https://queer.de/?53840
Ein unmoralisches Angebot
Wie ein schwuler CDU-Abgeordneter versuchte, nicht in einem Roman vorzukommen
Heute vor 50 Jahren – am 5. Juni 1975 – bot ein bis heute unbekannter CDU-Abgeordneter dem Schriftsteller Alexander Ziegler 50.000 Mark dafür an, dass er in dessen Roman "Die Konsequenz" nicht erwähnt wird – ohne Erfolg.

Filmszene aus "Die Konsequenz" (1977): Das schwule Paar Martin und Thomas möchte Hilfe. Ein CDU-Abgeordneter, ein "dirty old man", möchte sich mit ihnen Pornos anschauen (Bild: EuroVideo)
- Von
5. Juni 2025, 00:00h 10 Min.
Der Roman "Die Konsequenz" (1975) des schweizerischen Schriftstellers Alexander Ziegler (1944-1987) war schon als Roman ein Beststeller. Zwei Jahre später wurde der Roman kongenial und ebenfalls erfolgreich verfilmt. Im Gegensatz zu dem provokanten Film "Nicht der Homosexuelle ist pervers" (1971) von Rosa von Praunheim kam "Die Konsequenz" eher leise daher und trug ebenfalls viel zur Enttabuisierung von Homosexualität bei.
Über den Roman und den Film wurden schon viele Artikel publiziert. In diesem Artikel möchte ich den Fokus auf einen CDU-Abgeordneten legen, der im Roman und Film vorkommt. Das wollte er jedoch verhindern und bot Alexander Ziegler sehr viel Geld dafür an, damit dieser die Textpassagen streicht.
Die Hintergründe zum Autor Alexander Ziegler
Wer sich mit Alexander Ziegler beschäftigt, merkt schnell, wie autobiografisch "Die Konsequenz" ist. Ähnlich wie auch seine Romanfiguren wurde auch Ziegler als Jugendlicher in eine Besserungsanstalt gesteckt und 1966 wegen einer Beziehung zu einem 16-Jährigen zu einer mehrjährigen Haftstrafe verurteilt. Später wurde er Chefredakteur der Schwulenzeitschrift "Du & Ich" (1971-1979) und zeigte sich hier äußerst streitbar. In der Kießling-Wörner-Affäre (1983/84) sorgte er für Irritationen auch in der Szene, weil er dem damaligen Verteidigungsminister Manfred Wörner Beweise für die Homosexualität von General Kießling vorlegen wollte. Für Ziegler war dieses Outing wohl eine wichtige schwulenpolitische Aktion, auf andere wirkte es so, als wolle er der Politik einen schwulen General ans Messer liefern.
Zieglers Roman "Die Konsequenz" (1975)

Als Buch und Film gleichermaßen erfolgreich: "Die Konsequenz"
In seinem autobiografischen Roman "Die Konsequenz" landet der homosexuelle Schauspieler Martin Kurath wegen eines sexuellen Verhältnisses mit einem Jugendlichen im Gefängnis. Dort lernt er den 16-jährigen Thomas Manzoni kennen. Thomas und Martin verlieben sich und ziehen nach Martins Entlassung aus dem Gefängnis in eine gemeinsame Wohnung. Um den noch minderjährigen Thomas von Martin zu trennen, erwirkt sein Vater die Einweisung in eine schweizerische Erziehungsanstalt. Aus der Schweiz flüchtet er nach Deutschland. Um eine dauerhafte Aufenthaltserlaubnis für seinen Freund in Deutschland zu bekommen, wendet sich Martin Kurath an einen schwulen CDU-Bundestagsabgeordneten.
Clemens Krauthagen in dem Roman "Die Konsequenz" (1975)
Dieser schwule Bundestagsabgeordnete trägt im Roman (Fischer, 1975, hier 1982, S. 220-238) den Namen Clemens Krauthagen. Die Romanfiguren Martin Kurath und sein Freund Thomas Manzoni hatten Clemens Krauthagen 1971 kennengelernt. Bei einem nächtlichen Umtrunk mit mehrere Flaschen Sekt bot Krauthagen dem Freundespaar das Du an. Der Umtrunk wurde beendet, als "Krauthagen plötzlich privat wurde".
Krauthagen wird als eine schwule Klemmschwester beschrieben, die im Bundestag 1969 sogar gegen die Reform des § 175 und damit gegen die Legalisierung von Homosexualität unter erwachsenen Männern gestimmt hatte. Er gab zunächst vor, den beiden mit einer deutschen Aufenthaltserlaubnis helfen zu wollen und schlug ein mehrtägiges Treffen in seinem zweiten Wohnsitz im Schwarzwald vor. Dort angekommen, stellt er ihnen Richard vor. Einen jungen Mann mit "weichen Gesichtszügen", den Krauthagen als sein "Mädchen für alles" bezeichnet – mit der besonderen Betonung auf "alles". Weil Krauthagens Ehefrau viel unterwegs war, lebte er "oft wochenlang alleine mit Richard" in seinem Haus.
Beim Frühstück am nächsten Morgen fragte Krauthagen seine beiden Gäste, ob "wir uns noch ein wenig entspannen" wollten. Er zog die Vorhänge zu, setzte sich zwischen das Freundespaar, zeigte (heterosexuelle) Pornos und legte seine Hand auf den Oberschenkel von Thomas, der aber in Ruhe gelassen werden wollte. Krauthagen bot dann zwar seine Hilfe an – jedoch zu einem Zeitpunkt, als Kurath schon wieder abreisen musste. Später bekam Kurath Post von seinem Freund Thomas aus Paris: "Krauthagen hat mir eine Aufenthaltserlaubnis besorgt, vorläufig für zwölf Monate, doch er hat die Bedingung gestellt, daß ich bei ihm bleibe – als sein Freund". Aufgrund seiner Notlage nahm Thomas das Angebot an. Am selben Tag bekam er auch von Krauthagen einen Brief. Im "Interesse von Thomas" habe er sich in ihr "Privatleben eingeschaltet", weil Thomas Manzoni schließlich einen "väterlichen Freund" brauche. Einige Wochen später bekam Kurath dann einen verzweifelten Anruf von seinem Freund, dass er sich von Krauthagen wegen "dessen Zudringlichkeit" getrennt habe. Danach stellte sich Thomas Manzoni den Schweizer Behörden, wurde wieder in eine Erziehungsanstalt eingewiesen und dort – wie auch schon zuvor – misshandelt. Das Buch endet mit einem Suizidversuch und einer Vermisstenmeldung vom 9. Mai 1974.
Zumindest ein "Gschmäckle": Die Bitte, für 50.000 Mark das Buchkapitel zu streichen
Die erste Auflage des Romans "Die Konsequenz" sollte Anfang Juni 1975 erscheinen. Den richtigen Namen von Clemens Krauthagen musste Ziegler verschweigen, "weil ich (…) seine briefliche Drohung, er würde mich bei einer 'etwaigen Veröffentlichung meiner Personalien nicht nur verklagen, sondern auch beruflich erledigen', ernst nehmen muss" (Einschub des Autors, S. 221). Der im Roman geschilderte Abgeordnete hatte ein Vorab-Exemplar bekommen und war sich nicht sicher, ob er trotz der Anonymisierung als Clemens Krauthagen nicht doch erkannt werden könne. In seinem Brief vom 5. Juni 1975 – mit Briefpapier als Abgeordneter des Deutschen Bundestages – machte er Alexander Ziegler folgendes Angebot: Die erste noch nicht ausgelieferte Auflage soll vernichtet werden. In der zweiten Auflage solle das ihn betreffende Kapitel (S. 220-238) gestrichen werden. Dafür werde er ihm 50.000 Mark zahlen (würde heute einem Wert von rund 100.000 € entsprechen) und auch die Kosten der Vernichtung der ersten Auflage übernehmen.
Alexander Ziegler ging auf dieses Angebot nicht ein, ließ die Textpassage über Clemens Krauthagen unverändert und veröffentlichte außerdem – ebenfalls anonymisiert – diesen Brief in der "Du & Ich" (Juni. 1976). Im redaktionellen Begleittext nannte die "Du & Ich" diesen Brief, den Versuch "zu bestechen". Umgangssprachlich mag das stimmen. Im strafrechtlichen Sinne können jedoch nur Amtsträger bestochen werden. Auch eine Nötigung oder Erpressung beging der Abgeordnete nicht, weil er weder mit Gewalt noch mit einem "empfindlichen Übel" droht. Sein Angebot hat ein Gschmäckle, war aber nicht illegal.

Ein unmoralisches Angebot: 50.000 Mark ("Du & Ich", Juni. 1976, S. 9)
Das Interview in der "Du & Ich" (1976)
Es wirkt schon etwas bizarr, dass ausgerechnet dieser CDU-Politiker der Redaktion der Homosexuellenzeitschrift "Du & Ich" (Juni. 1976, S. 8-11) ein Interview gab und dabei sein Verhalten und sein finanzielles Angebot zu rechtfertigen versuchte. Das Interview erschien unter der Überschrift "Darf ein Politiker 'schwul' sein?" und seine Identität wurde mit "Herr X." anonymisiert. Dass sich der Politiker zu diesem Interview bereiterklärte, lag wohl auch an dem auf ihn ausgeübten Druck und dass er nach eigener Aussage seit September 1975 mit "unverschämten Fragen bombardiert" wurde. Dieses Interview ist außerdem vor dem Hintergrund zu sehen, dass Alexander Ziegler zu dieser Zeit Chefredakteur dieser Zeitung war, auch wenn er das Interview offenbar nicht selbst führte.

Das wichtigste Thema des Monats: "Darf ein Politiker 'schwul' sein?" ("Du & Ich", Juni. 1976)
Zunächst stellte der Politiker "fest, daß der Autor (Ziegler) höchst private Begebenheiten, die außerdem mehrere Jahre zurückliegen, breit ausgewalzt, teilweise verdreht und nicht nur mich, sondern auch meine Partei lächerlich gemacht hatte". "Herr X." befürchtete nun, in dem Buch erkannt zu werden, weil die literarische Figur des Clemens Krauthagen nur "bis zu einem gewissen Grad verschlüsselt" wurde. Mit dem Angebot von 50.000 Mark habe er nicht versucht, Ziegler "zu bestechen", sondern nur "an seine Vernunft appelliert". Die negative Darstellung sei schließlich nur eine "persönliche Rache" Zieglers, obwohl er sich doch für seinen Freund nur "menschlich engagiert habe". Darauf angesprochen, dass er junge Menschen gerne auf Auslandsreisen mitnimmt und finanziell unterstützt, gab "Herr X." nur zu, dass er sich "in Gesellschaft junger Menschen wohlfühle".
Auf die Rolle der CDU angesprochen, gab "Herr X" an: "Meine Parteifreunde hätten bestimmt nichts gegen meine homophilen Neigungen einzuwenden. Einige von ihnen wissen darüber Bescheid, andere nicht." Seinen politischen Feinden wolle er jedoch kein Material liefern, und auch die Durchschnittsbevölkerung "habe für sowas kein Verständnis".
Offenbar im Kontext mit Herrn X. ist auch die Stellungnahme von Helmut Kohl zu sehen, der als Vorsitzender der CDU (1973-1998) Alexander Ziegler am 3. Juli 1975 mitteilte: "Ich kann ihnen versichern, daß kein Politiker der CDU aufgrund seiner privaten Neigungen diskriminiert oder benachteiligt wird". Auch Herr X. versicherte, dass Helmut Kohl "bestimmt nichts gegen Homosexuelle" habe, aber bis es zu einem gesellschaftlichen Umdenken müsse ein homosexueller Politiker seine Homosexualität eben geheim halten.

Der Parteivorsitzende Helmut Kohl mit einem Statement über Schwule in der Partei (1975) und auf einem CDU-Kongress im Jahr 1969 (Bild: Detlef Gräfingholt / wikipedia)
Der Film "Die Konsequenz" (1977)
Der Erfolg des Films "Die Konsequenz" (1977, hier online) lag nicht nur am Mut des Produzenten Bernd Eichinger und Wolfgang Petersen (Regie und Drehbuch), sondern auch an dem bekannten Schauspieler Jürgen Prochnow (auch bekannt aus seiner späteren schwulen Rolle in "Der Schrei der Liebe") als Martin Kurath. Positiv überraschte auch der 17-jährige Neuling Ernst Hannawald, der für diesen Film von Wolfgang Petersen entdeckt wurde und die Rolle des 16-jährigen Thomas Manzoni sehr glaubhaft verkörperte. Leider hielt auch das Prädikat "wertvoll" den Bayerischen Rundfunk nicht davon ab, die Erstausstrahlung in der ARD am 8. November 1977 zu boykottieren. Heute ist "Die Konsequenz" ein frühes, wichtiges und berührendes Stück schwuler Filmgeschichte.

Von den Dreharbeiten zu "Die Konsequenz" mit Wolfgang Petersen (Mitte) und Jürgen Prochnow (rechts)
Der Abgeordnete Clemens Krauthagen wurde von Alexis von Hagemeister verkörpert. Die Filmszenen, in denen es um Krauthagen geht, sind rund zehn Minuten lang (1:08:45-1:19:00 Min.) und wie die meisten Szenen aus dem Roman im Film etwas verkürzt dargestellt. Von Richard, Krauthagens "Mädchen für alles", bekommt man leider fast nichts mit.

Clemens Krauthagen will nicht helfen, sondern nur Sex mit Thomas Manzoni (Bild: EuroVideo)
Bis heute ist die Identität von Clemens Krauthagen bzw. "Herr X" ungeklärt
Bei Zieglers autobiografischem Roman ist eine Trennung zwischen fiktiver Romanhandlung und tatsächlichen Ereignissen nicht möglich. Wenn sich der Abgeordnete jedoch tatsächlich so verhalten hat, wie es Ziegler beschrieb, geht es nicht nur um Machtmissbrauch, sondern auch um das bewusste Herbeiführung einer Situation, die einen Machtmissbrauch begünstigt. Weil ich zunächst einmal davon ausgehe, dass sich der CDU-Politiker in ähnlicher Form wie im Roman auch in der Realität verhalten hat, hätte ich ihn gerne geoutet, aber auch nach all den Jahrzehnten kann leider nicht zweifelsfrei geklärt werden, welcher reale Politiker sich hinter Clemens Krauthagen bzw. "Herrn X" verbirgt.
Auch Elmar Kraushaar hatte für seine taz-Kolumne "Der homosexuelle Mann" (25. August 2015) zu diesem mysteriösen CDU-Abgeordneten recherchiert, konnte aber nur schreiben: "Der 'Stern' enthüllte ihn als ehrenwerten Hamburger Bürger, ohne seinen Namen zu nennen. Auch die 'Bild'-Zeitung enttarnte ihn nicht, weil es sich bei ihm um einen Mann 'aus dem eigenen Lager' handele, wie Ziegler mutmaßte".
Die queere Community braucht eine starke journalistische Stimme – gerade jetzt! Leiste deinen Beitrag, um die Arbeit von queer.de abzusichern.
Der Hinweis auf Hamburg ist ein Indiz, dass es sich dabei um den Hamburger CDU-Abgeordneten Dietrich Rollmann (1932-2008) handeln könnte. Ein öffentliches Outing von Corny Littmann (2mecs.de: "Eklat im Reichshof") wurde 1972 offenbar erfolgreich vertuscht, das heißt, anwesende Journalisten wurden um Stillschweigen gebeten. Daran hielten sie sich auch, und der Tonbandmitschnitt der Veranstaltung wurde vernichtet. Es gibt allerdings auch einzelne Hinweise auf diesen Politiker aus dem Buch "Die Konsequenz", mit denen Rollmann nicht gemeint sein kann ("älterer" Mann, kinderlos). Daher sollte auch die Möglichkeit mitgedacht werden, dass Ziegler in seinem autobiografischen Roman vielleicht in erster Linie einen stereotypen schwulen CDU-Abgeordneten darstellen wollte und sich nur in zweiter Linie an dem CDU-Abgeordneten orientierte, der sich nun angesprochen fühlte und vor 50 Jahren sehr viel Angst vor einer Veröffentlichung hatte.
Ich hatte zunächst Hoffnung, eine nicht geschwärzte Kopie des Briefes in einem Archiv oder Nachlass zu finden. Einen Nachlass von Alexander Ziegler scheint es nicht zu geben. Das Archiv der "Du & Ich" ging über den Jackwerth Verlag im Jahre 2012 in den Bestand der "Special Media SDL" ("Siegessäule", "L-Mag") über, die mir jedoch mitteilten, dass sie aus dieser Zeit keine Archivmaterialien mehr besitzen. Für diese Auskunft bedanke ich mich bei "Special Media SDL". Mein Dank gilt auch dem "Centrum Schwule Geschichte" in Köln für die Recherchen u. a. in der "Du &Ich".
Die CDU gibt es nach wie vor, aber vermutlich würde jeder Versuch scheitern, im Bereich der Schwulenpolitik zwischen der damaligen CDU und der heutigen CDU einen Vergleich herzustellen oder Parallelen zu erkennen. Nur bei einer Sache bin ich mir sehr sicher: Vor 50 Jahren hätten viele Menschen sehr gestaunt, wenn sie erfahren hätten, dass im Jahre 1998 ein eigener Verband für Lesben und Schwule in der Union (LSU) gegründet wurde.
Links zum Thema:
» "Die Konsequenz" auf DVD bei amazon.de
» Der Film auf Blu-ray bei amazon.de
» Der Film bei Prime Video
Mehr zum Thema:
» Dieter Oßwald über den Film: Wuschelkopf liebt Knacki - 45 Jahre "Die Konsequenz" (09.06.2022)
» Andreas Wilink über den Film: Homohass in den 1970er Jahren: Ein Mensch wird gebrochen (16.03.2025)
Mehr queere Kultur:
» auf sissymag.de
Informationen zu Amazon-Affiliate-Links:
Dieser Artikel enthält Links zu amazon. Mit diesen sogenannten Affiliate-Links kannst du queer.de unterstützen: Kommt über einen Klick auf den Link ein Einkauf zustande, erhalten wir eine Provision. Der Kaufpreis erhöht sich dadurch nicht.
















