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Eine bewegende neue Serie über das Schwulsein in der Provinz
Sehr christliche Eltern, aggressives Mobbing, ein generell queer-unfreundliches Klima: Die australische Serie "Invisible Boys" erzählt die Geschichten von vier jungen Schwulen, die ihre Begierden nur heimlich ausleben.

Zeke, Kade, Charlie und Matt verheimlichen ihre Homosexualität. Nicht alle wagen es, daran etwas zu ändern (Bild: Stan)
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9. Juni 2025, 06:47h 5 Min.
Die Küstenstadt Geraldton ganz im Westen Australiens sieht auf den ersten Blick recht malerisch und idyllisch aus. Für viele Einwohner*innen ist sie das vermutlich auch, nicht jedoch für die Schüler Charlie, Zeke und Kade oder den Jungbauern Matt. Denn alle vier sind schwul und halten dies aus unterschiedlichen Gründen geheim. Am Ende der zehn Folgen sind zwei out, einer ist noch immer "in the closet" und einer nicht mehr am Leben.
"Invisible Boys" basiert auf dem gleichnamigen preisgekrönten Roman (Amazon-Affiliate-Link ) des schwulen australischen Autors Holden Sheppard, der selbst in Geraldton aufgewachsen ist und zumindest ähnliche Erfahrungen gemacht hat wie seine vier Hauptfiguren. Er betont jedoch, dass sie alle fiktional sind, auch wenn sie gewisse Aspekte von ihm beinhalten.
Misslungenes Date mit Folgen

Poster zur Serie: "Invisible Boys" ist bislang nur auf dem australischen Streamingdienst Stan verfügbar
Als Erster wagt Charlie (Joseph Zada) sein Coming-out – und was für eins! Der Leadsänger und Gitarrist einer Schülerband träumt davon, irgendwann als Rockstar von seiner Musik leben zu können, macht äußerlich schon länger auf Punk, färbt seine Haare und schminkt sein Gesicht. Als er eines Abends über eine Dating-App bei einem verheirateten Familienvater landet, dessen Frau die beiden in flagranti erwischt und Charlie mit einem Outing erpressen will, beschließt dieser in einem Anfall von Wut und Wagemut, ihr zuvorzukommen. In einem Social-Media-Post verkündet er nicht nur maximal öffentlich, dass er auf Männer steht, sondern schwärzt den Familienvater auch noch als "Pädo" an.
Die Reaktionen in der Kleinstadt sind heftig. Seine beiden Band-Partner Bec (Jade Baynes) und Rocky (Luka Jai) nehmen es zwar locker – dafür wird er sofort zur Zielscheibe des Schul-Bullys Kade (Zack Blampied) und seiner Mitläufer-Gang, die ihre homophoben Quälereien bisher ganz auf Zeke (Aydan Calafiore) fokussiert hatten und sich nun über ein neues Opfer freuen. Umso mehr als Charlie sich ja selbst geoutet hat, derweil man von Zeke nichts Genaueres weiß.
Der schwule Schul-Bully
Tatsächlich steht auch Zeke auf Jungs, aber seine sehr christliche Familie, die ihre italienischen Wurzeln fast schon exzessiv zelebriert, ist natürlich ahnungslos und lässt keine Gelegenheit aus, über Schwule herzuziehen. Seine Mutter (Pia Miranda) verlangt dann auch umgehend, dass er sich von diesem Charlie fernhält, was Zeke ihr natürlich versichert.
In den ersten Episoden werden auch die Hintergrundgeschichten der Jungs erzählt und wie ihre Kindheit sie zu dem gemacht hat, was sie heute sind. Und, oh Überraschung, auch der Bully Kade stellt sich als schwul heraus. Der muskulöse Sport-Star mit indigenen Wurzeln hat sich praktischerweise eine Freundin zugelegt, die so religiös ist, dass sie keinen Sex vor der Ehe will. Dennoch glaubt er, sich mit dem Mobbing von Zeke und Charlie noch zusätzlich abgrenzen zu müssen: Nicht nur würde Schwulsein zu seinem Image als harter, cooler Sportler so gar nicht passen, er steht noch dazu seitens seiner überambitionierten Mutter unter massivem Druck, es in die australische Football-Profiliga zu schaffen – ein weiterer Grund, die Wahrheit geheim zu halten.
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Erste Liebe, große Dramen
Für Charlie scheint sich die Lage zu bessern, als er eines nachts auf einem Parkplatz zufällig auf Matt (Joe Klocek) stößt, der eigentlich nur Sex sucht. Aber die beiden kommen ins Gespräch und schnell wird klar: Daraus könnte mehr werden. Während Charlie sich rasch verliebt, wirkt Matt trotz offensichtlichen Interesses immer etwas zurückhaltend. Auch hat er wenig Zeit, weil er sich um den Bauernhof seines alternden Vaters kümmern muss.
Parallel dazu findet eine überraschende Annäherung zwischen Zeke und seinem Bully Kade statt – doch die Gefahr aufzufliegen, hängt wie eine ständige dunkle Wolke über ihnen. Etwa zur Halbzeit der Serie gibt es dann eine Szene, in der die beiden heimlichen Paare gemeinsam nachts an einem einsamen Aussichtspunkt über der Stadt abhängen und von ihren Hoffnungen erzählen. Doch das Idyll erweist sich als kurzlebig.
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Mit viel Herz und tragischem Realismus
"Invisible Boys" erzählt die Geschichte um die vier Außenseiter in der Provinz mit viel Herz, gelegentlich auch sexuell ziemlich explizit. Die Drama-Serie scheut sich allerdings nicht, ihr Publikum mit unerfreulichen Realitäten zu konfrontieren – etwa, dass es nicht für alle jungen Schwulen ein Happy End gibt. Oder dass junge Liebe zwar leidenschaftlich, aber oft auch flüchtig ist. Im Hintergrund läuft außerdem ständig die Medienberichterstattung über die große Abstimmung, in der Australien 2017 die gleichgeschlechtliche Ehe legalisiert hat. Eigentlich eine erfreuliche Sache, nur hilft das wenig, wenn man das Pech hat, in Geraldton zu leben.
Zu den wenigen verständnisvollen, hilfreichen Erwachsenen gehört ausgerechnet der lokale katholische Priester, bei dem Charlie ab und zu sein Herz ausschüttet. Außerdem Kades Tante, die ihn in seiner Kindheit für ein paar Jahre betreut hat. Sie ist die Einzige in seiner Familie, die sein Macho-Image als reinen Schutzpanzer durchschaut – einen Panzer, den er bis zum Schluss nicht abwerfen kann. Wie so viele, die den Mut dazu erst finden, wenn sie der engen Provinz entkommen sind.
Das Ende der Serie versprüht dennoch Hoffnung und Aufbruchstimmung. Und eigentlich wüsste man gerne, wie es nun weitergeht mit den nicht mehr ganz so unsichtbaren "Invisible Boys". Ob es eine zweite Staffel geben wird, ist noch unklar, aber Autor Holden Sheppard verkündete kürzlich, dass er eine Fortsetzung geschrieben hat: "Yeah the Boys" wird wohl demnächst publiziert. Wer nicht auf die Serienadaption warten will, kann also einfach das Buch lesen.
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