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"Das Bildnis des Oscar Wilde"

Oscar Wilde: Von Londons Liebling zum schwulen Verstoßenen

Bis heute gilt der irische Schriftsteller und Dandy Oscar Wilde als queere Ikone. Eine neue Romanbiografie erzählt seine letzten fünf Lebensjahre – knapp und lebendig, ohne ihn auf seine Exzentrik zu reduzieren.


Oscar Wilde im Jahr 1882 (Bild: Napoleon Sarony / wikipedia)

Nachdenkliche Pose, zugewandter Blick, längere Haare, Mittelscheitel, schwerer Pelzmantel: So kennt man Oscar Wilde. Es ist ein ikonisches Bild des Fotografen Napoleon Sarony. Anfang der 1880er Jahre erstellte der US-Amerikaner eine Serie aus mindestens 27 Posen, um die Fotos anschließend zu verkaufen. Der irische Schriftsteller war zu dieser Zeit in den Vereinigten Staaten, um Vorträge über den Ästhetizismus und dekorative Künste zu halten.

Eine Illustration, die sich an diesem Foto orientiert, ziert die Romanbiografie "Das Bildnis des Oscar Wilde" (Amazon-Affiliate-Link ) von Stephen Alexander. Den Pelzmantel liebte der Dandy innig. "Er kennt mich in- und auswendig, und ich brauche ihn wirklich", zitiert ihn sein einziger Enkel Merlin Holland in dessen lesenswertem Oscar-Wilde-Album.

35 Minuten Applaus für Oscar Wilde


"Das Bildnis des Oscar Wilde" ist am 16. Juni 2025 im Insel Verlag erschienen

Oscar Wilde trug den Mantel nicht nur in den USA, sondern auch bei all seinen Premieren. Mit der Uraufführung seines Stücks "Ernst sein ist alles" ("The Importance of Being Earnest") beginnt der Autor Stephen Alexander seine Romanbiografie. Es ist eine auf den ersten Blick verwunderliche Wahl, weil Wilde nur knapp fünf Jahre später bereits starb – gut 40 Lebensjahre erzählt das Buch also nicht.

Auf den zweiten Blick jedoch ergibt es Sinn und passt zur Herangehensweise: Denn die Premiere am 14. Februar 1895 markiert den Höhe- und zugleich Wendepunkt von Wildes Karriere. Das Publikum feierte das Stück und den Dichter, 35 Minuten lang applaudierte der Saal. Doch danach ging es nur noch bergab.

Der "Somdomite" wird zur Spottfigur

Denn John Douglas, der 9. Marquess of Queensberry, versuchte, Oscar Wilde nach der Premiere mit vergammeltem Gemüse zu bewerfen. Warum? Weil er dem Dramatiker eine Affäre mit seinem Sohn Lord Alfred Douglas unterstellte. Der 16 Jahre Jüngere, den Oscar Wilde nur liebevoll Bosie nannte, war tatsächlich sein Liebhaber.

Vier Tage später hinterließ der Adelige dem Dandy eine Visitenkarte mit handschriftlicher Notiz – und Rechtschreibfehler: "For Oscar Wilde posing Somdomite" – John Douglas wusste nicht, wie man Sodomit schreibt, vermochte es aber, den von der Londoner Society gefeierten Schriftsteller rasend schnell zur Spottfigur zu machen.

Das Urteil: Zwei Jahre Zwangsarbeit

Oscar Wilde wollte sich die Notiz nicht gefallen lassen. Er strengte einen Verleumdungsprozess an – und ging Douglas damit wohl in die Falle. Der konnte nämlich dank zweifelhafter Zeugen beweisen, dass Oscar Wilde mit seinen schwulen Affären gegen das Gesetz verstößt. Dafür wurde er zu zwei Jahren Zuchthaus und Zwangsarbeit verurteilt.

Stephen Alexander erzählt das alles sehr anschaulich, lebendig, fast filmisch. Für die Darstellung des Gerichtsverhörs stützt er sich auf die veröffentlichte wörtliche Wiedergabe. Hin und wieder geht er – das fordert das Genre – angenehm fantasievoll mit Oscar Wilde und dessen Umfeld um, wird ihm aber stets gerecht. Vor allem zum Ende hin hält er sich nicht an die Fakten, sondern deutet sie träumerisch.

Oscar Wilde, Dandy und Exzentriker

Auf rund 250 Seiten erzählt er konzise und ohne lange Ausstaffierungen. Von der ersten Trennung von Bosie zur Versöhnung braucht es nur ein paar Seiten, und die zwei Jahre im Zuchthaus finden lediglich auf 20 Seiten Platz. Stellenweise wirkt das etwas gehetzt, gerade die Zeit nach dem Gefängnis in Paris und die Reise nach Neapel mit Bosie hätten mehr Platz verdient.

Natürlich bedient sich der Autor an Oscar Wildes Bonmots, die sich heutzutage auf Postkarten, Tassen und Wandtattoos wunderbar vermarkten lassen, und zeichnet dessen dandyhaften und exzentrischen Charakter nach.

Seine Liebe kann ihm nicht genommen werden

Aber, und das ist das Besondere: Die Romanbiografie reduziert Oscar Wilde nicht darauf, auch wenn das Pelzmantel-Cover das womöglich suggeriert. Nein, "Das Bildnis des Oscar Wilde" zeigt vielmehr, wie sehr der Schriftsteller von der Justiz, der Presse und der ganzen Gesellschaft gedemütigt wurde, wie der Andersliebende gebrochen werden sollte. Nur dass sie das nicht schaffen.

Denn Oscar Wilde wird sich zwar körperlich nie mehr von der unwürdigen Haft erholen. Was ihm aber niemand nehmen kann, sind seine geschliffene Sprache, seine Philosophie – und schließlich seine Liebe zu Bosie, aber auch zu seiner Familie.

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Oscar Wilde stellt sich der Justiz, mit allen Konsequenzen

Oscar Wilde war einst "der berühmteste Homosexuelle der Welt" und kann als "der erste queere Märtyrer des Medienzeitalters" gelten. Das schreibt der Autor Kevin Clarke in einem lesenswerten Essay im Programmheft zur großartigen Inszenierung "Die Märchen des Oscar Wilde erzählt im Zuchthaus zu Reading" von Regisseur André Kaczmarczyk am Düsseldorfer Schauspielhaus.

Das ist ein Aspekt, der bei den geistreichen und zum Schmunzeln bringenden Aperçus, auf die Wilde gern reduziert wird, oft untergeht: Oscar Wilde als Märtyrer, der eben nicht vor der Justiz floh, sondern sich ihr stellte – mit allen Konsequenzen. Darauf bezieht sich auch der Titel des langen Briefs, den er aus der Haft an Bosie schreibt: "De Profundis", so beginnt auch Psalm 130, wenn Jesu Gott vor der Kreuzigung "aus der Tiefe" ruft.

Der tiefe Fall eines Stars

"Das Bildnis des Oscar Wilde" schafft es, diese Seite des Schriftstellers würdig darzustellen. Ohne sein Schicksal zu sehr auf unsere Zeit übertragen zu wollen, zeigt die Romanbiografie auch, wie schnell ein gefeierter Star wegen seiner Queerness verstoßen wird, wenn sich der Wind dreht und die Gesellschaft beschließt, es zu tun.

Den Pelzmantel trug Oscar Wilde nach der Premiere übrigens nicht mehr lange. Sein Bruder verkaufte ihn während Oscars Haft.

Infos zum Buch

Stephen Alexander: Das Bildnis des Oscar Wilde. Romanbiografie. 253 Seiten. Insel Verlag. Berlin 2025. Taschenbuch: 18 € (ISBN 978-3-458-64479-8 ).E-Book: 15,99 €

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