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Literatur
Das Leben ist gut, wenn wir einander Gutes tun
Nach dem Bestseller "Auf Erden sind wir kurz grandios" hat Ocean Vuong einen neuen Roman veröffentlicht: "Der Kaiser der Freude" ist eine schonungslose Abrechnung mit dem American Dream und gleichzeitig Ode an die Menschlichkeit.

Ocean Vuong wurde 1988 in Vietnam geboren und zog im Alter von zwei Jahren mit seiner Familie in die USA, wo er heute lebt. Sein Debütroman "Auf Erden sind wir kurz grandios" (2019) wurde zum weltweiten Bestseller (Bild: IMAGO / SOPA Images)
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25. Mai 2025, 12:32h 7 Min.
Die gute Nachricht zuerst: Ocean Vuong hat mit seinem neuesten Werk "Der Kaiser der Freude" (Amazon-Affiliate-Link ) einen richtig dicken und wirklich fulminanten Roman geschrieben, erschienen in der großartigen Übersetzung von Anne-Kristin Mittag und Nikolaus Stingl. Die schlechte Nachricht: Der Roman ist trotzdem schon nach 521 Seiten zu Ende. Der erste Satz darin lautet: "Das Schwerste auf der Welt ist, nur einmal zu leben." Und der letzte Satz: "Weiche, einfache Menschen, die nur einmal leben." Damit ist auch schon die große Klammer benannt, die diesen Roman erzählerisch zusammenhält – es ist das Leben als Ganzes und die Gefahr, es zu verpassen und sich dabei in lauter Lebenslügen zu verlieren.
Das klingt alles andere als optimistisch. Und um ehrlich zu sein, ist manches in dem Roman nur schwer erträglich, und zwar so wie jedes Leben unerträglich wird, wenn es auf Lügen und Illusionen aufgebaut ist und jeder Schritt von der Angst begleitet wird, dass es stets ein Schritt vor dem Abgrund ist. Dennoch, auch im permanenten Sinkflug geht das Leben seltsamerweise immer weiter und weiter.
Der vermeintliche Medizinstudent lebt auf einer Müllhalde
Vuong zerlegt mit seinem neuen Roman komplett den American Dream, den millionenfachen Traum vom Glück. Sein Anti-Held Hai endet dabei buchstäblich im Müll, weich gebettet auf großen Müllsäcken, während er, vollgedröhnt mit Hydromorphon, seiner Mutter am Telefon vorgaukelt, er würde als fleißiger Medizinstudent in Boston gerade seinem Studium nachgehen und Leichen sezieren.
Ein Happy End kann es darin nicht geben. Aber wer würde das von Vuong ernsthaft erwarten? Dass dieser Roman von einer schonungslosen Abrechnung mit einer in jeder Beziehung ausbeuterischen Gesellschaft geprägt ist, ist die eine Seite darin und lediglich die halbe Wahrheit.
Die andere Hälfte weiß von einer berührenden Menschlichkeit, von Freundschaft und Verbundenheit, wo sie am wenigsten erwartet wird, aber dafür umso fühlbarer wird. Das ist dann keine luftleere Nummer wie jener American Dream, keine Leuchtreklame hohler Versprechungen zum An- und Ausschalten, sondern etwas tief im Menschen Sitzendes – das Gute, das wirklich zählt. Oder wie es im Roman an einer Stelle heißt – es gehe um das "Okaysein" und nicht unbedingt um das Glücklichsein. Denn das Glück ist flüchtig, das Okay bleibt und wird trotzdem unterschätzt, so Vuong.
Ein unerbittlicher, schonungsloser Realismus

"Der Kaiser der Freude" ist im Mai 2025 im Hanser Verlag erschienen
Ocean Vuong, 1988 in Saigon/Vietnam geboren, zog im Alter von zwei Jahren zusammen mit seinen Eltern in die USA, wo er seither lebt. Er ist Lyriker, und es war nicht zuletzt die poetische Sprache seines Debütromans "Auf Erden sind wir kurz grandios" von 2019, die sofort auffiel und zur literarischen Qualitätsmarke wurde. In "Der Kaiser der Freude" kehrt sie nun wieder, aber ebenso ein unerbittlicher, schonungsloser Realismus. Die Genauigkeit seines Blicks erinnerte mich immer wieder an David Foster Wallace, der wie Vuong den American Dream in "Infinite Jest" als monströses Alptraum-Panorama beschrieb. Der erste Roman wurde zu einem internationalen Erfolg. Dem gerade erschienenen neuen Roman bleibt es zu wünschen.
Wieder steht ein junger Mann mit vietnamesischen Wurzeln im Mittelpunkt – sein Name ist Hai. Auch kehrt eine Familie zurück, wie wir sie aus dem ersten Roman bereits kennen, und wieder arbeitet die Mutter in einem Nagelstudio in Connecticut. Alles scheint irgendwie gleich zu sein und ist doch völlig verändert.
Hai glaubt, fertig zu sein mit seinem jungen, ziemlich verkorksten Leben. Er hat seinen Freund Noah durch eine Überdosis von irgendwas verloren, schmeißt das Studium, kommt nicht weg von den Pillen und will seinem Leben ein Ende machen. Zuvor hatte er sich von seiner Mutter verabschiedet mit der Lüge, das Studium in Boston wieder aufnehmen zu wollen. Doch sein Ziel ist die Eisenbahnbrücke über dem Fluss in East Gladness, einem schäbigen Ort in der Nähe von Hartford.
Die demenzkranke Grazina rettet Hai das Leben
Eine alte Frau mit Namen Grazina beobachtet Hai und kann den Sprung von der Brücke verhindern. Sie ist eine litauische Emigrantin und Überlebende des Zweiten Weltkriegs, die inzwischen allein in einem heruntergekommenen Haus wohnt. "Du siehst aus wie ein eingetunkter Keks", sagt sie über Hai, der ihr folgt. Er erzählt ihr: "Früher wollte ich Schriftsteller werden. Mein Traum war, einen Roman zu schreiben, der alles enthält, was ich liebe, auch das nicht Liebenswerte. Wie eine kleine Vitrine."
Weil Grazina sich auf dem Weg in die Demenz befindet, braucht sie jemanden, der auf sie aufpasst. Und so schließen sie und Hai einen Vertrag. Er wohnt im Haus und kümmert sich um Grazina. Im nahegelegenen Schnellrestaurant "HomeMarket" findet er schließlich Arbeit. Grazinas Haus in der Hubbard Street und der "HomeMarket" sind die beiden zentralen Handlungsorte. Dazwischen gelegentliche Rückblenden in die Familiengeschichte.
Den Job erhält er durch seinen Cousin Sony, der dort bereits arbeitet. Schnell wird klar, dass der Ort, wo außer ihm und Sony noch Wayne, Maureen, Russki und die Geschäftsführerin BJ arbeiten, für ihn zu einer Heimat wird: "Nie im Leben hatte er sich so zugehörig gefühlt, so unsichtbar in einer sichtbaren Gruppe von Menschen." Das Lokal selbst sei weniger ein Restaurant "als vielmehr eine gigantische Mikrowelle", wobei der Kundschaft die Illusion verkauft werde, alles sei als gute amerikanische Hausmannskost frisch zubereitet, als gäbe es dort jeden Tag Thanksgiving zu feiern. Es sei nun mal so, dass aus Lügen "unglaubliche Dinge entstehen [können]. Musst nur den guten alten Uncle Sam fragen."
Flüchtige Momente schwulen Begehrens
Dass Hai schwul ist, bleibt nebensächlich und taucht kurz episodisch in einer Bettszene in einem Motel auf und ebenso kurz in den Erinnerungen an den verstorbenen Noah. Ansonsten gibt es nur drei flüchtige Momente schwulen Begehrens. Sie gelten vor allem Russki, den Hai bei der schweißtreibenden Arbeit beobachtet: "Was in Hai den Wunsch weckte, ihm die Stirn sauber zu wischen und mit den Lippen seinen Nacken zu berühren." Und später bemerkte Hai, dass der Junge wirklich hübsch sei, "aber auf die besondere Weise, die sich erst offenbart, wenn man einen Menschen eine Zeitlang kennt".
Doch weder Grazina, die Hai ihren Freund nennt, noch das Gefühl der Geborgenheit im "HomeMarket" bringen eine Wende. Die Lügen und Tabletten sind stärker. Letztere nennt er "das kleinste Rettungsfloß, das er je kennengelernt hatte". Er schafft es nicht, seiner Mutter die Wahrheit zu sagen. Auch der frühere Entzug im "New Hope Recovery Center" misslang. Sein Geist, so sagt er über sich selbst, sei "komplett aufgedröselt, überall da hängen geblieben, wo ich mich verheddert habe".
Grazina kommt ins Pflegeheim
Ein Jahr geht vorüber, und es kommt, wie es kommen muss. Grazina wird ins Pflegeheim verfrachtet. Der Roman nennt diesen Ort den einzig wahren egalitären Flügel des amerikanischen Traums, weil er alle darin gleich mache. Es seien Festungen, die die alternden Körper vor dem Blick abschirmen. Und auch die Belegschaft des "HomeMarket" geht auseinander.
Der Roman erzählt kurz, wie es mit jedem Einzelnen weiterging. Nur Hais Zukunft wird uns nicht verraten. Denn er wisse nicht, wie es geht, hier zu sein, im Leben. Und während er auf den Müllsäcken liegend mit seiner Mutter telefoniert, antwortet sie: "Aber hab keine Angst vor dem Leben, mein Junge. Das Leben ist gut, wenn wir einander Gutes tun."
Ja, dieser Roman ist auch eine Zumutung wie es nur das Leben sein kann. Aber die Momente großer Menschlichkeit darin sind von Gewicht. Ich warte jetzt gerne auf den nächsten Roman oder Gedichtband.
Ocean Vuong: Der Kaiser der Freude. Roman. Übersetzt aus dem Englischen von Nikolaus Stingl und Anne-Kristin Mittag. 528 Seiten. Hanser Verlag. München 2025. Hardcover: 27 € (ISBN 978-3-446-28274-2). E-Book: 19,99 €
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