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Kinostart
Frau bi, Bruder schwul: Eine queere Dreiecksgeschichte in den 1950er Jahren
Muriel merkt, dass sie auf ihre Nachbarin steht, auch der schwule Bruder ihres Mannes Lee beginnt eine geheime Affäre. "On Swift Horses" ist einer der heißesten queeren Filme des Jahres – und doch fehlt dem Melodrama etwas.

Lee (Will Poulter), seine Frau Muriel (Daisy Edgar-Jones) und sein Bruder Julius (Jacob Elordi) in "On Swift Horses" (Bild: Leonine Studios)
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27. Mai 2025, 00:53h 4 Min.
Weiße Weihnachten: Im Kansas der 1950er Jahre kein seltenes Bild. Nun aber sind es vor allem heiße Weihnachten, wenn sich Julius (Jacob Elordi) oberkörperfrei auf einer Motorhaube räkelt. Die Sonne scheint ihm auf den Körper. Daneben liegt sogar Schnee – wenn auch eher pro forma, um daran zu erinnern, dass Winter ist. Von Kälte ist hier keine Spur.
"Ich weiß, wer du bist", ruft Julius frech. Oben im Fenster steht seine Schwägerin, gedankenverloren raucht Muriel eine Zigarette. Sie trägt noch ein Nachthemd, schaut verdutzt. Ein heißer Überraschungsbesuch.
Lee will den amerikanischen Traum leben
Zu dritt feiern sie Weihnachten. Lee, Muriels Partner und Julius' Bruder, der gerade erst aus dem Korea-Krieg nach Hause gekehrt ist. Muriel macht ihm das schönste Geschenk: Zum Heiratsantrag sagt sie Ja. Endlich. Sie hatte länger gezögert.
Damit steht für Lee nichts mehr im Weg. Jetzt ist es für Lee an der Zeit, aus dem Mittleren Westen abzuhauen und sich in der kalifornischen Sonne ein Bilderbuchleben aufzubauen: Geregelte Jobs, Einfamilienhaus in der Vorstadt, Grillpartys, Kinder. Der amerikanische Traum eben.
Wirtschaftsboom und traditionelle Rollenbilder

Poster zum Film: "On Swift Horses" startet am 29. Mai 2025 bundesweit im Kino
Für ihn gehört auch sein Bruder Julius dazu, doch der verschwindet. Statt nach San Diego zieht es ihn nach Las Vegas, wo er anfängt, in einem Casino zu arbeiten. In der Zocker-Hauptstadt hat er Glück im Spiel und Glück in der Liebe: Er beginnt eine leidenschaftliche Affäre mit dem mexikanischen Kollegen Henry – deren Form vom amerikanischen Traum. Mit seiner Schwägerin bleibt er telefonisch in Kontakt, Lee erfährt davon aber nichts. Er ist enttäuscht von der Flatterhaftigkeit des Bruders.
Die Dreiecksgeschichte spielt in den 1950er Jahren – eine perfekte Zeit für ein Drama, in dem es um Mehrdeutigkeiten und Identität gibt. Das hatte schon "Carol" von Todd Haynes bewiesen. Die USA erlebten nach dem Zweiten Weltkrieg einen enormen Wirtschaftsboom, Wohlstand war für alle greifbar nah. Und obwohl traditionelle Rollenbilder dominierten, lockerten sich so manche Vorstellungen, wenn auch nur graduell.
Muriel ist begeistert von Pferdewetten – und ihrer Nachbarin
Für die eigene Queerness hatten die meisten gar keine Worte. Alles, was nicht cis und hetero war, war tabuisiert, vielerorts auch noch illegal. Und doch gründete sich mit der Mattachine Society 1950 die erste Homosexuellen-Organisation des Landes.
Eine Zeit des tiefgreifenden Wandels also – der amerikanische Traum bekam mehr Facetten. Das erleben auch Muriel, Lee, Julius und Henry. "On Swift Horses" verbindet geschickt die Geschichten der zwei Paare. Muriel wird ihr Kellner-Job in San Diego zunehmend langweilig, bis sie durch Zufall ihre Begeisterung – und ihr Talent – für Pferdewetten entdeckt.
Und noch etwas anderes begeistert sie: die Nachbarin Sandra, bei der sie eigentlich nur Oliven kaufen möchte. Als sie Muriel zu ihrem Buchclub einlädt, entdeckt sie eine völlig neue Parallelwelt. Und die gefällt ihr. Währenddessen fühlt sich Julius mit Henry zum ersten Mal richtig wohl. Doch es ist nur eine Frage der Zeit, bis er wieder wegrennt.
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Jacob Elordi, eines der schönsten Gesichter Hollywoods
"On Swift Horses" basiert auf dem gleichnamigen Roman von Shannon Pufahl. Es ist der erste Spielfilm des schwulen Regisseurs Daniel Minahan. Zuvor hatte der US-Amerikaner vor allem bei Serien Regie geführt. So war er Teil des Regie-Teams von "Game of Thrones" oder "True Blood".
Das Drama macht auf den ersten Blick vieles richtig: Die Bilder können monumental, aber auch intim sein. Die Ausstattung ist hochwertig und sehr ästhetisch, ob es die Outfits oder die Kulissen sind. Die Story hat ein paar überraschende Wendungen parat und setzt auf wohldosiertes Drama und ein bisschen Kitsch. Und natürlich ist der Cast unglaublich schön. Der Australier Jacob Elordi, bekannt aus "Saltburn" oder "Priscilla", ist aktuell sicher einer der attraktivsten Hollywood-Stars.
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Der Funke springt nicht immer über
Die schwulen Sexszenen mit ihm erfüllen so manche Träume queerer Männer. Und auch Daisy Edgar-Jones (Muriel), Will Poulter (Lee), Diego Calva als Henry und schließlich Sasha Calle als Sandra sind nicht nur hervorragende Darsteller*innen, sondern entsprechen jeder Schönheitsnorm. Das macht "On Swift Horses" zu einem der hottesten queeren Filme des Jahres.
Statt den titelgebenden schnellen Pferden kommt das Melodrama aber eher langsam voran. Man würde ihm ein bisschen mehr Tempo wünschen, vor allem aber mehr Gefühl. Die Charaktere untereinander harmonieren, aber der entscheidende Funke springt nicht immer über.
Vielleicht ist diese perfekt aussehende Welt, in der diese hübschen Figuren leben und leiden, einfach zu unglaubwürdig. Das Regiedebüt von Daniel Minahan ist schön anzusehen, aber weit entfernt von einem Meisterwerk.
On Swift Horses. Drama. USA 2024. Regie: Daniel Minahan. Cast: Daisy Edgar-Jones, Jacob Elordi, Will Poulter, Diego Calva, Sasha Calle. Laufzeit: 119 Minuten. Sprache: deutsche Synchronfassung. FSK 12. Verleih: Leonine Studios. Kinostart: 29. Mai 2025
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