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Religion

"Die katholische Kirche war Schuld an meinem Selbsthass"

Ich wünsche mir vom nächsten Papst, dass er alle Diskriminierungen beendet und sich bei queeren Menschen für das von der katholischen Kirche zugefügte Leid entschuldigt. Ein persönlicher Erfahrungsbericht.


Symbolbild: Wegkreuz in Österreich (Bild: IMAGO / Michael Kristen)
  • Von Christian Höller
    26. April 2025, 04:43h 7 Min.

Nach dem Tod des Papstes fragen sich viele Menschen, wie es in der katholischen Kirche weitergeht. Kommt es zu einem Backlash? Oder besteht Hoffnung auf weitreichende Reformen? Ich möchte hier über meine Erfahrungen in der katholischen Kirche berichten, weil ich aufzeigen will, wieviel Leid die Kirche queeren Menschen in der Vergangenheit angetan hat und immer noch tut.

Als ich jung war, habe ich queere Menschen – und damit auch mich selbst – gehasst. Schuld daran war auch die katholische Kirche. Ich bin in den 1970er Jahren in einem kleinen Dorf tief in der Provinz aufgewachsen. Es war eine Zeit, die sich junge Menschen heute schwer vorstellen können. Denn heute bekommen wir im Internet auch in abgelegenen Regionen schnell alle gewünschten Informationen und können uns mit anderen Menschen austauschen. Als ich aufgewachsen bin, hatten wir zuhause einen Schwarz-Weiß-Fernseher, mit dem wir nur wenig Programme empfangen konnten. Die nächste Großstadt war mit öffentlichen Verkehrsmitteln eineinhalb Stunden entfernt.

Im Dorf war das gesellschaftliche und politische Leben eng mit der katholischen Kirche verbunden. Vieles im Dorf war streng katholisch und konservativ ausgerichtet. Der sonntägliche Kirchgang war Pflicht. Beim Altar standen nur Männer. Nicht einmal Ministrantinnen waren damals erlaubt. Die Bücherei im Dorf wurde von der katholischen Pfarre betrieben. Dort gab es keine Bücher über Schwule oder queeres Leben, wobei ich damals das Wort "queer" nicht kannte. Ich wusste auch nichts über Geschlechtsidentitäten und geschlechtliche Vielfalt.

Ich wollte hetero werden

Ich kann mich noch gut erinnern, als der Pfarrer in der Schule im Religionsunterricht über sexuelle Verbote sprach und Homosexualität als Todsünde bezeichnete. Demnach würden schwule Männer (von Lesben war nie die Rede) nach dem Tod direkt in die Hölle kommen. Homosexualität sei verachtenswert und müsse ausgemerzt werden, wurde mir eingetrichtert.

Als ich in der Pubertät gemerkt habe, dass ich mich zu Männern hingezogen fühlte, habe ich mich dafür geschämt. Ich konnte aus Scham mit niemanden darüber reden. Ich habe mich gefragt, warum es ausgerechnet mich getroffen hat. Ich hatte solche Angst, entdeckt zu werden. Selbst wenn ich meine Scham überwunden hätte, wäre es vermutlich schwer gewesen, Hilfe zu bekommen. In den Schulen auf dem Land waren keine Psycholg*innen tätig. Ich fühlte mich innerlich alleine und ausgegrenzt. Ich hatte Suizidgedanken. Ich habe damals alles Mögliche versucht, um hetero zu werde. Ich habe gebetet. Ich habe versucht, beim Masturbieren an Frauen zu denken. Doch meine homosexuellen Gedanken sind nicht verschwunden.

Ich habe in meiner jugendlichen Naivität katholische Priester bewundert, weil ich geglaubt habe, dass sie ihre Sexualität abtöten konnten. Genau das wollte ich auch. Nach jeder Masturbation hatte ich Schuldgefühle. Mein Selbsthass wurde immer größer. "Selbsthass ist die schlimmste Form des Hasses", schreibt der Psychiater Reinhard Haller. Hass sei destruktiv und auf Zerstörung ausgerichtet. "Dem Selbsthass gehen immer Angriffe auf den Selbstwert, Kränkungen und Traumatisierungen oder Benachteiligung und Entwürdigung voraus", so Haller.

Die Wut gab mit Energie

Ich tat alles, um schnell aus der Enge des Dorfes wegzukommen. Daher zog ich zum Studium in eine größere Stadt. Doch leider gab es für mich dort keine sexuelle Befreiung. Es folgte die Aids-Krise, was in mir eine unglaubliche Angst vor Sexualität auslöste. Es sind damals viele Schwule gestorben. Ich habe einige gekannt. Es war eine schwere und traurige Zeit. Wenn ich heute darüber schreibe, habe ich Tränen in den Augen. Damals konnte ich keine Gefühle zeigen. Die Angst hat mich gelähmt. Im Dorf hatte ich Angst, als Schwuler entdeckt zu werden – und in der Stadt hatte ich Angst, mich mit einer damals tödlichen Krankheit anzustecken. Anstatt Empathie und Mitgefühl für Menschen in einer schwierigen Situation aufzubringen, zeigten sich manche hochrangige katholische Kirchenvertreter erbarmungslos. So erklärten damals katholische Bischöfe, Aids sei "eine Strafe Gottes für widernatürliches sexuelles Verhalten".

Solche und ähnliche Wortmeldungen brachten in mir das Fass zum Überlaufen. Irgendwann hat es mir gereicht. Ich bekam eine Wut und einen Zorn auf die Kirche. Denn Schwul-Sein war für mich keine Entscheidung. Es gab keine Auswahlmöglichkeiten. Die Wut gab mir Energie. Ich habe mich gewehrt. Als ich beispielsweise aus der katholischen Kirche ausgetreten bin, hat der Pfarrer meine Eltern besucht und versucht, auf sie Druck auszuüben, dass ich den Schritt rückgängig mache. Ich habe das als bodenlose Frechheit empfunden. Ich habe den Pfarrer angerufen und ihm am Telefon deutlich meine Meinung gesagt.

Meine Wut kann manchmal heftig ausfallen. Wenn bei Veranstaltungen oder Feiern katholische Priester andere Menschen über Sexualität und Genderthemen belehren wollen, kann es sein, dass ich sofort einschreite und energisch widerspreche. Zorn muss nicht immer etwas Schlechtes bedeuten. Viele Widerstandsbewegungen wie der Stonewall-Aufstand, Black-Lives Matter und die Suffragetten sind aus Wut und Zorn heraus entstanden.

Hinter der Wut steckte ein tiefer Schmerz

Heute habe ich meinen Frieden gefunden. Ich habe meine Themen aufgearbeitet – und dazu Therapie benötigt. Das war kein einfacher Weg. Zunächst habe ich mir meinen Zorn auf das Katholische eingestanden. Wut und Zorn waren bei mir sekundäre Gefühle. In der Therapie ging es darum, dahinter zu blicken. Gezeigt hat sich ein tiefer innerer Schmerz. Es dauerte lange, meine innere Verwundung offen zu legen. Denn ich habe in meiner Kindheit und Jugend viele Schutzschichten aufgebaut, was viel Kraft kostete. Die Versuchung war groß, den Schmerz weiterhin zu unterdrücken und zu betäuben.

Der Schmerz handelt davon, als schwuler Mann früher im Dorf nicht gewollt, fehl am Platz zu sein und nirgendwo dazuzugehören. Ich habe damals viel geweint. Je mehr ich meinen Schmerz zuließ, umso besser ging es mir. Denn ich konnte die Traumata aus der Vergangenheit loslassen. Gleichzeitig habe ich gelernt, mich als queere Person selbst zu lieben. Ich bin nicht auf die Anerkennung von anderen Menschen oder Institutionen angewiesen. Heute suche ich mir mein Umfeld aus. Ein weiterer wichtiger Schritt war es, mich emotional abzugrenzen. Wenn beispielsweise im Fernsehen kirchliche Leute etwas erzählen, dass mich aufregt, atme ich einmal tief durch und wechsle das Programm. Ich vermeide Situationen, die mich triggern könnten. Ich entscheide, ob ich in den Kampfmodus gehe. Als einmal der katholische Pfarrer bei einer Feier eine Moralpredigt hielt, habe ich in der Kirche Kopfhörer aufgesetzt und über das Handy Musik gehört.

Ich freue mich über queere Bewegungen in der katholischen Kirche wie OutInChurch und Rainbow Catholics. Ich hoffe, dass diese etwas bewegen können. Die evangelischen Kirchen sind hier viel weiter. Sogar im konservativen Bayern hat die Evangelisch-Lutherische Kirche vor Kurzem die Trauung für alle beschlossen (queer.de berichtete). Auch andere christliche Kirchen wie die Alt-Katholik*innen haben sich geöffnet und verändert. Die Schweiz hat seit einem Jahr ihren ersten offen schwulen Bischof (queer.de berichtete). Ich finde, dass wir als queere Community tolerant sein sollen gegenüber queeren Menschen, die gläubig und religiös sind. In der queeren Community soll es Platz geben für queere Buddhist*innen, queere Christ*innen, queere Hinduist*innen, queere Jüd*innen, queere Muslim*innen etc. – genauso wie für queere Agnostiker*innen und queere Atheist*innen.

Kein Segen zweiter Klasse

Zurück zur katholischen Kirche: Die offiziellen Verlautbarungen sind heute netter als früher. Gleichgeschlechtliche Paare dürfen inzwischen gesegnet werden. Trotzdem betont die katholische Lehre noch immer, dass gleichgeschlechtliche intime Handlungen "in sich nicht in Ordnung" seien. Auch handelt es sich bei der Handreichung für Segensfeiern für homosexuelle Paare, den die katholische Kirche in Deutschland jetzt vorgelegt hat, um einen "Segen zweiter Klasse", wie OutInChurch beklagt (queer.de berichtete).

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Ich verlange von der katholischen Kirche, dass meine gleichgeschlechtliche Liebe und alle queeren Lebensrealitäten ohne Einschränkungen für gut empfunden werden. Ich fordere ein Ende aller Diskriminierungen. Der Sexismus in der katholischen Kirche ist inakzeptabel. Es ist ein himmelschreiendes Unrecht, dass der Klerus nur aus Männern besteht. Ich wünsche mir Diakon*innen, Priester*innen, Bischöf*innen und Päpst*innen. Gleichzeitig wünsche ich mir von der katholischen Kirche eine umfassende und glaubwürdige Entschuldigung für das Leid und die Verletzungen, die queeren Menschen zugefügt wurden und bis heute zugefügt werden.

Ein Vorbild ist unter anderem die Evangelisch-Lutherische Kirche in Bayern. Deren Synodenpräsidentin Annekathrin Preidel hat die Schuld ihrer Kirche jüngst öffentlich eingestanden. "Dienstliche Ungleichbehandlungen, Behinderung von Karrieren, Durchgriff ins Privatleben mit Zwangsfolgen für die Lebensläufe und die Aufforderung zum Leben in Doppelmoral haben zwar der damals geltenden Rechtslage nicht widersprochen, waren und sind jedoch unangemessen, ungerechtfertigt und diskriminierend", sagte Preidel. "Einzelne Verantwortliche und die Kirche als Ganze sind an betroffenen Personen schuldig geworden. Zwar kann niemand Vergangenes ungeschehen oder wieder gut machen. Umso mehr muss aber künftig alles dafür getan werden, solch unangemessene Vorgehensweisen zu verhindern."

Solche oder ähnliche Worte wünsche ich mir von der katholischen Kirche.

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