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Ab Donnerstag im Kino
Queerer Politthriller "Klandestin": Widersprüche sind menschlich
Rechte Politikerin versteckt Flüchtling für schwulen Freund: Angelina Maccarones neuer Film zeigt, dass Politik und Persönliches untrennbar voneinander sind und Abhängigkeitsverhältnisse mehr als nur eine Dimension haben können.

Der Marokkaner Malik (Habib Adda) träumt von einem besseren Leben in Europa (Bild: farbfilm verleih)
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23. April 2025, 04:40h 4 Min.
Es ist Glück und Unglück zugleich, dass "Klandestin" noch aktuell ist. Glück für die Regisseurin Angelina Maccarone, weil sie bereits 2017 die Goldene Lola für das beste unverfilmte Drehbuch erhielt. Obwohl der Film erst jetzt ins Kino kommt, wirkt er aber überhaupt nicht überholt. Unglück, weil die Aktualität auch bedeutet: Islamistische Terroranschläge sind nach wie vor Teil unseres Alltags.
Mit einer Explosion im Frankfurter Bankenviertel beginnt "Klandestin", der Film springt dann aber zunächst in die marokkanische Hafenstadt Tanger. Dort lebt der schwule britische Künstler Richard, der seinen Assistenten Malik illegal nach Europa schleusen will.
Frankfurt als dunkle Kulisse

Poster zum Film: "Klandestin" startet am 24. April 2025 bundesweit im Kino
Das gelingt. Der junge Mann soll aber zunächst bei Richards alter Freundin Mathilda unterkommen. Ausgerechnet bei ihr, der hessischen Europaministerin, die sich irgendwo zwischen konservativ und rechtspopulistisch bewegt und gern markige Sätze in Fernsehkameras sagt.
"Klandestin" nimmt zunächst Maliks Perspektive ein. Der soll auf keinen Fall Mathildas Wohnung verlassen. Vor allem am Anfang ist der Film noch ein echter Thriller: Frankfurt bildet eine dunkle Kulisse, Malik begibt sich auf geheimnisvolle Streifzüge durch die Stadt, lernt hier und da Menschen kennen – manche sympathisch, andere suspekt. Bilder aus Überwachungskameras sind vieldeutig: Sorgen sie für Sicherheit oder schauen sie bloß zu?
Erwidert Malik die Liebe von Richard?
Später wechselt der Film seine Perspektiven hin zur Politikerin Mathilda, zum Künstler Richard und zu Amina, der neuen Assistentin der Ministerin. So fügt sich die Handlung Stück für Stück zusammen. Aus den Augen des anderen erscheint manches plötzlich in einem anderen Licht.
Doch viel mehr als um die eigentliche Handlung scheint es Filmemacherin Angelina Maccarone um die Beziehungen der vier Personen zu gehen: Ist Malik wirklich nur der Assistent von Richard? Ist Richard verliebt in Malik, und erwidert der das? Wer ist da von wem abhängig?
Das hochkarätige Ensemble überzeugt
Auch die Assistentin Amina ist eine mehrdeutige Figur. Als promovierte Juristin in der zweiten Generation von sogenannten Gastarbeiter*innen symbolisiert sie eine Aufstiegsgeschichte. Gleichzeitig stellt sie sich in den Dienst einer populistischen Politikerin. Wie kann sie das mit ihrem Gewissen vereinbaren? Ihre lesbische Beziehung zu einer anderen Politikerin wird nur angerissen, glücklich war sie aber wohl nicht. Wie auch bei Richard wird Queerness hier ganz selbstverständlich erzählt.
"Klandestin" mit seiner Vielfalt an Perspektiven und den ambivalenten Figuren ist auf dem Papier ein schlaues wie ambitioniertes Drama. Es zeigt, dass Politik und Persönliches untrennbar voneinander sind, dass Abhängigkeitsverhältnisse mehr als nur eine Dimension haben können, dass Handeln, Denken und Fühlen nicht immer in dieselbe Richtung weisen. Widersprüche sind menschlich.
Und das grandiose Ensemble füllt die Figuren mit Leben. Da steht auch ein Nachwuchsdarsteller wie Habib Adda als Malik einer Barbara Sukowa als Mathilda kaum nach. Auch Lambert Wilson (Richard) und Banafshe Hourmazdi – die schon in "Futur Drei" hervorragend war – als Amina fügen sich da hervorragend ein.
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Didaktisch, aber wenig unterhaltsam
Einzig: "Klandestin" wird im Laufe der knapp zwei Stunden Laufzeit doch sehr überladen. Da findet sich kaum ein gesellschaftspolitischer Aspekt, der nicht noch mitverhandelt werden will. Der Film trägt seine Thesen ziemlich offensiv und teilweise um ihrer selbst willen vor sich her. Ein paar logische Schwächen fallen darüber hinaus zunehmend schwer zu akzeptieren: Warum etwa muss Assistentin Amina als promovierte Juristin die ganze Zeit die Ministerin herumchauffieren?
Ein paar Straffungen hätten dem Film also durchaus gutgetan. So ist "Klandestin" auf einer didaktischen Ebene zwar durchaus interessant und bietet viele Möglichkeiten zur Diskussion. Als anspruchsvolle Unterhaltung, die emotional erreichen will, funktioniert er aber im Laufe seiner Spielzeit immer weniger.
Klandestin. Polit-Thriller. Deutschland 2024. Regie: Angelina Maccarone. Cast: Lambert Wilson, Habib Adda, Barbara Sukowa, Katharina Schüttler. Laufzeit: 124 Minuten. Sprache: deutsche Originalfassung mit teilweise deutschen Untertiteln. FSK 12. Verleih: farbfilm verleih. Kinostart: 24. April 2025
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