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Gastbeitrag
Unhappy Pride: Warum ich dieses Jahr nicht einfach feiern kann
Stuart B. Cameron organisiert die queere Job- und Karrieremesse STICKS & STONES. Eigentlich sollte er über das Event schreiben. Doch angesichts der aktuellen Lage entscheidet er sich für andere Worte – über Angst, Sichtbarkeit und die politische Bedeutung von Pride.

Symbolbild: Menschen beim CSD
- Von Stuart Bruce Cameron
19. Juni 2025, 10:14h 4 Min.
Ich darf für diesen Gastbeitrag etwas tun, was nicht selbstverständlich ist. Ich schreibe ihn im Rahmen einer Kooperation mit queer.de. Eigentlich sollte es in diesem Text um unsere queere Karrieremesse STICKS & STONES gehen, die am Samstag in Berlin stattfindet. Ich hätte also darüber schreiben können, wie wichtig Netzwerke sind, welche Unternehmen sich für queere Mitarbeitende öffnen, wie Vielfalt im Arbeitsleben möglich wird. Und ja, ich freue mich sehr auf diesen Tag. Aber ich merke, ich kann gerade keinen Text schreiben, der einfach nur einlädt oder feiert.
Denn so sehr ich mich auf Samstag freue, etwas fühlt sich anders an. Und ich will nicht so tun, als wäre alles wie immer. Ich gehe auch dieses Jahr wieder zum CSD. Aber nicht mit der Leichtigkeit früherer Jahre. Ich gehe mit einem mulmigen Gefühl. Weil ich in den letzten Monaten viel zu oft von Übergriffen gehört habe. Weil ich queere Menschen kenne, die verfolgt wurden, die sich nicht mehr trauen, öffentlich Zuneigung zu zeigen, die in Gesprächen leiser geworden sind. Ein Satz hat sich besonders eingebrannt. Ein Freund von mir wurde auf der Straße angebrüllt: "Euch hätte man früher vergast." Nicht in Russland, nicht in Polen, sondern in Berlin. Und ich spüre, wie sich etwas verschiebt. Langsam, aber spürbar. Die Hemmschwellen sinken, die Gewalt nimmt zu und das Schweigen wächst mit.
Die Verunsicherung nimmt zu
Ich selbst habe vor ein paar Monaten in einem Interview gesagt, dass es queeren Menschen heute besser geht, dass wir Fortschritte gemacht haben. Und ja, die gibt es. Aber ich muss ehrlich sagen, ich habe mich getäuscht, oder besser gesagt, ich wollte es nicht sehen. 2023 wurden über 1.500 queerfeindliche Straftaten in Deutschland erfasst. Die Dunkelziffer liegt deutlich höher. Gleichzeitig ziehen sich viele Unternehmen zurück, aus Angst vor Shitstorms, aus Unsicherheit oder weil sie glauben, sie hätten ihren Beitrag längst geleistet.
Diese Unsicherheit macht nicht vor dem Arbeitsplatz halt. Ich höre von queeren Mitarbeitenden, die sich wieder verstecken, die überlegen, ob sie sich outen sollen, die nicht wissen, ob ihr Arbeitgeber hinter ihnen steht, wenn es ernst wird. Und genau deshalb ist STICKS & STONES für mich mehr als eine Messe. Keine Parade, kein Straßenfest, aber ein Raum, der queeres Leben sichtbar macht. Ein Raum, in dem man sich nicht erklären muss, in dem queere Identität selbstverständlich ist. Und das ist politisch. Gerade jetzt.
Auch dort spüren wir die gesellschaftliche Spannung. Auch dort fragen sich Menschen, kann ich hier wirklich ich selbst sein. Ich habe dieses Jahr zum ersten Mal bei der Polizei angerufen, um zu erfahren, ob es Hinweise auf Bedrohungen für unsere Veranstaltung gibt. Das hätte ich früher nicht gemacht. Heute schon. Ich sage das nicht, um Angst zu machen, sondern um ehrlich zu sein. Pride war nie ein Festival. Pride war nie nur laut, bunt und fröhlich. Pride war immer politisch, immer widerständig, immer unbequem. Und genau deshalb werde ich auch dieses Jahr da sein. Auf der Straße. Und auf der Messe.
Dieser Pride ist nicht fröhlich – aber er ist notwendig
Ich will sichtbar bleiben. Für die, die nicht können. Für die, die Angst haben. Für die, die allein sind. Und ich wünsche mir, dass wir uns in dieser Sichtbarkeit gegenseitig stärken.
Was ich mir wünsche? Dass wir uns nicht an diese Kälte gewöhnen, dass wir nicht aufhören, laut zu sein, dass Unternehmen nicht nur im Juni Farbe bekennen, sondern in ihrer Kultur, dass Allies nicht schweigen, wenn es unbequem wird. Und dass wir uns gegenseitig daran erinnern, warum wir diesen Weg überhaupt gehen.
Ich hätte gern einen anderen Text geschrieben. Einen über Leichtigkeit, Freiheit, Chancen. Vielleicht schreibe ich den wieder nächstes Jahr. Aber dieses Jahr ist das hier mein Text. Und mein Protest. Denn dieser Pride ist nicht fröhlich. Aber er ist notwendig. Und die Sichtbarkeit, die wir in Räumen wie STICKS & STONES schaffen, ist Teil davon. Gerade jetzt.
Links zum Thema:
» Homepage zur STICKS & STONES
» Stuart Bruce Cameron auf Instagram














