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Berlin
Rinaldo Hopfs queerer Kosmos: Ein Atelierbesuch zum 70. Geburtstag
Heute vor 70 Jahren – am 30. Juni 1955 – wurde Rinaldo Hopf geboren. Bekannt als Künstler, Kurator und Kunstsammler, gilt er heute vor allem als Chronist queerer Selbstvergewisserung.

Ein Lebenslauf mit wechselnden geografischen Stationen: Freiburg, San Francisco, Berlin, Los Angeles und die Toscana. Rinaldo Hopf in seinem Berliner Atelier (Bild: Axel Krämer)
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30. Juni 2025, 06:04h 9 Min.
Mütter und ihre schwulen Söhne: Dieses Motiv, das für die meisten ein emotional sehr aufgeladenes Thema sein dürfte, findet in der queeren Kunst- und Kulturgeschichte bislang kaum Resonanz. Rinaldo Hopf hat es sich für sein neuestes Projekt auserkoren. Ihm schwebt ein Tableau vor, eine panoramaartige Szenerie mit lebensgroßen Figuren.
"Viele von uns Schwulen haben eine sehr intensive Mutter-Beziehung", sagt Rinaldo. "Stärker als Heteros und auch stärker als die Beziehungen zwischen Mutter und Tochter. Ich sehe es bei schwulen Freunden." Und bei sich selbst. Darum begann er zunächst, sich mit der Beziehung zu seiner Mutter zu beschäftigen. Dabei stieß er auf ein kleines Schwarzweiß-Foto: "Darauf rennen wir am Strand in Badekleidung durchs Wasser. Das nehme ich als Vorlage. Und jetzt male ich Frank – meinen Partner – mit seiner Mutter, auch beide in Sommerkleidung."
Faszination für Frauenmagazine

Imposante Atelierräume: Typischerweise malt Rinaldo gerne auf Seiten von alten Zeitungen und Magazinen (Bild: Axel Krämer)
Wie sehr Rinaldo für sein neues Projekt brennt, zeigt sich darin, dass er im Verlauf des Gesprächs immer wieder darauf zurückkommt. "Es ist ja auch interessant, dass ich mich kurz vor meinem 70. Geburtstag mit meiner Kindheit beschäftige und ein Bild male, auf dem mein Ehemann und ich als kleine Jungs zu sehen sind." Das habe er ursprünglich nicht geplant, die Idee sei zum Selbstläufer geworden: "Ich bin gespannt, wie groß das Werk wird und wieviele Leute daran beteiligt sein werden!" Am Ende soll daraus eine Picknickszene werden, ein großes, zusammengesetztes Wandbild, gemalt mit Aquarellfarben auf zusammengefügten Seiten italienischer Frauenmagazine.
Wir befinden uns in seinem Berliner Atelier. Rinaldo zeigt auf einen Zeitschriftenstapel in der Ecke: "Die hab ich geschenkt bekommen, alle aus den Fünfzigerjahren, alle in Schwarzweiß." Als er sie das erste Mal durchblätterte, lösten sie unmittelbar eine Faszination bei ihm aus: "Es geht um Mode, Make-Up, Schönheit, es geht um Kinder – und um Männer als Objekte der Liebe." Lange hat er überlegt, was er nun damit anstellen soll. Irgendwann kam ihm der Gedanke, dass diese Magazine ein Lebensgefühl vermitteln, das auch die Beziehung zwischen ihm und seiner Mutter geprägt hat: "Sie war eben auch schick und modern, sie war von diesem Frauenbild beeinflusst. Gleichzeitig durften Frauen nicht arbeiten, ohne den Mann zu fragen. Das sind alles Dinge, die im Hintergrund wirken, und vor dieser Folie hat sich auch das Leben schwuler Männer abgespielt – unser Leben, unsere Erziehung, und wie wir groß geworden sind."
Lebenslauf von Brüchen und wechselnden Orten durchzogen

Rinaldo 1961 als junger Künstler (Bild: privat)
Rinaldo Hopf wuchs im Breisgau auf, wo er auch geboren ist. Noch heute kann man die charakteristische Sprachmelodie, die im Freiburger Dialekt verankert ist, aus seiner Stimme heraushören. Das vermittelt nicht nur eine gewisse Wärme und Lebendigkeit, sondern zeigt auch, dass Rinaldo mit seinen biografischen Wurzeln verbunden blieb – eine wesentliche Voraussetzung für sein aktuelles Projekt, das bis in die Kindheit zurückreicht.
Dabei ist sein Lebenslauf von Brüchen und wechselnden geografischen Stationen durchzogen – und erzählt dabei nicht nur von einem bewegten Künstlerleben, sondern auch von einem Stück queerer Zeitgeschichte. In seiner Heimatstadt studierte er anfangs Religionswissenschaften und Ethnologie, später ließ er sich in Bremen zum Kunsttherapeuten ausbilden. Dann zog es ihn in die weite Welt – zu einer Zeit, als Auslandsaufenthalte noch keineswegs üblich waren.
"Im Alter von zwanzig bin ich einfach los, nach Kalifornien", erinnert sich Rinaldo. "Ohne Englisch zu sprechen. Das habe ich erst dort gelernt. Ich bin in San Francisco in einem Ashram gelandet, einem spirituellen Zentrum von einem indischen Yogi."
Coming-out in San Francisco
Damals war sich Rinaldo seines Schwulseins noch nicht bewusst, doch San Francisco war bereits in den 1960er Jahren eine schwule Hochburg. "Ich hatte keine Ahnung und war überrascht, dass ich immer wieder in Kontakt mit schwulen Männern kam." Er dachte sich erst mal nicht so viel dabei, bis er sich schließlich in einen Popmusiker verliebte: "Es war eine ganz romantische Sache, denn ich wusste nicht, ob er schwul ist oder nicht, und er lud mich dann ein, den Sonnenaufgang auf dem Strawberry Hill anzuschauen. Dort kam es dann zum äußersten, das fand ich toll." Ein Coming-out wie in einer Romantic Comedy.
Rinaldo verschlug es 1983 nach West-Berlin. Der Anlass war eine weltweit beachtete Ausstellung, die in dem von Kriegsschäden immer noch stark gezeichneten Gropiusbau gefeiert wurde. Gleich gegenüber verlief die Mauer. "Zeitgeist" lautete der Titel des Großereignisses, bei dem unter anderem auch Werke schwuler Künstler wie Salomé und Rainer Fetting zu sehen waren – damals eine Sensation. Auch Rinaldo war von der neuen expressiven und figurativen Malerei inspiriert, die in der Kunstgeschichte einen bedeutenden Moment markiert.

Rinaldo Hopf bei seiner Ankunft in Berlin 1983 (Bild: privat)
Und so war es konsequent, dass Rinaldo Hopf nach West-Berlin zog. Seit dieser Zeit lebt und arbeitet in einer Wohngemeinschaft in einem Gründerzeitbau in der Nähe vom Nollendorfplatz, mit hohen Decken, Stuckelementen und Kronleuchtern. Den vorgefundenen Fußboden aus PVC hat Rinaldo so bemalt, dass er die Illusion eines schachbrettartigen Fliesenbodens vermittelt. Die Fensterfront seiner beiden Arbeitszimmer lässt viel Tageslicht herein.
Der homoerotische Blick auf den männlichen Körper
Im hinteren Raum sind seine Eltern auf einem monumentalen Gemälde zu sehen, die Mutter über dem Vater platziert, beide posieren mit einem breiten Lächeln. Vor dem grünen Hintergrund leuchten ihre überdimensionalen Gesichter in goldener Farbe, das verleiht dem Bild eine sakrale Note. Allerdings mit einem Hauch von ironischer Brechung: möglicherweise ein Verweis auf eine kritische, jedoch humorvolle Auseinandersetzung des Künstlers mit familiärer Erinnerung und Idealisierung.
Auch auf seinen Vater kommt Rinaldo zu sprechen: "Ich hatte letztlich ein problematisches Verhältnis zu ihm, ich fand ihn aber auch sehr anziehend. Er war der erste Mann, den ich nackt gesehen habe." Womit wir bei einem thematischen Schwerpunkt in Rinaldos Schaffen angelangt sind – dem homoerotischen Blick auf den männlichen Körper. Doch seine künstlerische Neugier reicht weit darüber hinaus: Rinaldo interessiert sich auch dafür, was dieses Begehren für die jeweiligen schwulen Männer bedeutet, für ihre individuelle und kollektive Selbstwahrnehmung.
Ahnengalerie der queeren Kulturgeschichte
Zu einem Schlüsselerlebnis für ihn wurde die Teilnahme an der wegweisenden Ausstellung "Vollbild AIDS" in einem stillgelegten Westberliner S-Bahnhof im Jahr 1988. "Das war ein sehr wichtiges Thema, weil es keine Medikamente gab." Die Diagnose Aids kam damals einem Todesurteil gleich. "Für mich war das eine Herausforderung. Ich hab das Deckengemälde gestaltet und auf 52 Blättern von japanischem Reispapier gemalt, die mit einem Skylift an der Decke angebracht wurden. Die Idee war, die Schrecken und Angst in Form eines modernen erotischen Totentanzes darzustellen."

Deckengemälde für die Ausstellung Vollbild AIDS im Berliner S-Bahnhof Westend (Bild: nGbK)
Seit 1997 schafft Rinaldo Hopf mit seiner fortlaufenden Werkserie "Golden Queers" eine Art Ahnengalerie der queeren Kulturgeschichte. Auch das 2019 entstandene Wandbild "Stonewall Riots 1969" widmet sich der kollektiven Identitätsbildung: Es zeigt lebensgroße Figuren in Aktion, inspiriert von den wenigen erhaltenen Fotografien der Aufstände. Dafür übermalte Rinaldo Originalseiten des US-Magazins "The Advocate", das damals über die Ereignisse berichtete, mit Tusche und Aquarellfarben.

Rinaldo Hopfs Wandbild "Stonewall Riots 1969" aus dem Jahr 2019 ist eines seiner an häufigsten ausgestellten Weke. Bisher war es in Berlin, München, New York, Los Angeles und Detroit zu sehen, derzeit ein zentrales Werk in der Ausstellung "Wish you were queer" im Museum im Prediger, Schwäbisch Gmünd
Männer als selbstbewusste Subjekte
Während Rinaldo Hopfs Laufbahn hat sich die queere Community stark ausdifferenziert, und auch die gesellschaftliche Perspektive auf Queerness hat sich gewandelt. Für Rinaldo jedoch bleibt der homoerotische Blick eine Konstante: "Ich mochte immer eine bestimmte Art von Mann sehr gerne, aber in meiner Kunst versuche ich, eine möglichst große Bandbreite von Körperlichkeit darzustellen." Deshalb interessieren ihn alle Facetten mann-männlichen Begehrens. Männer erscheinen in seiner Kunst nicht als Sexualobjekte, sondern als selbstbewusste Subjekte. "Ich male genauso gerne Dicke wie ganz Dünne, und Junge wie Alte, das finde ich alles interessant."
Rinaldo Hopf hat sich die Fähigkeit bewahrt, auch neuen Entwicklungen gegenüber offen zu bleiben. Von einem Blick, der aufgrund jahrzehntelanger Routine ermüdet und aussortiert, kann bei ihm keine Rede sein – ganz im Gegenteil. Seit 2003 stellt er für den jährlich erscheinenden Band "Mein schwules Auge" eine Auswahl an Kunst aus der Community zusammen, die seiner Ansicht nach eine größere öffentliche Aufmerksamkeit verdient. "Ich beschäftige mich andauernd damit, was es alles Neues gibt, deswegen schaue ich mir Magazine an und stöbere im Internet – es ist im Grunde wie eine Reise durch die Welt." Besonders beeindruckt hat ihn die letztjährige Biennale in Venedig, die aufgrund der ungewöhnlich starken Präsenz einer jungen queeren Künstlergeneration im kollektiven Gedächtnis haften bleiben wird.
Fasziniert von den Werken von Salman Toor
Gibt es überhaupt noch Momente, in denen ihn irgendeine Form von Kunst herausfordert oder auf produktive Weise irritiert? Rinaldo muss bei dieser Frage nicht lange nachdenken: "Es passiert immer wieder, dass ich denke: Wow, das ist ja toll!" Dabei fällt ihm unmittelbar der in New York lebende pakistanische Künstler Salman Toor ein, der auf der Biennale in Venedig vertreten war. "Mir gefällt die Art der Offenheit, mit der er Situationen wiedergibt: eine Gruppe von schwulen Freunden zum Beispiel … dünne Jugendliche mit clownsartigen Nasen, also nicht diese heldenhaft aufgemotzten Männerkörper – ein Gegenbild zu dem üblichen Klischee."
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Doch die meist grünstichigen Gemälde Salman Toors vermitteln nicht nur Behaglichkeit und Intimität. Viele gehen einher mit Themen wie Überwachung, Bedrohung oder homophober Gewalt. Eines der ausgestellten Bilder in Venedig, das sich bei Rinaldo eingeprägt hat, zeigt das Opfer eines blutigen Angriffs. "Das ist sehr gut gemalt", erinnert sich Rinaldo – "aber eine sehr brutale Szene."
Die Werke, die derzeit in Rinaldos Berliner Atelier zu sehen sind, scheinen hingegen einen ganz anderen Kosmos zu spiegeln: den einer queeren Selbstverständlichkeit, wie man sie in Berlin-Schöneberg, im Castro District in San Francisco oder im New Yorker Greenwich Village lebt. Die Einsamkeit der Vorstadt hingegen, quälende Selbstzweifel oder staatliche Verfolgung kommen darin zumindest vordergründig nicht vor. Das lässt sich vielleicht aus dem Umstand erklären, dass Rinaldo jegliche Erfahrung von Ausgrenzung, Überwachung oder Bedrohung in seiner Biografie erspart blieb.
Ein beruhigendes Gefühl von Zuversicht
"Ich habe nie Probleme damit bekommen, dass ich schwul bin", sagt Rinaldo. Und fügt hinzu: "Vielleicht liegt es daran, dass es für mich immer ganz selbstverständlich war."
Dieses Selbstvertrauen scheint nicht zuletzt seinem ungewöhnlichen Coming-out zu entspringen – einem Coming-out ohne Zurückweisungen und frei von inneren Konflikten, ja, sogar ganz ohne Enttäuschungen. Kurzum: ein Coming-out, wie man es jedem nur wünschen kann. Und so kommt es, dass Rinaldos Werke in der Regel ein beruhigendes Gefühl von Zuversicht, Optimismus und queerer Gemeinschaft verströmen.
Im übrigen lässt sich die Strahlkraft der leuchtenden Farben seiner Aquarellbilder auf Fotos nur schwer vermitteln – ihre volle Wirkung entfalten sie erst, wenn man sie mit eigenen Augen sieht.
Links zum Thema:
» Homepage von Rinaldo Hopf
Mehr queere Kultur:
» auf sissymag.de
















