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Interview

Warum ist Thomas Mann ein "homophober Homo­sexueller"?

Zum 150. Geburtstag von Thomas Mann hat Tilmann Lahme eine bemerkenswerte Biografie über den Nobelpreisträger geschrieben. Im Interview erklärt der Literaturhistoriker, warum er intime Tagebucheinträge veröffentlicht, spricht über homophobe Forschung – und hat einen Geburtstagswunsch.


Thomas Mann 1929 im Berliner Hotel Adlon vor der Weiterreise nach Stockholm zur Entgegennahme des Nobelpreises (Bild: Bundesarchiv / wikipedia)

Er ist gerade ein gefragter Mann: Der Literaturhistoriker Tilmann Lahme gibt zum 150. Geburtstag von Thomas Mann am 6. Juni 2025 ein Interview nach dem anderen. Mit seiner hochgelobten Biografie "Thomas Mann. Ein Leben" ist er auf Lesereise in ganz Deutschland. Schon vor zehn Jahren schrieb er über die Geschichte der Familie Mann – jetzt folgt die erste Biografie, die den Literaturnobelpreisträger vor allem vor dem Hintergrund seiner Homosexualität betrachtet.

Trotz vollem Kalender nimmt Tilmann Lahme sich lange Zeit, um mit queer.de zu sprechen, berichtet von Versuchen, Thomas Manns Briefe mithilfe von Künstlicher Intelligenz zu transkribieren. Dabei half seine Tochter. Denn obwohl es vielleicht naheliegen würde: Dem Literaturhistoriker diente keine persönliche Betroffenheit als Motivation, sondern sein "detektivisch-historisches Interesse" an Thomas Mann.


Tilmann Lahme ist Autor zahlreicher Veröffentlichungen über die Familie Mann (Bild: Asja Caspari)

Heute würde Thomas Mann seinen 150. Geburtstag feiern. Angenommen, er wäre noch am Leben – und Sie wären eingeladen – was würden Sie ihm zum Geburtstag wünschen?

Einerseits natürlich all das Beste. Und dass er sieht, wie sein Werk Bestand hat. Denn vor der Nachwelt hat er ein bisschen Sorge gehabt. Wenn er jetzt sieht, dass er als der bedeutendste deutsche Autor des 20. Jahrhunderts gilt, dann hätte ihn das enorm gefreut. Auf der anderen Seite: Wenn der Thomas Mann von heute sehen könnte, wie sich das alles entwickelt hat, weiß ich nicht, ob es ihn freuen würde. Oder ob er sich umso mehr fragen würde, wie er sein Leben gestaltet hat und ob es nicht vielleicht das falsche Leben war. Aber das ist schwierig zu sagen. Insofern lassen wir ihn mal lieber in seiner Zeit.

Historiker*­innen sprechen ja ohnehin viel lieber über die Vergangenheit. Aber bleiben wir noch kurz in der Gegenwart. Im Thomas-Mann-Jahr kommt man gar nicht an ihm vorbei, es gibt ein neues Sachbuch nach dem anderen, Neuauflagen, Sonderdrucke. Wie erklären Sie sich seine anhaltende Popularität, vor allem auch im Vergleich zu anderen Autor*­innen des 20. Jahrhunderts?

Ich glaube, die ungebrochene Faszination, die Thomas Mann ausübt, hat verschiedene Quellen. Zunächst das Literarische: Bedeutende Autoren altern unterschiedlich gut, denken wir an Böll, Hoffmannsthal oder Brecht. Der Weg führt leicht in die Klassiker-Ecke. Dann wird man oft nur als Schullektüre wahrgenommen und wenig geliebt, weil nur vom Lehrplan verordnet, nicht freiwillig gelesen. Thomas Mann aber hat ein hartnäckiges Lesepublikum, das ihn nach wie vor schätzt, vielleicht gerade weil er nicht so schreibt wie alle anderen oder wie die Gegenwartsautoren. Gegner sagen, das sei manieriert, und die Bewunderer sagen, so schön und so präzise ist nie geschrieben worden. Dann kommt noch seine Rolle in der Politik als großer Gegner Hitlers dazu. Und schließlich sein persönliches Leben und seine großartige Frau und die Familie voller Talente. Sicher geht auch eine Faszination von all dem Geheimnisvollen aus, das ihn umgibt.

Das Interesse gilt gar nicht nur seiner Literatur, sondern auch seiner Person und seiner Familie. Warum?

Er hat etwas Repräsentatives. Marcel Reich-Ranicki hat einmal gesagt, die Manns sind die Windsors der Deutschen. Das ist sehr zugespitzt, aber da ist schon etwas dran. Man sieht eine Familie, die auf eine besondere Art herausragt, in vielem typisch deutsch, aber in vielem nicht so ganz typisch. Thomas Mann ist erst einmal politisch regelrecht ein Reaktionär, dann wandelt er sich und wird zum großen Verteidiger der Demokratie und Gegner des Dritten Reiches. Das ist eine unglaubliche Entwicklung. Gerade jetzt im Jubiläumsjahr wird er sehr stark mit Blick auf diese politische Rolle hin betrachtet. Diese repräsentative Funktion umfasst die ganze Familie und ihren Kampf. Und alle sind so talentiert, aber auch da ist ein Abgrund mit dabei: Drogensucht, Konflikte, viele Liebesgeschichten, viel Drama.

Sie haben eine weitere Biografie von Thomas Mann geschrieben, obwohl es schon fast 50 gibt. Mit welchem Ziel?

Eigentlich war das gar nicht mein Ziel. Ich hätte keine Thomas-Mann-Biografie geschrieben, wenn mir nicht vor zehn Jahren, als ich ein Buch über die Familie Mann geschrieben habe, eine Sache immer klarer geworden wäre: Viele der Geschichten, die wir über die Familie hören und die sie auch selbst erzählt hat, stimmen nicht, und vielleicht legen sie sogar bewusst falsche Fährten aus. Thomas Mann ist so ein fantastischer Autor, der alles in der Schwebe hält, Ambivalenzen und ein Sowohl-als-auch zeigt. Was er autobiografisch erzählt, klingt hingegen glatt und harmonisch. Kaum Widerstände, keine Zweifel, eine gradlinige Erfolgsgeschichte im Leben und in der Literatur. Alles soll immer schon auf den großen Autor der "Buddenbrooks" und des "Zauberberg" hingeführt haben. Das ist alles so unglaubhaft, und das hat meine Neugier geweckt.

Sie hatten also einen Anfangsverdacht, dem Sie nachgegangen sind?

Ja, so kann man das nennen. Ich hatte schon beim Buch über die Familie gemerkt, dass da Legenden verbreitet werden, die einfach nicht stimmen, wenn man sich die zeithistorischen Dokumente, Briefe oder Tagebücher anguckt.

Was hat Sie bei der Recherche am meisten überrascht?

Am meisten überrascht hat mich, wie entschlossen anerkannte Thomas-Mann-Forscher sich einen Thomas Mann zurechtgelegt haben, wie man ihn gerne hätte: nicht homo­sexuell. "Wenigstens" bisexuell. Oder alles nur "spätpubertäre Verwirrungen". Dafür wurden wichtige Dokumente versteckt und nicht gedruckt, Tagebuchpassagen gestrichen und die Wahrheit verbogen. Aber ich muss das präziser machen: Es gibt ganz fantastische Thomas-Mann-Forschung, die den Fragen nach sexueller Identität im Werk sehr genau beleuchtet, die Tonio Kröger als queere Lektüre liest und so weiter. Aber ein Teil der Forschung, der sich dezidiert biografisch mit Thomas Mann beschäftigt, möchte das offenkundig so nicht sehen – bis hin zu wirklich allerhärtesten Argumenten und sprachlichen Entgleisungen. Wenn da jemand den homo­sexuellen Thomas Mann untersucht, und es heißt, da werde mit der "Homosexualitätskeule" nach Thomas Mann geschlagen…

In Teilen möchte man also den öffentlichkeitstauglichen Thomas Mann bewahren, und der darf nicht homo­sexuell sein. Das klingt homophob, oder?

Ja, sehr zugespitzt müsste man das so sagen. Man sollte natürlich vorsichtig sein mit solchen Zuspitzungen, aber ich glaube, bei manchen ist das bestimmt der Fall. Die eben genannte "Homosexualitätskeule" gehört bestimmt dazu. Und diese Haltung hatte auch harte Auswirkungen. Karl Werner Böhm hat 1991 eine sehr interessante Dissertation vorgelegt, in der er der homo­sexuellen Spur im Leben und Werk Thomas Manns gefolgt ist. Der Rezensent im Thomas-Mann-Jahrbuch, ein anerkannter Professor und Thomas-Mann-Experte, hat das Buch besprochen, sich aber inhaltlich nicht wirklich darauf eingelassen. So etwas darf es nicht geben, war die Haltung. Ein "Verhängnis", es muss Schluss sein mit dieser "Erotik-Forschung", hieß es wörtlich. Das ist ein Forschungsverbot, das ausgesprochen wird. Und mit der Haltung stand der Rezensent nicht allein. Karl Werner Böhms Dissertation wird heute viel zitiert. Seine eigene wissenschaftliche Karriere endete 1991.

Dabei hatte die Literaturwissenschaft doch nach der Veröffentlichung der Tagebücher ab 1977 allen Grund, so einiges anders zu betrachten.

Thomas Mann war der große repräsentative Autor mit einzigartigen Büchern, dem Nobelpreis, dieser beeindruckenden politischen Geschichte, einer interessanten Familie und einer hochbegabten Frau. Und dann kommen plötzlich die Tagebücher heraus, und plötzlich sieht man: Da war noch etwas anderes. Das war damals für die Forscher eine Herausforderung, sich einen neuen Thomas Mann vorzustellen. Das geht dann offenkundig nur in kleinen Schritten. Erstmal sagte man, es gab da wohl diese Neigung, aber, ganz wichtig, die wurde nicht ausgelebt. Er bleibt ein guter Ehemann und Vater, trotz der "homo­erotischen Neigung", die er in seinem Werk sublimiert hat. Aber diesen Thomas Mann musste man sich regelrecht zurechtlegen. Man brauchte zum Beispiel entschiedene Striche im Tagebuch, um zu verbergen, wie sehr Thomas Mann mit der ehelichen Sexualität gehadert und darunter gelitten hat und wie sehr es ihn eigentlich in die andere Richtung zieht.

Die Reaktionen auf Ihr Buch zeigen, dass das nicht nur eine Frage der Forschung ist. Einerseits wird die Biografie gefeiert, steht etwa auf Platz 1 der Sachbuch-Bestenliste der Zeit, doch die NZZ nennt es ein "voyeuristisches Buch", das "sich am Blick durchs Schlüsselloch ergötzt".

Ja, und das deckt sich mit den Rückmeldungen, die ich bekomme. Ich spüre genau zwei Äußerungen: Die einen, die das sehr interessiert aufnehmen, und die anderen, die es entschlossen ablehnen. Es gibt quasi nichts dazwischen. Da sind viele Leute, die nach Lesungen ins Gespräch kommen wollen, aber es gibt immer eine Person, die kopfschüttelnd dasitzt und sich "ihren" Thomas Mann nicht anders vorstellen mag als er bisher erschien.

In Ihrer Biografie sammeln Sie auf zwei Seiten alle Streichungen der Tagebücher inklusive sehr intimer Details. Haben Sie sich gefragt, ob das in Ordnung ist?

Diese Doppelseite sollte den Zensurstrich des Herausgebers als Bild zeigen. Da geht es nicht um die einzelnen Einträge. Wichtig ist, dass man sieht, wie das Tagebuch zensiert wurde – trotz der Behauptung, es sei alles da und es gäbe keinen anderen Thomas Mann als den, den man präsentiert. Und natürlich habe ich mich gefragt, ob das angemessen oder indiskret ist, und das intensiv mit dem Verlag diskutiert. Es gibt aus meiner Sicht dazu zwei wesentliche Punkte. Erstens: Kann man diese Biografie und die Literatur von Thomas Mann überhaupt verstehen, wenn man das weglässt? Ich sage: Nein, kann man nicht. Wie soll ich ihn denn zeigen, wenn ich das hier nicht belegen kann? Die zweite Frage ist, wie Thomas Mann selbst dazu stand. Und da muss man ganz klar sagen: Er wollte nicht zu Lebzeiten als homo­sexueller Autor geoutet sein, er hatte davor eine Riesenfurcht und sich besondere Mühe gegeben, literarisch ein bisschen was zu zeigen und ganz viel zu verstecken. Aber er hat eine ganz klare Haltung dazu gehabt, was einmal sein soll. Er hat uns diese Tagebücher hinterlassen. Er wollte, dass die Welt ihn ganz kennt. Er wollte, dass der Ruhm sich nicht mehr nur auf seine Literatur bezieht, sondern dass die Menschen auch sehen, wie viel Leid und Qual dahintersteckte. Er hat gewollt, dass wir heute sehen, wie sehr er ringen musste.

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Die Biografie "Thomas Mann. Ein Leben" ist am 26. Mai 2025 bei dtv erschienen

Thomas Mann hat seine Homosexualität verheimlicht, aber er wollte entdeckt werden?

Er ist einer der allergrößten Meister des Versteckens. In seinem Werk hält er uns dauernd etwas vor die Nase und verbirgt es dann doch. Es gibt immer diese zwei Seiten, sodass man ihn im fiktiven Raum überhaupt nicht zu fassen kriegt. Sein Spitzname "der Zauberer" ist also wirklich nicht so schlecht gewählt. Aber wir müssen uns vergegenwärtigen, dass Thomas Mann kein Homo­sexueller ist, der das zu seiner Zeit nicht leben durfte und deswegen eine Fassade aufgebaut und das Ganze in den Bereich des Heimlichen geschoben hat. Es ist komplizierter bei ihm. Er kommt aus den trüben Zeiten des 19. Jahrhunderts, lernt Homosexualität kennen als "degenerative Hirnerkrankung", so liest er das in dem maßgeblichen sexualwissenschaftlichen Standardwerk dieser Zeit von Krafft-Ebing. Er versteckt sich nicht in einer Ehe, sondern er stellt sich wirklich vor, dass diese Ehe ihn heilen und befreien kann von seinen homo­sexuellen Sehnsüchten. Zugleich aber, und das macht es kompliziert, sieht er, wie unglaublich wertvoll das für ihn ist, denn er braucht es für seine Literatur. Er kann ohne seine Homosexualität kein erfolgreicher Autor sein. Er wollte etwas in der Lebenspraxis einhegen, was er literarisch so dringend benötigt.

Da bekommt man fast Mitleid.

Absolut. Aber er zeigt sich an vielen Stellen auch nicht so sehr sympathisch. Gerade der junge Thomas Mann behandelt seinen Freund Otto Grautoff, seinen Schicksalsgefährten und Vertrauten, von oben herab. Und zugleich ist er enorm interessiert an dessen Konversions­therapie mit Hypnosebehandlung. Einerseits äußert er sich wirklich unsolidarisch und unfreundschaftlich. Aber dann hat man auch wieder Verständnis dafür, dass er nicht in sich ruhend, freundlich und ausgeglichen agiert.

Nicht nur über Otto Grautoff, auch über die sichtbar werdende Homo­sexuellenbewegung in Berlin äußert er sich abfällig. Sie bezeichnen Thomas Mann deshalb als einen "homophoben Homo­sexuellen".

Es gibt keinen Beleg, dass er zu dieser Zeit in Berlin war. Aber es zieht ihn dorthin. Man kann nur vermuten, dass ihn das alles vielleicht doch interessiert hat. Er redet monatelang davon, jetzt unbedingt nach Berlin zu wollen, aber wozu? Literarisch ist München viel interessanter, und schon dort ist es ihm zu groß, laut und städtisch. Politisch ist er zu der Zeit noch völlig uninteressiert. Es gibt also nichts, was ihn nach Berlin locken könnte als der erstaunlich liberale Umgang mit Homosexualität dort. Aber er fährt dann doch nicht hin. Als er die Berliner Homo­sexuellen so abwertend beschreibt, ist das eher das Berlin, das er aus dem Buch vom Arzt Albert Moll kennt, der über die "Conträre Sexualempfindung" schrieb.

Und als sein Sohn zum Klaus später nach Berlin geht, äußert er sich sehr zurückhaltend.

Ja, und wie müssen wir uns das überhaupt vorstellen? Der Thomas Mann, der sein Leben lang mit sich und seiner sexuellen Identität ringt, hat einen Sohn, der mit 17 Jahren nach Berlin geht und offen homo­sexuell lebt und darüber auch noch schreibt. Das ist ein Riesenkonflikt. Und es gibt natürlich nicht eine einzige Zeile direkter Kommunikation dazu. Und es gibt auch keinen Hinweis darauf, dass sie je offen miteinander über dieses Thema gesprochen hätten.

Lassen Sie uns zum Schluss doch noch einmal wagen, über die Zukunft zu sprechen: Sie zitieren intensiv aus den Memoiren von Thomas Manns Jugendfreund Otto Grautoff, die unpubliziert in einem Pariser Archiv liegen. Und 2004 tauchen bis dahin unbekannte Briefe von Thomas Mann an ihn auf. Glauben Sie, dass man in irgendwelchen Archiven, Dachböden oder Flohmärkten noch mehr finden könnte, was den Blick auf Thomas Mann noch einmal ergänzen würde?

Das wäre in jedem Fall sehr zu wünschen. Um es nochmal zu betonen: Nicht in voyeuristischer Hinsicht, sondern eben im Blick auf ein Leben, das sich ganz der Literatur widmet. Aber Thomas Mann war sehr entschlossen, das alles zu vernichten. Beim frühen Tagebuch hat er wirklich alles dafür getan, dass nichts mehr da ist. Er hat sich erst sehr spät entschieden, diesen anderen Thomas Mann, so wie wir ihn jetzt sehen können, zu hinterlassen.

Infos zum Buch

Tilmann Lahme: Thomas Mann. Ein Leben. Biografie. 592 Seiten. dtv. München 2025. Gebundenes Buch: 28 € (ISBN 978-3-423-28445-5). E-Book: 22,99 €

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