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Zensur
Ungarns Angst vor lesbischem Sex
Nach dem Verbot von CSD-Paraden sorgt Ungarn mit einer teuren TV-Serie für Schlagzeilen. Dort ist eine lesbische Sex-Szene zu sehen. Schnell schlug die Zensur zu.

Ein Kerl nach Orbáns Geschmack: Kádár L. Gellért als ungarischer Nationalheld Janós Hunyadi in der neuen Serie "Hunyadi – Aufstieg zur Macht" (Bild: ORF / Beta Film / MR Film / Kristóf Galgóczi Németh)
- Von Christian Höller
23. April 2025, 03:59h 4 Min.
Das vom queerfeindlichen Premierminister Viktor Orbán regierte Ungarn macht mit einer der teuersten europäischen TV-Serien auf sich aufmerksam. Das zehnteilige Historiendrama heißt "Hunyadi – Aufstieg zur Macht". Nicht nur in Ungarn, sondern auch im Ausland überschlagen sich die Kommentator*innen in den Medien mit Superlativen. So ist von einem "ungarischen Game of Thrones" die Rede.
In der Serie geht es um den ungarischen Nationalhelden Janós Hunyadi, der im 15. Jahrhundert eine christliche Armee anführte, um osmanische-islamische Feinde zu bekämpfen. Der Inhalt erinnert an die gegenwärtige ungarische Politik. Denn auch Premierminister Orbán inszeniert sich gerne als Held und als Beschützer des christlichen Abendlandes. In unzähligen Reden beklagte er den Niedergang der westlichen Zivilisation. Durch "Gender-Wahnsinn" und Migration habe der Westen seine christlich-nationalen Wurzeln verloren. Laut Orbán seien es nun die Völker in Mittel- und Osteuropa wie die Ungar*innen, die für die christlich-nationalen Werte stehen.
Dazu gehört sein Kampf gegen Queerness. Vor Kurzem hat das ungarische Parlament in die Verfassung geschrieben, dass es in dem Land nur noch zwei Geschlechter geben darf, nämlich männlich und weiblich (queer.de berichtete). Auch wurden CSD-Paraden verboten. Tausende protestierten dagegen (queer.de berichtete). Die Regierungspolitiker*innen begründen das Verbot mit der christlichen Kultur Ungarns.
Viel staatliches Geld für das TV-Projekt
Zur Untermauerung seiner rechtspopulistischen Ideologie greift Orbán gerne auf die Geschichte zurück. Dazu eignet sich jetzt die TV-Serie über den ungarischen Nationalhelden Hunyadi, der sich im Mittelalter gegen die deutlich größeren islamischen Angreifer zur Wehr setzte. Das Fernsehprojekt war dem ungarischen Staat viel Geld wert. Ein großer Teil der Finanzierung wurde vom Nationalen Filminstitut übernommen. Dabei wurden keine Kosten und Mühen gescheut. So waren über 600 Schauspieler*innen im Einsatz. Ziel des ungarischen Staates ist es, dass der Inhalt auch bei Zuseher*innen im Ausland ankommt.
Anfang April wurde die Serie in Wien in den Räumlichkeiten der weltbekannten Spanischen Hofreitschule vorgestellt. Nach der Ausstrahlung in Ungarn kamen die Österreicher*innen an die Reihe. Das Drama war zur besten Sendezeit im öffentlich-rechtlichen österreichischen TV-Sender ORF zu sehen. Der ORF beteiligte sich auch an den Produktionskosten. Allerdings hatte eine gleichzeitig ausgestrahlte Sendung über den Tod des Papstes in Österreich mehr Zuseher*innen. Ein großer Erfolg ist für Ungarn die Kooperation mit Netflix. Dank Netflix können Menschen auf der ganzen Welt in die mittelalterlichen Kämpfe eintauchen. Nach dem Motto "Sex sells" gibt es in dem opulenten Historiendrama viele sexuelle Darstellungen, die dem patriarchalen und binären Weltbild entsprechen. Dabei kümmern sich – vereinfach ausgedrückt – muskulöse und mutige männliche Helden um schutzbedürftige Frauen.
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Für Aufregung sorgte in Ungarn, dass es in der Serie auch eine kurze lesbische Soft-Sexszene gibt. Rechtsextreme Politiker*innen zeigten sich darüber empört. Beobachter*innen und Kommentator*innen wunderten sich, wie es ausgerechnet eine lesbische Szene in das teure Prestigeprojekt des ungarischen Staates geschafft hat. Das Ganze entwickelte sich zum Politikum. Denn strenge Zensurgesetze verbieten in Ungarn queere Darstellungen in der Öffentlichkeit und im Fernsehen. Der ungarische TV-Sender TV2 sah nach der Erstausstrahlung Handlungsbedarf. Kurzerhand wurden bei der Wiederholung in Ungarn nicht nur die lesbische Szene, sondern auch gleich viele hetero Sexdarstellungen entfernt. Andere europäische Fernsehsender versichern, dass sie die lesbische Handlung nicht rausschneiden werden.
Strenge Zensurgesetze bei queeren Inhalten
In Ungarn ist die Zensur bei queeren Inhalten besonders streng. So haben Organisator*innen der Budapester Regenbogenparade im Vorjahr einen Werbefilm von 30 Sekunden für die Budapester Pride gedreht. In dem Zeichentrickfilm sind zwei Frauen, die ihre Stirn berühren, zu sehen. Die ungarische Medienbehörde beschloss, dass der kurze Zeichentrickfilm nicht für Personen unter 18 Jahren geeignet ist. Daher durften die Fernsehsender den Clip nur zwischen 22 Uhr in der Nacht und fünf Uhr in der Früh ausstrahlen. Die TV-Sender hatten Angst vor hohen Strafen und hielten sich an die Anordnung der Medienbehörde.
Eine ungarische Buchhandelskette wurde 2023 zur Zahlung einer hohen Geldstrafe aufgefordert. Denn das Unternehmen hatte in seinen Filialen den Jugendcomic "Heartstopper" verkauft (queer.de berichtete). Die ungarischen Behörden behaupten, dass das Buch Werbung für Homosexualität mache. Daher hätte die Buchhandelskette das Buch gesondert – und in Folien verpackt – verkaufen müssen.














