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Interview
Wie gelingt mehr queere Sichtbarkeit im TV, Fabian Tobias?
Fabian Tobias von EndemolShine produziert bekannte TV-Shows wie "Promi Big Brother" oder "Wer wird Millionär?". Darüber hinaus engagiert er sich als "Pride Ambassador" der Banijay Group. Wir trafen ihn zum Interview.

Fabian Tobias, Jahrgang 1978,. ist Managing Director von EndemolShine Germany (Bild: Boris Breuer)
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29. Juni 2025, 08:38h 6 Min.
Fabian Tobias ist Geschäftsführer bei EndemolShine Germany und damit Produzent unterschiedlicher Fernsehshows wie "Wer wird Millionär?", "The Masked Singer", "Die Höhle der Löwen", "Promi Big Brother" oder "Kitchen Impossible". Außerdem engagiert er sich als "Banijay Pride Ambassador" für Sichtbarkeit und Diversität. Was genau das bedeutet und ob er sich um die Vielfalt in der hiesigen Branche sorgt, hat er uns im Interview verraten.
Herr Tobias, "Banijay Pride Ambassador" – das klingt gut. Ist das eine Aktion im Rahmen des Pride-Monats oder was verbirgt sich dahinter?
Tatsächlich ist das kein Titel nur für einen Monat. Im weltweiten Medienkonzern Banijay, zu dem wir mit EndemolShine Germany gehören, gibt es schon seit längerem in vielen Ländern die Initiative Banijay Pride. Seit vielen Jahren auch in Deutschland. Ich habe das natürlich immer verfolgt und hatte stets einen engen Draht und Austausch zu meinen Mitarbeitenden, die sich da engagieren. Anfang letzten Jahres habe ich dann die Entscheidung getroffen, mich auch persönlich stärker zu engagieren und diese sich im Grunde genommen selbst organisierende Gruppe aktiv zu unterstützen. Als Pride Ambassador – man könnte es auch Schirmherr nennen – unterstütze ich sie mit meiner Zeit und manchmal auch mit Geld, das ich mobilisieren kann. Wir wollen sichtbar sein, nach innen wie nach außen, über Kommunikation, Events und die verschiedensten Dinge, die wir anpacken.
In den USA hört man bereits von vielen Medienkonzernen, dass vielerorts Themen wie Diversität nicht mehr nur keine Priorität mehr haben, sondern zum Teil auch aktiv Maßnahmen zurückgeschraubt werden. Davon ist also bei Banijay und EndemolShine keine Rede?
Da kann ich ganz klar sagen: nein. Aber natürlich ist diese Entwicklung für mich auch Teil der Motivation, mich nun mehr zu engagieren. Ich habe 2001 als Praktikant bei Endemol angefangen und mich damals in Woche zwei in der Firma geoutet. Gar nicht weil ich besonders mutig gewesen wäre, sondern weil das Umfeld in der Firma so offen, liberal und progressiv war, dass es mir leicht gemacht wurde. In all den Jahren, in denen ich die Firma seither aus den verschiedensten Rollen heraus kennen gelernt habe – und auch von außen, als ich zwischendurch mal woanders war – ist diese Offenheit nie weniger geworden. Aber ich wollte nun aus der Geschäftsführung heraus nochmal bewusst einen Akzent und ein Zeichen für Inklusion, Chancengleichheit und nicht zuletzt die LGBTQ+-Community setzen, weil ich um uns herum nicht nur Stillstand beobachte, was ja schlimm genug wäre. Sondern eben momentan leider auch große Rückschritte.
Worauf genau spielen Sie an?
Ich sehe Rückschritte überall bei uns in der Gesellschaft. Die Kriminalstatistiken sind erschreckend. Die Straftaten gegenüber der Queer-Community sind in den letzten Jahren massiv angestiegen. Die Schaafenstraße, der Kölner LGBTQ+-Hotspot, braucht plötzlich wieder Security, nachdem Generationen noch über Jahrzehnte erfolgreich dafür gekämpft haben, dass das nicht mehr nötig ist. In den USA sah sich die Organisation The Human Rights Campaign genötigt, im Juni einen nationalen Notstand mit Blick auf die Rechte queerer Menschen auszurufen; Die aktuelle italienische Regierung betreibt aktiv Politik gegen Regenbogenfamilien. Und mit Blick auf große Firmen und auch Medienkonzerne sehe ich den Rückschritt dahingehend, dass durch den neuen politischen Wind in den USA auch bei uns Unternehmen atemberaubende Kehrtwenden in ihren bis dato proklamierten Werten vollziehen und ganz konkret zum Beispiel dem CSD den Rücken kehren. Das macht mir schon Sorgen, auch wenn ich vom Naturell ein echter Optimist bin und immer nach vorne denke. Ich will nicht sagen, dass mir die Situation Angst macht. Aber sie treibt mich an.
Deutet sich also an, dass auch in der hiesigen Branche, bei Ihren Kunden und Partnern, die Stimmung kippt?
Gott sei Dank merke ich aktuell beispielsweise in der Produktionsallianz, wo wir mit unseren Mitbewerbern im engen Austausch stehen, davon noch gar nichts. Da sehe ich eher eine gemeinsame Betroffenheit und ein Erschrecken über die Entwicklung anderswo. Genauso bei unseren wichtigsten Partnern, sei es die RTL-Gruppe oder ProSiebenSat.1, sei es Prime Video, Netflix oder bei den Öffentlich-Rechtlichen. Weder in deren Organisationen nach innen, soweit wir das mitbekommen, noch im direkten Austausch was Inhalte und Programme angeht, in der Beauftragung von neuen Sendungen oder der Cast-Auswahl, gibt es hier reaktionäres Denken. Und ich kämpfe sehr dafür, dass das auch so bleibt.
Stichwort Cast-Auswahl: gibt es bei EndemolShine irgendwelche Selbstverpflichtungen, Quoten oder andere Leitfäden, mit denen Vielfalt und Diversität in den Produktionen gewährleistet werden?
Nein, so etwas haben wir nicht, und zwar aus Überzeugung. Ich habe mich mit dem Thema sehr intensiv beschäftigt, um als Geschäftsführer eine klare Haltung zu entwickeln. Wir haben uns ganz bewusst von dem Gedanken an Checklisten und Vorgaben verabschiedet, auch wenn das Ziel, Vielfalt abzubilden, mit großer Entschlossenheit besteht. Aber ich bin der festen Überzeugung, dass das beste Umfeld für Kreativität ein Umfeld der Freiheit ist. Und es eben gar nicht gut ist, wenn eine Geschäftsführung anfängt, Dinge per Checkliste einzufordern.
Ihr Ansatz ist also welcher?
Wir erreichen dieses wichtige Ziel, in dem ich sehr aktiv und klar an der Vielfalt unseres Hauses gearbeitet habe. Es geht um echte Vielfalt in den Teams, gepaart mit Kommunikation auf Augenhöhe. Denn was nützt ein Meeting, bei dem die verschiedensten Perspektiven am Tisch sitzen, wenn am Ende nur der Chef oder die Chefin redet und der Rest das bloß abnickt? Offenheit, Inklusion und Vielfalt, sowie eine Widerspruchskultur gehören zu unserer Philosophie als Firma, und entsprechende Mitarbeitende ziehen wir auch an. Und die treffen dann Entscheidungen, dank derer sich diese Vielfalt dann auch auf dem Bildschirm abbildet. Kandidaten aus der Queer-Community sitzen ganz selbstverständlich bei Günther Jauch auf dem Stuhl oder nehmen bei "The Masked Singer" die Maske vom Kopf, Jochen Schropp moderiert "Promi Big Brother" und eine Transfrau hat unsere aktuelle Staffel von "The 50" gewonnen. Um nur einige Beispiele zu nennen. Queere Menschen sind in unseren Formaten genauso selbstverständlich vertreten wie Vielfalt in unserem Arbeitsalltag und in den Teams.
Bleibt zum Abschied noch die Frage: welche Ziele gibt es noch, die Sie als Pride Ambassador verfolgen?
Ich habe auf jeden Fall das große Ziel, meinen Beitrag zu leisten, dass die Gesellschaft sich beim Thema Diversität wieder ein bisschen entspannt. Im Moment hat man das Gefühl, dass es zwei große Strömungen gibt: die, die Fortschritt wollen, und jene, die es in die gegenteilige Richtung zieht. Ich wünsche mir, dass daraus weniger ein Gegeneinander entsteht, denn am Ende geht es doch um die Freiheit – und wer will die nicht. Ich sehe unsere Firma, in der ich zum Beispiel auch den polnischen Markt verantworte, und die ganze Banijay-Gruppe diesbezüglich ein bisschen als Super-Influencer und hoffe, dass wir mit unseren Werten noch etwas bewegen können. Und ich freue mich, dass wir gerade in diesem Jahr zum ersten Mal mit einem Banijay-Wagen auf dem CSD in Köln vertreten sein werden.
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