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Queere Literatur

Wenn trans Personen einen Virus entwickeln, der die Welt geschlechtslos macht

Vor vier Jahren veröffentlichte die trans Schriftstellerin Torrey Peters den grandiosen Debütroman "Detransition, Baby". Jetzt ist ihr neues Buch "Stag Dance" auf Deutsch erschienen.


Torrey Peters' Debütroman "Detransition, Baby" wurde 2021 für den Womenʼs Prize for Fiction nominiert – als das erste Buch einer trans Autorin in der Geschichte des Preises (Bild: Natasha Gornik)

Was haben eine Gruppe von Holzfällern, die illegal einen Wald abholzen, mit der Pubertät von zwei Jungs im Internat zu tun? Was verbindet trans Personen, die einen Virus entwickeln, der die Welt geschlechtslos macht, mit einem Crossdresser, für den der Traum, in Las Vegas Sissy-Prinzessin zu sein, Wirklichkeit wird? Diese vier sehr seltsamen Geschichten, die zu unterschiedlichen Zeiten an unterschiedlichsten Orten handeln, haben einen gemeinsamen Nenner: Die Suche nach unserem Selbst, die Suche nach einer Antwort auf die Frage "Wer bin ich?" mit der gleichzeitigen Entdeckung menschlicher Abgründe.

Dass dabei immer auch Rivalität, Neid, Verrat, Gewalt und Ängste mit im Spiel sind, greift beim Lesen mächtig an. Das ist alles andere als eine rosafarbene Wohlfühl-Lektüre, die uns erzählt, wie fantastisch es ist zu entdecken, was in uns alles Schönes verborgen ist. Fragen von sexueller und geschlechtlicher Identität, wie sie die Geschichten stellen, vertreiben uns zuverlässig aus den Comfort-Zonen und wohligen Illusionen des Lebens und lassen die Figuren am Ende ziemlich nackt dastehen.

Peters' Debütroman war ein literarischer Volltreffer

Geschrieben hat diese wirklich irritierenden Geschichten die US-amerikanische Schriftstellerin Torrey Peters, die 2021 den grandiosen Debütroman "Detransition, Baby" veröffentlichte, der im Jahr darauf in deutscher Übersetzung erschienen ist. Meine Begeisterung für den Roman war damals groß.

In meiner Besprechung für "The Little Queer Review" hieß es (im Internet leider nicht mehr abrufbar): "Ihren Roman nenne ich einen literarischen Volltreffer. Er ist wie eine Soap Opera für intellektuell fortgeschrittene Leser*innen, die von schrägen und ebenso perfekt sitzenden Dialogen nie genug bekommen können. Womit wir sehen, Lockerheit ist auch eine Frage der Formvollendung und schließt – ganz wichtig! -Tiefgang nicht aus."

Alle Geschichten enden im Desaster


"Stag Dance" ist Ende Mai 2025 im Ullstein Verlag erschienen

Umso erwartungsvoller war ich nun auf "Stag Dance" (Amazon-Affiliate-Link ) gespannt, den der Ullstein Verlag als einen Roman in vier Bildern ankündigte. Es ist jedoch mitnichten ein Roman, sondern eine Sammlung von Novellen, Erzählungen, von der die titelgebende immerhin für sich schon den romanhaften Umfang von etwa 170 Seiten beansprucht.

Peters Interesse an queeren Beziehungskisten, die von ihr schonungslos dekonstruiert werden, prägt auch die in der bewundernswerten Übersetzung von Frank Sievers vorliegenden Erzählungen. Doch kommt jetzt zur Schonungslosigkeit die Erfahrung, dass alle Geschichten im Desaster enden. Bei "Detransition Baby" gab es nach dem großen Knall immerhin ein offenes Ende und damit die Möglichkeit, die Geschichte in mehrere Richtungen weiterzudenken.

Warum sind die Geschichten alle so unerbittlich negativ? Und warum erscheinen sie ausgerechnet heute in Zeiten deprimierender, weil realer Existenzbedrohung durch Trump & Co.? Weil sie vielleicht ein Training in mehr Realismus sein wollen? Eine Abhärtung? So nach dem Motto, hey Leute, kommt mal runter von eurer rosa-weiß-himmelblau gestreiften Wolke?

"Die unangenehmen Aspekte meiner endlosen Transition"

Entstanden sind die Erzählungen jedenfalls in den letzten zehn Jahren, also rund um den Roman "Detransition Baby". Das begann 2015 mit der Fantasy-Geschichte "Infiziert euch (und alle eure Freund*­innen)!", 2016 kam mit "Der Maskenträger" Horror-Feeling hinzu, dann 2020 folgte die Teenie-Romanze "Nachgejagt" mit Grusel- und Ekel-Effekt und schließlich 2023 das Holzfällerdrama "Stag Dance – Der Herrentanz".

Dazu Peters: "Mit diesen Geschichten habe ich versucht, die unangenehmen Aspekte meiner endlosen Transition – vulgo: mein Leben als trans* Mensch in verschiedenen Genres für mich zu enträtseln." Gut, nehmen wir das als Spur. Mein Eindruck jedoch ist, dass wir auf Peters literarischer Bühne zwar sehr deutlich die "unangenehmen Aspekte" eines Lebens in Transition erfahren, aber wenn das schon die Enträtselung sein soll, bleibt am Ende ein viel größeres Rätsel übrig, nämlich warum Transition immer nur desaströs sein soll. Peters Leben scheint ja wohl nicht ganz unglücklich und erfolglos zu verlaufen, oder täusche ich mich da?

Kritik an einer fundamentalistischen trans Community

Vernehmlich ist, wie schon im Debütroman, die Kritik an einer fundamentalistischen trans Community. Lexi, die Nummer eins unter den trans Frauen in Seattle, kennt nur das "Nieder mit cis!". Woraus der Plan entsteht, alle Menschen auf externe Hormonzufuhr zu bringen, sie gewissermaßen in "hormonabhängige Pseudotransen" zu verwandeln. Ein dafür entwickeltes GnRH-Molekül bewirkt genau das, macht die Welt aber nicht besser, sondern nur hormonabhängig.

Auch die Internats-Geschichte endet böse. Zwei pubertierende Jungs kommen sich sexuell näher. Robbie bekennt "Ich will das Mädchen sein, und zwar immer." Er entwickelt sich dabei zum intriganten Spielmacher. Die Beziehung der beiden wird stetig komplizierter und eskaliert schließlich, angestachelt durch Eifersucht und Rachegefühle. Die Geschichte endet mit einem Skandal, aus dem Robbie als Sieger hervorgeht, während der andere gedemütigt das Internat verlassen muss.

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Raus der digitalen Sissy-Welt

Und so ähnlich geht das weiter in den beiden anderen Geschichten. In "Stag Dance", einer Westerngeschichte unter grobschlächtigen "Holzpiraten", geraten zwei Männer in Konkurrenz in ihrem Kampf um die Gunst des Chefs und wer bei ihm sexuell die besseren Karten hat. Babe ist der hünenhafte Hässliche und Lisen der Schönling. Damit ist allerdings noch nichts entschieden, wie sich zeigen wird, entschieden ist nur der üble Ausgang.

Mit "Der Maskenträger" bringt uns Peters nach Las Vegas, wo eine Woche lang in einem Casino Crossdresser und trans Frauen feiern. Krys, seines Zeichens Crossdresser, findet den Event-Tipp bei Facebook: "Das Ganze klang ziemlich cool: Fruchtcocktails, aufreizende Fummel, und alles ohne die leidigen Workshops zu Stimmtraining, Operationen und Aktivismus, die es sonst immer auf trans* Konferenzen gab." Also endlich raus der digitalen Sissy-Welt und rein ins Vergnügen.

Krys lernt dort nicht nur die ältere trans Frau Sally kennen, sondern auch einen tollen cis Mann. "Er ist der Daddy aus den Onlinefantasien meines Sissy-Ichs, nur in echt." Die Chance. Doch funkt Sally dauernd dazwischen und will Krys zum trans Outing überreden und plant bereits einen gemeinsamen Besuch bei den Eltern. Krys ist verständlicherweise genervt und hat nur Augen für den Macho-Daddy. Und wieder ist es eine böse Intrige, die Krys von Sally befreit.

Sprachlich faszinierende Geschichten, die uns nicht voranbringen

Es besteht kein Zweifel über Torrey Peters schriftstellerisches Talent. Schon wie sie in den vier Erzählungen souverän das jeweilige Genre sprachlich beherrscht, ist faszinierend. Aber sind das die Geschichten, die uns voranbringen? Gut, muss Literatur das überhaupt? Ein wenig schon.

Gibt es darin irgendwo eine Tür, die uns aus dem Schlamassel herausführt? Ich habe keine gefunden. Okay, Queers sind nicht bessere Menschen, weil sie queer sind. Das lernen wir bei Torrey Peters – und auch: Wer verletzlich ist, kann auch verletzen. Das nächste Mal, liebe Torrey, würde ich gerne lesen, dass wir auch okay sein können.

Infos zum Buch

Torrey Peters: Stag Dance. Ein Roman in vier Bildern. Aus dem Englischen von Frank Sievers. 352 Seiten. Ullstein Verlag. Berlin 2025. Gebundene Ausgabe: 24 € (ISBN 9-783-550-20409-8). E-Book: 19,99 €

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