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Österreich

Mit einem queer­freundlichen Programm an die Spitze

Ganz Österreich wählt rechts. Ganz Österreich? Nein! Bei den Studierendenwahlen schaffte es der transfreundliche und queerfeministische Verband sozialistischer Student*innen auf Platz eins.


Symbolbild: Studierende im Hörsaal (Bild: IMAGO / biky)
  • Von Christian Höller
    18. Mai 2025, 05:36h 4 Min.

Aus Österreich gibt es positive Nachrichten. Die jüngsten Studierendenwahlen zeigen, dass sich viele junge Menschen für eine transfreundliche und queerfeministische Bewegung begeistern können. So schaffte es der Verband sozialistischer Student*innen (VSStÖ) bei den Österreichischen Hochschüler*innen-Wahlen mit 30,2 Prozent auf Platz eins. Dahinter folgte die konservative Aktionsgemeinschaft mit 20,9 Prozent. Der weit rechts positionierte Ring freiheitlicher Student*innen (RFS) erreichte nur 3,0 Prozent. Das Stimmverhalten der jungen Menschen an den Universitäten unterscheidet sich damit komplett von dem bei anderen Wahlen in Österreich. Bei den Parlamentswahlen im vergangenen Herbst stieg die queerfeindliche und rechtsextreme FPÖ zur Nummer eins auf (queer.de berichtete).

Umso erfreulicher sind die jetzigen Ergebnisse an den Hochschulen. Überdurchschnittlich stark schnitt der transfreundliche und queerfeministische Verband VSStÖ an den drei großen Universitäten ab. An der Uni Wien und der Uni Graz erzielten die Sozialist*innen 38 Prozent, an der Uni Salzburg kamen sie auf 41 Prozent. Bemerkenswert ist hingegen das Ergebnis an der Theresianischen Militärakademie in Wiener Neustadt. Dort wählten 44 Prozent der Studierenden den weit rechts positionierten Ring freiheitlicher Student*innen (RFS). Die Theresianische Militärakademie wurde 1751 von der damaligen Kaiserin Maria Theresia gegründet. Sie ist seitdem der Ausbildungsort der Truppenoffizier*innen der österreichischen Armee.

Für freie Namen- und Pronomenwahl

Die Sozialist*innen sind bei den Wahlen ausdrücklich mit einem transfreundlichen und queerfeministischen Programm angetreten. Sie verlangen unter anderem die freie Namen- und Pronomenwahl an den Universitäten. "Gerade für genderqueere Personen kann ein falscher Name oder Pronomen zu einem Zwangsouting führen. Deswegen wollen wir allen Studierenden die Möglichkeit geben, dies selbstständig zu ändern", heißt es im Wahlprogramm. Denn derzeit seien die österreichischen Hochschulen und Universitäten für genderqueere Personen häufig keine sicheren Orte.

"Personen, die sich nicht mit dem ihnen bei der Geburt zugewiesenen Geschlecht identifizieren, die damit einhergehend nicht den Eintragungen in Verwaltungsdokumenten entsprechen, werden von vielen Verantwortungsträger*innen an den Hochschulen im Stich gelassen", kritisiert der Verband VSStÖ. Falsch angesprochen zu werden, gehöre für die meisten genderqueeren Student*innen zum Alltag. "Gedeadnamed oder misgendert zu werden, führt oftmals zu einem Zwangsouting und nimmt Studierenden ihr Recht auf Selbstbestimmung. Genderqueere Studierende werden dadurch gezwungen, ungewollt die eigene Identität erklären und mit intoleranten Einstellungen von Mitstudierenden und Lehrpersonen umgehen zu müssen", kritisieren die VSStÖ-Vertreter*innen.

Für Unisex-Toiletten

Eine weitere Forderung sind Unisex-Toiletten an den Universitäten. "Schon der Gang zur Toilette kann für viele Menschen zur Tortur werden. Die Möglichkeit, auf eine Toilette gehen zu können, ohne sich binären Kategorien unterwerfen zu müssen, muss gegeben sein", betont der VSStÖ. Der Verband fordert "eine aktive Auseinandersetzung mit queerpolitischen Themen sowie den Ausbau von Anlaufstellen für alle vom Patriarchat und durch heteronormative Diskriminierung unterdrückten Personen". Denn Hochschulen seien "kein von der Gesellschaft abgetrennter Raum, sondern immer ein Spiegelbild von ihr. So herrschen immer noch heteronormative Sichtweisen, auch in der Wissenschaft, vor."

Der VSStÖ versteht sich als feministische und antisexistische Organisation, die sich unter anderem für die Gleichberechtigung von FLINTA* Personen einsetzt. Im Wahlprogramm wird FLINTA* mit dem Sternchen (Asterik) am Ende geschrieben. "Wir schreiben FLINTA* also Frauen, Lesben, inter, nichtbinäre, trans, agender Personen, weil der Begriff unterschiedliche Betroffenheiten und Logiken von patriarchalen Abwertungs- und Unterdrückungsstrukturen deutlich machen kann, die mit binären Geschlechterverhältnissen verknüpft sind", betont der sozialistische Verband.

Kampf gegen reaktionäre Weltbilder

Der VSStÖ ruft in diesem Zusammenhang zum "Kampf gegen reaktionäre Weltbilder auch an den Hochschulen" auf: "Studierende müssen dazu angehalten werden, strukturelle und institutionalisierte Ungerechtigkeiten zu erkennen und Diskriminierungsformen aller Art zu bekämpfen. Zusätzlich fordern wir verpflichtende Sensibilisierungsschulungen für alle Lehrenden" und eine aktive FLINTA*-Förderung. "Nur wenn Studierende und Lehrende patriarchale, gesellschaftliche Verhältnisse verstehen und benennen können, kann die Hochschule zu einem sicheren Ort für alle werden", heißt es.

Die Spitzenkandidatin der VSStÖ ist die 22-jährige Selina Wienerroither, die in Oberösterreich aufgewachsen ist. Ihre Eltern hatten keine Matura. Die Klimakreise und ihre queere Sexualität hätten zu ihrem "politischen Erwachen" mit 18 Jahren beigetragen, schreibt die Zeitung "Der Standard". Ihre Familie sei eher konservativ eingestellt. Selina Wienerroither sagt, dass sie tagtäglich merke, mit welchen Herausforderungen Arbeiter*innenkinder wie sie an den Hochschulen zu kämpfen haben. "Wer einmal studieren geht, entscheidet sich meist schon in der Wiege. Als Arbeiter*innenkind ist es für mich tagtäglich eine Herausforderung, sich mit Beihilfe und Nebenjob über Wasser zu halten", betont die Spitzenkandidatin. Daher kämpfe sie auch für ein sozial gerechtes Studium, für soziale Absicherung und Beihilfen, die zum Leben reichen.

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