? Und wenn ja: was verbirgt sich hinter dieser Identität? Es ist schon seltsam, über etwas zu schreiben, das nie gesehen wurde, obwohl es ins Auge sticht."
Rund zwei Jahre nach ihrer Rückkehr aus den USA erscheint das Buch: als tausendseitiges, flammendes Plädoyer für die Gleichberechtigung der Geschlechter. Es ist der erste Text einer Frau, der weltweit ein Beben auslöst. Eine solche Geschichte der Unterdrückung hatte noch niemand geschrieben.

Der Dokumentarfilm "Das andere Geschlecht – auf den Spuren von Simone de Beauvoir" führt in einer Art Initiationsreise zu den Schauplätzen, die die Schriftstellerin zu ihrem Buch inspiriert haben (Bild: ARTE / Les Batelières Productions)
Die Publikation wird zum internationalen Bestseller und Meilenstein der Frauenbewegung. In Frankreich kommen 1947 unter dem Titel "Le Deuxième Sexe" ("Das zweite Geschlecht") zunächst zwei Bände auf den Markt. Die einbändige deutsche Erstausgabe "Das andere Geschlecht" folgt 1951 im Rowohlt Verlag – und genau so nennt sich auch eine aktuelle TV-Dokumentation mit dem Untertitel "Auf den Spuren von Simone de Beauvoir", die bis Oktober in der ARTE-Mediathek zu sehen ist.
Ein Film für den Geschichtsunterricht
Dabei wird die Geschichte des feministischen Klassikers in der Art eines Selbstfindungsprozesses erzählt. Gespickt mit einer klug montierten Mischung aus Archivaufnahmen und Ausschnitten aus Spielfilmen oder Werbeclips, führen uns die beiden Filmemacherinnen Nathalie Masduraud und Valérie Urrea zu den für die Entstehung des Buches entscheidenden Reisestationen in Beauvoirs Biografie. Neben der Würdigung des Werks wird es auch einer kritischen Neubewertung unterzogen, bei der neben vielen anderen Persönlichkeiten die Philosophin und Gendertheoretikerin Judith Butler oder Historikerinnen wie Kellie CarterJackson und Laure Murat zu Wort kommen. Dabei hat die 90-minütige Dokumentation durchaus das Potential, zum Standardwerk für den Geschichtsunterricht zu werden.
"In der Gesellschaft der1950er Jahre hatte die Sprache noch keine erklärenden Worte für das, was Frauen erleben und ertragen mussten", erklärt Kellie Carter Jackson die Ausgangssituation. "Das Patriarchat war kein Thema, es war wie die Schwerkraft: eine unsichtbare Macht, die alle unten hielt und die jeden Tag zu spüren war. Die Gesellschaft war so davon durchdrungen, dass es sich unmöglich angefühlt haben musste, dagegen aufzubegehren." Umso bahnbrechender die unmittelbare Wirkung nach Erscheinen von Simone de Beauvoirs Buch.
Wegbereiterin des Queerfeminismus
Judith Butler wiederum ist von einer nachhaltigen Wirkung überzeugt: "Ob mit Absicht oder nicht – Simone de Beauvoir hat gezeigt, was alles davon abhängt, welches Geschlecht uns bei der Geburt zugeschrieben wird und was für gesellschaftliche Folgen es nach sich zieht. Sie hat von Anfang an nachgewiesen, dass das soziale Geschlecht konstruiert wird. Die Gesellschaft feiert, dass wir ein Junge oder ein Mädchen sind und hat klare Vorstellungen davon, was das jeweils bedeutet."
Auch wenn der Begriff "Gender" zu Bouvoirs Lebzeiten noch nicht existiert habe, sei sie die erste gewesen, die zwischen biologischem und sozialen Geschlecht unterschied. So ebnete Simone de Beauvoir dem Queerfeminismus den Weg. "Für mich", so Butler, "war somit die Erkenntnis bedeutsam: Man kann als Frau geboren werden mit allen gesellschaftlichen Erwartungen, die daran geknüpft sind, und sich dennoch in eine andere Richtung entwickeln." Butler entfaltet in ihrem 1990 erschienenen Grundlagenwerk "Gender Trouble" ("Das Unbehagen der Geschlechter") die These von der "heterosexuellen Matrix", in der ein normatives System uns in ein festgelegtes binäres Raster geschlechtlicher Identitäten und sexueller Orientierungen zwingt – völlig unabhängig davon, ob das mit unserer individuellen Ausprägung vereinbar ist oder nicht.

Trans Mann Austin Ochoa in der Doku "Das andere Geschlecht" (Bild: ARTE / Les Batelières Productions)
Die TV-Doku macht diese eher abstrakte These mit dem Fall des trans Mannes Austin Ochoa äußerst anschaulich. Dessen Aussage gerät zu einem der Höhepunkte des Filmes: "Mir ist immer bewusst, dass ich als Frau geboren wurde, denn dadurch habe ich einen besonderen Blick aufs Leben. Nach meiner Transition war mein Blickwinkel ein anderer, so habe ich das große Glück, beide Perspektiven zu kennen. Davor sah ich sowohl weiblich als auch männlich aus. Ich komme aus einer Kleinstadt, wo mir geballter Hass entgegenschlug, weil die Leute nicht verstanden, wie sie mich einordnen sollten. Also waren sie grausam, nannten mich Lesbe oder Fettsack. Nachdem sich meine Stimme veränderte und mir ein Bart wuchs, waren alle sehr höflich, als hätte mir das Mannsein automatisch die Türen geöffnet. Das hat mich umgehauen. Es ist ein Riesenunterschied" – gerade so, als habe auch Ochoa mit seiner Transition eine Anti-Matrix-Pille geschluckt.
Die blinden Flecken im Werk von Simone de Beauvoir
Doch Simone de Beauvoir und ihr feministisches Engagement werden in der Dokumentation nicht nur gefeiert – auch die widersprüchlichen Facetten und blinden Flecke ihres Werks finden ausführlich Erwähnung. Dazu gehört auch ihre lesbische Seite. In "Das andere Geschlecht" hat sie ein Kapitel über weibliche Homosexualität verfasst, dort heißt es etwa.: "Oft versucht die Lesbierin, ihre Unterlegenheit in der Männerrolle durch Überheblichkeit und Exhibitionismus zu kompensieren – ein Ausdruck ihrer Unausgeglichenheit."
"Diese Passage wurde zurecht häufig kritisiert", sagt dazu die Historikerin Laure Murat. "Simone de Beauvoir wollte ihre lesbische Neigung nicht wahrhaben". Es sei deutlich zu spüren, wie unwohl sie sich mit diesem Thema fühle. "Sie wollte glasklar nicht zu dieser Kategorie gehören und war in dieser Hinsicht ziemlich homophob – ja, sogar aufbrausend. Wenn sie über ihre Liebhaberinnen sprach, verwendete sie eine grässliche Bezeichnung: betörendes Ungeziefer. Das sagt im Grunde mehr über sie selbst aus als über lesbische Frauen."
"Das Kapitel über lesbische Liebe ist ganz und gar enttäuschend"
Simone de Beauvoir verhält sich angesichts der repressiven Sexualmoral der Nachkriegszeit ungewöhnlich freizügig, wobei sie zu sich selbst eine gewisse Distanz hält. Doch in ihren heterosexuellen Affären äußert sie ungleich mehr Empathie – wie etwa in jener mit dem Chicagoer Schriftsteller Nelson Algrin. "Von nun an bin ich nur noch dieses glühende Verlangen nach Dir", schreibt sie in einem Brief an ihn. Laure Murat kommentiert das so: "Bei Algrin nimmt de Beauvoir geradezu überspitzt die Rolle der Frau ein, die sie in 'Das andere Geschlecht' bemängelt."
Auch Judith Butler zeigt sich in diesem Zusammenhang von Simone de Beauvoir desillusioniert: "Das Kapitel über lesbische Liebe ist ganz und gar enttäuschend. Simone de Beauvoir hindert uns daran, schwule und lesbische Sexualität zu begreifen. Auch für sie selbst akzeptiert sie es nur halbherzig."
Ein anderer Kritikpunkt: Beauvoirs Vergleich der Lage der Frauen mit jener der Schwarzen Bevölkerung. Auf ihrer USA-Reise zeigt sie sich entsetzt über die brutale Rassentrennung im Allgemeinen. Doch den doppelten Opferstatus der Schwarzen Frau oder rassistisches Verhalten von weißen Frauen sieht sie nicht. Dafür fehlt Simone de Beauvoir die intersektionale Perspektive. Für das Schlucken der Pille, die sie zu dieser Erkenntnis geführt hätte, war sie noch nicht bereit.
Links zum Thema:
» Die Doku "Das andere Geschlecht - Auf den Spuren von Simone de Beauvoir" in der ARTE-Mediathek
Mehr zum Thema:
» Mehr TV-Tipps zu LGBTI-Themen täglich auf queer.de
Mehr queere Kultur:
» auf sissymag.de
00:00h, BR:
Bulldog
Toni und ihr Sohn Bruno sind ein Herz und eine Seele, das ändert sich schlagartig, als sie auf Ibiza eine Frau kennenlernt.
Serie, D 2022- mehr TV-Tipps »













