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Interview

Was ändert sich jetzt im SchwuZ, Katja Jäger?

Das Berliner SchwuZ musste Mitarbeiter*innen entlassen und kündigte als Überlebensmaßnahme eine Neuausrichtung ab. Im Interview erklärt die neue Geschäftsführerin, wie sie Deutschlands ältesten queeren Club retten will.


Das Berliner SchwuZ will 2027 seinen 50. Geburtstag feiern (Bild: Guido Woller)
  • Von Aaron Warnecke
    9. Juni 2025, 16:44h 6 Min.

Das im Jahre 1977 gegründete Berliner SchwuZ befand sich Ende 2024 in einer finanziellen Notlage. Dabei kann es auf eine lange bewegte Geschichte zurückblicken. Die Aktivistengruppe "Homosexuelle Aktion Westberlin" spielte dabei eine maßgebliche Rolle. Der älteste queere Club Deutschlands ist mittlerweile in der ehemaligen Kindl-Brauerei in Neukölln beheimatet. Die Vielzahl an Formaten konnten leider nicht vor der schwierigen Situation retten, auch wenn es jahrelang gut ging. Selbst wenn es heute queeren Menschen sehr viel besser als in den ersten Jahrzehnten nach der Gründung geht, scheinen die klassischen Veranstaltungen nicht mehr auf die gleiche Weise anzuziehen.

Katja Jäger ist seit Anfang 2025 die neue Geschäftsführerin. Sie hat Erfahrung in der Leitung unter anderem in der Denkfabrik "Betterplace Lab", wo sie die Beziehung zwischen Digitalisierung und Demokratie untersuchte. Die Aufgabe der in Südhessen geborenen Berlinerin ist nichts weniger, als das SchwuZ zu retten.

In einer Pressemitteilung vom 20. Mai 2025 ist zwar nicht alles rosig, aber klar, dass trotz Krise eine glorreiche Zeit beginnen soll. Leider musste man einigen Mitarbeiter*innen kündigen, die meisten werden aber weiterbeschäftigt. Neben mehr Automatisierung und Digitalisierung im Umgang mit Kund*innen und im Büro, werden auch Veranstaltungen sich verändern. Es soll bald mehr Qualität statt Quantität geben, um mit großen Highlights die Aufmerksamkeit der Stadt auf sich zu ziehen. Dafür sucht das SchwuZ die Nähe zu bekannten und unbekannten Künstler*innen und Initiativen, um communitynah gemeinsam ein neues Programm auf die Beine zu stellen.

Am 12. Juli lädt das SchwuZ zu einer großen Benefizveranstaltung im SchwuZ ein. Der Erlös wird direkt reinvestiert, um nicht nur den 50. Geburtstag des SchwuZ 2027 gebührend zu feiern, sondern auch die 100 zu erreichen.

Wir sprachen mit Katja Jäger über die aktuelle Lage und die Zukunftspläne.


SchwuZ-Geschäftsführerin Katja Jäger (Bild: Maclaine Black)

Wie kam das SchwuZ in die jetzige Situation? Hängen die Veränderungen auch mit der veränderten Berliner Kulturpolitik zusammen, oder war das SchwuZ unabhängig von staatlicher Förderung?

Die letzten Jahre waren für viele Kulturorte herausfordernd – das SchwuZ war da keine Ausnahme. Als queerer Club mit gesellschaftlichem Auftrag stehen wir in einem ständigen Spannungsfeld zwischen kulturellem Anspruch und wirtschaftlicher Tragfähigkeit. Das SchwuZ hat außer in der Coronazeit keine öffentliche Förderung erhalten. Das bedeutet: Alle Angebote müssen sich betriebswirtschaftlich selbst tragen – auch solche wie die Pepsi Boston Bar, die inhaltlich wertvoll, aber ohne finanzielle Unterstützung schlicht nicht tragfähig sind.

Die Herausforderungen haben sich über Jahre aufgebaut: steigende Kosten, ein verändertes Ausgehverhalten, dazu der strukturelle Nachhall der Pandemie. All das hat uns an einen Punkt gebracht, an dem klar war: Ohne eine tiefgreifende Neuausrichtung ist unsere Zukunft als queerer Kulturort in Gefahr. Diese Transformation ist ein notwendiger Schritt, um unseren Auftrag langfristig weiter erfüllen zu können – solidarisch, sichtbar, selbstbestimmt.

Du bist seit Anfang 2025 Geschäftsführerin. Wie beeinflusst dein persönlicher beruflicher Hintergrund die Modernisierung? Wer vielleicht eher pessimistisch ist – was entgegnest du?

Ich komme aus über zehn Jahren Demokratiearbeit – und zwar in einem sozialunternehmerischen Kontext. Das heißt: Ich bin es gewohnt, inhaltliche Ansprüche mit wirtschaftlicher Tragfähigkeit zusammenzudenken. Genau diese Fähigkeit ist jetzt gefragt. Was wir gerade anstoßen, ist keine kurzfristige Krisenreaktion, sondern eine bewusste strategische Neuausrichtung. Wir müssen das SchwuZ so aufstellen, dass es auch künftig noch relevant, lebendig und kulturell bedeutsam ist – und zwar im Einklang mit den Bedürfnissen der Community und den realen Rahmenbedingungen.

Mir war von Anfang an bewusst, dass ich an einer Schnittstelle stehe – zwischen dem, was das SchwuZ nahezu 50 Jahre ausgemacht hat, und dem, was es künftig braucht. Ich bin überzeugt: Mein Hintergrund hilft mir, genau diesen Wandel verantwortungsvoll zu gestalten. Und natürlich ist das keine Einzelleistung. Es ist eine Gemeinschaftsaufgabe, bei der wir mit einem großartigen Team, mutigen Künstler*­innen und der Community gemeinsam an einem Strang ziehen. Wir wollen nicht nostalgisch verharren – sondern Angebote schaffen, die wirklich am Puls der Zeit sind. Dafür braucht es Offenheit, Klarheit und neue Formate, die Haltung, Qualität und Relevanz vereinen.

Worauf wird sich die Community im Angebot weiter freuen können?

Wir bleiben ein queerer Kultur- und Begegnungsort – mit all den glitzernden, politischen, verspielten und empowernden Momenten, die das SchwuZ seit Jahrzehnten prägen. Es wird weiterhin kuratierte Partynächte mit Highlights geben, die bewusst auf künstlerische Vielfalt setzen. Unsere Eigenproduktion "Flush" wird weiterentwickelt und hoffentlich bald auch über Berlin hinaus zu sehen sein. Neue Formate wie unser FLINTA*-Abend "Acid Pvssy" oder Kooperationen mit lokalen queeren Kollektiven stärken die inhaltliche Tiefe. Und gleichzeitig wird unser Clubbetrieb von regelmäßigen Austauschformaten begleitet, in denen die Community ihre Ideen einbringen kann. Wir gestalten diesen Ort gemeinsam.


Das SchwuZ war schon immer flexibel: 2022 konnte man sich im Club gegen Corona impfen lassen (Bild: IMAGO / Emmanuele Contini)


Kannst du uns schon Hinweise darauf geben, mit wem ihr Kooperationen sucht und was zukünftige Show-/Abendkonzepte sind? Werden Benefiznächte zur Finanzierung dazugehören?

Kooperation ist für uns kein Schlagwort, sondern ein zentrales Prinzip. Wir holen bekannte Partyformate ins Haus, wollen aber auch Eigenproduktionen neu denken. Vor Kurzem haben wir mit Klub Katarsis unsere erste Techno-Party gefeiert. Unser inhaltlicher Fokus liegt klar auf Qualität und Sichtbarkeit: Statt Quantität setzen wir auf gezielt kuratierte Abende – mit künstlerischer Tiefe, politischer Haltung und echtem Community-Spirit. Die Benefiznacht am 12. Juli ist dafür ein starkes Zeichen der Solidarität: ein Abend voller queerer Kultur, der unsere gemeinsame Neuausrichtung unterstützt.

Wenn aus weniger Show Acts mehr Highlights werden sollen, gibt es dann bald eine globale Marketingstrategie?

Wir setzen in der Kommunikation künftig stärker auf Sichtbarkeit durch eine kuratierte Content-Strategie – lokal verwurzelt, aber offen für internationale Zusammenarbeit. Eine "globale" Marketingstrategie im klassischen Sinne wäre nicht authentisch für einen Club wie das SchwuZ. Aber wir nutzen digitale Tools gezielter, professionalisieren Prozesse, vernetzen uns intensiver mit anderen Initiativen – auch über die Stadtgrenzen hinaus. Wenn unsere Programme über Berlin hinausstrahlen, ist das kein Zufall, sondern das Ergebnis von Haltung, Ästhetik und Relevanz. Sichtbarkeit entsteht bei uns durch Inhalte – nicht durch Werbebudgets.

Welche Botschaft hast du an alteingesessene Besucher*innen und diejenigen, die es werden wollen?

An alle, die das SchwuZ lieben – und an alle, die uns gerade entdecken: Dieser Ort bleibt euer Raum. Auch wenn sich manches verändert, bleiben wir dem treu, was uns ausmacht – laut, sichtbar, kritisch und voller Liebe zur queeren Kultur. Wir laden euch ein, diesen Wandel mitzugestalten, mit Ideen, Kritik und eurer Präsenz. Denn das SchwuZ war nie nur ein Club – es war immer ein kollektives Projekt. Lasst uns gemeinsam neue Kapitel aufschlagen – mit offenen Ohren, offenen Armen und offenen Herzen.

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