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Roman

Zwei Generationen wollen queere Geschichte retten

"Blackouts" ist einer der bemerkenswertesten queeren Romane seit Langem. Autor Justin Torres mischt Fakt und Fiktion zu einem faszinierenden, komplexen literarischen Ereignis voller Nähe, Solidarität und Vertrauen.


Justin Torres ist Englisch-Professor in Los Angeles und Autor des Romans "Wir Tiere", der in fünfzehn Sprachen übersetzt und verfilmt wurde. Mit "Blackouts" gewann er den National Book Award for Fiction (Bild: JJ Geiger)

Es beginnt im Palast. Was mal ein Hotel oder Pflegeheim in der Wüste des Mittleren Westes gewesen sein muss, hat seinen Glanz verloren. Ohnehin, bemerkt der Ich-Erzähler, "gibt es in diesem Land keine Paläste". Hier, Tausende Kilometer von der Metropole entfernt, in der er zuletzt lebte, begegnet er Juan Gay. Im heruntergekommenen Palast, der vielleicht einer Wohltätigkeitsorganisation gehört, hat Juan ein Zimmer. Sein letztes Zimmer.

Der alte Mann hat nicht mehr viel Zeit vor sich, er ist nur noch ein Skelett, ein Schatten seiner selbst. Deshalb hat er ihn zu sich geholt, den 27-jährigen Mann. Den er Nene nennt, "Kleiner" auf Spanisch, das versteht er, obwohl er trotz puerto-ricanischer Wurzeln nur schlecht Spanisch spricht.

Die lesbische Forscherin soll endlich anerkannt werden

Juan Gay möchte, dass Nene nach seinem Tod sein Projekt weiterführt: Er hatte das wissenschaftliche Werk "Sex Variants: A Study of Homosexual Patterns" entdeckt, übersät mit Schwärzungen. Doch es sind, zumindest scheint es so, keine Zensuren. Vielmehr entsteht durch die Streichungen ein neuer Text im Text mit einer ganz eigenen, oft lustigen Bedeutung.

Juans Anliegen: Diese medizinische Studie von 1941 soll wiederentdeckt werden. Nicht nur das, vor allem soll die Autorin Jan Gay die Anerkennung erfahren, die ihr bei der Arbeit an "Sex Variants" verwehrt geblieben war.

Homosexuelle seien "sozial unangepasste Personen"


Der Roman "Blackouts" ist Anfang Mai 2025 bei park x ullstein erschienen

Dazu muss man länger ausholen: Jan Gay, als Helen Reitman geboren und selbst lesbisch, kannte Magnus Hirschfeld und führte für die Studie über 300 Interviews mit Schwulen und Lesben. Sie arbeitete mit dem Psychiater George W. Henry an der Studie, der jedoch hatte ein anderes Ziel als Jan Gay: Während sie die Vielfalt der schwul-lesbischen Community zeigen wollte, sah Henry queere Menschen als Gefahr für Heteros.

Jan Gay verlor mehr und mehr die Kontrolle darüber, wie die Interviews in der Studie verarbeitet wurden. Schließlich erschien das zweibändige Werk "Sex Variants: A Study of Homosexual Patterns", ohne ihre Leistung zu würdigen.

Und schlimmer: George W. Henry schrieb darin, Homo­sexuelle seien "sozial unangepasste Personen, die sich nicht an die gesellschaftlichen Gesetze und Konventionen anpassen konnten" und für die deshalb "berufliche, psychiatrische und institutionelle Behandlung" in Frage komme.

Mischung aus Fakt und Fiktion

Jan Gay war entsetzt. Ihre Arbeit wurde missbraucht. Und obwohl "Sex Variants" einen gewissen Einfluss auf medizinische Fachkreise hatte, wurde ihr Name fast vollständig vergessen. Erst seit Kurzem wird ihre Leistung wiederentdeckt.

Denn, und hier vermischt "Blackouts" (Amazon-Affiliate-Link ) Fakt und Fiktion: Es gibt diese Studie, die 1902 in Leipzig geborene Jan Gay hat wirklich gelebt und war daran beteiligt. All das sind historische Fakten. Später lebte sie mit der Illustratorin Zhenya Gay zusammen, sie verfassten Kinderbücher und ein Buch, das Nudismus feiert. Was für eine Frau. Und was für eine Familie: Ihr Vater war Ben Reitman, der anarchische Obdachlosenarzt und Pionier in der Prävention von Geschlechtskrankheiten.

Vor zehn Jahren waren die zwei in derselben Psychiatrie

Dieses Projekt also soll der Ich-Erzähler weiterführen. Und er verspricht es Juan, auch wenn er gar nicht genau weiß, weshalb. "Ich fühlte auf Anhieb die Anziehungskraft dieser Bücher, das Mysterium, das von ihnen ausging; ein Werk der eingehenden Betrachtung, verwandelt in ein Werk der Auslöschung."

Nene hat unzählige Fragen an Juan, über das Buch, über die Zusammenhänge, über Jan Gay. Doch Juan lässt sich Zeit, obwohl er nicht mehr viel Zeit hat. Zuerst einmal solle er ihm mehr über ihn erzählen. Was alles passiert ist, seit sie sich zum letzten Mal gesehen haben – denn die beiden kennen sich. Es ist knapp zehn Jahre her, dass sie in derselben Psychiatrie waren. Also erzählt er, Juan antwortet, reagiert, manchmal schnippisch und frech, dann voller Verständnis.

Eine Lektüre wie eine Spurensuche

"Blackouts" ist ein Roman, bei dem es wahnsinnig schwer fällt, sich ihm zu nähern. Sein Inhalt lässt sich zwar zusammenfassen, doch es wird dem Text kaum gerecht. Denn er erzählt nicht linear, sondern schweift ab und greift Fäden irgendwann wieder auf. "Blackouts" ist weder fiktional noch an Fakten orientiert, sondern bewegt sich irgendwo dazwischen, mischt Erdachtes mit Wahrem, bis man es selbst nicht mehr auseinanderhalten kann. Das kann anstrengend sein, aber lohnt sich.

Die Form des Romans ist unkonventionell und collagenhaft: Der Text wird nicht nur von den geschwärzten Seiten von "Sex Variants" ergänzt, sondern auch von Fotos und Zeichnungen. Die "scheuklappenhaften Endnoten" helfen, doch ist – wieder – nicht ganz klar, was hier wahr und was fiktional ist. Die Lektüre gleicht einer Spurensuche und öffnet viele Themen, zu denen man mehr wissen möchte. Und am Ende möchte man gleich wieder bei der ersten Seite beginnen, um mit dem gesammelten Wissen so manches Fragezeichen zu beseitigen.

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Zwei Generationen sprechen auf Augenhöhe

Das macht "Blackouts" von Justin Torres zu einem der bemerkenswertesten queeren Romane seit Langem. Der US-amerikanische Autor, 1980 geboren, gewann dafür vor zwei Jahren den "National Book Award for Fiction".

Nicht nur die detailverliebte Sprache von Torres' zweitem Roman (Übersetzung: Stephan Kleiner) und die ungewöhnliche Form machen den Roman aus. Auch thematisch eröffnet er eine große Bandbreite: Angefangen bei der Kommunikation zweier schwuler Männer aus verschiedenen Generationen. Ihr Kontakt ist auf Augenhöhe, sie helfen einander – nicht nur der Junge dem Alten, auch wenn es von außen nicht so wirkt.

Wer hatte die Macht, über queere Menschen zu schreiben?

Hier herrscht ein riesiges Maß an Vertrauen und inniger Nähe, die berührt. Das geht soweit, dass der Ich-Erzähler die Nächte in Juans Bett verbringt, "wo ich seine Knochen und die papierene Haut spüren und seinen fauligen Atem einsaugen konnte und wusste, dass er noch nicht fort war".

Schließlich teilen sie aber auch ein Interesse: Sie fragen sich – stellvertretend für die Leserschaft -, wer ihre Geschichte geschrieben hat. Wer die Macht hatte, über queere Menschen und queeres Leben zu publizieren und damit die öffentliche Meinung zu beeinflussen. Und wer dabei unterging. Und wie das eigentlich sein kann, und was man dagegen tun kann. Zumindest eine Antwort von vielen ergibt sich ganz von selbst: den Roman lesen.

Infos zum Buch

Justin Torres: Blackouts. Roman. Aus dem Amerikanischen von Stephan Kleiner. 384 Seiten. Verlag park x ullstein. Berlin 2025. Hardcover mit Schutzumschlag: 24 € (ISBN 978-3-988-16023-2). E-Book: 19,99 €

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