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Albumkritik
"Some days, I'm a woman, some days, I'm a man"
Um Jungfräulichkeit im sexuellen Sinn geht es auf dem neuen Album "Virgin" der queeren neuseeländischen Künstlerin Lorde nicht. Sehr wohl dreht sich aber viel um äußerst persönliche Erlebnisse.

Singer-Songwriterin Lorde fühlt sich nach eigenen Angaben "geschlechtlich in der Mitte" (Bild: Thistle Brown)
- Von Christopher Filipecki
27. Juni 2025, 10:20h 4 Min.
"Some days, I'm a woman, some days, I'm a man", lautet es in "Hammer", dem Opener zum vierten Lorde-Album. Erst vor kurzem äußerte sich die neuseeländische Künstlerin in einem Gespräch mit Chappell Roan über ihre Geschlechtsidentität. Sie fühle sich regulär als Frau, außer an den Tagen, an denen sie sich als Mann wahrnehme. Ihr Gender sei nicht radikal, als non-binär definiere sie sich gegenwärtig jedoch noch nicht. Trotzdem dreht sich auf ihrem neuen Longplayer "Virgin" (Amazon-Affiliate-Link ) vieles um neueste Erkenntnisse und sehr persönliche Erlebnisse.
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Um Jungfräulichkeit im sexuellen Sinne gehe es auf dem Album nicht, sagt sie selbst. Mehr um Reinlichkeit bei Metallen, um die Kombination aus "vir" und "gyne", den lateinischen Begriffen für Mann und Frau, also um Androgynität. Aber eben zusätzlich auch um die alleinige Position der Frau, die nicht an einen Mann gebunden ist. Schließlich trennte sich die 28-jährige Künstlerin während der Kreativphase zum Album von ihrem langjährigen Partner, was mit viel Schmerz und Leid verbunden war, der laut ihren eigenen Erzählungen oft in Alkohol ertränkt wurde.
Zurück zu den Anfängen

Lordes Album "Virgin" ist seit 27. Juni 2025 im Handel erhältlich
Sowieso steckte sie seit ihrem im Sommer 2021 erschienenen Werk "Solar Power" in einer Identitätskrise. Erstmalig gab es nämlich besonders auf der Fanseite für ihre Arbeit ordentlich Kritik. Mit dem verträumten Strandsound der letzten Platte konnten nämlich einige so gar nichts anfangen. Das Gute direkt an dieser Stelle: Damit hat "Virgin" fast nichts mehr zu tun, hier geht es eher zurück zu den Anfängen.
Allerdings werden eher die Anhänger*innen von "Melodrama" (2017) happy als die des Debütalbums "Pure Heroine" (2013). "Virgin" ist wesentlich elektronischer als der Vorgänger, lässt aber weiterhin in Großteilen die Gefälligkeit ihrer ersten Hits vermissen. Trotzdem lohnt es sich, der rund 35 Minuten langen LP und ihren elf Tracks mehrere Anläufe zu gewähren. Sofort zugänglich ist vieles nicht, aber auch nicht zu verschachtelt.
Lordes Zusammenarbeit mit Charli xcx in jüngster Vergangenheit scheint ihr besonders gut gefallen zu haben. Gleich mehrere Songs könnten so von dem mit Preisen und Lobeshymnen nur so überhäuften "Brat" aus dem vorigen Jahr entnommen sein. Ihr voriger Hauptproduzent Jack Antonoff (Sänger der Indie-Band Bleachers) wurde nun gegen Jim-E Stack eingelöst, der neben Bon Iver, The Kid LAROI und Sia zuletzt eben für Charli xcx zuständig war. Vor allen Dingen in "Hammer" und "Broken Glass" können Parallelen nicht von der Hand gewiesen werden. "Broken Glass" ist aber neben der Vorabsingle "What Was That" der Song, der dank melodischer Hook am schnellsten ins Ohr geht.
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Der Eisprung als Rausch
Ihre Bühnenangst überwand die zweifache Grammy-Preisträgerin mit einer MDMA-Therapie. Auch zu diesen Eindrücken gibt es Einblicke, wie beispielsweise in "What Was That". Weitere Inspirationen waren außerdem das Absetzen von Verhütungsmitteln. Wer sich das Cover von "Virgin" genau anschaut, erkennt in der Röntgenaufnahme ihres Unterleibs neben Reißverschluss und Gürtelschnalle nämlich auch eine Verhütungsspirale. Als Lorde diese entfernen ließ und ihr Eisprung einsetzte, beschrieb sie auch dieses Gefühl als drogenrauschähnlichen Zustand. Das sind auf jeden Fall mal untypische Backgroundstorys für Songs.
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In "Clearblue" gibt es ein fast zweiminütiges A-cappella-Kleinod. Neben ihrer prägnanten Stimmfarbe gibt es nur einige Verzerrer sowie sanfte Chöre im Hintergrund. "My hips moving faster, I rode you until I cried, how's it feel being this alive?". Viel intimere Umschreibungen gehen wohl kaum. In der Produktion hingegen bleibt "Virgin" im krassen Gegensatz zu den Lyrics aber meist in der Distanz. Lorde selbst beschreibt die Farbe ihres Albums als "transparent" – und sie muss es als Synästhetikerin, also als eine Person, die beim Hören von Musik Farben sieht, ja wissen. Hat man jedoch ihre Assoziation im Hinterkopf, bestätigt sich der Eindruck schon beim ersten Durchlauf. Steril, klinisch, wenig aufdringlich.
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Irgendwo zwischen artsy Electronica ("GRWM"), Drum and Bass ("Shapeshifter") und Indie-Pop mit 80s-New-Wave-Anleihen ("Favourite Daughter") positioniert sich Lorde auf jeden Fall verspielter und herausfordernder als noch vor vier Jahren, macht es einem aber nicht ganz leicht. Liebhaber*innen ihrer früheren Charterfolge könnten hier den Weg zu ihr zurückfinden, müssen aber auf Radiobanger wie "Royals" weiterhin verzichten. Wer Lorde mit "Virgin" live erleben will, hat im Dezember in München (1.12.), Köln (3.12.) und Berlin (5.12.) die Gelegenheit dazu.
Links zum Thema:
» Mehr Infos zum Album und Bestellmöglichkeit bei amazon.de
» Homepage von Lorde
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