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Kommentar
Streicht endlich den Satz "Er bekannte sich zu seiner Homosexualität"!
Ein sprachliches Fossil hält sich hartnäckig in Zeitungsartikeln, TV-Dokus und Politikerporträts, als wäre es im Duden unter "Pflichtformulierung für alles Nicht-Heterosexuelle" einzementiert worden.

Symbolbild: Schild "Let me be perfectly queer" beim CSD München 2024 (Bild: IMAGO / NurPhoto)
- Von Benjamin Wiegand
9. April 2025, 06:03h 2 Min.
Manchmal wünscht man sich, man könnte einem Satz einfach höflich die Tür zeigen. Oder ihm sagen: "Du, wir hatten unsere Zeit, aber jetzt wird's peinlich." Einer dieser Sätze ist: "Er bekannte sich zu seiner Homosexualität."
Klingt erst mal harmlos, oder? Geradezu edel. Da bekennt sich jemand. Wie mutig. Wie ehrlich. Wie… 1954.
Denn mal ehrlich: Wer "bekennt" sich heute noch zu etwas, das er schlichtweg ist? Niemand sagt: "Sie bekannte sich zu ihrer Introvertiertheit." Oder: "Er bekannte sich zum Genuss von Marzipan." Und doch hält sich dieses eine sprachliche Fossil hartnäckig in Zeitungsartikeln, TV-Dokus und Politikerporträts, als wäre es im Duden unter "Pflichtformulierung für alles Nicht-Heterosexuelle" einzementiert worden.
"Bekennen" riecht nach Reue, Mut und Drama
Das Wort "bekennen" trägt schwer. Es riecht nach Reue, nach Mut, nach Drama. Es hat etwas Kirchliches, etwas Gerichtssaalmäßiges, als müsse man sich erklären, rechtfertigen, beugen. Und genau das macht es so seltsam fehl am Platz, wenn es um eine schlichte Tatsache wie sexuelle Orientierung geht.
Ein Teil des Problems ist vielleicht auch die deutsche Sprachkultur selbst – besonders im Journalismus. Anglizismen werden dort oft umschifft, als hätte man Angst, mit dem falschen Wort das Abendland zu gefährden. Also schreibt man lieber umständlich "bekennen", statt einfach zu sagen: "Er outete sich." Oder, noch besser: "Er sagte, dass er schwul ist."
Denn so einfach ist es manchmal: Er ist schwul. Punkt. Sie liebt Frauen. Punkt. Sie leben zusammen. Punkt.
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Die simple Kunst des ganz Normalen
Sprache schafft Realität. Und wenn wir wollen, dass Homosexualität kein Spektakel mehr ist, dann sollten wir aufhören, sie wie ein solches zu behandeln. Nicht durch laute Parolen, sondern durch die simple Kunst des ganz Normalen und Einfachzusagens.
Vielleicht ist es an der Zeit, dass wir uns alle zu etwas bekennen: Zur Abschaffung des Satzes "Er bekannte sich zu seiner Homosexualität."
Er hat's hinter sich. Wir auch. Und die Sprache? Die darf jetzt gern ein bisschen erwachsener werden.















