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Die "Bilitis"-Lüge

Auch eine Fälschung kann emanzipatorisch sein

Heute vor 100 Jahren – am 4. Juni 1925 – starb der Meister der erotischen Literatur Pierre Louÿs. Sein bedeutendstes Werk sind seine "Bilitis"-Gedichte, die er zunächst als antike Werke ausgab.


Der französische Autor Pierre Louÿs (1870-1925) – ein Meister der erotischen Literatur (Bild: wikipedia)

An was denkt die Leserschaft von queer.de bei dem Namen "Bilitis" wohl zuerst: an den Softsexfilm von David Hamilton aus dem Jahr 1977 oder eher an die 1955 gegründete erste lesbische Bürgerrechtsorganisation in den USA "Daughters of Bilitis"? Sowohl dieser Name als auch der Filmtitel basieren auf dem Werk "Die Lieder der Bilitis" von Pierre Louÿs (1870-1925). Er veröffentlichte das Werk aber zunächst nicht als seines, sondern gab es als Übersetzung eines angeblich antiken Werkes aus. Dass die Fälschung schnell entlarvt wurde, tat dem Erfolg von "Bilitis" keinen Abbruch.

Später schuf Louÿs mit "Aphrodite" und "Die Abenteuer des Königs Pausol" weitere Werke, in denen er ebenfalls lesbische Liebe und Leidenschaft behandelte. Pierre Louÿs hatte einen großen Einfluss auf andere Kunstschaffende, die seine Bücher illustrierten oder auch verfilmten.

Die "Lieder der Bilitis" (1894)

Die Erstausgabe der "Chansons de Bilitis" erschien 1894. Im Folgenden habe ich die Übersetzung "Die Lieder der Bilitis" von Franz Wagenhofen (1900) herangezogen. Rund ein Viertel des Gedichtzyklus befasst sich mit lesbischer Liebe und Sexualität, wobei fast alle lesbischen Beiträge im II. Kapitel "Elegien in Mytilene" (S. 61-107), einige aber auch in anderen Kapiteln zu finden sind (S. 30, 39, 125, 129, 131, 155, 161-162). Zunächst schämt sich die 16-jährige Bilitis, eine Nacht bei "Psappha" (= Sappho) verbracht zu haben (S. 62). Durch sie und andere Mädchen lernt Bilitis jedoch schnell "den Honig der Liebkosungen des Weibes" kennen (S. 64). Bilitis macht sich Gedanken darüber, welcher Freundin sie ihren Mund und ihr Herz schenken möchte (S. 65), und macht ihre ersten sexuellen Erfahrungen mit Frauen: Lippen, die sich mit ihren Lippen vereinigen, Zungen, "die einander erkannte(n)", und Schenkel, die "wie für einen Liebhaber" nachgeben (S. 68). Ihr wichtigster sozialer und sexueller Kontakt ist der zu Mnasidika, die sie heiratet und danach über die Türschwelle der gemeinsamen Wohnung trägt. Dabei erwartet Mnasidika Bilitis "wie einen Gatten" (S. 69). Bilitis ist verliebt: in Mnasidikas schöne Haare, ihre Brüste, ihren Mund und ihre "südliche(n) Pforte" (S 74). Beide Frauen haben sogar eine gemeinsame Puppe, die sie wie ein gemeinsames Kind in ihr Bett legen (S. 76). Auf einigen Seiten werden ihr leidenschaftlicher Sex (S. 77-79) und der Morgen danach (S. 81) beschrieben. Rund 24 Jahre später, Bilitis ist nun fast 40 Jahre alt und Mnasidika mittlerweile gestorben, erinnert sie sich rückblickend an diese große Liebe (S. 162).

Hinweisen möchte ich auch auf die einzige Stelle über mann-männlichen Sex (S. 137): Kleon liebkost gerne junge Männer, die von Bilitis – im Verhältnis zu Frauen – als "häßlich" bezeichnet werden. Ihre "engen Seiten" werden den weiblichen "üppigen Lenden" gegenübergestellt. Kleon wird als "krank" und verirrt bezeichnet, jedoch könne eine Frau ihn "heilen". Zu diesem Zweck solle er eine Frau aufsuchen, die ihm mit ihrem Hintern "nicht das Vergnügen verweigern" werde. Mich befremdet eine solche Form der unterschiedlichen Bewertung gleichgeschlechtlichen Verhaltens von Männern und Frauen. Wenn diese Bewertungen auch die persönliche Einstellung Pierre Louÿs' widerspiegeln, wäre sie übrigens konträr zu der Einstellung des Philologen Paul Brandt (1875-1929), der die männliche Homosexualität in der Antike auf- und die weibliche Homosexualität abwertete (s. dazu meinen queer.de-Artikel).

"Bilitis" als "Fälschung" bzw. "Imitation"

In der Erstausgabe der "Chansons de Bilitis" (1894) behauptete Pierre Louÿs, dass es sich dabei um das Werk einer angeblich bisher unbekannten griechischen Lyrikerin aus dem Umkreis Sapphos handle, das er übersetzt habe. Kerstin Mira Schneider-Seidel ("Antike Sujets und moderne Musik: Untersuchungen zur französischen Musik um 1900", 2002, S. 124-126) weist darauf hin, dass die Authentizität der Gedichte bereits 1896 von dem bedeutenden Altphilologen Ulrich von Wilamowitz-Moellendorff angezweifelt wurde. Gleichzeitig betont Schneider-Seidel, dass die "Pseudoauthentizität" ein "wesentliches Merkmal von Nachahmungen" antiker Texte sei. Im selben Jahr wurde "Bilitis" in literarischen Zeitschriften als "kecke Fiktion", "durchsichtige Verkleidung, (und als) eine archäologische Spielerei" bezeichnet ("Magazin für die Literatur des In- und Auslandes", Jg. 1896, Spalte 1020-1026). Pierrre Louÿs habe eine Übersetzung vorgetäuscht, "ohne den geringsten Argwohn seitens des Publikums zu verursachen" ("Neue Deutsche Rundschau (Freie Bühne)", Jg. 1896, S. 483). Dieses Lesepublikum wurde im Gegensatz zur Fachwelt noch ein wenig länger hinters Licht geführt. Unter dem irreführenden Titel "Lieder der Bilitis. Nach der aus dem Griechischem besorgten Übersetzung des Pierre Louÿs" erschien sogar noch im Jahre 1900 eine Ausgabe (hier online).


Die Ausgabe von 1900 mit fingierter Verfasserinnenangabe

Wikipedia bezeichnet die Gedichte als "eine der berühmten Fälschungen der Literaturgeschichte". Diese Formulierung täuscht ein wenig darüber hinweg, dass die anfänglich falschen Angaben niemand ernsthaft verurteilte. Karl Franke schrieb in seiner Dissertation "Pierre Louys" (1937, S. 26-34), die Publikation als angeblich antike Gedichte sei anfänglich nur "eine Art Scherz" gewesen. Es sei, so Franke, "nicht allzu schwer" gewesen, diese Form der "Pastiche" (= Imitation) als solche zu erkennen. Mit dem Hinweis auf eine als zu streng empfundene Zensur scheint Franke solche Fälschungen sogar legitim zu finden: "Im 18. Jahrhundert pflegte man die erotischen Romane anonym oder als eine Übersetzung (…) herauszugeben, um so der Zensur zu entgehen." Anlässlich einer Neuausgabe von 1923 verwies u. a. der "Remscheider Generalanzeiger" (18. September 1924) in seinem Artikel "Fälschungen antiker Schriftsteller" noch einmal auf Pierre Louÿs' "Scherz" und seine "gar nicht so ernst gemeinte Veröffentlichung" hin, auf die auch Journalisten und sogar ein angesehener Philologe hereingefallen seien.

Einfacher als die Frage der Beurteilung des Verhaltens von Pierre Louÿs ist die Frage nach dem finanziellen Aspekt: Die Fälschung bzw. Imitation hat dem Autor, dem Verkauf und der positiven literarischen Beurteilung des Buches nicht geschadet. In den folgenden deutschen Ausgaben "Lieder der Bilitis. Freie Nachdichtung nach Pierre Louys" (1923, 1930) wurde nur der Titel geändert. Nicht nur die literarische Qualität, sondern auch die positive Auseinandersetzung mit lesbischer Liebe und Sexualität brachten dem Autor Aufmerksamkeit und Anerkennung ein.

Drei Künstler illustrieren "Bilitis"

Pierre Louÿs stand u. a. mit Paul Verlaine und André Gide in Verbindung und viele seiner Werke regten nicht nur Komponisten und Filmemacher, sondern auch Maler*innen zu eigenen Werken an. Oscar Wilde widmete ihm sein Drama "Salome". "Bilitis" wurde 1977 verfilmt und von verschiedenen Komponisten wie Claude Debussy auch vertont. Nachfolgend stelle ich drei Künstler und drei Künstlerinnen vor, die "Bilitis" illustrierten, und beziehe mich hierzu vor allem auf den Blog des britischen Publizisten John Kruse.

Der belgische Künstler Jean de Bosschère (1878-1953) war von Aubrey Beardsley beeinflusst und illustrierte in den Zwanziger- und Dreißigerjahren des 20. Jahrhunderts erotische Klassiker von Autoren wie Aristophanes und Ovid. Aus seiner Faszination an erotische Themen entstanden auch seine "Bilitis"-Illustrationen von 1928, die Kruse als offen und feinfühlig bezeichnet.

Der französische Illustrator Joseph Kuhn-Régnier (1873-1940) orientierte sich an der griechischen klassischen Kunst, zeichnete griechische Szenen mit antiker Kleidung und Kulisse, die aber modern aussehende und oft selbstbewusste Frauen zeigen. Dazu gehören auch zwölf farbige Illustrationen, die er 1930 zu "Bilitis" schuf.

Der Maler, Grafiker und Illustrator André Agricol Michel (1900-1972) war in den Vierzigerjahren Bühnenbildner an der Pariser Oper und arbeitete daneben auch als bildender Künstler. Seine Illustrationen zu "Bilitis" von 1947 bestehen aus zarten Strichzeichnungen, wie die hier gezeigte Darstellung von Bilitis und Mnasidika.


Illustrationen der Künstler Bosschère, Kuhn-Régnier und Michel zu "Bilitis"

Drei Künstlerinnen illustrieren "Bilitis"

Die französische Malerin und Grafikerin des Kubismus Marie Laurencin (1883-1956) war bisexuell, und ihre "Bilitis"-Illustrationen von 1904-1905 können als ihr künstlerisch und persönlich bedeutsamstes Werk angesehen werden. Nach John Kruse wurde die Figur der "Bilitis" im Paris des frühen 20. Jahrhunderts von Künstlerinnen und Schriftstellerinnen als Galionsfigur aufgegriffen und sowohl Louÿs als auch Laurencin bewegten sich in deren Kreisen.

Die österreichisch-argentinische Malerin und Illustratorin Mariette Lydis (1887-1970) erhielt den Auftrag, eine französische Ausgabe von "Bilitis" zu illustrieren, die 1934 erschien. Von einem anderen Verleger erhielt sie 1948 erneut einen Auftrag, diesen Text künstlerisch zu gestalten. Ihre 20 Radierungen zeigen als Variationen der früheren Illustrationen einzelne Frauen und liebende Paare. Auch in Wikipedia wird ausführlich darauf eingegangen, wie Lydis in ihren Werken lesbische und bisexuelle Beziehungen thematisierte.

Von der Malerin, Zeichnerin und Übersetzerin Jeanne Mammen (1890-1976) stammen zehn bis heute erhaltene Lithografien zu "Bilitis", die 1932 veröffentlicht werden sollten, aber nie erschienen. Mammen übertrug die "Bilitis"-Geschichte in eine Lesbenkneipe im zeitgenössischen und damals recht freizügigen Berlin. Aufgrund der deutlichen lesbischen Themen in Mammens Werken konnte sie in der NS-Zeit kaum arbeiten. Ihre "Bilitis"-Darstellungen wurden.

Nach den Angaben von John Kruse gab es insgesamt nur wenige Künstlerinnen, die sich mit "Bilitis" beschäftigten. Es handelte sich hier vor allem um künstlerische Auseinandersetzungen lesbischer und bisexueller Frauen mit einem Werk, in dessen Zentrum ein queeres Thema stand – wenn es auch von einem heterosexuellen Mann geschrieben und insgesamt überwiegend von Männern illustriert wurde.


Die "Bilitis"-Illustrationen der Künstlerinnen Laurencin, Lydis (1934 und 1948) und Mammen

Die Rezeption und die Zensur von "Bilitis"

"Bilitis" wurde geliebt und gehasst. Zu denen, die "Bilitis" verteidigten, gehörte der Schriftsteller Richard Dehmel, der in der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg als einer der bedeutendsten deutschsprachigen Lyriker galt. Zur Verteidigung von "Bilitis" betonte Dehmel: "Im übrigen (…) lasse ich auch in Dingen des Unterleibs Jeden auf seine Façon selig werden" ("Les chansons de Bilîtis". Einleitung und Teilübersetzung, in: "Die Gesellschaft. Münchener Halbmonatsschrift für Kunst und Kultur", Jg. 1896, S. 453-461, hier S. 454). Dehmel wandelte damit das geflügelte Wort "Jeder soll nach seiner Façon selig werden" ab, das auf den (angeblich homosexuellen) König Friedrich II. von Preußen zurückgeht und sich im Original-Kontext auf religiöse Toleranz bezog.


Die Verteidigung der "Bilitis" von Richard Dehmel

Nach einem Urteil des Landgerichts I in München vom 7. Juni 1910 mussten in allen Exemplare einer deutschen "Bilitis"-Ausgabe von 1907 nicht weniger als 45 Gedichte (von rund 150) unkenntlich gemacht werden ("Börsenblatt für den deutschen Buchhandel", 15. Juni 1910). Weil diese Ausgabe heute auch online verfügbar ist, lässt sich leicht ersehen, dass die meisten der beanstandeten Gedichte lesbischen Inhalt haben. Dabei waren zwölf dieser Gedichte in der betreffenden Ausgabe nicht einmal übersetzt worden (s. Register), wohl in der irrigen Hoffnung, damit einer Zensur zu entgehen.

Später wurde diese "Bilitis"-Ausgabe von 1907 als eines von insgesamt zwölf Werken des Autors sogar in ein "Verzeichnis der verbotenen Bücher und Zeitschriften" des Zeitraums von 1903 bis Juli 1913 aufgenommen ("Börsenblatt für den deutschen Buchhandel", 12. Januar 1914).


Der lesbische Text "Weiterleben des Vergangenen" (S. 72), der mit zur Zensur führte

Louÿs' Werk "Aphrodite" (1896)

"Aphrodite. Mœurs antiques (= "Aphrodite. Antike Moral", 1896) ist der erfolgreichste Roman von Pierre Louÿs. Mir liegt zwar die deutschsprachige Ausgabe von 1899 in der Übersetzung von Gustav von Joanelli vor. Um meine Zitate besser nachvollziehbar zu machen, beziehe ich mich nachfolgend jedoch auf die Online-Ausgabe des "Projekts Gutenburg", auch wenn dort leider weder das Jahr noch der/die Übersetzer*in genannt wird.

In seiner Einleitung weist Pierre Louÿs recht verschleiernd darauf hin, dass Sappho "einem eigenen Laster den Namen" gegeben habe, womit er auf die sapphische bzw. lesbische Liebe anspielt. Der Roman behandelt in erster Linie die Geschichte der Kurtisane Chrysis und des Bildhauers Demetrius und am Rande auch lesbische Zärtlichkeiten Chrysis' mit ihrer indischen Sklavin Djala (1. Buch, Kap. I). Die deutlichsten lesbischen Textpassagen handeln von den zwei sich liebenden Musikerinnen Rhodis und Myrtocleia ("Myrto") (1. Buch, Kap. VI), die beide auch Freundinnen von Chrysis sind. Das Kapitel "Die Einladung" (2. Buch, Kap. V) beginnt damit, dass Chrysis morgens im Bett neben Rhodis und Myrto aufwacht. Der Philosoph Naukrates kommt zu Besuch, sieht die drei Frauen im Bett und spricht davon, dass es "hunderttausende" solcher Frauen gebe, die "ein vollkommenes Vergnügen nur mit ihrem eigenen Geschlechte haben". Das lesbische Liebesverhältnis von Rhodis und Myrto steht auch in einigen späteren Kapiteln im Vordergrund: In "Barmherzigkeit" (5. Buch, Kap. IV) trauern die beiden Freundinnen um die tote Chrysis und tauschen sich über Liebe und Freundschaft aus. In "Pietät" (5. Buch, Kap. V) beerdigen sie Chrysis und es wird betont, dass Myrto "nie einen Mann gekannt" habe.

Die Rezeption von "Aphrodite"

Der zeitgenössische Rezensent J. V. Widmann ("Anläßlich eines schlüpfrigen Romans", in: "Die Nation", Jg. 1895/1896, Heft 39, S. 593-594) bedauert, dass Pierre Louÿs "die intimsten" Geheimnisse ausplaudere. "Lesbische Bräuche besonders scheinen ihn interessiert zu haben." Auf diese Weise habe der Autor der "Einförmigkeit der Natur" durch die "Beschreibung unnatürlicher Laster" zwar etwas entgegengesetzt, aber auch das wirke mit der Zeit "ermüdend" und "langweilig". (Er meint damit offenbar das, was andere damalige Autoren als "Übersättigung" bezeichneten.) Für Widmann ist "Scham" (bzw. eine weniger offen zum Ausdruck gebrachte Sexualität) immer noch ein "Aphrodisiakon" (sexuell größerer Reiz). Auch Paul Bornstein ("Boulevard-Hellenismus", in: "Monatsschrift für neuere Litteratur", Jg. 1897, S. 555-565) äußerte sich kritisch: "Das Land der Griechen muss man mit der Seele suchen. Pierre Louys suchte es mit perversen Nerven, er suchte es (…), um es in geschlechtlicher Beziehung zu kontrastieren mit dem, was wir Moralbanausen noch immer Zucht und Sitte nennen." Recht typisch für die unterschiedliche Beurteilung von Inhalt und Stil erscheint mir die Rezension im "Berliner Börsen-Courier" (4. Juli 1897) zu sein: Bei "Aphrodite" handele es sich zwar um "Schmutz" bzw. "Unsauberkeiten", aber "die Gerechtigkeit zwingt trotzdem auch zur Anerkennung" von Louÿs' literarischer Leistung.

Karl Franke geht in seiner Dissertation "Pierre Louys" (1937, S. 34-43) darauf ein, wie der Erfolg von "Aphrodite" den Autor über Nacht berühmt machte, wobei in späteren Ausgaben – so Franke – erotische Szenen zum Teil weggelassen wurden. Eine Inspiration für den Autor seien die "Hetärengespräche" des Lukian (die auch eine lesbische Episode enthalten) und Gustave Flauberts Roman "Salambo" gewesen. Nach Frankes Ansicht trägt Demetrius autobiografische Züge des Autors.

Die "Aphrodite"-Illustrationen von Antoine Calbet und Maurice Ray

Die Illustrationen des französischen Künstlers Antoine Calbet (1860-1942) spiegeln, so das Urteil des britischen Publizisten John Kruse, deutlich ihre Epoche wider und bringen die zeitgenössische Einstellung zum weiblichen Geschlecht und zur Stellung der Frau in der Gesellschaft zum Ausdruck. Calbets Darstellungen stehen in der Tradition der Aktstudien, die aus der klassischen Kunsttradition hervorgegangen ist. Es lag vor allem an Calbets Illustrationen, dass die deutschsprachige Ausgabe von 1899 in Deutschland der Zensur zum Opfer fiel. Das vermitteln gut die Meldungen im "Börsenblatt für den deutschen Buchhandel": Am 3. Januar 1900 beschloss zuerst das Amtsgericht in Breslau die Beschlagnahmungen der Ausgabe (19. Januar 1900) und betonte, dass es dabei vor allem um die "unzüchtigen" Bilder von Calbet gehe (3. April 1900). Die Landgerichte in (Wuppertal-)Elberfeld (25. Februar 1903), Nürnberg (5. Juni 1905) und Berlin (22. Oktober 1912) schlossen sich später mit ähnlichen Urteilen an. 1928 landete der Roman auf der Liste der Schmutz- und Schundschriften (6. Dezember 1928). In Frankreich war man offenbar gelassener, von der französischen "Aphrodite"-Ausgabe wurden 100.000 Exemplare verkauft (22. Mai 1906).


Die gemeinsame Nacht von Chrysis, Rhodis und Myrto in der Vorstellung von Antoine Calbet

Über den französischen Künstler Maurice Ray (1863-1938) ist nur wenig bekannt. Nach Angaben in der französischen Wikipedia schuf er 1931 insgesamt 32 Aquarelle zur "Aphrodite" von Pierre Louÿs. Auf einem dieser Aquarelle zeigt er drei Frauen bei Zärtlichkeiten im Bett, mit denen nur Chrysis, Rhodis und Myrto gemeint sein können. Über Verwendung, Verbleib und Rezeption von Rays Illustrationen konnte ich keine weiteren Angaben recherchieren.


Die gemeinsame Nacht von Chrysis, Rhodis und Myrto in der Vorstellung von Maurice Ray

Louÿs' Werk "Die Abenteuer des Königs Pausol" (1900)

Die deutschsprachige Ausgabe des Romans "Die Abenteuer des Königs Pausol" (Originaltitel: "Les aventures du roi Pausole") erschien 1900 in Budapest und damit sogar ein Jahr vor dem Originaltext in französischer Sprache, der in Paris 1901 erschien. In diesem Roman verliebt sich die Prinzessin Alice in die Balletttänzerin Mirabelle, die zu dieser Zeit anschaffen gehen muss. Gemeinsam fliehen sie vor unterschiedlichen Konventionen und Zwängen. Auf der Flucht werden sie miteinander intim, wobei Mirabelle von ihrem Körper her als eher männlich geschildert wird. Der Page Giglio unterstützt die Frauen bei der Flucht, bis sie entdeckt werden und dies dem König gemeldet wird. Der Roman endet damit, dass Alice mit dem Pagen glücklich wird, während Mirabelle Trost bei einer neuen Freundin findet. Im "Jahrbuch für sexuelle Zwischenstufen" (JfsZ, Jg. 1901, S. 446-449) erschien eine ausführliche Inhaltsbeschreibung mit einer recht kritischen Beurteilung: "Die geschilderten homosexuellen Beziehungen erheben nicht den Anspruch auf poetische Gestaltung oder psychologische Tiefe oder charakteristische Realistik." Sie seien für den Autor nur eine Gelegenheit, "seinen Witz, seinen Humor (…) glänzen zu lassen". Die Darstellung "grenzt oft fast an Schlüpfrigkeit. (…) Von dem griechischen Klassizismus der 'Chansons de Bilitis' und der vollendeten, poesievollen Schönheit der 'Aphrodite' ist in dem Roman wenig, sehr wenig, übrig geblieben."

Das Werk "Die Abenteuer des Königs Pausol" (1900, hier Ausgabe von 2025, S. 61-62) ist online leider nur in kleinen Auszügen greifbar. Es gibt eine gleichnamige Operette von 1930, die jedoch nur noch selten gespielt wird. Ein gleichnamiger Film von 1933 zeigt zwar das Verhältnis und auch Küsse zwischen den beiden Freundinnen, diese sind im Film aber trotzdem nicht als lesbisches Liebespaar wahrnehmbar.


Moderne Illustrationen zu einem alten Werk: "Die Abenteuer des Königs Pausol" (2025, S. 15, 62) mit Alice und Mirabelle

Die Gründe für die marginale Rezeption in der frühen Homosexuellenbewegung

Um 1900 bestand die Homosexuellenbewegung aus zwei Flügeln. Zum einen gab es die "Gemeinschaft der Eigenen" (GdE) unter Adolf Brand, die die Zeitschrift "Der Eigene" herausgab. Die frauenfeindliche Ausrichtung dieses Teils der Homosexuellenbewegung führte dazu, dass es erst ab dem Ende der Zwanzigerjahre eine sehr geringe Aufmerksamkeit für Bücher mit lesbischer Thematik gab. Dass dabei auch Pierre Louÿs erwähnt wurde, kann hier vernachlässigt werden.

Zum anderen gab es das Wissenschaftlich-humanitäre Komitee (WhK) unter Magnus Hirschfeld, das das "Jahrbuch für sexuelle Zwischenstufen" herausgab. Von der ausführlichen Rezension von "Die Abenteuer des Königs Pausol" (s. o.) einmal abgesehen, finden sich hier zu Pierre Louÿs fast nur bibliografische Erwähnungen seiner Bücher "Bilitis", "Aphrodite" und "L'Esclavage". Auch von diesem Teil der Homosexuellenbewegung blieb Louÿs weitgehend unbeachtet, wobei hier wohl andere Gründe ausschlaggebend waren. Das WhK wollte in wissenschaftliche und intellektuelle Kreise hineinwirken und deutlichere Hinweise auf erotische Belletristik standen diesem Wunsch vermutlich entgegen.

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Die Verfilmung von "Bilitis" (1977)

Pierre Louÿs hatte auch einen großen Einfluss auf Filmproduktionen. Basierend auf seinen literarischen Werken entstanden in einem Zeitraum von 100 Jahren (1920-2019) bisher 18 Filme (s. IMDB). Dazu gehört auch "Dieses obskure Objekt der Begierde" (1977), der letzte Film des Regisseurs Luis Buñuel. Auf zwei Filme nach Vorlagen von Pierre Louÿs möchte ich näher eingehen.

Für den Film "Bilitis" (1977) wurde Louÿs' Gedichtband "Die Lieder der Bilitis" als Vorlage genommen, die Filmhandlung jedoch in die Gegenwart verlegt. Regisseur des Films war der britische Fotograf und Filmemacher David Hamilton, der mit Werken berühmt wurde, die von Kritiker*innen als kitschig, pornografisch und latent pädophil angesehen werden. In "Bilitis" verbringt die 17-jährige Schülerin Bilitis ihre Sommerferien bei ihrer Freundin Melissa und es kommt zu einer kurzen lesbischen Romanze. Von dem Werk Pierre Louÿs' ist in diesem Film kaum mehr als die beiden Vornamen Bilitis und Melissa geblieben. In einem Artikel für den "Spiegel" (14. April 2009) stellt Daniel Sander gut dar, dass "Bilitis" zunächst ein Kassenschlager war, aber später, wie auch andere Filme Hamiltons, geächtet wurde: "Vor allem aber war es die verklärende Weichzeichner-Optik, das Markenzeichen von Regisseur David Hamilton, die 'Bilitis' zum Mega-Seller (…) werden ließ." Für Hamilton habe "Bilitis" den "Durchbruch zum Weltruhm" bedeutet. Seine "sehnsuchtsvolle Ikonografie – irgendwo zwischen Mädchentraum und Altherrenphantasie – (wurde) in den Siebzigern zum festen Bestandteil der Popkultur". Niemand "regte sich vor 30 Jahren über den bisweilen ins Pädophile abgleitenden Subtext (auf). Heute wirken die Hamilton-Filme alle wieder eher harmlos und ein bisschen albern, eher schmierig als skandalös." Manchmal ist "Bilitis" noch im Fernsehen zu sehen. Sander: "Geht das nicht schärfer, mögen sich da viele fragen, in jederlei Hinsicht."


Ein Kassenschlager, der heute geächtet ist: der Film "Bilitis"

Verfilmung von "Aphrodite" (1982)

Der Film "Aphrodite. Im Wendekreis der Begierde" (1982) wurde von Pierre Louÿs' Roman "Aphrodite" inspiriert. Auf einer griechischen Insel sollen bei einem dreitägigen Fest Aphrodites Liebesrituale nachgestellt werden, wobei die Personen verschiedene sexuelle Beziehungen eingehen und es dabei auch zu einzelnen lesbischen Filmszenen kommt. In einer Szene ist der wohlhabende Waffenhändler Harry Laird (D: Horst Buchholz) zu sehen, der Exemplare von Pierre Louÿs' "Aphrodite" an die anwesenden Frauen verteilt, damit sich diese auf die anschließenden sexuellen Rollenspiele vorbereiten können. Es ist ein Softsexfilm, der durch seine Bezüge zur Kulturgeschichte die eher schlichte Filmhandlung zu legitimieren versucht.


Kulturgeschichte als Legitimation: der Film "Aphrodite" (1982)

Was bleibt von diesem Autor und seinem Lebenswerk?

Die spontane Reaktion von Lesben auf diesen Autor (und die ihm nacheifernden Künstler*innen) wird vermutlich darin bestehen, zu betonen, dass Louÿs keine lesbische Lebensrealität abgebildet, sondern nur heterosexuelle Männerphantasien künstlerisch umgesetzt habe. Das stimmt zwar, trotzdem sollten Louÿs Werke auf queer.de besprochen werden, weil seine Bücher – und natürlich auch Kassenschlager wie der Film "Bilitis" mit seinen lesbischen Nebenhandlungen – in die Gesellschaft hineinwirkten, das öffentliche Bild von Lesben entscheidend mit beeinflussten und deshalb auch von der queeren Szene aufmerksam verfolgt werden sollten.

Es war bestimmt nicht das Ziel des Autors, mit seinen positiven Textpassagen über Lesben emanzipatorische Literatur zu veröffentlichen, sondern von seinem Ursprung her handelt es sich um Männerphantasien für männlich-heterosexuelle Leser. Trotzdem lässt sich konstatieren, dass sich einige lesbische und bisexuelle Frauen mit diesen Werken identifizieren konnten. Das kann heute kritisch gesehen werden, ist aber von emanzipationsgeschichtlichem Interesse.

Eine solche Darstellung von Sex zwischen Frauen für ein männliches heterosexuelles Publikum hatte in der erotischen Literatur eine sehr lange Tradition, die bis zu einzelnen antiken Texten wie Lukian zurückreicht und bis zu heutigen Pornos reicht. Welche dieser Texte und Bilder aus welchen Gründen zu bestimmten Zeiten, unabhängig von ihrer ursprünglichen Intention, auch von lesbischen Frauen positiv rezipiert werden konnten – wie es bei Louÿs' Werken der Fall war – ist eine interessante Frage, die eine genauere Untersuchung verdient.

-w-