https://queer.de/?53948
"In guten wie in schlechten Tagen"
Mit der ersten Verpartnerung schrieben sie 2001 Geschichte
In einem neuen Buch erzählt Reinhard Lüschow die Geschichte seiner Partnerschaft und Ehe mit Heinz-Friedrich Harre – von der ersten Begegnung bis zu dem Zeitpunkt, in dem der Tod sie trennte. Wir haben eine Leseprobe!

Frisch verpartnert: Am 1. August 2001 begründeten Reinhard Lüschow (l.) und Heinz-Friedrich Harre vor dem Standesamt in Hannover die erste "eingetragene Lebenspartnerschaft" (Bild: privat)
- Von Reinhard Lüschow
16. Juni 2025, 07:04h 11 Min.
1. August 2001
Der 1. August 2001 war ein Mittwoch. Auf meine Anfrage, ob a) die Lebenspartnerschaftseintragung rechtlich genauso wie eine Eheschließung behandelt werden und b) ich dafür Sonderurlaub bekommen würde, hatte mir meine Dienstbehörde mitgeteilt, dass a) ja, aber b) nein, da es auch für Eheschließungen diese Reglung nicht mehr geben würde. Als ich das in meiner Abteilung erzählte, fand das meine Chefin gar nicht gut. "Wenn Sie keinen Sonderurlaub bekommen, dann gebe ich Ihnen für diesen Tag Dienstbefreiung." Für den Rest der Woche hatten Heinz und ich Urlaub genommen. Vorsichtshalber.
"Jetzt hat mal schon mal frei und muss trotzdem so früh aufstehen." Zu Hause lief alles noch ziemlich ruhig. Duschen, anziehen, Kaffee, eine Kleinigkeit frühstücken. Nein, die Katzen dürfen nicht mit. Uwe stand pünktlich mit den Bräutigamssträußen vor der Tür. Dann kann es ja losgehen. Die Familien würden wir direkt am Standesamt treffen. War einfacher so.
Ich weiß gar nicht mehr, wer uns damals gefahren hat. Aber als wir zum alten Rathaus, in dem sich das Standesamt befand, kamen, traf uns fast der Schlag. Der Platz vor dem Eingang war gerammelt voll mit Menschen. Übertagungs-wagen standen in der Nähe. Reporter*innen mit Mikrofonen und Fotoapparaten liefen herum. Viele Freunde und Bekannte. Sogar die Bremerhavener waren angereist. Wahnsinn!
"Eure Familien warten drinnen auf euch." Wir kämpften uns durch die Menge zum Eingang, beantworteten blöde Fragen ("Wie fühlt ihr euch?") und waren froh, als wir im Gebäude verschwinden konnten.
Hoch in den 1. Stock zu den Trauzimmern. Nochmals ausweisen, ob wir auch wirklich die sind, die wir vorgaben, zu sein. Alle waren da. Aus Hameln Schwiegermutter und Schwägerin Birgit – ihr Mann hatte leider nicht frei bekommen, was sich im Nachhinein als sehr bedauerlich erwies, denn wir waren es gewohnt, dass er bei Familienfeiern immer die Fotos schoss. Da wir nicht für einen Ersatz-Familienfotografen gesorgt hatten, gibt es leider keine Fotos aus dem Trauzimmer. Von meiner Familie waren meine Brüder mit Gattinnen und meine Eltern da.

Reinhard Lüschows Buch "In guten wie in schlechten Tagen: Unser Weg zur Ehe für alle" ist am 12. Juni 2025 im Pinkvoss Verlag erschienen
Meine Eltern? Mein Vater hatte doch gesagt, dass er an der Eintragung nicht teilnehmen würde? Ich war sehr irritiert. Wie ich später erfuhr, hatte es auch im Vorfeld diverse Diskussionen darüber in der Familie gegeben. Insbesondere mein Bruder Gert hatte sich alle Mühe gegeben, positiv (in unserem Sinne, also nach dem Motto "Nun komm doch mit") auf ihn einzuwirken. Ich selbst hatte meiner Mutter ein paar Tage vorher noch gesagt, dass es für mich in Ordnung sei, wenn mein Vater nicht zum Standesamt kommt. Vielleicht könnte er sich ja überwinden und wenigstens bei der anschließenden kleinen Feier dabei sein. "Aber auf eines solltest du ihn noch hinweisen: Wenn wir da am Mittwoch beide "Ja" sagen, ist Heinz sein Schwiegersohn. Ob ihm das passt oder nicht, es ist dann einfach so. Wenn er z. B. einst vor einem Gericht gefragt werden sollte, ob er mit dem Herrn verwandt oder verschwägert ist, muss er das so angeben. Und er sollte sich auch überlegen, ob er weiter mit seinem Schwiegersohn "per Sie" verkehren möchte. Heinz hat kein Problem damit, auch weiter "Herr Lüschow" zu ihm zu sagen, aber es könnte auf manche Leute befremdlich wirken." Tatsächlich hatte mein Vater in den vergangenen 13 Jahren Heinz nicht das "Du" angeboten, und so war es zwischen den beiden immer beim förmlichen "Sie" geblieben. Genauso wie ich war auch Heinz so erzogen worden, dass man andere Menschen nicht einfach so duzt. Gerade bei Vorgesetzten oder älteren Menschen wartet man, bis einem das "Du" angeboten wird. Das gehört sich einfach so.
Wie dem oder was dort in der alten Heimat auch gewesen sein mag – mein Vater war auch im Standesamt. Und ich freute mich sehr darüber.
Wir gingen ins Trauzimmer. Die Standesbeamtin war offensichtlich noch nervöser als wir. Das erste Mal, dass sie ein gleichgeschlechtliches Paar in einen neuen Familienstand geleiten würde. Da sollte und durfte nichts falsch laufen.
Auf dem Gang vor den Zimmern drängten sich die Presseleute. Fotoapparate, Mikrofone, Kameras. Sie wollten auch mit ins Trauzimmer, aber das wussten wir zu verhindern. "Hier ist Schluss. Hinter dieser Tür beginnt unser Privatleben, und da sind die Medien nicht erwünscht." Nicht mal dem NDR hatten wir Zugang gewährt. Das sollte im Rahmen der Möglichkeiten unser eigener privater Moment bleiben, den wir nicht mit der Öffentlichkeit teilen wollten. Im Fernsehen sah man dann auch nur, wie wir ins Trauzimmer gingen und sich die Tür hinter uns schloss.
Wir nahmen vor dem großen Schreibtisch Platz, rechts und links flankiert von unseren Trauzeuginnen. Alle etwas nervös. Schwägerin Birgit, der absolute Familienmensch durch und durch, gestand mir später: "Ich habe mein Leben lang einen schwulen Bruder gehabt. Das war auch in Ordnung. Ich habe es aber immer bedauert, dass er nie heiraten und eine eigene Familie haben würde. Und jetzt sitze ich hier, und es ist seine Hochzeit, und ich bin Trauzeugin. Ich kann es immer noch nicht fassen, welche merkwürdigen Wege das Leben geht." Sie erzählte auch: "Als wir heute früh in Hameln starten wollten, ging eine Nachbarin auf der Straße vorbei und meinte: "Nanu? Schon so früh unterwegs? Und so schick gemacht?" Mutti hat sie nur angestrahlt und gesagt: "Wir fahren nach Hannover. Mein Sohn heiratet heute." Die Nachbarin war perplex: "Ach, das ist ja schön. Das ist dann wirklich ein ganz besonderer Tag!" Und Mutti: "Ja, das ist es. Aber er heiratet keine Frau, sondern einen Mann." Das war das erste Mal, das ich erlebt habe, dass Mutti von sich aus erzählt hat, dass Heinz mit einem Mann zusammen ist."
OB Schmalstieg war eingetroffen. Die Zeremonie begann. Die Standesbeamtin war gut vorbereitet und achtete genau darauf, was sie sagte. Der obligatorische Hinweis, dass wir nach Bejahung der Frage "Wollen Sie…?" verpartnert sein würden, auch wenn wir das Schriftstück dann nicht unterzeichnen würden. Geht klar. Wir sagten beide "Ja". Und das war es dann. Ein kleiner Schritt für die Menschheit, ein großer Schritt für unsere Liebe. Geschafft. Wir waren jetzt eine eingetragene Lebensgemeinschaft oder, wie wir es sagten, ein Ehepaar. Verpartnert. Verheiratet.
Wir behielten beide unsere Familiennamen, und auf den Ringtausch hatten wir auch verzichtet. Die Ringe steckten schon lange genug an unseren Fingern und konnten dort für diesen kurzen Moment auch bleiben. Noch die Unterschriften auf der Urkunde, und dann ging das Umarmen und Gratulieren los. Alle kreuz und quer. OB Schmalstieg gratulierte auch meinen Eltern zum Schwiegersohn, was meinen Vater veranlasste, meine Mutter leise anzusprechen: "Mir hat gerade ein SPD-Politiker die Hand gegeben. Weißt du, wo ich mir die Hände waschen kann?" Er war nicht leise genug gewesen. Herbert Schmalstieg drehte sich um, lächelte ihn an und sagte: "Ich kann Ihnen gerne zeigen, wo die Toiletten sind." Fettnäpfchen, ich komme.
Davon hatten wir aber nichts mitbekommen. Der OB überreichte uns einen riesigen Blumenstrauß (ich kann mich noch sehr gut an die gepiercten Tauben darin erinnern – zwei weiße Kunststofftauben, deren Schnäbel mit einem goldenen Ring verbunden waren. Nun ja.), und dann stellten wir uns vor dem Trauzimmer den Fotografen. Klickende Kameras, Glückwünsche. Die Treppe runter und zum Eingang. Schon von drinnen sahen wir durch das Fenster, dass der Platz vor dem Standesamt von Menschen überquoll. Ich wand mich an meinen Vater. "Papa, wenn du da nicht durchgehen magst (er hatte eine Beinverletzung und brauchte zum Gehen einen Stock), gibt es hier auch einen Seitenausgang. Das ist vielleicht einfacher für dich." Er gab sich einen Ruck. "Ich habe das Standesamt durch den Haupteingang betreten, und ich werde es auch durch den Haupteingang verlassen." Na gut, das werdet ihr schon irgendwie hinbekommen. Tief durchatmen, Tür auf und rein in die Menschenmenge.

30 Jahre einer Liebe in Deutschland: In seinem Buch "In guten wie in schlechten Tagen: Unser Weg zur Ehe für alle" (Amazon-Affiliate-Link ) erzählt Reinhard Lüschow (l.) die Geschichte seiner Beziehung mit Heinz-Friedrich Harre (Bild: privat)
Es war Wahnsinn, was dort alles aufgebaut war. Eine riesige Luftballonkette in Regenbogenfarben über dem Haupteingang. Die Cheerleadertruppe Hannover, die "Puschellettes" (richtig geschrieben? Hier kann selbst Google nicht helfen), schwenkte ihre Pompons. Es wurden Reis und Konfetti geworfen. Jubel, Applaus, Tränen. Wir waren zutiefst gerührt. Klickende Kameras, Mikrofone. "Wie fühlt ihr euch?" Hilfloser Blick über die Menschenmenge. "Das ist alles etwas viel …" Mikro an Heinz. "Und wie fühlen Sie sich?" Und die von Herzen kommende Antwort: "Ich bin glücklich. Einfach glücklich." Diese Aussage wurde dann in der Hannoverschen Neuen Presse als "Worte der Woche" und zum Jahresende auch als "Zitate des Jahres" abgedruckt.
Zwischen verschiedenen Interviews Glückwünsche und Blumen und Geschenke von allen Seiten. Wir reichten die Sachen immer nur an Birgit und Ute weiter, die sich tapfer hinter uns hielten. Hier noch ein Foto, da noch eine Umarmung. Angereiste Familienmitglieder, Kolleg*innen aus bei-den Ämtern, Freund*innen, Bekannte, Fremde. Die SLP-Truppe hatte einen großen Tisch mit Getränken aufgebaut, zu dem wir gelotst wurden. Axel, leicht verheult: "Das war so schön, als ihr eben aus der Tür gekommen seid. Ich konnte nur denken: Damit habt ihr euren Platz in den Geschichtsbüchern sicher!", umarmte uns und drückte uns ein Messer in die Hand. Es gab eine Hochzeitstorte, die wir anschneiden mussten. Dreistöckig mit Regenbogenverzierungen. Oben auf der Torte ein Bräutigampaar, das Axel eigenhändig aus Marzipan geformt hatte und das optisch sehr an Heinz und mich erinnerte (deshalb hatte er mich also in den letzten Tagen immer wieder gefragt, was wir denn zur Eintragung anziehen und wie das genau aussehen würde).
Hinter uns war zwischenzeitlich die zweite eingetragene Lebenspartnerschaft Deutschlands aus dem Standesamt getreten. Zwei Frauen. Auch sie hatten von Herbert Schmalstieg einen großen Blumenstrauß bekommen und wurden jetzt von ihrer Fangemeinde gefeiert.
Meine Familie hatte sich an den Rand des Platzes zurückgezogen. Für die Älteren wurde es etwas unbequem. "Gibt es hier irgendwo ein Café, in dem wir auf euch warten können?" Wir schickten sie ins "Konrad". "Immer geradeaus, und wir holen euch dann dort ab." Wir hatten noch auf dem Platz zu tun.
Die Veranstaltung dort zog sich noch hin. An diesem Tag hatten sich vier Paare verpartnern lassen, und wir schafften es auch, den anderen drei Paaren zu gratulieren. Außer den beiden Frauen war es noch ein Männerpaar aus Nordrhein-Westfalen, das lieber in Niedersachsen heiraten wollte, weil die Zeremonie in ihrer Heimatgemeinde nicht im Standesamt vorgenommen wurde. Das vierte Paar waren Bernd und Uli aus Hannover. Uli und Heinz kannten sich auch schon seit Ewigkeiten, und so konnten wir uns in den Folgejahren immer wieder pünktlich gegenseitig zu unseren Hochzeitstagen gratulieren.
Auf dem Platz wurde es langsam ruhiger, und irgendwann holten wir dann unsere Familien im "Konrad" ab. Der Tisch im Gartensaal des Neuen Rathauses war erst für 12 Uhr bestellt und wir hatten genug Zeit. Der Fußweg vom Standesamt zum Neuen Rathaus war nicht übermäßig weit, aber mein Bruder fuhr die "Fußschwachen" schnell mit dem Auto hin, während wir anderen uns zu Fuß auf den Weg machten. Heinz und ich gingen mit unseren Sträußen vorweg und wurden von entgegenkommenden Passant*innen angestrahlt und beglückwünscht. Auch Autos hupten und die Fahrer*innen winkten uns zu. Alles absolut positiv.
Im Restaurant "Der Gartensaal" war ein großer Tisch liebevoll für uns eingedeckt. Deko mit Rosenblättern und Herzen. Sehr schön. Wir bestellten, und dann war der Moment ge-kommen, in dem mein Vater aufstand, um eine kurze Ansprache zu halten. Er beglückwünschte Heinz zu seinem Mut, mit mir eine solche offizielle Beziehung einzugehen, und klärte ihn darüber auf, was ich für einer bin. Sonderlich gut kam ich nicht dabei weg, aber mein Vater sprach mit einem leichten Zwinkern im Auge, und so war es in Ordnung. Er hatte in manchen Dingen auch nicht Unrecht. Ich bin nicht unbedingt einfach zu händeln, und die Vorgabe "Erst denken, dann reden" befolge ich auch noch heute nicht immer.
"Wir sind hier in einem kleinen Kreis, und dein Vater, Heinz, kann leider nicht mehr dabei sein. Ich will mich dir nicht als Ersatzvater anbieten, aber ich habe es auch nie gemocht, wenn meine Schwiegerkinder mich mit "Ekhard" oder "Opa" angeredet haben. Vielleicht kannst du dich überwinden und mich "Schwiegervater" nennen. Ich denke, wir kennen uns lange genug, dass wir "Du" zueinander sagen können."
Ein emotional berührender Moment. Heinz stimmte dem Vorschlag zu. Schwägerin Birgit nutzte die Gelegenheit, um zu fragen, wie denn der Rest der Harre-Familie ihn und meine Mutter anreden sollen. Hier einigte man sich dann auch auf das "Du" und bei den älteren Herr- und Frauschaften auf den Vornamen. Die Kinder könnten dann "Onkel" oder "Tante" anfügen.
Nach dem Essen löste sich die Gruppe dann auf, und jede*r fuhr in sein bzw. ihr zu Hause. Wir wurden nebst den ganzen Blumen und Geschenken in die Dieckmannstraße gebracht, steckten noch die Briefumschläge mit den Anzeigen in den Briefkasten und hatten dann auch unsere Ruhe. Jedenfalls einigermaßen. Es gab noch genügend Anrufe, aber langsam konnten wir ab- bzw. den Fernseher anschalten und sehen, was von diesem Ereignis in den Medien gezeigt werden wurde. In allen Nachrichtensendungen gab es Beiträge. In der ARD-Tagesschau um 20 Uhr kam die Meldung gleich an erster Stelle, und hinter dem Sprecher war ein großes Bild von Heinz und mir vor dem Standesamt zu sehen. Und in diesem Moment war ich nicht nur glücklich, sondern auch stolz.
Reinhard Lüschow: In guten wie in schlechten Tagen: Unser Weg zur Ehe für alle. 298 Seiten mit farbigen Fotos. Pinkvoss Verlag. Hannover 2025. Gebundene Ausgabe: 24 € (ISBN 978-3-932086-45-8)
Links zum Thema:
» Mehr Infos zum Buch und Bestellmöglichkeit bei amazon.de
Mehr queere Kultur:
» auf sissymag.de
Informationen zu Amazon-Affiliate-Links:
Dieser Artikel enthält Links zu amazon. Mit diesen sogenannten Affiliate-Links kannst du queer.de unterstützen: Kommt über einen Klick auf den Link ein Einkauf zustande, erhalten wir eine Provision. Der Kaufpreis erhöht sich dadurch nicht.















