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Interview

Hamburger Abgeordnete Miriam Block: Wir polyamoren Menschen existieren

Miriam Block ist die neue queerpolitische Sprecherin der Hamburger Grünen-Fraktion. Wir sprachen mit der 34-Jährigen über ihre Ziele und Schwerpunkte. Das Interview nutzte die pansexuelle Politikerin für ein neues Coming-out.


Miriam Block ist seit 2020 Mitglied der Hamburgischen Bürgerschaft. 2023 outete sie sich als pansexuell (Bild: privat)
  • Von Frank Thies
    28. Juni 2025, 04:05h 7 Min.

Die Grünen-Politikerin Miriam Block ist seit 2020 Mitglied der Hamburgischen Bürgerschaft und setzt sich politisch vor allem für Queerfeminismus, Antifaschismus und Klimagerechtigkeit ein.

Vor zwei Jahren wurde sie bundesweit bekannt, als sie als einziges Mitglied ihrer Fraktion zusammen mit den Linken für die Einsetzung eines parlamentarischen NSU-Untersuchungsausschusses stimmte. Die Bürgerschaftsfraktion der Grünen beschloss daraufhin mit Zweidrittelmehrheit, dass die 34-Jährige ihre Position als wissenschafts- und hochschulpolitische Sprecherin und ihre Mitgliedschaft im Wissenschaftsausschuss und Innenausschuss verliert.

In der aktuellen Legislaturperiode ist die pansexuelle Politikerin Fachsprecherin der Grünen für Queerpolitik sowie für Arbeitsmarktpolitik. Das folgende Interview mit ihr führte der Bi-Aktivist Frank Thies im Mai zum Internationalen Tag gegen Homo-, Bi,- Inter-, Trans- und Afeindlichkeitkeit (IDAHOBITA*) in Hamburg. In dem Gespräch outete sich Block erstmals auch als polyamor.


Miriam Block mit Make-up in polyamorem und pansexuellem Style (Bild: privat)

Wie wurdest du gewählt?

Ich wurde über Personenstimmen auf der Landesliste von Platz 37 auf Platz 9 hochgewählt.

Wie bewertest du deine Wiederwahl, obwohl du von deiner Partei mit einer nicht so aussichtsreichen Aufstellung abgestraft wurdest?

Ich sehe das als klares Zeichen dafür, dass Wählende eine linke queere grüne Abgeordnete sehen wollen. Ich bedanke mich bei allen Wählenden für ihr Vertrauen – gerade beim jetzigen Rechtsruck.

Du bist unter anderem queerpolitische Sprecherin. Was ist dir wichtig in Bezug auf Queerpolitik?

Gerade in Zeiten von mehr Rechtsextremismus und Zunahme von Hass­kriminalität ist es wichtig, sich dagegen zu stellen und Schutzräume anzubieten. Es ist mir als bi+, pansexuelle Frau wichtig, in der Politik als queere Frau sichtbar zu sein und gegen Vorurteile zu arbeiten. Konkret ist es mir auf Bundesebene wichtig, das Selbst­bestimmungs­gesetz beizubehalten und ein gerechtes Abstammungsrecht zu schaffen, das trans* und nichtbinäre Menschen, lesbische und bisexuelle Frauen gleichstellt. In Hamburg muss der Aktionsplan weiterentwickelt werden, eine Beratung für queere Familien muss ausgebaut und Hass­kriminalität noch effektiver bekämpft werden.

Ich bin noch dabei, alle queeren Akteur*­innen zu treffen und ihre Forderungen einzuholen. Intersektionalität ist mir auch wichtig. Es kann zum Beispiel nicht sein, dass Geflüchteten ihre Bi+sexualität und andere queer­feindliche oder rassistische Erfahrungen abgesprochen werden.

Mit welchen Gruppen und Organisationen hast du schon gesprochen?

Ich bin ja erst eine Woche im Amt. Mein Plan ist es, mit allen Initiativen und Verbänden zu sprechen – natürlich dem LSVD+, der Bi+Pride, dem Lesben*verein Intervention, aber auch Gruppen, die sich für das Thema trans* und enby-Rechte einsetzen. Ich möchte auch neue Organisationen kennenlernen. Und ich freue mich auch, wenn ich angesprochen werde – so wie zum Beispiel heute beim IDAHOBITA* und Rainbowflash auf dem Rathausmarktplatz. Ich sehe uns Grüne als Bündnis-Partei und als Stimme von sozialer Bewegung im Parlament.


Miriam Block neben Bi-Aktivist Frank Thies (l.) und den grünen Europaabgeordneten Rasmus Andresen beim IDAHOBITA* am 17. Mai 2025 Hamburg (Bild: privat)

Aus dem Parlament sind ein paar wichtige Personen für queere Menschenrechte ausgeschieden. Wirst du in ihre Fußstapfen treten?

Ich möchte wertschätzen, wie viele Jahre oder sogar Jahrzehnte Farid Müller sich für uns eingesetzt hat und zum Beispiel die Hamburger Ehe geschaffen hat – ein Meilenstein für die queere Community. Aber auch Adrian Hector hat in kurzer Zeit viel für geschlechtliche Vielfalt erreicht. Ihre Arbeit will ich natürlich möglichst gut fortführen.

Gleichzeitig versuche ich einerseits Mehrfachdiskriminierung stärker einzubeziehen und Sichtbarkeit für Themen zu erhöhen, die lange nicht so stark im Fokus standen wie zum Beispiel Regenbogen­familien, Bi+, Inter*, nichtbinäre und trans* Menschen oder auch queere Frauen. Natürlich knüpfe ich da an ganz viel an, aber das hatte ich ja schon gesagt.

Gibt es schon eine queerpolitische Person von der SPD nach Simon Kuchinke?

Das macht künftig Indira Chuda als Fachsprecherin für LSBTIQ* und ich freue mich sehr auf die Zusammenarbeit mit ihr.

Wie kam es zu deinem Coming-out? Was bedeutet deine Bi+sexualität für dich?

Ich habe erst sehr spät im Leben festgestellt, dass ich Menschen anderer Geschlechter als Männer romantisch und sexuell anziehend finde. Mir hätte es viel früher auffallen können. In Schule und Büchern fehlte mir leider die Repräsentation. Ich habe das mit Anfang 30 festgestellt und angefangen zu leben.

Dann habe ich mich damit beschäftigt, was ein öffentliches Coming-out bedeutet und warum das wichtig ist. Ich hatte Befürchtungen, sehr viel Hass von rechts abzubekommen, und habe darauf gewartet, die Kraft dafür zu haben. Im Sommer 2023 bin ich dann nach dem Coming-out im Freundeskreis und bei Eltern an die Öffentlichkeit gegangen.

Ich habe sehr positive Erfahrungen gemacht. Aber ich habe auch festgestellt, dass Menschen nicht verstehen, dass ich mich in Menschen unabhängig vom Geschlecht verliebe, dass manche den Begriff "bisexuell" binär verstehen und denken, er würde nichtbinäre Personen ausschließen. Der Begriff "pansexuell" ist aber nicht so bekannt. Daher gibt der Begriff "bi+" die Möglichkeit, das Leuten, die sich nicht so gut auskennen, schneller zu erklären. Ich selbst identifiziere mich als pansexuell, freue mich aber über den Oberbegriff bi+, und Solidarität ist wichtig.

Ich habe mich auch von der Arbeit von Bi+Pride ermutigt gefühlt, mich öffentlich zu outen. Und ich finde es inhaltlich wichtig: Ich erinnere mich an meine Jugend, Vorbilder hätten mir da gut getan.

Ich habe bei meinem öffentlichen Outing als bi+ lange überlegt, mich auch als polyamor zu outen. Dies tue ich jetzt hiermit. Denn ich finde wichtig als Politikerin auch dazu repräsentativ aktiv zu sein und zu zeigen: Wir existieren. Von Fragen zu meinem Privatleben bitte ich abzusehen. Es gibt viele tolle Menschen, die Aufklärungsarbeit machen und als Teil dessen auch sehr persönliche Informationen öffentlich teilen. Für die, die nicht wissen, was mit Polyamorie gemeint ist, mag ich die Definition aus dem Buch "Lieben und lieben lassen" von Saskia Michalski sehr gern: "Menschen, die Liebe nicht als begrenzte Ressource ansehen und offen dafür sind mehrere romantische Liebesbeziehungen zu führen. Polyamorie kann als Identität, Entscheidung oder als Einstellung angesehen werden. Polyamore Beziehungen sind Beziehungen, in denen Menschen in der Lage sind, feste, dauerhafte, emotionale, intime und/oder sexuelle Beziehungen mit mehr als einer Person zu führen. Polyamore Menschen werden stark mit Vorurteilen und Stigma belastet."

Was hältst du davon, dass Politiker*innen wie Spahn oder Weidel es ablehnen, sich queer zu nennen?

Dass konservative und rechtsextreme Kräfte queere Rechte bekämpfen, wissen wir schon lange. Wie queere Menschen bei der AfD tätig sein können, kann ich mir nicht vorstellen. Wie sich Menschen in der CDU konkret identifizieren, bin ich nicht in der Position, das zu kommentieren. Ich erwarte, dass sie sich in der Union für queere Menschenrechte einsetzen, die Beobachtung ist allerdings, dass dies nicht die Realität ist.

Hast du als geoutete grüne Politikerin schon Bedrohungen erhalten?

Dafür dass ich eine junge queere Frau in der Politik bin, habe ich mich relativ wenig damit beschäftigen müssen. Aber ich will das nicht runterspielen. Es gab zum Beispiel eine Morddrohung und Bodyshaming. Dies habe ich selbstverständlich angezeigt, die Ermittlungen zur Morddrohung wurden leider eingestellt. Auf TikTok erhalte ich schon viel Hass, aber das lese ich nicht.

Welche Chancen siehst du, dass neben der Förderung vom Peer-Aufklärungsprogramm "soorum" in Hamburg auch eine Stelle für Schule der Vielfalt gefördert und Diversitätsbeauftragte und Antidiskriminierungskonzepte an allen Schulen etabliert werden?

Ich habe mich lange in der Hochschulpolitik engagiert und mich für solche Programme eingesetzt – auch bundesweit. Ich freue mich darauf, Gespräche dazu mit Kolleg*innen, dem Koalitionspartner und Senator*innen zu führen.

Du bist ja nicht nur Fachsprecherin für Queerpolitik. Was ist dir als Fachsprecherin für Arbeitsmarktpolitik wichtig?

Mir ist die Zusammenarbeit mit Gewerkschaftvertreter*innen und vielen Verbänden und gemeinnützigen Vereinen wichtig, der Ausbau des sozialen Arbeitsmarktes, das Tariftreuegesetz und der Einsatz für die Rechte der Menschen, die Sexarbeit machen.

-w-