https://queer.de/?53730
Buchtipp
Endlich eine Biografie, die den schwulen Thomas Mann zeigt
Unzählige Bücher wurden über den Literaturnobelpreisträger geschrieben. Doch "Thomas Mann. Ein Leben" ist die erste Biografie, die ein vollständiges Bild des Schriftstellers liefert. Damit rückt sie auch die bisherige Forschung gerade.

Der Schriftsteller Thomas Mann im Jahr 1929 (Bild: IMAGO / United Archives International)
- Von
26. Mai 2025, 04:36h 5 Min.
Am 14. Juli 1920 hat Thomas Mann keinen hochbekommen, als er mit seiner Frau Katia schlafen wollte. Er hat sich dann später einen runtergeholt. Oder in seinen eigenen Worten: "bei dem mich trotz lebhafter Begierde, das Organ im Stich ließ, nur halb reagierte, sodaß es nicht zum Beischlaf kam, sondern ich ante portas ejakulierte".
So steht es in seinem Tagebuch. Doch als Peter de Mendelssohn Thomas Manns Tagebücher 1977 herausgibt, streicht er die Sätze raus. Dabei hatte de Mendelssohn großspurig angekündigt, die Tagebücher "in seiner Gänze, ohne Abstriche" veröffentlichen zu wollen, denn nur das hätte sich der große Schriftsteller gewünscht. Lediglich "an einigen ganz wenigen Stellen aus allerprivatesten Rücksichten" habe er gekürzt.
Bislang ungedruckte Briefe über Homosexualität und Konversionstherapie
Ganz wenige Stellen: Zwei ganze Buchseiten an Kürzungen hat Tilmann Lahme zusammengetragen. Darin geht es um Manns Gesundheit, aber auch darum, wie sehr er unter seiner Sexualität und der selbst erzwungenen Enthaltsamkeit leidet. Lahmes Fazit ist klar: "Ungekürzt ergibt sich ein anderer Thomas Mann."
Dass der Nobelpreisträger homosexuell war, hat er selbst nach außen stets verheimlicht. Teile der Nachwelt taten es ihm gleich und griffen entsprechend in seinen Nachlass ein. So ignorierten Forschende 2004 aufgetauchte Briefe Manns an den Jugendfreund Otto Grautoff, in denen er sich so deutlich wie nie zu seiner Homosexualität und Grautoffs Konversionstherapie äußert. Bis heute sind diese zwei Briefe nicht Teil der Großen Kommentierten Frankfurter Ausgabe der Werke Thomas Manns. In Lahmes Biografie werden sie erstmals vollständig abgedruckt.
Manche sträuben sich bis heute, Thomas Mann schwul zu nennen

Die Biografie "Thomas Mann. Ein Leben" ist am 26. Mai 2025 bei dtv erschienen
Es ist bemerkenswert, wie sehr sich ein einflussreicher Teil der Thomas-Mann-Forschung bis heute dagegen sträubt, den Schriftsteller als das zu bezeichnen, was er war: homosexuell. Und, nebenbei, wie falsch der langjährige Freund Otto Grautoff dargestellt wird. Beides rückt der Literaturhistoriker und Autor Tilmann Lahme in seiner Biografie "Thomas Mann. Ein Leben" (Amazon-Affiliate-Link ) gerade. Das allein ist schon ein großes Verdienst.
Diese Klarstellung nimmt jedoch nur die letzten Seiten ein. Auf den knapp 500 Seiten zuvor lässt er den Jahrhundertschriftsteller lebendig werden. Ganz anschaulich erzählt er das Leben Thomas Manns, geht aber auch auf das ein, was ihn prägte.
Thomas Mann kannte "Psychopathia Sexualis"
Über mehrere Seiten erläutert er etwa das damals einflussreiche Standardwerk der Sexualwissenschaft "Psychopathia Sexualis" des Arztes Richard von Krafft-Ebing. Darin wird die "Perversion" Homosexualität ausführlich behandelt, es finden sich auch von Auflage zu Auflage mehr Erfahrungsberichte.
Thomas Mann kannte das Buch gut, las es als junger Mann. "Ob ihn je eine Lektüre so erschüttert hat?", fragt Tilmann Lahme. Er wird zeigen, wie sehr sich die Lektüre in Manns Werk widerspiegelt.
Starke Thesen, gewagte Zuspitzungen
Lahmes Biografie profitiert nicht nur von dessen erzählerischer Qualität, sondern auch vom lockeren, manchmal fast flapsigen Ton. Er schafft es, inhaltlich anspruchsvoll und dicht, im Stil aber zugänglich zu schreiben. Auch schreckt er nicht vor starken Thesen oder gewagten Zuspitzungen zurück, etwa wenn er die Anfänge der literarischen Karriere der Brüder Heinrich und Thomas Mann zusammenfasst: "Zwei intellektuell noch Halbstarke mit viel Talent und Geltungsdrang auf der Suche nach einem Weg und einem Publikum."
Keine Biografie Thomas Manns kommt ohne dessen umfangreiches Werk aus. Tilmann Lahme gelingt es, die Erzählungen und Romane nicht nur knapp zusammenzufassen, sondern auch vor dem Hintergrund biografischer Entwicklungen und mit besonderem Augenwerk auf Thomas Manns Homosexualität und die (jungen) Männer, für die er sich interessierte, zu interpretieren. Über seine größte und unerfüllte Liebe, den Maler Paul Ehrenberg, erschien bereits im vergangenen Jahr ein sehr lesenswertes Buch.
Die Biografie weckt Lust, Manns Werke erneut zu lesen
So ist seine Biografie auch für all diejenigen lesbar und interessant, die mit Manns Werk noch nicht vertraut sind. Sie macht zugleich Lust, so manches Buch (erneut) in die Hand zu nehmen und mit anderen, erweiterten Augen zu lesen.
Der Fokus dieser neuen Biografie liegt dagegen weniger auf Thomas Manns Familie. Über seine Frau und die Kinder erfährt man das Wichtigste. Manche biografischen Details, etwa der Tod der Mutter sowie der Schwester Julia Löhr, werden eher pflichtschuldig in wenigen Zeilen dargelegt. Das ist verständlich, zumal Tilmann Lahme vor zehn Jahren bereits eine Geschichte der Familie geschrieben hat.
Die queere Community braucht eine starke journalistische Stimme – gerade jetzt! Leiste deinen Beitrag, um die Arbeit von queer.de abzusichern.
Ein Coup: Der erstmals gedruckte Text Susan Sontags
Ausführlicher dagegen wird geschildert, wie Susan Sontag Thomas Mann in dessen kalifornischen Exil besucht. Kaum 17, ist die Studentin noch weit davon entfernt, eine der wichtigsten Intellektuellen ihrer Zeit zu werden. Hier gelingt dem Biografen ein weiterer Coup: Erstmals weltweit wird Sontags Text "Bei Thomas Mann" gedruckt, den sie wohl kurz nach der Begegnung geschrieben hat.
Er wirft ein ganz anderes Licht auf den Besuch als der 40 Jahre später entstandene Essay "Wallfahrt". Die Biografie räumt einem Vergleich der zwei Texte erstaunlich viel Raum ein, wo die Begegnung für den damals bereits 74-Jährigen Thomas Mann nur eine kurze Notiz im Tagebuch wert war: "Nachmittags Interview mit 3 Chicagoer Studenten über den 'Magic Mountain'." Relevant ist das vor allem, weil Tilmann Lahme einige Parallelen zwischen Mann und Sontag herstellt, was die Unterdrückung der gleichgeschlechtlichen Gefühle angeht.
Thomas Mann, der "homophobe Homosexuelle"
"Thomas Mann. Ein Leben" ist das, was die Biografie im Untertitel verspricht: Die Darstellung eines Lebens. Vollumfänglich, ehrlich, ohne falsche Vorsicht, die bisweilen auch als Homophobie gesehen werden kann. Und dennoch lässt sich Tilmann Lahme keine aktivistische Verblendung vorwerfen, so nachvollziehbar faktenbasiert sind seine Feststellungen.
Er hat eine Biografie geschrieben, die endlich auch den schwulen Thomas Mann zeigt – in all seiner Komplexität. Lahmes Zuschreibung, Mann sei ein "homophober Homosexueller" gewesen, ist schlüssig – und sicher kein Einzelfall. Thomas Mann war ein literarisches Genie, das im Privaten oft zweifelnd und unglücklich war.
Seine Liebe und seine Lust unterdrückte er, die Vertuschung ging nach seinem Tod weiter – doch Tilmann Lahme trägt einen großen Teil dazu bei, ihn davon zu befreien. Im Mann-Jubiläumsjahr, zum 150. Geburtstag des Schriftstellers, erscheint eine Vielzahl an neuen Sachbüchern. Diese neue Biografie gehört zu den wichtigsten.
Tilmann Lahme: Thomas Mann. Ein Leben. Biografie. 592 Seiten. dtv. München 2025. Gebundenes Buch: 28 € (ISBN 978-3-423-28445-5). E-Book: 22,99 €
Links zum Thema:
» Mehr Infos zum Buch, Leseprobe und Bestellmöglichkeit bei amazon.de
Mehr queere Kultur:
» auf sissymag.de
Informationen zu Amazon-Affiliate-Links:
Dieser Artikel enthält Links zu amazon. Mit diesen sogenannten Affiliate-Links kannst du queer.de unterstützen: Kommt über einen Klick auf den Link ein Einkauf zustande, erhalten wir eine Provision. Der Kaufpreis erhöht sich dadurch nicht.
















