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Filmpremiere
Selbstfindung einer exhibitionistischen Dragqueen auf Gran Canaria
Mitte 60, aber weder müde noch einsam: Tim Lienhard dreht eine Doku über sich und queeres Älterwerden auf der schwulsten aller Inseln. Dabei beweist er großen Mut zum Trash und zur Selbstentblößung. Viele harte Schwänze gehören da natürlich dazu.

Filmstill aus "Wenn nichts mehr geht, dann Gran Canaria": Tim Lienhard in Drag und Felix im Yumbo Center (Bild: 101movie)
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10. April 2025, 08:18h 4 Min.
Trotz alltäglicher Sexualisierung und routiniert verschickter Dickpics: Ein großer, steifer Schwanz ist ein Hingucker, vor allem im Kino. Und einen Film mit einem Hingucker zu beginnen, ist immer eine gute Idee. Die Aufmerksamkeit ist also da, sobald "Wenn nichts mehr geht, dann Gran Canaria" losgeht.
Und Aufmerksamkeit ist das große Thema dieses Films, der sich nicht recht in eine Schublade stecken lässt. Ein bisschen Insel-Reportage mit interessanten Interviewpartner*innen, Reisedoku mit Agentur-Drohnenflügen, vor allem aber semiprofessionell gedrehte Selbstreflexion und -darstellung, garniert mit viel nackter Haut junger, normschöner Männerkörper.
Zwischen Faszination und Fremdscham

Poster zum Film: "Wenn nichts mehr geht, dann Gran Canaria" feiert am 10. April 2025 um 19.30 Uhr Premiere im Berliner Kino Babylon. Am 15. und 17. April gibt es weitere Vorführungen
Das gibt der Journalist und Filmemacher Tim Lienhard auch unverhohlen zu: Er ist 64, sein Herz schlage aber für junge Männer Anfang, Mitte 20. Er lerne ständig neue Freunde kennen, lädt sie alle in seine mehr als großzügige Berliner Altbauwohnung ein, und macht dort mit ihnen Gruppenfotos. Er ist umringt von halbnackten Jünglingen. Faszination, Fremdscham oder beides?
Mit zwei von ihnen, Jonas und Enrico, reist er nach Gran Canaria. Die jungen Männer werden seine Regieassistenten und halten auch mal eine Kamera auf ihn. Aber es wäre ja schade, sie hinter der Kamera zu verstecken. Glatte Haut und Sixpack eignen sich für Nahaufnahmen, in den Dünen oder unter der Dusche. Später einmal beschweren sich beide, am Strand immer angegafft zu werden.
Die hemmungslose Suche nach körperlicher Nähe
Zuerst aber geht's ins andalusische Torremolinos zu einem Pornofestival. Das Klassentreffen der Onlyfans-Stars. Tim geht dort in Drag herum, mit lilafarbener Perücke und seinen charakteristischen Plastikschüsseln als Brust-Ersatz. Ein skurriler Fremdkörper, der aber alle Blicke auf sich versammelt. Mit Sixpack und 19 Zentimetern fällt man hier weniger auf.
Ähnlich ist auch seine Reise nach Gran Canaria, auf die wohl queerste Insel der Welt, Sehnsuchtsort vieler Schwuler von Nah und Fern. Er läuft in seiner schrillen Aufmachung durch das Yumbo Center, den schwulen Laufsteg mit Bars und Clubs. In Drag hier zu sein, ist vor allem ein Vehikel. Er suche "hemmungslos körperliche Nähe", was die Männer auch mit sich machen lassen. Ein Mann in Drag ist alles, nur keine Konkurrenz.

Alter, Identität, Sexualität und Selbstwertgefühl sind die Leitmotive des schillernden Dokumentarfilms (Bild: 101movie)
Highlight: Die Interviews mit Queers Ü60
Tim Lienhard ist auch hier, um mit seinem Alter klarzukommen. Dafür sucht er andere queere Menschen über 60. Und mit wem er so spricht, ist tatsächlich interessant: Roxana, Crossdresser aus Großbritannien, "90 Prozent hetero Mann", die anderen zehn Prozent lebt er hier aus.
Oder drei Deutsche, eine*r zum ersten Mal in der weiblichen Rolle zum Pride auf Gran Canaria. Ein deutscher Gastronom, der vom Leben in der Sonne schwärmt. Ein schwules deutsches Paar, das abwechselnd hier und in Frankfurt lebt – beide sind online nur ein paar Jahre jünger, aber die Fotos sind immer aktuell, versprechen sie.
Ein Boot mit nackten Schwulen als Inbild "schützenswerter Freiheit"
Der Filmemacher macht sich aber vor allem Gedanken über sich selbst und fragt sich, ob er ein Exhibitionist ist. Ziemlich offen und im besten Sinne schambefreit zeigt er sich nackt und mit Ständer.
Ein bisschen feigenblattartig wirkt es, das mit der weltweiten politischen Entwicklung zu verknüpfen. Ja, Freiheiten sind bedroht, und es trifft auch die Bessergestellten unter den Marginalisierten. Aber ob ein vor der Küste herumschippernedes Motorboot mit einer Gruppe nackter Schwuler, die dort tanzen und ficken können, das Inbild einer "schützenswerten Freiheit" ist – das sei mal dahingestellt.
"Wenn nichts mehr geht, dann Gran Canaria" ist ein auf ganz vielen Ebenen bemerkenswerter Film. Manche Stellen sind furchtbar, floskelhaft und an unfreiwilliger Komik oder vor sich hergetragener Prätention kaum zu übertreffen.
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Keine Spur Verletzlichkeit
Andere Momente sind durch und durch faszinierend, vor allem aus voyeuristischer Sicht. Denn Tim Lienhard beweist einen gewaltigen Mut zum Trash und zur Selbstentblößung. Das müsste ihn eigentlich verletzlich machen, aber davon ist nichts zu spüren. Ist sie überwunden oder nur gut kaschiert?
Vielleicht ist die größte Erkenntnis die, die Kult-Regisseur Rosa von Praunheim teilt: In seinem epochalen Film "Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation, in der er lebt" von 1971 habe er noch das Klischeebild des alten und traurigen Schwulen gezeigt. Das trifft heute immer weniger zu. Und niemand ist so weit davon entfernt wie Tim Lienhard.
"Wenn nichts mehr geht, dann Gran Canaria" feiert am Donnerstag, den 10. April 2025 um 19.30 Uhr Premiere im Berliner Kino Babylon. Am 15. und 17. April gibt es weitere Vorführungen.
Links zum Thema:
» Alle Kinotermine im Babylon am Rosa-Luxemburg-Platz in Berlin
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