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Ausstellung

Drag und Dekonstruktion: Julian Rosefeldts "Nothing is Original"

Das C/O Berlin würdigt den Videokünstler Julian Rosefeldt mit einer umfassenden Werkschau. Seine Arbeit umfasst eine queere Hommage an das Berlin der Goldenen Zwanziger und eine Filminstallation mit Cate Blanchett in dreizehn Rollen.


Kaum zu erkennen: Die Sängerin Peaches in einer Filmszene von "Deep Gold" 2013 © Julian Rosefeldt, VG Bild-Kunst, Bonn, 2025

Ein Trip durch das Berlin der 1920er Jahre. Die Kamera folgt einem jungen Mann im Smoking, der wie in einem Traum durch die Straßen wandelt. Nach allerlei surreal anmutenden Begegnungen nähert er sich einem Nachtclub. Dessen magische Leuchtschrift flimmert bereits verheißungsvoll von weitem: "Deep Gold". Genauso nennt sich auch der mittlerweile zum Kult gewordene Film des Videokünstlers Julian Rosefeldt – ihm zu Ehren ist nun im Ausstellungshaus C/O Berlin die Werkschau "Nothing is Original" mit seiner Arbeit aus rund dreißig Jahren zu sehen, darunter bislang unveröffentlichte Storyboards, Skizzen, Set-Fotografien und Making-of-Materialien.

In "Deep Gold" von 2013 widmet sich der 1965 in München geborene Rosefeldt der historisch einzigartigen Atmosphäre der Weimarer Zeit mit den Stilmitteln der künstlerischen Entfremdung. Dabei fokussiert er sich auf den queeren Glamour Berlins mit seiner fast grenzenlosen Freiheit, bevor die Nazis alles vernichten. Ein nostalgisches Schwarzweiß unterstreicht zugleich die Zeitlosigkeit wie auch die Vergänglichkeit dieser Epoche. Die Ahnung der heraufziehenden Katastrophe ist allgegenwärtig: So schwingt etwa eine Gruppe von Leuten auf der Straße erst die Beine in die Höhe wie in einer Revue und marschiert dann plötzlich im Stechschritt.


Ausstellungsansicht "Deep Gold" (Bild: Axel Krämer)

Auf der Tanzfläche und der Bühne des Nachtclub tummeln sich gleichgeschlechtliche Paare, Nackte, Leichtbekleidete und androgyne Performer*innen, die an Josephine Baker, Anita Berber oder Liza Minelli in ihrer "Cabaret"-Rolle als Sally Bowles erinnern. Die Sängerin Peaches legt einen Gastauftritt in einem fulminanten Fetischkostüm hin – sie ist fast nicht zu erkennen. Sie trägt einen Panzer mit zahlreichen stilisierten Brüsten, auf denen kleine Puppenköpfe als Nippel fungieren. Flankiert wird sie von zwei Figuren mit künstlichen Riesenpenissen, die Rosefeldt "die Francis-Bacon-Brothers" nennt, weil sie "so skurril aussehen". In der aktuellen Ausstellung ist eine Szeneaufnahme davon und ein Porträt von Peaches zu bewundern – neben zahlreichen anderen Burlesque-Fotos aus dem Film.

Spaß an der Kostümierung und am Hinterfragen von Stereotypen


Videokünstler Julian Rosefeldt (Bild: Axel Krämer)

"Deep Gold" ist eine Arbeit, die viele Stationen hinter sich hat. Sie war unter anderem in Buenos Aires, Peking, Rio de Janeiro und Madrid zu sehen, aber auch in der 2015 gezeigten Mammutschau "Homosexualität_en" – einer Kooperation vom Deutschen Historischen Museum und dem Schwulen Museum in Berlin. "Ich habe mich total gefreut über das Feedback", erinnert sich Rosefeldt. " Ich vermute, dass diese Thematisierung des Weiblichen und Männlichen in uns allen dazu führte, dass diese Arbeit gerade in der queeren Szene so positiv angekommen ist. Ein Kollege hat zu mir gesagt, dass diese Arbeit für ihn als schwulen Künstler wichtig gewesen ist."

Auf das Thema der sexuellen Entgrenzung in "Deep Gold" kam Rosefeldt, als er sich mit Luis Buñuels Film "L'Age d'Or" beschäftigte. Dabei fand er den feministischen Furor spannend, der in dem Film zu spüren war. Und so begann er, sich mit feministischer Theorie auseinanderzusetzen. Dabei stolperte er auf zwei Manifeste von Valentine de Saint Point, einer Vertreterin des Futurismus, der unter Intellektuellen als avantgardistische Bewegung Anfang des 20. Jahrhunderts europaweit sehr populär war. "Beide Texte sind unglaublich aktuell", sagt Rosefeldt. "Sie proklamieren zum Beispiel, in jedem von uns stecke ein Stück Mann und ein Stück Frau." Zitate daraus nutzt der Künstler, indem er sie von Nachtclub-Performerinnen singen lässt, begleitet von Varieté-Music aus dieser Zeit.

"Nothing is Original": Bereits der Titel der Ausstellung deutet an, was den Kern von Julian Rosefeldts Arbeit ausmacht: Ein Spiel mit Zitaten, filmischen Rollenklischees, künstlerischer Aneignung und der Dekonstruktion von Wahrheiten, die als absolut gelten – fast genau so wie in der Drag-Kultur. In einer Vitrine gegenüber der "Deep Gold"-Ausstellungswand finden sich Aufnahmen von New Yorker Dragqueens aus den frühen 1990er Jahren, lange bevor er seinen künstlerischen Durchbruch hatte. "Spaß an der Kostümierung habe ich immer gehabt, Spaß am Hinterfragen von Stereotypen auch, und das gilt gleichermaßen für Geschlechterrollen wie für Kinomythen", sagt Rosefeldt. Gleichzeitig interessiert ihn der Blick hinter die Fassade: Viele seiner Werke thematisieren die Übergänge zwischen Bühne und Backstage, zwischen Oberfläche und Hintergrund.

Cate Blanchett schlüpft in dreizehn Rollen


Cate Blanchett als obdachloser Mann in "Manifesto", 2015 © Julian Rosefeldt, VG Bild-Kunst, Bonn, 2025

In einer seiner berühmtesten und verblüffendsten Arbeiten, der Filminstallation "Manifesto" aus dem Jahr 2015, lässt er die Schauspielerin Cate Blanchett in dreizehn Rollen schlüpfen, unter anderem als obdachloser Mann, als konservative Mutter oder als Punk. Dabei zitiert sie jeweils aus historisch-künstlerischen Manifesten. Mal ermuntert sie als Grundschullehrerin ihre Klasse, beim Kreativsein keine falsche Rücksicht zu nehmen: "Stehlt von überall, wo ihr Inspiration findet oder was eure Fantasie beflügelt, aber wählt nur Dinge zum Stehlen aus, die direkt zu eurer Seele sprechen."

Dann wiederum erlebt man Blanchett als aufgetakelte Nachrichtensprecherin: "Guten Abend, meine Damen und Herren. Alle gegenwärtige Kunst ist fake, nicht weil sie Kopie, Aneignung, Simulakrum oder Nachahmung ist, sondern weil ihr der entscheidende Schub an Kraft, Mut und Leidenschaft fehlt" – ein Vorwurf, der zumindest die Werke in der Ausstellung "Nothing is Original" nicht betrifft.

Auf den ersten Blick sind Arbeiten wie "Deep Gold", "Manifesto" oder auch "American Night", in dem die Männermythen des Westernfilms aufs Korn genommen werden, nicht nur äußerst opulent in Szene gesetzt, sondern zeichnen sich auch durch Überstilisierung und ironische Brechung aus. Häufig macht Rosefeldt dabei den filmischen Entstehungsprozess sichtbar und zeigt gleichwohl damit auf, wie sich Realität konstruieren lässt.


Ausstellungsansicht (Bild: Axel Krämer)

"Wir Künstler sind nie fertig, wir sind extrem fragil"

Rosefeldt interessiert sich für die unterschiedlichen Perspektiven auf unsere Zeit, und er greift dabei auf historische Texte zurück, die vielleicht auch heute noch von Relevanz sind. "Die Künstlermanifeste haben mich begeistert aufgrund ihrer kreativen Wut." Darum sei "Manifesto" für ihn "eine ganz stark antipopulistische Arbeit", weil sie zeige, dass Wut nicht dumm sein oder Angst erzeugen müsse, wie es bei Populist*­innen und den extrem Rechten im Moment zu beobachten sei, sondern "durchaus was sehr Kreatives und Positives sein kann. Und das strahlen diese Texte alle unisono aus – neben der Naivität, die ihnen zugrunde liegt".

Die Radikalität und Unbefangenheit, so Rosefeldt, sei vor allem der Jugendlichkeit ihrer Autor*­innen geschuldet, lange bevor sie für ihre Kunst berühmt wurden. "Insofern sehe ich diese Texte eher als fragile Selbstbefragung von einer ganz jungen Generation von Menschen, die eben, wie wir alle in dem Alter um die zwanzig, noch sehr unsicher sind." Nach außen hin sage man zwar: "Ich bin der!" oder "Ich stehe für das!", "Ich gehe auf diese Demo!" oder "Ich mache mir jenen Haarschnitt oder dieses Tattoo!". Das strahle jedoch gewissermaßen "genau das Gegenteil von Selbstsicherheit aus, nämlich eine große Fragilität und Sensibilität. Wir nehmen oft an, dass alles, was im Museum landet, Hand und Fuß hat und absolut so gemeint war und natürlich den Genius des Künstlers ausstrahlt – dabei ist das keineswegs der Fall. Aus eigener Erfahrung kann ich sagen, wir Künstler sind nie fertig, wir sind extrem fragil. Wir sind auch sehr verletzlich, ganz besonders in jungen Jahren."

-w-