Hauptmenü Accesskey 1 Hauptinhalt 2 Footer 3 Suche 4 Impressum 8 Kontakt 9 Startseite 0
Neu Presse TV-Tipps Termine
© Queer Communications GmbH
https://queer.de/?53213

Philologie trifft Sexualwissenschaft

Die Antike als Identifikationsangebot für Schwule

Heute vor 150 Jahren – am 10. April 1875 – wurde Paul Brandt geboren, der unter seinem Pseudonym Hans Licht die frühe Homosexuellenbewegung mit engagierten Büchern über die Antike unterstützte.


Zehn Bücher von Paul Brandt über die griechische Antike. Ein Foto von Brandt ist nicht bekannt

Paul Brandt (1875-1929) war ein deutscher klassischer Philologe, der heute vor allem durch seine zumeist unter dem Pseudonym Hans Licht verfassten Schriften zur Homosexualität in der griechischen Antike bekannt ist und einige Jahre als Lehrer wirkte. Nachfolgend stelle ich einige von Brandts Schriften vor, die zum Teil auch online zugänglich sind, und gehe danach auf seine Verbindungen zur frühen Homosexuellenbewegung ein. Für den Sexualwissenschaftler Max Marcuse ("Zeitschrift für Sexualwissenschaft", 1. Dezember 1929, S. 446-447) war Paul Brandt "der" Philologe unter den Sexualwissenschaftlern.


Brandts Veröffentlichungen über Homoerotik in der Antike

Von Brandts vielen Veröffentlichungen über die Antike möchte ich nur die wichtigsten Bücher und Aufsätze vorstellen. Soweit nicht anders angegeben, erschienen alle Beiträge unter Brandts Pseudonym Hans Licht. Auf seine Beiträge im "Jahrbuch für sexuelle Zwischenstufen" werde ich später im Zusammenhang mit der frühen Homosexuellenbewegung eingehen.

Seine Ovid-Übersetzungen (1902 und 1911)

Ovid war ein antiker römischer Dichter, der zu den großen Poeten der klassischen Epoche gehört. Er ist vor allem durch sein Werk "Metamorphosen" bekannt und hat in der homosexuellen Geschichtsforschung einen besonderen Stellenwert (s. mein Artikel auf queer.de).

Paul Brandt hat (unter diesem Namen) vier Werke von Ovid übersetzt und kommentiert, wobei an seinen Kommentaren in zwei online verfügbaren Büchern bereits sein emanzipatorischer Standpunkt deutlich wird. In seinen Anmerkungen zu Ovids Lehrgedicht "De arte amatoria libri tres" (auch bekannt als "Ars amandi" bzw. "Liebeskunst", 1902) schrieb Brandt recht unbefangen auch über die Männer, die "weiblich fühlen und nach männlicher Liebe verlangen" (S. 44, zu Zeile 524), sowie über die Liebe zu Mädchen und zu Knaben (S. 120, zu Zeile 684; s. a. S. 123, zu den Zeilen 719-720). In den Kommentaren zu Ovids Sammlung von Liebesgedichten "Amorum libri tres" (auch bekannt als "Amores", 1911) stellt er Homosexualität als etwas Selbstverständliches dar, greift Moralist*innen an (S. 66, zu Zeile 68) und betont, dass es so scheine, als wenn Ovid "den Gedanken, sich in einen Knaben zu verlieben, doch immerhin für möglich gehalten" habe (S. 41, zu Zeile 20).

Ein Vorverweis auf Brandts Lebensthema – "Sappho" (1905)

Sappho von Lesbos ist die indirekte Namensgeberin der "lesbischen Liebe" und wird manchmal sogar als eine Art "Urmutter" aller Lesben angesehen. Paul Brandt veröffentlichte unter seinem Klarnamen das Buch "Sappho. Ein Lebensbild aus den Frühlingstagen altgriechischer Dichtung" (1905). Als erste Veröffentlichung Brandts über die griechische Antike kann man diese Schrift als einen Vorverweis auf sein späteres Lebensthema ansehen, auch wenn sie leider von einem emanzipatorischen Statement weit entfernt ist. Gerüchte und "Gerede" über Sapphos Homosexualität sind für Brandt "Übertreibungen" und "Entstellungen" (S. 119) und er betont, dass "durch Welckers trefflichen Aufsatz die Ehre der Dichterin längst wieder hergestellt ist, und wir jetzt von der Haltlosigkeit der (…) Anschuldigungen fest überzeugt sind" (S. 45). Mit Welckers Aufsatz meint er die Schrift des Altphilologen Friedrich Gottlieb Welcker "Sappho von einem herrschenden Vorurtheil befreyt" (1816), die ich in meinem Artikel "Die unehrenhafte 'Ehrenrettung' von Sappho" auf queer.de bereits einer deutlichen Kritik unterzogen habe. Es ist leider nicht unüblich, dass von Autor*innen die Homosexualität von Frauen und Männern recht unterschiedlich bewertet wird. Später änderte Brandt seine Meinung über Sappho.


Brandts Meinung über Sappho hat sich mit den Jahren grundlegend geändert: sein Buch "Sappho" (1905) und ein Bild Sapphos aus seiner "Sittengeschichte Griechenlands" (1926, 2. Bd., S. 33)

Ein Gedicht und vier Aufsätze in "Anthropophyteia" (1910-1912)

Die ethnologisch-sexualwissenschaftliche Zeitschrift "Anthropophyteia" (1904-1913) erschien "nur für Gelehrte" unter Ausschluss des Buchhandels und der breiten Öffentlichkeit, was die Verantwortlichen nicht davor schützte, ab 1910 in zahlreiche Prozesse verwickelt zu werden. Das Jahrbuch enthielt u. a. Buchrezensionen und homoerotische arabische Liebesgedichte und griff auch Themen wie sexuelles Vokabular in verschiedenen Sprachen auf. Zu einer Sammlung von sexuellen Toilettensprüchen steuerte Paul Brandt als "Dr. Licht" einen Spruch aus einem Eisenbahnwagen bei: "Wenn zwei einander küssen, Und gehn dann pissen, Und kommen dann nicht wieder – Sind's warme Brüder" (Jg. 1910, S. 406).

In drei Jahrgängen der "Anthropophyteia" veröffentlichte Brandt als Hans Licht vier Aufsätze über Homosexualität in der Antike. Themen sind: "Der paidon eros in der griechischen Dichtung. Die attische Tragödie" (Jg. 1910, S. 128-179), "Homoerotische Briefe des Philostratos" (Jg. 1911, S. 216-224), "Homoerotik in den homerischen Gedichten" (Jg. 1912, S. 291-300) und – in Ergänzung zum ersten Beitrag – noch einmal "Der paidon eros in der griechischen Dichtung. Die attische Tragödie" (Jg. 1912, S. 300-316). Auch hier schrieb Brandt erkennbar nicht mit wissenschaftlicher Distanz, sondern aus einem emanzipatorischen Interesse heraus: "Nun mögen die Mucker (über die homosexuellen Handlungen) schreien und zetern, wahr bleibt's darum doch" (Jg. 1912, S. 297). Er gab seiner Hoffnung Ausdruck, dass sich die Erkenntnis durchsetzen möge, dass Homosexualität kein "widernatürliches Laster" sei (Jg. 1912, S. 300). Alle vier Beiträge wurden im "Jahrbuch für sexuelle Zwischenstufen" positiv besprochen und damit auch einer etwas größeren Öffentlichkeit bekannt.

"Die Homoerotik in der Griechischen Literatur" (1921)

Mit der Schrift "Die Homoerotik in der Griechischen Literatur. Lukianos von Samosata" (in der Reihe "Abhandlungen aus dem Gebiete der Sexualforschung", 1921) wollte Brandt anhand der Werke Lukians, des bedeutendsten Satirikers der griechischen Antike, beweisen, dass "die Jünglingsliebe mit der griechischen Literatur unlöslich verbunden sei". Außerdem betonte er, dass sich das Wort Knabe nicht auf "Kinder, also auf Geschlechtsunreife", beziehe. Dass er manchmal den Begriff "Knabe" bevorzuge, liege nur daran, dass dieser schöner und poetischer sei (S. 5). Auf diesen Umstand weist er in vielen seiner Schriften hin und verdeutlicht so seinen emanzipatorischen Ansatz. Auch die Literaturwissenschaftlerin Marita Keilson-Lauritz wies in ihrer Dissertation "Die Geschichte der eigenen Geschichte" (1997, S. 336) darauf hin, dass Brandt hier und an anderer Stelle den Begriff Knabenliebe "strategisch mit Jünglingsliebe" übersetze. Von Brandts Schrift von 1921 erschien 2014 bei Bremen University Press ein unveränderter Nachdruck.


"Die Homoerotik in der Griechischen Literatur" (Reprint 2014)

Zum ersten Mal auf Deutsch – Lukians "Erotes" (1920)

Von Lukian hat Paul Brandt ein Werk aus dem Griechischen übersetzt, kommentiert und unter dem Titel "Erotes. Ein Gespräch über die Liebe" (1920) veröffentlicht. Diese Ausgabe von 1920 ist die erste deutschsprachige Übersetzung des Werks, weil dieses zuvor von dem Lukian-Übersetzer Christoph Martin Wieland in seiner Lukian-"Gesamtausgabe" (1788-1789) ausgeklammert worden war, was Brandt wegen der dadurch zum Ausdruck gebrachten Tabuisierung von Homoerotik deutlich kritisierte (S. VII-IX). Brandts Ausgabe enthält als Illustrationen acht Steinzeichnungen von Werner Schmidt, die recht banale Alltagssituationen zeigen und nicht besonders erotisch sind. Nach Brandts Ansicht waren diese Zeichnungen eine "Scheußlichkeit" (Brief an den Schriftsteller Erich Ebermayer vom 27. April 1922).

In Lukians "Erotes" (S. 57-106) geht es um die Frage, ob die Liebe zu Frauen Vorrang vor der Liebe zu Jünglingen habe, wobei die frauenfeindliche Äußerung fällt: "ein Weib kannst du auch nach Knabenart genießen". Ein weiteres Thema ist das richtige Verhalten gegenüber begehrten Jünglingen und es werden Stufen der Liebe aufgezeigt, die vom Gucken über das Küssen bis zum "krönenden Finale" reichen. Die Herausgabe als erste deutsche Übersetzung ist grundsätzlich mutig. Brandt wirkt in seinen zugehörigen eigenen Texten (S. VII-X, 1-56, 107-188) jedoch außerordentlich zögerlich, vermutlich weil er Zensur befürchtete. So betont er, er habe bei seiner Übersetzung "der Not gehorchend etwas mildern" müssen (S. 150) und wolle sich über die "Unzucht mit dem Munde" (= Oralverkehr) gar nicht äußern (S. 152). Ohne Vorwissen ist kaum verständlich, was Brandt mit einem "Tröster aus Leder" oder einem "Olisbos" (= Dildo) meint (S. 163-165). Brandt hatte sogar Hemmungen, den Hintern eines Mannes zu benennen, und schreibt tabuisierend von "der Behaarung des Körperteils, der als Altar der Lust dient", und von einem "haarigen H…" (S. 156-157).


Lukian: "Erotes. Ein Gespräch über die Liebe" (Ausgaben von 1920 und 2017)

Trotz der zurückhaltenden Kommentierung schlug bei dieser "Erotes"-Ausgabe zunächst die Zensur zu, aber schon nach zehn Monaten konnte eine gerichtliche Freigabe erreicht werden. Das zeigen Bekanntgaben im "Börsenblatt für den deutschen Buchhandel": Die Beschlagnahmung im Januar 1921 (21. Januar 1921) wurde im November 1921 wieder aufgehoben, was der Verlag in der anschließenden Werbung (24. Januar 1922) als Erfolg mitteilte. 2017 erschien im Männerschwarm Verlag eine verdienstvolle (und leider bereits vergriffene) Neuausgabe von Brandts "Erotes"-Übersetzung.


Der Georg Müller Verlag setzte die Aufhebung der Beschlagnahme von sieben seiner Bücher für die Werbung ein, u. a. für "Erotes"

Vergleiche mit Plutarchs "Erotikos" und Platons "Gastmahl" (beide 1924)

Brandts Übersetzung von Plutarchs "Erotikos. Ein Gespräch über die Liebe" (1924) enthält ein aufschlussreiches Nachwort des Übersetzers (S. 159-189). Brandt stellt fest, im "Erotikos" gehe es um die Frage, "ob die Knabenliebe oder die eheliche Liebe den Vorzug verdient". Von Plutarch werde Homosexualität – "sehr im Gegensatz zu der Tendenz der 'Erotes' von Lukian – wenn auch nicht verworfen, so doch als minder wertvoll bezeichnet". Plutarchs "Erotikos" und Lukians "Erotes" gehören für Brandt deshalb zusammen.

"Der Reigen solcher Untersuchungen", ob der Homo- oder der Heterosexualität der Vorzug zu geben sei, werde, so Brandt, durch Platons "Symposion" (aka "Das Gastmahl") eröffnet ("Erotikos", S. 185), worin ebenfalls verschiedene Formen der Liebe behandelt werden. Ich habe deshalb keinen Zweifel daran, dass es das Thema Homosexualität war, das Brandt dazu bewog, im selben Jahr auch eine Übersetzung von Platons "Gastmahl" (1924) herauszugeben.

"Beiträge zur antiken Erotik" (1924)

Brandts unterschiedliche Beurteilung von weiblicher und männlicher Homosexualität wird auch in seinem Buch "Beiträge zur antiken Erotik" (1924) deutlich: In dem Kapitel "Von den Surrogaten der Liebe" (S. 75-82) stellt er die Liebe unter Frauen als einen Trost "in Ermangelung von Männern" dar. Sex ohne Penetration, z. B. durch einen Dildo, kann sich Brandt nicht vorstellen und er hat aus "begreiflichen Gründen kein Verlangen", ins Detail zu gehen. Als Beispiel lesbischer Liebe aus der Antike übersetzt er Lukians (von einigen Übersetzern unterschlagenes) fünftes Hetärengespräch über dieses Thema.

Ganz anders und ausführlich beschreibt Brandt die Liebe unter Männern bzw. von Männern zu Jünglingen in dem Kapitel "Vom andern Ufer der Liebe" (S. 162-206). Er schreibt, diese Liebe sei so alt wie die Menschheit und die Vorstellung, dass sie "erst ein Ergebnis dekadenter Zeiten sei, kann dem Wissenden nur ein mildes Lächeln ablocken". Er möchte dem Vorurteil von dem "unnatürlichen Laster" entgegentreten (S. 162-163) und wünscht sich indirekt, dass "die homoerotische Liebe in unserer Zeit ebenso anerkannt und geachtet wäre wie im griechischen Altertume" (S. 184).

Das Buch erschien nur in kleiner Auflage (S. 230) mit dem Vermerk: "Privatdruck. Dieses Werk darf nur an Bibliotheken, Gelehrte und Sammler abgegeben werden" (S. 2). Das schützte ihn jedoch nicht vor Zensur, vor allem wegen der Abbildungen antiker Kunstwerke. Auch dies ist im "Börsenblatt für den deutschen Buchhandel" dokumentiert: Zunächst wurde das Buch nach einem Beschluss des Landgerichts Dresden vom Juli 1925 beschlagnahmt (8. August 1925). Ein Dreivierteljahr später, im Januar 1926, wurde es vom Amtsgericht Dresden endgültig verboten, die Druckplatten sollten vernichtet werden. Nur sieben (von 14) Abbildungen wurden benannt, die nicht zu beanstanden seien (13. April 1926).


Die Grenze des Erlaubten in "Beiträge zur antiken Erotik": Verboten wurde die karikaturistische Darstellung eines Mannes, der seinen Penis als Plektron einsetzt (S. 197). Erlaubt blieb Pan, der seinem Geliebten Daphnis Musikunterricht erteilt (S. 162)

"Sittengeschichte Griechenlands" – 1. und 2. Band (1925-1926)

Paul Brandts Hauptwerk ist die dreibändige "Sittengeschichte Griechenlands" (1925-1928). Die prächtig ausgestatteten und reich illustrierten Bände haben u. a. mit Hermann Hesse, Thomas Mann und Franz Blei begeisterte Leser*innen gefunden. Thomas Mann schrieb, er habe die "Sittengeschichte" mit "besonderem Vergnügen empfangen (…). Die Abschnitte über die griechische Homoerotik sind das Merkwürdigste, menschlich Aufschlußreichste und übrigens Amüsanteste, was mir in Büchern über die Antike vorgekommen ist" (3. Band, 1928, S. VII).

Im ersten Band "Die griechische Gesellschaft" (1925) gehen die Hinweise auf "Knabenliebe" über einzelne Randnotizen (s. Register) nicht hinaus. Ganz anders der zweite Band über "Das Liebesleben der Griechen" (1926): Im dritten Kapitel behandelt Brandt zunächst recht kurz die "Tribadische Liebe" (S. 27-42). Es fällt ihm auch hier schwer, sich lesbischen Sex ohne Penetration vorzustellen: Ein "Beischlaf" unter Lesben "klingt im ersten Augenblick unmöglich", er komme aber – so Brandt – trotzdem nicht selten vor. Statt auf Anatomie wolle er jedoch lieber auf Literatur, bildende Kunst und Sappho eingehen. Danach behandelt er im fünften Kapitel sehr ausführlich "Die männliche Homoerotik" (S. 115-210) und hat hier mehr zu erzählen: vom griechischen Schönheitsideal, der Literatur, der bildenden Kunst, der männlichen Prostitution, der Ethik der Knabenliebe, "Ablehnende und bejahende Stimmen", "Lokale Einzelheiten" und "Namhafte Homoeroten".


Vier Männer (S. 151) und Eros, der einen Knaben entführt (S. 153), als Schalenmotive aus "Sittengeschichte Griechenland" (2. Band)

Von anderen Ausgaben dieser "Sittengeschichte" möchte ich ausdrücklich abraten: Parallel zu diesem dreibändigen Werk erschienen im selben Verlag die Bücher "Lebenskultur im alten Griechenland" (1925, textlich identisch mit Band 1 der "Sittengeschichte") und "Liebe und Ehe in Griechenland" (1925, textlich identisch mit Band 2 der "Sittengeschichte"). Sie sind auf schlechterem Papier gedruckt und beinhalten halb so viele Illustrationen. Später erschienen sogar Volksausgaben in unterschiedlichen Sprachen, die auch textlich gekürzt wurden. Von den ursprünglichen 867 Seiten der drei Bände blieben in der Rowohlt-Ausgabe von 1969 nur 315 Seiten übrig. Die englischsprachige Ausgabe "Sexual Life in Ancient Greece" (1932) wurde auf 557 Seiten heruntergekürzt. Unter diesem Titel erschien 2016 eine Neuausgabe bei Routledge, bei der eine Illustration mit homosexuellem Motiv auf das Cover gesetzt wurde.

"Sittengeschichte Griechenlands" – Ergänzungsband (1928)

Den Ergänzungsband "Die Erotik in der griechischen Kunst" (1928) gibt es – im Gegensatz zu den beiden ersten Bänden – nicht online. Das liegt offenbar daran, dass das Buch mit mehr als 60 gezeigten Erektionen bei Skulpturen, Lampenfiguren oder auf Vasenmalereien auch heute noch recht gewagt erscheint. Für das Jahr 1928 müssen diese Erektionen wie Pornos gewirkt haben und die Nennung der prominenten Fürsprecher diente offenbar der Legitimation. Der nichtöffentliche Vertrieb (S. IV: "Dieser Ergänzungsband wird nur an Bibliotheken, Gelehrte und wissenschaftliche Sammler abgegeben, die einen Revers unterschreiben, wonach der Band nur wissenschaftlichen Zwecken dient") scheint diesmal ausreichenden Schutz geboten zu haben. Ich habe keine Hinweise auf Zensurmaßnahmen gefunden, wie sie oben gegen Brandts wesentlich unverfänglichere Bücher "Erotes" und "Beiträge zur antiken Erotik" dokumentiert sind.

Auch im Ergänzungsband kommt Brandt auf Homosexualität zu sprechen. Im Kapitel "Tribadische Liebe" (S. 180-185) geht es um den "Mythos der Kugelmenschen", darum, dass sich Lesben angeblich mit einer großen Klitoris oder mit einem "Olisbos" (= Dildo) penetrieren, und um das vollständig abgedruckte fünfte "Hetärengespräch" des Lukian über lesbische Liebe.

Die sexuelle Deutlichkeit der Abbildungen spiegelt sich auch im Text des Kapitels "Die männliche Homoerotik" (S. 188-244) wider, in dem Analverkehr breit behandelt wird. Dazu bringt Brandt u. a. Gedichte wie "Die Grazien selbst, du Rundpopo, (…) Dein Anblick macht das Herze froh". Brandt geht auch auf das Wichsen ein – z. B. habe der Grieche Rhianos "oft mit der Hand" den "Liebeskampf" gekämpft. Er erwähnt Männer, die ebenfalls auf einen "Olisbos" (= Dildo) zurückgegriffen hätten, und beschreibt auch das "Endstadium" (= Orgasmus), wobei Sperma von den Griechen mit einer Wasserquelle parallelisiert worden sei. Der "anale Akt" sei durch Begriffe wie "Hintern schänden" oder Andeutungen über "Hintertüren" zum Ausdruck gebracht worden. Er habe als "Krone" der Jünglingsliebe gegolten – auch aus der "religiösen Anschauung" über einen "heiligen Samen" heraus. Auch das männliche Glied sei "Gegenstand religiöser Verehrung" gewesen. Brandt geht auf die Frage ein, wieso auch der sexuell passive Partner Lustgefühle empfinde, und verweist auf eine antike Theorie, wonach bei passiven Männern "die Samengefäße nicht zum Penis, sondern zum After führen". In der Antike habe es Paare gegeben, die durch eine Art "Vermählungsakt" miteinander verbunden gewesen seien. Als Zeichen für Analverkehr (und für Verachtung) sei der nach oben ausgestreckte Mittelfinger (= Stinkefinger) seit der Antike bekannt. Der zwischen Mittel- und Zeigefinger durchgesteckte Daumen sei ein Zeichen für den Koitus.

Diese drei Bände (von dem Inhalt des Lesbenkapitels einmal abgesehen) sind eine bedeutende Leistung der Kulturgeschichtsschreibung, die anspruchsvolle wissenschaftliche Texte, basierend auf einer emanzipatorischen Grundhaltung, mit anschaulichen und ansprechenden Fotos in guter Qualität verbindet. Am bedeutendsten ist der Ergänzungsband, der nie als Reprint erschien und auch nicht online eingesehen werden kann.


Im Ergänzungsband der "Sittengeschichte Griechenlands" sind rund 60 Erektionen zu sehen, wie bei der Bronzefigur eines Satyrs (Mischwesen aus der griechischen Mythologie), bei einem Bronze-Dreifuß und auf einem Wandgemälde in Pompeji (S. 76-77, 108-109 und 142-143)

"Kulturkuriosa aus Altgriechenland" (1929)

Brandts Buch "Kulturkuriosa als Altgriechenland" (1929) wurde als Sammlerstück in geringer Auflage publiziert, was die Seltenheit auf dem antiquarischen Buchmarkt erklärt. Es ist eine Sammlung von 194 (durchnummerierten) einzelnen Geschichten aus der antiken Literatur. Das Wort "Kulturkuriosa" ist manchmal durchaus passend, wenn Brandt z. B. von einer Dauererektion nach dem Baden in einer Wasserquelle berichtet ("Künstlicher Priapismus", Nr. 107, S. 175-176). Rund 20 dieser Geschichten haben einen homoerotischen Inhalt, wie die als selbstverständlich geschilderte Liebe von Männern zu Jünglingen. Sie handeln u. a. von dem römischen Kaiser Hadrian, der sich in Antinous ("Antinous", Nr. 35, S. 97-101), und von dem berühmten Redner Demosthenes, der sich in Aristarchos verliebte ("Sinnlichkeit des Demosthenes", Nr. 23, S. 79-80). Der Buchtitel irritiert spätestens dann, wenn Brandt auch von Morden mit homosexuellem Hintergrund berichtet, wie der Ermordung Philipps II., des Königs von Mazedonien, im Jahre 336 v. Chr. durch seinen Liebhaber und Pagen Pausanias ("Aus Päderastie entstandene politische Verwicklung", Nr. 29, S. 85-87; s. a. Wikipedia).

Mit eigenen Kommentaren hält sich Brandt in diesem Buch weitgehend zurück. Zu den Ausnahmen gehört ein Hinweis auf die Bewohner*innen der Insel Melos, die ihre Knaben bis zum 16. Lebensjahr "nackt den Gästen aufwarten (ließen), um sich von ihnen abküssen zu lassen", was Brandt mit den Worten kommentiert: "Die Sache ist an sich bedeutungslos, wird aber wichtig für die richtige Einschätzung der Bedeutung der griechischen Pädophilie" ("Vom Liebsten das Liebste", Nr. 173, S. 271). Wenn Brandt eine Quelle zitiert, wonach Theseus mit Helena "wie mit einem Knaben" verkehrt habe ("Theseus und Helena", Nr. 48, S. 119), ist damit heterosexueller Analverkehr gemeint. Dieses Zitat vergleicht Brandt mit einem ähnlichen von Goethe: "Knaben liebt ich wohl auch, doch lieber sind mir die Mädchen, / Hab ich als Mädchen sie satt, dient sie als Knabe mir noch" (s. wikiquote; weitere Geschichten mit homoerotischem Hintergrund sind: Nr. 1, 4, 6, 10, 20, 23, 24, 27, 33, 49, 52, 59, 111, 112, 114, 144).


Paul Brandt und die frühe Homosexuellenbewegung

Paul Brandt war ansonsten politisch nie aktiv, hat aber mit seinen Schriften die homosexuelle Emanzipationsbewegung unterstützt und in zwei Fällen auch zu aktuellen Homosexuellenskandalen seiner Zeit Stellung bezogen.

Paul Brandts Verbindung zum WhK und zum "Jahrbuch für sexuelle Zwischenstufen"

Brandts Kontakte zum Wissenschaftlich-humanitären Komitee (WhK), das das "Jahrbuch für sexuelle Zwischenstufen" (JfsZ) herausgab, waren vielfältig. Bereits an dem ersten in diesem Jahrbuch unter dem Namen Paul Brandt veröffentlichten Aufsatz "Der paidon eros in der griechischen Dichtung" (Teil I: Jg. 1906, S. 619-684; s. a. Teil II: Jg. 1908, S. 213-312) wird die Redaktion gemerkt haben, dass Brandt mit seinem emanzipatorischen Ansatz für die Bewegung hilfreich sein konnte. Fast alle Besprechungen von Publikationen Brandts bzw. Lichts im JfsZ sind sehr positiv. In seiner Einleitung zu dem genannten Aufsatz (Teil I) bezeichnete es Brandt sogar als Pflicht jedes Gebildeten, an der Legalisierung der männlichen Homosexualität mitzuarbeiten (S. 621). Die Petition für die Abschaffung des § 175 hat er allerdings wohl erst viel später unterschrieben (JfsZ, Jg. 1923, S. 230).

Es spricht für die Unabhängigkeit der Redaktion des JfsZ, dass sie eine recht deutliche Kritik von Brandts unsäglicher "Sappho"-Schrift von Numa Praetorius (d. i. Eugen Wilhelm) abdruckte (Jg. 1906, S. 842-844): Brandt gehöre zwar nicht zu den Autoren, die keine Ahnung von der Homosexualität hätten und "trotzdem sich anmaßen, in salbungsvollem Tone mit der Brille ihres der Wirklichkeit entfremdeten Idealismus homosexuelle Persönlichkeiten und Verhältnisse zu betrachten". Umso mehr befremde es aber, wie er über Sappho und ihre Liebe zu Frauen schreibe: "Es wirkt seltsam, (…) wie Brandt diese Verhältnisse (…) als Liebesverhältnisse schildert und danach den geschlechtlichen Charakter leugnet." Wie schon erwähnt, änderte Brandt seine Meinung über Sappho in späteren Jahren.

Paul Brandts Verbindung zu Magnus Hirschfeld

Der erste Aufsatz von Brandt im Jahrbuch ging auf eine Bitte von Magnus Hirschfeld zurück (JfsZ, Jg. 1906, S. 621). Beide Männer standen also offenbar in Kontakt. In seinem wichtigen Werk "Die Homosexualität des Mannes und des Weibes" (1914, s. Namensregister) nennt Magnus Hirschfeld neunmal Paul Brandt und sechsmal Hans Licht, wobei es an den betreffenden Stellen durchweg um die Antike und nicht um Brandt bzw. Licht selbst ging. Für Hirschfeld scheinen Brandt und Licht demnach zwei verschiedene Autoren gewesen zu sein. Wusste Hirschfeld nicht, dass sich hinter dem Pseudonym Hans Licht Paul Brandt verbarg oder wollte er es einfach nicht aufdecken?

Nach Ansicht von Bernd-Ulrich Hergemöller (Artikel über Brandt im "Personenlexikon der Sexualforschung", 2009, S. 80-82) "dürfte" es Brandt "gewesen sein, der den anonymen Großbeitrag" über die Antike in Hirschfelds Werk "Die Homosexualität des Mannes und des Weibes" geschrieben habe. Für ihn deuten die zahlreichen Fußnoten mit Nennung Brandts bzw. Lichts darauf hin. Weder das 33. Kapitel über die Antike (S. 737-809) noch ein anderes wurde jedoch als anonym gekennzeichnet. Für die Annahme, dass ein Kapitel nicht von Hirschfeld stammt, sprechen keine Hinweise und es würde auch nicht zu Hirschfelds Stil passen, fremde Texte als eigene auszugeben. Was allerdings stimmt: Die in diesem Buch abgedruckte Liste berühmter Homosexueller des klassischen Altertums (S. 650-657) wurde von Brandt zusammengestellt (s. Hinweis von "Hans Licht" in seiner Ausgabe von Lukians "Erotes", 1920, S. 113). Brandt hatte eine hohe Meinung von Hirschfeld. Das wird auch durch Brandts Rede zu Hirschfelds 50. Geburtstag deutlich, in der er den "allverehrten" Magnus Hirschfeld mit Herakles vergleicht, denn auch Hirschfeld habe gegen Bosheit und Unwissenheit gekämpft, andere befreit und sei zum Retter geworden (JfsZ, Jg. 1918, S. 53-54).

Paul Brandt über zeitgenössische Themen

Mit zwei Veröffentlichungen über Homosexualität in der "Zeitschrift für Sexualwissenschaft" verließ Brandt den Bereich der klassischen Antike und beteiligte sich an aktuellen Diskussionen der Homosexuellenbewegung. Diese Beiträge sind allerdings von seinen Vorstellungen vom "pädagogischen Eros" geprägt, für die er sich ebenfalls auf die Antike bezog. In "Betrachtungen zur Blüherfehde" (Jg. 1921/1922, Heft 2, S. 66-70) geht es um Hans Blüher, der insbesondere mit seinem zweibändigen, teils als skandalös empfundenen Werk "Die Rolle der Erotik in der männlichen Gesellschaft" (1917, 1919) eine Diskussion über Homosexualität im Wandervogel entfacht hatte. Brandt betonte, er wolle sich nicht für oder gegen Blüher positionieren, sondern verurteile die aggressive Auseinandersetzung. Wenn Brandt in diesem Zusammenhang einen Blüher-Gegner kritisiert, der behauptet hatte, Blüher verherrliche eine Erotik, "an der das griechische Altertum zugrunde gegangen ist", wird spürbar, dass Brandt nicht Blüher, sondern vor allem die Antike zu verteidigen versuchte.

Parallelen dazu gibt es in seinem Aufsatz "Betrachtungen zum Fall Wyneken" in derselben Zeitschrift (Jg. 1922/1923, Heft 1, S. 24-26), der vom Reformpädagogen Gustav Wyneken, dem Gründer der Freien Schulgemeinde Wickersdorf, handelt. Weil Wyneken einen 12-jährigen und einen 17-jährigen Jungen nackt umarmt und geküsst haben sollte, wurde er wegen Kindesmissbrauchs zu einer Gefängnisstrafe verurteilt. Brandt billigte Wynekens Handlungen nicht, sah sie aber auch nicht als Verbrechen an, die so hart bestraft werden dürften: "Wynekens ganze Schuld besteht darin, daß er mit der Griechenseele im Deutschland des zwanzigsten Jahrhunderts lebt."

Das "Handwörterbuch der Sexualwissenschaft"

Auch in insgesamt 13 Artikeln in dem von Max Marcuse herausgegebenen "Handwörterbuch der Sexualwissenschaft" (1923, hier zitiert nach der 2. Auflage 1926) geht Brandt thematisch über die Antike hinaus. Im längsten Artikel, dem über "Päderastie" (S. 534-543), ist er sexuell sehr deutlich, wenn er von der "gottgewollten Handlung" des Analverkehrs schreibt und davon, wie dieser einen "Liebesbund (…) besiegelt". Päderastie gehöre "zur staatserhaltenden Kraft und zur Grundlage der griechischen Ethik". Er erwähnt auch die Sarten in Turkestan, die junge, gutaussehende sogenannte Batschas verehrten. Dieser "Päderastie"-Artikel wurde in dem 2017 erschienenen Reprint von Brandts "Erotes"-Ausgabe (S. 96-110) weitgehend vollständig, aber ohne Illustrationen nachgedruckt.

Von den zwölf weiteren Artikeln Brandts im "Handwörterbuch der Sexualwissenschaft" möchte ich nur noch auf den Beitrag über "Sappho" (S. 677-678) hinweisen, in dem Brandt auf seine eigene 20 Jahre alte "Sappho"-Schrift (1905) verweist. Bisher ist es übrigens keinem Historiker aufgefallen, dass Brandt seit 1905 eine überraschende Kehrtwende vollzogen hatte und nun Sappho ihr Lesbischsein nicht mehr absprach.


Foto von Sarten in Turkestan, deren homoerotisches Begehren Brandt mit dem der Griechen vergleicht

Warum wählte Paul Brandt das Pseudonym Hans Licht?

Paul Brandt hat viele Beiträge über Homosexualität unter seinem Klarnamen veröffentlicht, häufig aber auch das Pseudonym Hans Licht verwendet. Im "Jahrbuch für sexuelle Zwischenstufen" veröffentlichte er Texte unter beiden Namen. Besonders merkwürdig erscheint, dass im Anhang seiner Schrift "Die Homoerotik in der Griechischen Literatur", die unter dem Pseudonym "Hans Licht" erschien, (1921) darauf hingewiesen wurde, dass von "demselben Verfasser (Prof. Dr. Brandt)" weitere Publikationen unter beiden Namen erschienen waren.

Damit gibt es zwar keinen Zweifel an der Identifizierung des Pseudonyms, aber an seiner Notwendigkeit. Die Begründung des Sexualwissenschaftlers Max Marcuse in seinem Nachruf auf Brandt ("Zeitschrift für Sexualwissenschaft", 1. Dezember 1929, S. 446-447), dass Brandt das Pseudonym wegen der "Rücksicht auf seine amtliche Stellung" verwendet habe, ist – zumindest für die späteren Jahre – nicht besonders schlüssig. Ich stimme daher Bernd-Ulrich Hergemöller zu, der in seinem biografischen Lexikon "Mann für Mann" (2010, S. 190-192, hier S. 190) betont, dass der Autor eine "schwer durchschaubare Doppelexistenz" als Paul Brandt und Hans Licht führte.


Wofür brauchte Brandt ein Pseudonym? Auf dem Cover der Schrift "Die Homoerotik in der Griechischen Literatur" steht als Autor "Hans Licht". Im Anhang derselben Schrift wird darauf hingewiesen, dass "Hans Licht" das Pseudonym Paul Brandts ist

Erich Ebermayers Nachruf auf Paul Brandt

Auch nach dem Tod Paul Brandts am 28. Oktober 1929 wurde nie ein Foto von ihm veröffentlicht. Die private Person Paul Brandt bleibt, auch wenn in seinen Büchern manchmal seine persönliche Meinung zum Ausdruck kommt, recht schatten- und schemenhaft. Der ihm nahestehende schwule Schriftsteller Erich Ebermayer war wohl (neben Max Marcuse) einer der wenigen, die einen Nachruf auf ihn veröffentlichten ("Ein Kämpfer stirbt", in: "Die literarische Welt", Nr. 51/52, 19.12.1929, S. 17). Er stellte zu Brandts frühem Tod fest: "Wen interessierte es? Wer nahm Notiz? Ich glaube niemand." Er wies auf Brandts Schriften und seinen jahrzehntelangen Kampf gegen den § 175 RStGB hin. Ansatzweise erfahren wir in diesem Nachruf auch etwas über die Denunzierung Brandts an seiner Schule und die anschließende Strafversetzung von Leipzig nach Schneeberg im Erzgebirge. Nur weil er "einen jungen Menschen angesprochen" habe (den er wohl für einen Stricher hielt), sei er als Lehrer nach Schneeberg zwangsversetzt worden. Es sei sogar gespottet worden, dass man ihn wohl besser an eine Mädchenschule hätte versetzen müssen. Dieser dezente Hinweis Ebermayers auf Brandts Homosexualität war kein boshaftes posthumes Outing, sondern erkennbar von dem Wunsch nach Enttabuisierung der Homosexualität getragen. Brandt wurde nur 54 Jahre alt. Ohne "Dummheit und Haß" der Schulbehörde – so Ebermayer – hätte Brandt wohl länger und glücklicher leben können.

Die Queer-Kollekte
Die queere Community braucht eine starke journalistische Stimme – gerade jetzt! Leiste deinen Beitrag, um die Arbeit von queer.de abzusichern.
Jetzt unterstützen!

Seine Bücher leben weiter

Im Gegensatz zu Brandts Leben ist sein Lebenswerk gut dokumentiert, weitgehend online und lässt sich daher leicht bewerten. Zum Weiterlesen kann ich vor allem das Nachwort von Wolfram Setz "̦'Opfern auf den Altären des Eros'. Paul Brandt und Hans Licht" in der Neuausgabe von Brandts "Erotes"-Übersetzung (2017, S. 111-172) empfehlen. Auch wenn der Schwerpunkt darin auf Brandts Lukian-Übersetzung liegt, ist es der wohl ausführlichste Beitrag über sein Leben und Werk. Setz zitiert ausführlich aus den Briefen Paul Brandts an Erich Ebermayer.

Zwei online verfügbare Beiträge stammen aus der Feder des Historikers Bernd-Ulrich Hergemöller und wurden in den beiden biografischen Lexika "Personenlexikon der Sexualforschung" (2009, S. 80-82) und "Mann für Mann" (2010, S. 190-192) veröffentlicht. Im "Personenlexikon der Sexualforschung" schreibt Hergemöller, Brandt erziele mit seinen profunden Kenntnissen der Antike insofern einen "Paradigmenwechsel in der traditionellen Hellas-Forschung, als er das Tabu der griechischen Knabenliebe durchbricht". Für Brandt war homosexuelles Begehren keine "Perversion", sondern ein wichtiger Schlüssel zum Verständnis der antiken Kultur. Von seinen emanzipatorischen Schriften ist bis heute vor allem ein unterschwelliges Identifikationsangebot für seine Leserschaft geblieben, das zumindest zu Beginn der Homosexuellenbewegung eine große Bedeutung hatte.


Paul Brandt bleibt wohl vor allem durch die Nachdrucke seiner "Sittengeschichte Griechenlands" in Erinnerung, die allerdings leider alle stark gekürzt wurden und den Ergänzungsband ausklammerten. Hier eine deutsche Fassung (1969) und zwei englische Fassungen, die unter dem Titel "Sexual Life in Ancient Greece" (1993 und 2016) erschienen

-w-