https://queer.de/?53775
Kommentar
Es beginnt mit feindseliger Sprache
Die verbalen und gesetzlichen Angriffe der Trump-Regierung gegen trans Menschen sind nur eine Art Testballon für einen viel größeren Plan beim Abbau demokratischer und menschenrechtlicher Regeln und Strukturen.

Demonstration gegen die transfeindliche Politik der Trump-Regierung in Boston (Bild: IMAGO / Newscom World)
- Von
29. Mai 2025, 12:46h 7 Min.
"Eines Morgens erwachte ich aus unruhigen Träumen und fand mich in meinem Bett in eine monströse Kakerlake verwandelt. Es war der 21. Januar, nachdem Präsident Trump verkündet hatte, dass die Bundesregierung von diesem Tag an nur noch zwei Geschlechter anerkennen würde. […] Nach 25 Jahren als Frau hatte ich mich in einen Mann zurückverwandelt. Sie können sich meine Überraschung vorstellen."
Die das in der "New York Times" schrieb, heißt Jennifer Finney Boylan und ist eine erfolgreiche US-amerikanische Schriftstellerin und trans Frau. Sie reagierte auf die Dekrete, mit denen das Trump-Kabinett trans Menschen in ihrer Existenz frontal angreift und aus sozialen Räumen verbannt inklusive Berufsverbote.
Wir erinnern uns, da ging es beispielsweise um das sogenannte biologische Geschlecht und um eine exklusive Zweigeschlechtlichkeit. Da aber trans Menschen bekanntlich niemals ihr Geburtsgeschlecht sind, sondern eine davon abweichende Geschlechtsidentität leben, wird ihre Geschlechtlichkeit mal eben als Fiktion und Lüge hingestellt (vor allem bewusst als Letzteres).
Der angebliche Schutz von cis Frauen ist eine glatte Lüge
Boylan ist jedoch aufgefallen, dass das Dekret vom Geschlecht zum Zeitpunkt der Empfängnis spricht. Und was sagt die Biologie dazu? Ganz einfach: Erst nach ungefähr der siebten Woche entscheidet sich, ob "ein Gen auf dem Y-Chromosom die Entwicklung von Hoden auslöst". "Ich fand diesen Vorschlag boshaft amüsant." Denn im Moment der Empfängnis gibt es noch gar kein männliches Geschlecht. Aber wirklich amüsant ist das leider nicht, denn es gehe letztendlich darum, "uns aus dem öffentlichen Leben auszuschließen".
Damit nicht genug. Weil Trump und die Seinen angeblich die cis Frauen schützen wollen, sollen trans Frauen vom Frauensport ausgeschlossen bleiben. Darüber hinaus sollen trans Personen generell nicht mehr der US-Armee angehören dürfen. Das alles blieb nicht ohne Antwort. Vor allem Gerichte kamen nun ins Spiel, um die Rechtmäßigkeit der Dekrete zu prüfen mit teils erfreulichen Einsprüchen. Ich komme darauf zurück.
Dass der beabsichtigte Schutz von cis Frauen nun wirklich eine glatte Lüge ist, zeigte sich an weiteren Dekreten – wie etwa die Ablehnung von Diversitätsprogrammen im Arbeitsleben. Das heißt, im Zuge der "neuen Breitbeinigkeit" einer absolut männerdominierten US-Politik landete die Gleichstellungspolitik, die Frauen vor noch immer bestehenden Benachteiligungen schützen sollte, mal eben auf dem Müll.
"Reaktionärer Wille zur Macht und zur Kontrolle von Lebensentwürfen"
Der "Spiegel" titelte einen seiner Beiträge mit "Wenn politische Entscheidungen zur Gender Reveal Party werden" und traf damit den Kern einer nicht nur trans-, sondern auch frauenfeindlichen, weil absolut anti-feministischen Politik. Zu erkennen ist, dass die Angriffe gegen trans nur eine Art Testballon für einen viel größeren Plan beim Abbau demokratischer und menschenrechtlicher Regeln und Strukturen darstellen.
Dazu stellt Simon Strick in dem besagten "Spiegel"-Artikel klar: "Eine einfache Daumenregel gilt: Immer wenn eine angebliche 'biologische Wahrheit' durch Regierungsmaßnahmen stabilisiert werden muss, steht dahinter ein reaktionärer Wille zur Macht und zur Kontrolle von Lebensentwürfen. Biologie wird genutzt zum politischen Verbot menschlicher Variation – das Paradox ist offensichtlich."
Ja, es ist allzu offensichtlich. Ebenso unverschleiert kommt die feindselige Sprache Donald Trumps daher. Für Amy Harmon ist die Absicht dahinter deutlich genug. Für sie gibt es keinen Zweifel, dass mit Begriffen wie "Verstümmelung", "Junk-Wissenschaft", "Transgender-Geisteskrankheit" und mehr dieser Art trans Personen als unehrlich und nicht integer dargestellt werden sollen mit der Konsequenz, "als unwürdig für gesetzliche Rechte" zu gelten. Es gehe, so Harmon in ihrem Artikel für die "New York Times" nicht darum zu sagen, die Forderungen der trans Community seien zu weitgehend, sondern trans Personen generell als falsch und defekt zu diskreditieren und als außerhalb jeglicher Rechtsansprüche stehend.
Bundesrichterin kritisierte bösartige Formulierungen
Doch, wie schon gesagt, das alles blieb nicht ohne Antwort. Schauen wir uns ein wenig näher an, was Gerichte und juristische Vertretungen, wie etwa Alexander Chen von der LGBTIQ+ Advocacy Clinic der Harvard Law School, zu all diesen Angriffen sagen. Und werfen wir außerdem einen Blick in die Meinungsforschung zu den hier angesprochenen Problemen. So viel vorab: Die transfeindliche Politik, wie sie aktuell das Weiße Haus betreibt, wird jedenfalls nicht oder vielleicht noch nicht von der Mehrheit der Amerikaner*innen mitgetragen.
Am deutlichsten wird das beim Verbot von Einberufung und Dienst von trans Personen im Militär. Es wurde im März dieses Jahres durch eine Bundesrichterin vorläufig blockiert, worauf das Justizministerium mit der Anschuldigung gegen die US-Bezirksrichterin aus Washington D.C., Ana Reyes, reagierte, hier wolle eine "aktivistische Richterin" "auf Kosten des amerikanischen Volkes […] die Macht an sich reißen".
Reyes hatte sich erlaubt festzustellen, dass die Verordnung gegen den Gleichbehandlungsgrundsatz verstoße und trans Personen diskriminiere (queer.de berichtete). Außerdem sei die Verordnung "von Feindseligkeit durchdrungen". Und genau die dürfe nicht Rechtsgrundlage sein. Eine Formulierung wie die folgende ist jedoch zu hundert Prozent bösartig: "Die Behauptung eines Mannes, er sei eine Frau, und seine Forderung, dass andere diese Unwahrheit respektieren, steht nicht im Einklang mit der Demut und Selbstlosigkeit, die von einem Soldaten erwartet werden."
Worauf Reyes den Vertreter des Justizministeriums fragte, ohne jedoch eine Antwort zu erhalten: "Wäre es fair zu sagen, dass der Ausschluss einer Gruppe von Menschen vom Militärdienst aufgrund unbegründeter Behauptungen, sie seien Lügner, unbescheiden, unehrlich, undiszipliniert und unehrenhaft, von Feindseligkeit motiviert ist – insbesondere wenn es für keine dieser Behauptungen Belege gibt?"
Mehrheit der Bevölkerung gegen Trans-Ausschluss
Was sagt die amerikanische Gesellschaft dazu? Das in Washington D.C. beheimatete Meinungsforschungsinstitut Gallup erhielt diese Antworten: Von allen Befragten war eine Mehrheit von 58 Prozent für die Beschäftigung von trans Personen in der US-Armee. 2019 waren es allerdings noch 71 Prozent. Die größte Zustimmung kommt von Wähler*innen der Demokraten, nämlich 84 Prozent. Interessant auch die Aufschlüsselung, denn bei den Frauen überwiegt die Zustimmung mit 64 Prozent deutlich. Dieser Trend setzt sich fort bei BIPoC Personen und Menschen mit akademischem Hintergrund. Interessant vielleicht noch dieses Detail in der Kategorie Einkommen: Am höchsten ist die Zustimmung bei Menschen mit eher niedrigem beziehungsweise sehr hohem Einkommen, während die Mittelklasse eher schwächelt.
Nicht unerwähnt sei hier eine sehr umfangreiche Erhebung, durchgeführt vom Pew Research Center mit dem Titel "Americans' Complex Views on Gender Identity and Transgender Issues". Veröffentlicht wurde sie bereits im Sommer 2022.
Hervorzuheben bleibt, dass die Forderung nach dem Schutz von trans Personen vor Diskriminierung im Beruf sowie in privaten und öffentlichen Räumen von 64 Prozent der Befragten befürwortet wird, auch wenn fast ebenso viele angeben, Geschlecht werde durch das Geburtsgeschlecht bestimmt. Wobei es hier eine klare Meinungsverschiedenheit zwischen Republikanern und Demokraten gibt. Letztere gehen mit 61 Prozent davon aus, dass Geschlecht veränderbar ist. Anzunehmen ist, dass die Resultate heute wahrscheinlich nach einem immer schriller agierenden Rechtspopulismus ungünstiger ausfallen würden – ein Trend, den Gallup leider bestätigte (siehe oben).
Das Phänomen des vorauseilenden Gehorsams
Ja, das Klima ist verdammt rau geworden. Und dann kommen noch solche Stimmen aus unserer trans Community hinzu, die Freudenfeste veranstalten, wenn vom "biologischen Geschlecht" die Rede ist, weil sie es offenbar nicht schaffen, ihr Transsein als Normalität zu begreifen. Namen sind hier überflüssig – wir kennen die üblichen Verdächtigen. Zum Glück gibt es aber Menschen wie Alexander Chen, den die National LGBT Bar Association unter die 40 besten LGBTIQ+-Anwälte zählt.
Zusammen mit Dallas Estes schrieb Chen für das LPE Project (Law and Political Economy) einen ausführlichen Kommentar zu der Flut von Anti-Trans-Verordnungen der Trump-Regierung. Es geht darin vor allem um die Auswirkungen im Hochschulbereich, und die beiden warnen dabei vor dem Phänomen des vorauseilenden Gehorsams, denn man müsse klar zwischen politischer Rhetorik und rechtlichen Verpflichtungen unterscheiden. Die Gefahren für das Bildungswesen benennen Chen und Estes in ihrem Artikel als sehr konkret und real. Warum nun auch der Bildungssektor für Trump zur Zielscheibe wurde, ist so offensichtlich wie die Feindseligkeit seiner Sprache. Autokratische Macht hatte noch nie etwas am Hut mit einer freien Wissenschaft.
Im Deutschen Bundestag sitzt immerhin schon eine Partei mit politischen Vorstellungen, die ganz auf Trump-Linie liegen – zumindest wo immer es um Trans-Rechte und Feminismus geht. Siehe deren Antrag (Drucksache 20/8862) mit dem Titel "Genderideologie – Gefahren von Bildung, Wissenschaft und Kultur abwenden". Von "Genderideologie" spricht übrigens auch die Union. Eine Lachnummer, bei der einem freilich das Lachen vergeht. Die USA unter Trump machen es uns gerade vor.














