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Sachbuch

Die manipulative Macht der Sprache

Das neue Sachbuch "Die dunkle Seite der Sprache. Wie Worte ausgrenzen, abwerten und manipulieren" erklärt, wie sprachliche Herabsetzungen funktionieren, wir kommunikativ entmächtigt werden und Verschwörungstheorien wirken.


Ein Beispiel für queerfeindliche Sprache: Das Eintreten für Vielfalt und Akzeptanz wird als "Ideologie" verunglimpft (Bild: IMAGO / Wolfgang Maria Weber)

Es ist wohl kein Zufall, dass Sprachkritik heute besondere Beachtung findet. Was jedenfalls eine Reihe von Buchneuerscheinungen der letzten Zeit belegt. Da fügt sich eine aktuelle Publikation aus dem Verlag C.H. Beck passgenau ein: "Die dunkle Seite der Sprache. Wie Worte ausgrenzen, abwerten und manipulieren", verfasst von den drei Autor*innen Tim Henning, Nikola Kompa und Christian Nimtz.

Alle drei kommen beruflich von der Philosophie und entsprechend sprachphilosophisch geht es in dem gemeinschaftlich erarbeiteten Buch zu. Das Ganze mit einem erkennbaren Bemühen um Verständlichkeit und Praxisorientierung, verbunden mit Empfehlungen für eine freundlichere, inklusivere Sprache, obschon nicht immer ganz klar wird, für welche Zielgruppe dieses Buch geschrieben wurde – für ein Fachpublikum oder doch für ein breites, um Sprachbewusstsein bemühtes Publikum? Befriedigend scheint mir weder das eine noch das andere zu sein. Wobei an der wissenschaftlichen Qualität überhaupt nicht zu zweifeln ist. Ich komme darauf zurück.

Eine wichtige Rolle spielt dabei die von John L. Austin geprägte Philosophie der Alltagssprache und die Bedeutung von sogenannten Sprechakten. Die Absicht dabei verrät uns der sinnfällige Titel, nämlich aufzuzeigen, was wie falsch laufen kann in und mit dem Kommunikationsmittel Sprache und mit welchen üblen Konsequenzen das verbunden sein kann. Denn Sprache besitzt Macht und zugleich einen Dual-use-Charakter, der die Durchschaubarkeit sprachlicher Manöver nicht gerade erleichtert.

Das doppelte Gesicht der Sprache


ist im März 2025 im Verlag C.H. Beck erschienen

Auf sechs Kapitel verteilt wird über die manipulative Macht von Metaphern verhandelt und generische Aussagen, also Verallgemeinerungen, und ihre nicht selten diskriminierende Problematik unter die Lupe genommen. Die Autor*­innen erläutern, wie sprachliche Herabsetzungen funktionieren, wir kommunikativ entmächtigt werden, wie Diskurse gelenkt werden und Rede unterdrückt wird. Und schließlich wie Lügen und Verschwörungstheorien wirken.

Stets besitzt die Sprache ein doppeltes Gesicht – sie erhellt, klärt auf, und zwar so wie sie im nächsten Moment verunklart und manipuliert. Sie besitzt, wie schon gesagt, nicht nur Macht, sie wird auch durch die Macht geprägt und verfolgt so politische Interessen und verfestigt politische Strukturen. Weshalb es, nebenbei bemerkt, auch keine oder so gut wie keine Spuren in ihr gibt von jenen gesellschaftlichen Gruppen, die in der Geschichte keine Stimme hatten und haben. Der queeren Community wird das nur allzu bekannt vorkommen.

Zu unseren Erfahrungen gehört, wie aus beleidigender, hasserfüllter Sprache schließlich ein Handeln wird – die Gewalt in der Sprache wird zur Gewalt auf der Straße. Dazu heißt es im Buch:

Auch wenn sich ein direkter Einfluss der Sprache auf das Handeln nicht so leicht nachweisen lässt, scheint die These, dass sprachliche Gewalt physische Gewalt vorbereiten kann, kaum von der Hand zu weisen zu sein.

Vor allem durch Social Media, in der die "ballistische Schnellkommunikation" (Joseph Vogl) zu Hause ist, erleben wir Tag für Tag eine sprachliche Enthemmung. Sexismus und Rassismus waren ja nie verschwunden, nur war die Kritik daran eine Zeitlang vernehmlicher. Doch Leute wie Marc Zuckerberg haben mittlerweile diesen Konsens aufgekündigt. In seinem Unternehmen wünscht er sich wieder mehr "männliche Energie", cancelt darum Diversitätsprogramme und folgt darin Trump, "his masters voice". Solche aktuellen Entwicklungen fehlen meines Erachtens im Buch.

Diskriminierende Beispiele aus dem Sprachalltag fehlen

Ein Beispiel: Da wird auf etwa zwanzig Seiten das Wort "Tintenpisser" in seiner herabsetzenden Bedeutung hin und hergewendet und durch alle möglichen Theorien durchdekliniert, um uns am Ende mit einem eher dürftigen Erkenntnisgewinn aus dem Kapitel zu entlassen. Hier zeigt sich, was auch an anderen Stellen als Manko wahrnehmbar ist, es fehlt an griffigeren Beispielen aus dem diskriminierenden Sprachalltag.

Und die gäbe es in Hülle und Fülle in allen Bereichen unseres sozialen Lebens (Social Media, Politik, Werbung, Freizeit, Arbeit, Öffentlichkeit), nämlich als Beispiele unseres alltäglichen Rassismus, Antisemitismus, Antifeminismus, als Beispiele für Queer- und Transfeindlichkeit, für Muslimfeindlichkeit, als Beispiele für die Diskriminierung behinderter, alter, armer oder obdachloser Menschen.

Andererseits ist es nicht verkehrt, wenn die Autor*innen uns in Erinnerung bringen und das wissenschaftlich unaufgeregt, worauf unsere Sprache eigentlich baut, nämlich auf "principle of fair play". Damit Kommunikation gelingt, müssen wir uns auf die Wahrhaftigkeit dessen verlassen können, was andere sagen – und die gibt es, wie es im Buch heißt, nicht zum Nulltarif:

Wenn uns jemand nicht wahrhaftig ist, so weicht er demnach Kosten aus, die hinreichend viele andere Menschen in hinreichend vielen Fällen zu tragen bereit sind. Andernfalls gäbe es keine gemeinsame Sprache. Er oder sie nutzt die Vorzüge der gemeinsamen Unternehmung, ist aber nicht bereit, den eigenen Beitrag dafür zu entrichten.

Wahrhaftigkeit als Basis unserer Verständigung

Das ist mehr als wahr, wird aber vor allem durch rechts massiv untergraben, nämlich durch inflationäres "Bullshitting" (Harry Frankfurt). Das sind Sprechakte, die "ohne jede Orientierung an der Wahrheit oder Falschheit des Gesagten getätigt werden". Dahinter steht nichts anderes als eine Politik der Überwältigung, wie wir sie bei Autokraten wie Trump & Co. erleben.

Dazu fand ich aktuell in einem Artikel von Frauke Steffens für die "Frankfurter Allgemeine" den Hinweis, dass dieser Wahnsinn kein Zufall ist, sondern kaum überraschend Methode hat: "Steve Bannons berüchtigter Ausspruch 'Flood the zone with shit' bezeichnete die bewusste Überflutung des medialen Raums mit Ungeheuerlichkeiten, Halbwahrheiten, Ablenkungen. Das war nie bloße Propaganda, vielmehr handelt es sich um eine Machttechnik."

Um zur Wahrhaftigkeit als Basis unserer Verständigung zurück zu kommen, hier noch einmal ein Blick ins Buch mit einer Erkenntnis, die zum Merksatz taugt:

Wir sind nur deshalb Sprecher:innen einer geteilten Sprache, weil wir uns im gewöhnlichen Falle sogar unabhängig von unseren sonstigen Interessen an die Wahrheit halten.

Das bewusst zu machen durch eine wissenschaftlich fundierte Kritik an all dem, was im Sprachgebrauch nicht Fairplay ist, bleibt jedenfalls ein Verdienst der Autor*innen.

Infos zum Buch

Tim Henning, Nikola Anna Kompa, Christian Nimtz: Die dunkle Seite der Sprache. Wie Worte ausgrenzen, abwerten und manipulieren. 224 Seiten. Verlag C.H.Beck. München 2025. Gebundene Ausgabe: 28 € (ISBN 978-3-406-83097-6). E-Book: 21,99 €

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