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Interview

"Chemsex wird jetzt noch mehr in den Untergrund gedrängt"

Ed Firth erzählt in seiner Comic-Reihe "Horny & High" von schwulen Chemsex-Partys. Im Interview erklärt er, was Drogen mit Einsamkeit zu tun haben, warum er Ralf König seine Karriere verdankt – und wie eine satirische Analsex-Szene doch sehr nah an die Realität kommt.


Szene aus dem englischen Original von "Horny & High Vol. 2"

"Horny & High" von Ed Firth ist der erste Comic über schwule Chemsex-Partys (queer.de berichtete). Die Comicreihe – Volume 2 (Amazon-Affiliate-Link ) ist Ende letztes Jahres auf Deutsch im Männerschwarm Verlag erschienen – zeigt eine Welt voller harter Schwänze, unbändiger Lust und Ekstase, stellt aber auch die Schattenseiten der illegalen Substanzen dar.

Der Künstler ist aktiv bei "Controlling Chemsex", einer Londoner Beratungsstelle. In der britischen Hauptstadt sterben durchschnittlich drei Menschen pro Monat an Chemsex (queer.de berichtete). Bei der Drogen- und Suchtberatung der Berliner Schwulenberatung komme mittlerweile die Hälfte der Ratsuchenden wegen Chemsex-Drogen (queer.de berichtete). Auch die Deutsche Aidshilfe informiert über das Thema.

Ed Firth war kürzlich für einen dreimonatigen Aufenthalt im Tom of Finland House in Los Angeles. Er hat sich Zeit genommen für ein Videogespräch mit queer.de – über seine künstlerische und aktivistische Arbeit, seine Inspiration und den Drang, Geld zu verdienen.


Ed Firth (Bild: edwardfirth.com)

Ed, in deiner Comicreihe "Horny & High" geht es um wilde schwule Sexpartys und den Konsum von Drogen. Hattest du Angst, dass deine Arbeit das Klischee über promiskuitive Schwule bestätigt?

Ich würde nicht sagen, dass ich Angst davor hatte. Aber als ich am zweiten Band gearbeitet habe, meinte ein Freund zu mir, dass das Munition für homophobe Menschen und Kritiker*­innen unserer queeren Kultur und Gesellschaft sein könnte. Aber über diese Themen muss man sprechen.

Ich habe unglaublich viele Rückmeldungen von Leser*­innen bekommen, die mir geschrieben haben, wie froh sie sind, dass ich diese Geschichten erzähle. Dass es Kunst gibt, in denen sie sich selbst und ihre Erfahrungen wiederfinden können. Es eröffnet viele Gespräche und lässt viele Leute ihre eigenen Geschichten erzählen. Und wenn jemand irgendetwas beweisen will, wird er immer einen Beweis dafür finden.

Bleiben wir mal bei der Identifikation: Glaubst du, "Horny & High" ist interessanter für diejenigen, die Chills und Sexpartys kennen, weil sie sich mit der Geschichte identifizieren können, oder ist es spannender für die, die sowas überhaupt nicht kennen, so aber ihren Voyeurismus befriedigen können?

Ich würde gerne beiden Gruppen gerecht werden. Ich bin nicht wirklich selbst Teil dieser Welt, aber es gab Zeiten, in denen ich ihr sehr nahe war, und ich habe Typen getroffen, die high waren oder gerade von so einer Party kamen.

Und selbst Leute, die nie bei einem Chillout mitgemacht oder solche Drogen genommen haben, kennen Geschichten darüber. Sie haben Freunde, die sowas gemacht haben, manche haben Freunde verloren. Wir sitzen also alle im selben Boot.

Was du zeichnest, wirkt ziemlich authentisch. Welche Erfahrungen hast du selbst gemacht? Hast du viel recherchiert?

Ich habe noch nie Meth oder G genommen. Aber ich hatte schon viel Gruppensex. In meinen Zwanzigern war ich auch auf sehr drogenlastigen Partys. Ich weiß, wie Männer bei so etwas ticken. Und ja, ich habe viel recherchiert und mit Leuten gesprochen. Dann habe ich mir einiges ausgedacht, und ich hätte eigentlich gedacht, das ginge als Satire durch.

Zum Beispiel sieht man im ersten Band Typen, die Analsex haben, und einer hat sein Handy auf dem Rücken von dem Typen, den er gerade fickt, und scrollt auf Grindr. Dann haben die ersten Leute, denen ich den Band gezeigt habe, sofort gesagt: Oh mein Gott, genau sowas passiert. Die waren überzeugt, dass ich auch auf solchen Partys gewesen sein muss.

Wenn man auf Dating-Apps unterwegs ist, hat man das Gefühl, dass Drogen ein großer Teil eines bestimmten schwulen Lebensstils sind. Findest du es gut, dass Schwule so offen darüber sprechen, während der Mainstream eher versucht, nicht über Drogen zu sprechen, obwohl auch dort der Konsum zunimmt.

Ich glaube, dass sich bei Chemsex mittlerweile eine Art Verschwörung des Schweigens entwickelt hat, weil damit so viel Scham verbunden ist. Außerdem sorgt das Verbot von Drogen dafür, dass man sich eingesteht, kriminell zu sein, wenn man darüber spricht. Wo Drogen legalisiert wurden, sinkt der Konsum deutlich.

Ich habe das Gefühl, dass inzwischen weniger Männer online angeben, dass sie high und horny sind oder nach bestimmten Drogen suchen, weil das stigmatisiert ist. Eher sieht man den roten Kreis und "NO H&H / no chems" als Reaktion auf die vielen Profile mit Chills und Drogen, die es früher gab.

Es gibt also eher einen Backlash, und Chemsex wird jetzt noch mehr in den Untergrund gedrängt. Grindr sagt, dass sie alles in ihrer Macht Stehende tun, um gegen Drogen vorzugehen, was aber nicht stimmt. Auch auf Scruff kann ich nicht offen über meine Arbeit bei "Controlling Chemsex" sprechen, einer Organisation in London, wo ich ehrenamtlich Menschen mit Chemsex-Suchtproblemen helfe. Ich kann nicht offen darüber reden, weil das Wort Chemsex verboten ist, mein Profil wurde gelöscht. Das schützt aber niemanden, sondern das verhindert, darüber zu sprechen. Und Schweigen bedeutet Tod.

Ich bin mir also unsicher, wie offen Schwule mit Drogen umgehen. Ich denke, dass sich das gerade ändert. Eine Zeitlang hat G einigen Leuten Spaß gemacht, aber mittlerweile wissen mehr Leute, wie gefährlich G ist und wie leicht man daran sterben kann.


"Horny & High Vol. 2" ist Ende 2024 im Männerschwarm Verlag erschienen

Schon 2017 hat Michael Hobbes in der "Huffington Post" über Chemsex geschrieben und nannte das die "Epidemie der schwulen Einsamkeit". Würdest du dem zustimmen?

Meth und G können etwas versprechen: Du nimmst die Droge, und plötzlich bist du mit jemandem wie verschmolzen. Aber dann wirst du nüchtern und denkst nur: Oh, was zum Teufel habe ich mit diesem Typen gemacht – mit jemandem, mit dem ich normalerweise keinen Sex haben würde?

Einsamkeit ist nicht nur eine schwule Angelegenheit. Viele Menschen fühlen sich einsam, und das hat eine Art toxische Wirkung auf den Körper. Einsamkeit trägt definitiv dazu bei, dass Menschen Drogen nehmen. Außerdem schämen sich die Menschen sehr, einsam zu sein.

Verinnerlichte Homophobie vermittelt vielen Schwulen außerdem ein sehr kompliziertes Verhältnis zu Sex und Vergnügen. Einen Partner zu haben, kann sich manchmal sehr weit weg anfühlen. So kommt man an einen Punkt, an dem Drogen alles scheinbar einfacher machen. Im Laufe der Zeit merken viele dann, dass die Drogen sie noch einsamer machen.

Einige der Menschen, mit denen ich bei "Controlling Chemsex" spreche, haben einen Therapeuten, sie gehen zum Arzt, sie stehen ihrer Familie sehr nahe, und niemand von ihnen weiß, dass sie Drogen nehmen und dass sie Chemsex haben. Und sie denken, dass sie niemandem davon erzählen können, weil sie sich schämen.

Manchmal erzählen sie nicht einmal ihren schwulen Freunden davon. Es ist eine schreckliche Form von schwuler Einsamkeit, wenn Chemsex den Menschen das Gefühl gibt, nicht darüber sprechen zu können, obwohl es ein Teil ihres Lebens ist, der ihnen so viele Probleme bereitet.

Zurück zu dir als Künstler: Kannst du erklären, wie du deinen persönlichen Stil als Künstler entwickelt hast?

Ich hatte lange Zeit das Gefühl, dass ich keinen richtigen Stil habe. Wenn ich einfach nur auf ein Blatt Papier gekritzelt habe, hat mir nicht gefallen, wie es aussieht, und vielleicht habe ich mich unwohl gefühlt über die Beziehung zu mir selbst darin.

Ich hatte Skizzenbücher aus 25 Jahren. Ich hatte Abertausende von Zeichnungen, Collagen und Malereien und eines Tages, so 2010, 2012, wurde mir klar, dass die Antwort genau darin liegt. Genau das rate ich auch anderen Künstler*­innen: Geh einfach durch deine Arbeiten, und die Antwort ist da drin. Wenn die Edelsteine, nach denen man sucht, nicht da sind, dann ist zumindest die Substanz, aus der man etwas Großartiges machen kann, da drin.

Comics sind ja eine sehr komplexe Kunstform, weil Handlung, Dialog und Zeichnungen zusammenwirken müssen. Womit fängst du an?

Manchmal fängt es mit einer Geschichte an, die ich irgendwo gehört habe. Das sind keine Geschichten, die ich im Rahmen meines Ehrenamts erfahre – das ist völlig vertraulich. Sondern erfahrene Betreuer erzählen mir eine Geschichte, anonymisiert, ohne Namen oder identifizierende Details, die sie nicht vergessen haben. Daran erkenne ich, dass es sich um eine gute Geschichte handelt. Weil sie bei jemandem, der tagtäglich alle möglichen Geschichten hört, nachhallt. Gerade arbeite ich am dritten Band, und es fühlt sich an, als wäre es der komplizierteste Comic, den ich je gemacht habe.

Er wurde von einer Schulung inspiriert, wo wir ein Rollenspiel gemacht haben: Dieses Wochenende ist Pride, und ein Chemsex-Abhängiger will mitmachen, aber nüchtern bleiben. Womit wird er dort alles konfrontiert? Das war für mich wirklich ziemlich verblüffend, weil es im Nachhinein so offensichtlich ist, weil es ein Tag ist, der sehr politisch ist, aber für viele Menschen geht es auch darum, viel zu trinken und zu feiern und vielleicht auch andere Substanzen zu nehmen. Und die Perspektive von jemandem, der von all dem umgeben ist und einfach nur versucht, den Tag zu überstehen, ohne diesem Bacchanal zu erliegen, hat mich wirklich angesprochen.

Ich versuche dann, die Story so zu entwickeln, dass sie etwas über unsere queere Kultur aussagt. Dann mache ich eine Menge Notizen und versuche, sie in eine Geschichte zu verwandeln, und mache aus dieser Geschichte ein Skript. Ich mache viele Entwürfe. Und jedes Mal, wenn ich sie noch einmal durcharbeite, versuche ich, die Dinge zu intensivieren und zu vereinfachen. Und bei den späteren Entwürfen frage ich mich, wie ich Zeilen streichen und durch ein Bild ersetzen kann. Das Ziel ist es, eine Menge Text zu schreiben und diesen dann so weit wie möglich auf Bilder zu reduzieren.

Der zweite Band von Horny & High ist schwarz-weiß, während der erste Band sehr bunt war. Warum hast du dich dafür entschieden?

Ich habe 16 Monate gebraucht, um Band 2 zu schreiben. Das ist ziemlich lange. Ich wollte nicht noch drei Monate damit verbringen, ihn zu kolorieren, das fühlte sich einfach nach zu viel Arbeit an. Mir fehlte die Zeit – und ich musste damit Geld verdienen. Und außerdem hat es einfach funktioniert. Irgendwann mal werde ich ihn entweder selbst kolorieren oder jemanden damit beauftragen. Ich würde gerne mit jemandem daran zusammenarbeiten.

Man hätte meinen können, dass du mit der Farbe angefangen hast, aber dann gemerkt hast, dass es in Schwarz-Weiß viel besser aussieht.

Ich finde wirklich, dass es passt, und ich war auch irgendwie froh, nur die Linienarbeit zu zeigen. Ich liebe Farbe, was man an meinen Porträts sieht, aber ich bin so viel mehr begeistert von Linien, und ich werde auf jeden Fall mehr in Schwarz-Weiß arbeiten. Ich mag die Strenge und Einfachheit und die Herausforderung, dass Farbe einem manchmal hilft, eine Geschichte zu erzählen. Es ist spannend und herausfordernd, das ganze Storytelling auf schwarze Tinte und weiße Seiten zu reduzieren.

Ralf König, einer der größten Namen in der deutschen Comic-Szene, ist ein großer Fan deiner Kunst.

Ich liebe Ralphs Arbeit, und das schon seit langem. Ich habe seine Arbeiten zum ersten Mal spät nachts auf Channel 4 gesehen, unserem alternativen Sender, wo man auch mal schwule Sachen schauen konnte. Ich habe seine Arbeiten gesehen, und das hat etwas in mir ausgelöst: Durch ihn konnte ich überhaupt queere Comics machen.

Welche anderen Comic-Künstler*­innen magst du?

Ich hatte das große Glück, Adrian Tomine in L.A. zu treffen. Ich habe gesehen, dass es eine Lesung von ihm in einem Buchladen gab. Ich habe mich also in die Schlange gestellt und habe ihn getroffen, und er hat knapp fünf Minuten mit allen gesprochen, er war wirklich nett und interessiert. Natürlich habe ich ihm Band 2 von "Horny & High" gegeben und ihn signiert, und er hat eine kleine Zeichnung in seinem Buch für mich gemacht. Wir hatten einfach ein wirklich nettes Gespräch, das sich sehr auf Augenhöhe angefühlt hat.

Ich liebe seine Arbeit, er hat eine unglaubliche Geduld, um sehr realistische Hintergründe immer und immer wieder aus verschiedenen Blickwinkeln zu zeichnen. Noch wichtiger finde ich aber, dass er sehr unsympathische Charaktere schreibt. Einer der größten Kritikpunkte an seinem letzten Werk, "Shortcomings", war, dass die Hauptfigur sehr unsympathisch war. Aber genau das ist es, was mir an dem Comic gefällt. Ich glaube, das hat mich inspiriert. Die Figuren müssen nicht unbedingt sympathisch sein, aber man sollte sich in sie hineinversetzen können, und wie dieser weinerliche Typ sich selbst sabotiert, ist sehr nachvollziehbar.

Ich liebe auch die Graphic Novels von Alison Bechdel. Es scheint, als ob ihr Werk immer dichter wird, aber auf eine kraftvolle, durchdringende Weise, indem sie wirklich tief in ihre eigene Psyche eindringt und literarische Verbindungen in der Geschichte mit ihrem eigenen Leben findet. Ich mag, dass auch anspruchsvolle, schwer zu lesende Graphic Novels gemacht werden.

Und ich liebe die "Tank Girl"-Reihe von Jamie Hewlett, der vor allem bekannt ist, weil er die Band Gorillaz zeichnet. Und ich mag die klare Einfachheit von Jaime Hernandez. Und es gibt einen Comiczeichner und bildenden Künstler, den ich absolut liebe, Henry McCausland. Er hat diesen unglaublichen Kurzcomic über zwei Jungs geschrieben, die eine verlassene Stadtlandschaft erkunden, und für mich hatte der einige homo­erotische Untertöne. Ich hatte das Gefühl, dass sie nicht nur die Landschaft von außen erkunden. Das hat mich sehr berührt, denn als ich mit 13 meinen ersten Freund hatte, haben wir viel zusammen entdeckt, sowohl im Außen als ich um Innen.

Dann ist da noch der Inder Bhanu Pratap. Seine Arbeit ist wirklich seltsam und verdreht, sehr gequälte Charaktere, er ist ein bisschen wie Francis Bacon, wirklich faszinierend. Er hat gerade seinen ersten Comic bei Fantagraphics veröffentlicht, und ich bin sehr froh, dass er jetzt ein wenig im Mainstream ankommt.

Infos zum Buch

Ed Firth: Horny & High Vol. 2. Comic. Übersetzt von Timm Stafe. 76 Seiten. Männerschwarm Verlag. Berlin 2024. Taschenbuch: 18 € (ISBN 978-3-86300-374-6)

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