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Rainer Werner Fassbinder
Gegen alle Konventionen
Der Regisseur und Schauspieler Rainer Werner Fassbinder gilt als Ikone des queeren Kinos. Heute – am 31. Mai 2025 – wäre er 80 Jahre alt geworden.

Der Regisseur, Schauspieler, Drehbuchautor, Filmproduzent, Filmeditor, Komponist und Dramatiker Rainer Werner Fassbinder wurde am 31. Mai 1945 in Bad Wörishofen geboren (Bild: IMAGO / ZUMA/Keystone)
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31. Mai 2025, 07:01h 4 Min.
Wong Kar-Wai, François Ozon, Michael Winterbottom, Gaspar Noé, Gary Indiana: Die Liste an einflussreichen Regisseur*innen, die Rainer Werner Fassbinder im Laufe ihrer Karriere als prägenden Einfluss genannt haben, ist lang. Kein Wunder: Waren seine Filme, die den Fokus oft auf gesellschaftliche Außenseiter*innen und die Psychologisierung von Machtverhältnissen richteten, ihrer Zeit doch weit voraus.
Wer aber war der Mann, der in gerade einmal 16 Jahren über 40 Filme – darunter zahlreiche Klassiker wie "Angst Essen Seele auf", "Lilli Marleen" oder "Querelle" – gedreht hat?
Als Laie im Film
Geboren wird der Sohn eines Arztes und einer Übersetzerin am 31. Mai 1945 – und damit in den unmittelbaren Nachkriegswirren. Gerade einmal drei Wochen zuvor hat die deutsche Wehrmacht ihre bedingungslose Kapitulation erklärt. Früh zieht es die junge Familie ins nahe gelegene München, das als einstige Hauptstadt der NS-Bewegung stark durch die alliierten Bomben zerstört ist. Als der junge Rainer Werner sechs Jahre alt ist, trennen sich seine Eltern.
Fortan wächst er bei seiner Mutter und – nachdem diese schließlich in ein Sanatorium eingewiesen wird – in Internaten und bei Verwandten auf. Freund*innen hat er damals nur wenige, seine engsten Verbündeten werden im Laufe seiner Jugend stattdessen seine zahllosen Bücher. Ob Philosophie, Belletristik, Gesellschaftskritik oder Psychoanalyse: Sein Interessensgebiet ist bereits in dieser Zeit breit gestreut, wovon sein späteres Werk zweifellos profitieren wird.
Nachdem er sowohl an den Filmhochschulen in München als auch später in Berlin an der Schauspiel-Aufnahmeprüfung scheitert, beginnt er schließlich, sich dem Film als Laie zu nähern. Von Konventionen hält er ohnehin nur wenig, wie auch der Name des von ihm 1967 mitbegründeten "Antiteaters" unterstreicht. Teil des Ensembles sind zahlreiche Schauspieler*innen, die in den folgenden Jahren auch das filmische Werk Fassbinders maßgeblich mitprägen werden, darunter untern anderem Ingrid Caven, Irm Hermann, Hanna Schygulla und Kurt Raab.
Ein ungewöhnlicher Mut
Gemeinsam dreht das Kollektiv im Jahr 1969 auch Fassbinders ersten abendfüllenden Film "Liebe ist kälter als der Tod", der bereits zahlreiche filmische Motive Fassbinders vorwegnimmt: Etwa die homoerotischen Spannungen zwischen den beiden Protagonisten Franz und Bruno, wenngleich diese – anders als in späteren Werken wie "Faustrecht der Freiheit" oder "In einem Jahr mit 13 Monden" – eher subtil verhandelt werden.
Dass Fassbinder es bereits in dieser Zeit wagt, einen filmischen Fokus auf queere Themen zu richten, zeugt von seinem ungewöhnlichen Mut. Denn dem Gros der gesellschaftlichen Mitte erscheint Homosexualität zu dieser Zeit als "widernatürlich" und "pervers". Der von den Nazis verschärfte Paragraf 175, der männliche Homosexualität unter Strafe stellt, ist noch offiziell in Kraft und wird erst zwei Jahre später, im Jahr 1971, modifiziert und 1994, viele Jahre nach Fassbinders Tod, ersatzlos gestrichen.
Das aber hindert den offen bisexuell lebenden Fassbinder nicht daran, zu Lebzeiten zahlreiche Beziehungen mit Männern einzugehen. Am längsten währt jene zu Armin Meier, einem Metzger, mit dem er zwischen 1974 und 1978 liiert ist. Auch mit dem tunesisch-marokkanischem Schauspieler El Hedi ben Salem, der 1973 durch seine Rolle als Ali im Klassiker "Angst essen Seele auf" in die Filmgeschichte eingehen wird, ist Fassbinder zwischenzeitlich liiert.
Türöffner der Identitätspolitik
Schaut man Fassbinders Filme heute – viele Jahrzehnte nach Ersterscheinen – merkt man schnell, dass die meisten von ihnen erstaunlich gut gealtert sind. Das liegt vor allem daran, dass zahlreiche von ihnen Themen wie Queerness, aber auch Misogynie und Rassismus, in einer Zeit verhandelten, in der es innerhalb der medialen Welt noch keine diesbezüglichen identitätspolitischen Fürsprecher*innen gab. Insofern können seine Werke – wie etwa auch die des schwulen Regisseurs Rosa von Praunheim – im Nachhinein als wesentliche Türöffner betrachtet werden. Anders jedoch als von Praunheims Werke waren Fassbinders Filme nie agitatorisch oder moralisch: Denn sie verweigerten sich bewusst einer einfachen Kategorisierung in Gut und Böse, Schwarz und Weiß.
Das macht auch Fassbinders letzter Film "Querelle" deutlich, den er im Jahr 1982 nach einer Romanvorlage Jean Genets drehte. Jenseits bürgerlicher Moralvorstellungen, stattdessen mit einem radikal ästhetizistischem Fokus, näherte er sich darin dem komplexen Zusammenspiel aus Begehren, Gewalt und Macht.
Der Erstaufführung im August 1982 konnte Fassbinder bereits nicht mehr beiwohnen – er starb zwei Monate vorher, am 10. Juni, im Alter von 37 Jahren an einer überdosierten Mischung aus Kokain, Schlaftabletten und Alkohol. "viele filme machen. damit mein leben zum film wird", steht auf seinem Grabstein – was sich später nicht nur im übertragenen, sondern auch im wortwörtlichen Sinne bewahrheiten soll. 2020 etwa beleuchtete Oskar Roehler in seinem Film "Enfant Terrible" das Leben Fassbinders. 2022 folgte der Film "Peter von Kant" von François Ozon, eine Adaption von Fassbinders lesbischem Melodram "Die bitteren Tränen der Petra von Kant".
Heute wäre Rainer Werner Fassbinder 80 Jahre alt geworden.
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