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Soziale Ausgrenzung und Abhängigkeit
Große frühe schwule Filmkunst: "Faustrecht der Freiheit"
Heute vor 50 Jahren – am 15. Mai 1975 – feierte Rainer Werner Fassbinders wohl persönlichster Film "Faustrecht der Freiheit" Premiere in Cannes. Der Regisseur selbst übernahm die Hauptrolle.

Szene aus "Faustrecht der Freiheit": Die Liebe des Franz Biederkopf (Rainer Werner Fassbinder, hinten im Bild) wird nicht erwidert (Bild: Filmverlag der Autoren)
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15. Mai 2025, 04:36h 9 Min.
Am 15. Mai 1975 war die Uraufführung des Films "Faustrecht der Freiheit" bei dem Filmfestival in Cannes. Regisseur, Drehbuchautor und Produzent Rainer Werner Fassbinder gehört zu den bedeutendsten deutschen Filmemachern der Nachkriegszeit.
Als ein zentraler Vertreter des "Neuen Deutschen Films" rebellierte er gegen die kommerziellen Strukturen des westdeutschen Kinos. Mit seinen gesellschaftskritischen Themen wie Machtstrukturen, Rassismus, (schwule) Sexualität und menschliche Abgründe wurde er in der noch jungen Bundesrepublik zum "Enfant terrible" der Kulturszene, so auch der Filmtitel des 2020 erschienenen Biopics von Oskar Roehler mit Oliver Masucci in der Hauptrolle. Seine Arbeit an über 40 Filmen, darunter Meisterwerke wie "Angst essen Seele auf" (1974) und "Die Ehe der Maria Braun" (1979), war genauso intensiv wie sein Leben ("Schlafen kann ich, wenn ich tot bin!").
1982 starb Fassbinder im Alter von nur 37 Jahren. Er war bekannt für seine unermüdliche Arbeitsweise und seine Fähigkeit, Menschen bis an ihre (kreativen) Grenzen zu treiben, was gleichermaßen bewundert wie gefürchtet wurde.
Filmhandlung
Ein besonders kontroverses Werk ist "Faustrecht der Freiheit". Im Mittelpunkt steht die tragische Geschichte von Franz ("Fox") Bieberkopf, einem einfachen Arbeiter auf dem Rummelplatz, der nach dem Verlust des Arbeitsplatzes im Lotto gewinnt. Mit diesem plötzlichen Reichtum gerät er in eine Welt, die ihm bisher verschlossen war: die wohlhabende, bürgerliche Gesellschaft. Er lernt den attraktiven und kultivierten Eugen Thiess kennen. Franz, gutmütig und leichtgläubig, verliebt sich aufrichtig in Eugen. Eugen ist charmant, gebildet, aber auch zutiefst berechnend, manipulativ und auf den eigenen Vorteil bedacht. Er nutzt Franz' Unerfahrenheit und dessen Sehnsucht nach Zugehörigkeit aus, um das in finanzielle Schieflage geratene Familienunternehmen zu sanieren und sich selbst viele Vorteile zu verschaffen.
Eugen ist selbst gefangen in den Erwartungen seiner kalten und materialistischen Familie und kann und will nach einiger Zeit gegenüber Franz immer weniger verbergen, dass er diesen nicht als ebenbürtig einschätzt. Immer wieder wird Franz vor "Freunden" oder in der Öffentlichkeit von Eugen respektlos vorgeführt. In einem feinen Restaurant muss Franz – überfordert mit der französischen Speise- und Weinkarte – seinem Lebensgefährten die Essensbestellung überlassen und bestellt sich eher aus Trotz dann doch ein Bier.
Als Franz schließlich selbst seinen Irrtum erkennt, realisiert, dass der soziale Unterschied zwischen beiden zu groß ist und die Demütigungen nicht mehr zu ertragen sind, beendet er die Beziehung. Der ungerührte Eugen kehrt zu seinem vormaligen Freund zurück und macht es sich mit ihm in jener Eigentumswohnung gemütlich, die ihm Franz vorher überschrieben hat. Damit erfüllt sich eine Prophezeiung, die der alte/neue Freund von Eugen schon bei der Einweihungsfeier zum besten gegeben hat. Am Ende des Films zerstört Fassbinder gar die Hoffnung auf die Zukunft: Der verzweifelte Franz schluckt eine Überdosis Valium und stirbt in einer verlassenen U-Bahn-Station, in der er von zwei Kindern (!) gefunden und ausgeraubt wird.

Nacktheit als politische Provokation: Fassbinder (l.) und Karlheinz Böhm im Schlammbad (Bild: Filmverlag der Autoren)
Regisseur in der Hauptrolle
Fassbinder übernahm selbst die Hauptrolle des Franz Bieberkopf, was sowohl künstlerische als auch persönliche Gründe hatte. Er war bekannt dafür, sich intensiv mit den Themen seiner Filme zu identifizieren. In "Faustrecht der Freiheit" geht es um soziale Ausgrenzung und Abhängigkeit – zentrale Themen in seinem Werk und auch in seinem eigenen Leben. Durch seine Besetzung als Franz Bieberkopf wollte er diese Thematik besonders authentisch vermitteln.
"Faustrecht der Freiheit" stellt vor allem die Klassenunterschiede innerhalb der Gesellschaft dar und die Geschichte spielt – und das ist das Novum – scheinbar selbstverständlich in der schwulen Szene, ohne diese als solche auch nur zu thematisieren. Seine oft rohe, ungeschönte Spielweise passte zu der Geschichte eines Mannes, der schutzlos einer ausbeuterischen Gesellschaft ausgeliefert ist.
Zudem war seine Entscheidung ein provokantes Statement: Ein Regisseur, der sich selbst in einer schwulen Liebeszene inszeniert, sich gar mehrmals nackt zeigt, war in den 1970er Jahren eine bewusste politische Geste, mit der er Konventionen herausforderte. Und so ist es auch kein Zufall, dass auch bekannte Gesichter aus "Heile-Welt-Nachkriegsfilmen" mitwirkten, allen voran Karlheinz Böhm (einst "Kaiser" an der Seite von Sissi), der in seiner Filmrolle Franz Bieberkopf kennenlernt, sich mit ihm auf einer Klappe vergnügt und diesen schließlich als virilen, ungehobelten Exoten in die "besseren Kreise" einführt. Als raffgieriger Autohändler ist auch Walter Sedlmayr zu sehen, der zeit seines Lebens nicht offen schwul lebte.

Walter Sedlmayr (r.) verkörpert im Film einen Autohändler (Bild: Filmverlag der Autoren)
Viele der Mitschaffenden in den Fassbinder-Filmen waren Teil eines engen, fast familiären Ensembles, das häufig als "Fassbinder-Clan" bezeichnet wird, unter anderem mit Hanna Schygulla und Michael Ballhaus, der auch für "Faustrecht der Freiheit" die Kamera führte. Zum "Clan" gehörte auch Armin Meier, Fassbinders damaliger Lebensgefährte, dem der Film auch gewidmet ist. Anfang 1978 beendete Fassbinder die Liebesbeziehung. Kurze Zeit später wurde Armin Meier nach einer Überdosis Schlafmittel tot aufgefunden.
Die Rezeption in Filmlexika
Der Film "Faustrecht der Freiheit" fehlt wohl in keinem schwulen Filmlexikon. Durch die Hervorhebungen von unterschiedlichen Hintergründen ermöglichen sie unterschiedliche Zugänge zum Film. Der sehr respektable US-amerikanische Filmhistoriker Vito Russo bespricht den Film nicht näher, weil es ein "Film über Klassenkampf (ist), der oft fälschlich für einen Film über Homosexualität gehalten wird" ("The Celluloid Closet", 1981; hier zitiert nach der Ausgabe "Die schwule Traumfabrik. Homosexualität im Film", 1990, S. 264). Damit kritisiert Russo indirekt das, was die meisten besonders schätzen, nämlich dass Fassbinder die Homosexualität eben nicht problematisierte, sondern mit einem emanzipatorischen Anspruch andere Themen wie Klassenkampf auch in der schwulen Szene thematisierte.
Für Hermann J. Huber spiegelt der Film den typischen schwulen Zeitgeist der 1970er Jahre wider: "Alle Klischees lutscht er aus, um die Champagner-Bubis – heute würden sie Kir Royal schlürfen – auf die Anklagebank zu zerren" ("Gewalt und Leidenschaft. Das Lexikon Homosexualität in Film und Video" (1989, 3. Aufl., S. 59). Weil der Film sehr persönlich ist und sich Fassbinder damit indirekt selbst als Opfer stilisierte, weist Huber darauf hin, dass eher andere unter Fassbinder gelitten haben und dass es Fassbinders Freund Armin war, der sich später das Leben genommen habe. Axel Schock und Manuela Kay gehen auf den Vorwurf ein, dass Fassbinder damit einen schwulenfeindlichen Film gemacht habe. "Fassbinder selbst lag daran, mit seiner Geschichte vorzuführen, dass die verbindende gesellschaftliche Außenseiterrolle der Schwulen noch keine Basis für die Überwindung sozialer Schranken und die damit verbundenen Vorurteile darstellt" ("Out im Kino. Das lesbisch-schwule Filmlexikon", 2003, S. 117).
Und am Ende noch ein Blick ins Ausland: Raymond Murray verdeutlicht durch Zeitungszitate, wie stark der Film unter seinem Verleihtitel "Fox and his Friends" in den USA und England auch außerhalb der schwulen Szene beachtet wurde: "The first serious, explicit but not-sensational movie about homosexuality to be shown in this country" ("The New York Times") und "One of the best films ever made about the life of homosexuals, their passions, their quarrels…" ("The Times", London) ("Images in the Dark. An Encyclopedia of Gay and Lesbian Film and Video", 1996, S. 52).
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Filmdokumentationen über Fassbinder und diesen Film
Bei YouTube sind viele Filme zu finden, die sich auf Rainer Werner Fassbinder bzw. auf seinen Film "Faustrecht der Freiheit" beziehen. Ein besonderes Fundstück ist die Dokumentation mit dem unscheinbaren Titel "In Person: Rainer Werner Fassbinder. Austrian Filmmuseum" (1975). Es ist die Aufzeichnung eines Publikumsgesprächs im Filmmuseum Wien nach einer Aufführung des Films. Fassbinder betont, dass er mit diesem Film die wahre Geschichte eines Freundes erzählt hat, wobei nur das Ende von der Realität abweicht (00:20 Min.). Das Ende im Film war zunächst anders geplant: Franz Bieberkopf sollte in der Schlussszene ganz ausgezogen werden, aber das Filmteam hatte sich geweigert und Fassbinder hat dem Druck schließlich nachgegeben (5:30-6:35 Min.). Im Gespräch mit dem Publikum ging es auch darum, dass es ein Film über "bestimmte Menschen" ist und eine Zuschauerin findet es ausdrücklich positiv, dass sich ihr Leben von dem "bestimmter Menschen" gar nicht unterscheidet (3:25-4:35 Min.).
In der Dokumentation "Ich will nicht nur, dass ihr mich liebt. Der Filmemacher Rainer Werner Fassbinder" (1992) von Hans Günther Pflaum betont Fassbinder, dass "Faustrecht der Freiheit" der erste Film war, der Homosexualität nicht problematisierte (1:02:30 Min.). Die Doku endet mit Fassbinders Tod, zu dem passend die Schlussszene von "Faustrecht der Freiheit" zu sehen ist (1:28:30-1:29:55 Min.). In "Der Rastlose. Rainer Werner Fassbinder" (2005) aus der Reihe "Lebensläufe" wird "Faustrecht der Freiheit" gut mit der Münchner schwulen Szene und Fassbinders Liebhaber Armin in Verbindung gebracht (28:30-30:00 Min.). In der kurzen Dokumentation "Ira Sachs on 'Fox and his Friends'" (2017, 2:34 Min.) kommentiert der prominente und offen schwule US-Regisseur Ira Sachs (bekannt u. a. von "Keep the Lights On". 2012) diesen Film (unter seinem englischen Verleihtitel) und betont, wie außergewöhnlich die offene Behandlung von Homosexualität ist und wie spannend Fassbinder die Klassenunterschiede herausarbeitete.

Ein Privatfoto von Rainer Werner Fassbinder und Armin Meier aus der Dokumentation "Der Rastlose. Rainer Werner Fassbinder" (2005)
Echt klasse thematisiert: der Klassismus der Szene
Die LGBTI-Community präsentiert sich heute gerne als diskriminierungsfrei, als "Safe Space". Um dies als Phrase zu entlarven, muss man nur etwas weniger naiv als Franz Bieberkopf sein. Natürlich gibt es auch heute noch in der Szene Vorurteile oder Diskriminierungen, auch gegenüber Menschen mit einem anderen sozialen Hintergrund. Obwohl das Thema der Klassengegensätze uralt ist, ist der deutsche Begriff Klassismus recht neu und wird bei queer.de erst seit 2015 verwendet. Klassismus wird meistens als Schlagwort und häufig in Verbindung mit Rassismus und Sexismus verwendet. Der Hinweis auf mögliche mehrfache Diskriminierungen ("Intersektionalität") ist häufig ein theoretisches Konstrukt – ohne Fleisch und Blut. Manchmal wird es auf queer.de aber auch sehr konkret: Roland Emmerich wurde indirekt dafür kritisiert, dass er in seinem Film "Stonewall" zwar obdachlose Menschen zeigt, aber "die Geschichte der LGBT-Bewegung getrennt von Rassismus, Sexismus und Klassismus erzählt" (s. Rezension auf queer.de).
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Es gibt einzelne schwule Filme über Klassismus, die manchmal aber auch aufzeigen, dass soziale Klassen in der schwulen Szene eine weniger große Bedeutung als in der restlichen Gesellschaft haben. So hat in den drei Biopics über Oscar Wilde (1960, 1960, 1997) dieser, im Gegensatz zu den Richtern und der Gesellschaft, trotz allem elitären Gehabe überhaupt kein Problem damit, sich mit Strichern zu treffen und es ist auch überhaupt kein großes Ding, dass sich in "Le Fil. Die Spur unserer Sehnsucht" (2009) ein Architekt in einen Gärtner verliebt. Why Not? (s. dazu Schlagwort "classism" in der IMDB). Es gibt eine Restaurant-Szene in der Serie "Queer as Folk" (1/5), die man mit der Restaurant-Szene in "Faustrecht der Freiheit" gut vergleichen kann. Der Chiropraktiker David Cameron trinkt beim ersten Date Wein, während sich der jüngere Supermarkt-Mitarbeiter Michael Novotny eine Pepsi bestellt (Folge 1/5). Ihre unterschiedlich teuren Lebensstile werden hier und später auf eine reizvolle Art konträr gegenübergestellt. Trotzdem verlieben sie sich und sind kurzzeitig ein Paar.
In "Faustrecht der Freiheit" ist alles pessimistischer, dramatischer, klischeehafter und vielleicht auch deshalb ehrlicher. Es geht nicht nur darum, dass Franz, bis zum Lotto-Gewinn, arm war. Fassbinder hat geschickt und moralisch integer herausgearbeitet, wie Franz auch durch Leichtgläubigkeit und sein emotionales Anlehnungsbedürfnis ein prädisponiertes Opfer von anderen Schwulen wurde, ohne dass ihm dafür eine Mitschuld gegeben werden kann. Die filmische Umsetzung ist eine Leistung von Fassbinder, die auch die akzeptieren müssen, die für das Thema Klassismus nicht empfänglich sind.
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Mehr queere Kultur:
» auf sissymag.de
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