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Queerfilmnacht
Wenn Punk-Butch und Pop-Sternchen sich lieben und über Fisting singen
Die Sängerinnen Billie und Mimi könnten unterschiedlicher nicht sein, doch sie verlieben sich bei einer Castingshow. Das Musical "Drama Queens" setzt auf gute Songs, lesbischen Motorradsex – und ist wahnsinnig unterhaltsam.

Butch-Punksängerin Billie (Gio Ventura) singt über muskulöse Girls, geölte Brustwarzen und wie sie auf einer Suzuki gefingert wird. (Bild: Salzgeber)
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2. Juli 2025, 08:15h 4 Min.
Der Reiz von Castingshows liegt in den Extremen: Es gibt die großen Finalshows, wo einigermaßen ordentliche Sänger*innen vor Dieter Bohlen alles geben. Daneben aber stehen aus Unterhaltungsperspektive wohl gleichberechtigt die allerersten Folgen, in denen oft sehr deutlich wird, dass nicht alle von uns mit denselben Talenten beschenkt wurden. Die einen erfahren ruhmreiche Bewunderung, die anderen einkalkuliert-niederschmetternde Häme.
Bei Mimi Madamour und Billie Kohler ist es genauso: Die 18-jährige Mimi umgarnt die Jury mit ihrem unschuldigen Liedchen. Die zwei Jahre ältere Billie eckt mit ihrem punkigen Statement-Song gegen das Patriarchat an, rastet aus, wird von der Security abgeführt. Das wird natürlich ausgestrahlt, das Publikum freut sich, Billie nicht. Es ist 2005, die Hochzeit der Castingshows, in der das alles noch neu und aufregend war.
Mimi steht nicht zu ihrer Freundin
Mimi Madamour gewinnt die Castingshow, ihr ohrwurmtauglicher Pop-Song "Pas Touche!" ("Finger weg!") macht sie nicht nur in Frankreich berühmt. Billie dagegen bleibt ihrer Underground-Band treu, singt auf einem Motorrad über muskulöse Girls, geölte Brustwarzen und wie sie auf einer Suzuki gefingert wird.
Gegensätze ziehen sich an, und je stärker die Gegensätze sind, desto stärker ziehen sie sich an. Mimi und Billie sind innig verliebt ineinander. Aber wo zu viel Anziehung ist, entsteht schnell auch Abstoßung: Mimi ist nicht geoutet und ihre Popsternchen-Karriere verträgt zwar viel, aber keine lesbische Beziehung. Sie verleugnet ihre Freundin, alles für die Karriere.
Billie, die Punk-Königin der Nacht
Damit kommt die impulsive Billie nicht klar. Sie streiten heftig, manchmal versöhnen sie sich, irgendwann ziehen sie aber die Reißleine. Auf jeden Fall: Viel Drama, auch ganz ohne Windmaschine.
Daher auch der Name dieses französischen Musicals: "Drama Queens", bewusst im Plural, denn obwohl Billie nicht wie eine typische Königin wirkt, kann sie im Drama mit ihrer On-Off-Freundin mithalten. Eher punkige Königin der Nacht als strahlende Prinzessin.
Ein echtes Sammelsurium queerer Symbolik
"Drama Queens" ist der erste Langfilm unter der Regie von Alexis Langlois, nichtbinär. Der Film ist, das machen schon die zwei Hauptfiguren deutlich, ein herrlich übertriebenes und kitschiges Musical. In seiner Ausstattung macht der Film kaum Kompromisse, sogar die Müllbeutel sind neonpink und -blau. Dabei dauerte es Jahre, bis die Finanzierung stand.
Alles ist perfekt durchgestylt und ein wahres Sammelsurium an queerer Symbolik, mal grotesk, mal als Ausdruck einer dauernden Transformation, wie vor allem in der visuellen Veränderung von Mimi deutlich wird: von Braids zur Blondierung.
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Sie singen darüber, sich bis ins Herz zu fisten
So gegensätzlich und in sich vielfältig wie die zwei Hauptfiguren ist auch die Musik: Eine Vielzahl an Komponist*innen sorgt dafür, dass die Bandbreite vom tanzbaren Popsong bis zur düsteren Hardcorenummer reicht. Das sorgt für Spannung, vor allem aber transportieren die Songs die Gefühle, die für ihre Figuren unaussprechlich sind. Oder die Wünsche, etwa wenn die beiden in mehreren Versionen darüber singen, sich bis ins Herz zu fisten. Das muss Liebe sein.
Doch auch die visuelle Gestaltung der Musik ist großartig: Regieperson Alexis Langlois ist weniger durch Filme als vielmehr durch Musikvideos aufgewachsen. Das merkt man "Drama Queens" an, denn manche Stücke wirken wie aufwändige, in sich geschlossene Musikclips, wie sie Anfang der 2000er bei MTV und Viva rauf- und runterliefen. Viel Strobolicht, Kamerasprünge, das macht alles großen Spaß.
Ein Film, von dem wir nicht wussten, dass er gefehlt hat
Neben der Liebesgeschichte zwischen Mimi und Billie, in der sich der Kontrast zwischen Authentizität und Karriere manifestiert, erzählt das Musical noch mehr: Es geht auch um eine Fankultur, die sich dank des Internets rasend verändert hat.
Bilal Hassani – der*die beim ESC 2019 mit "Roi" den 16. Platz belegte – macht das in der zum Schluss hin etwas zu langen Rahmenhandlung deutlich. Als Videoblogger*in Steevyshady verfolgt er*sie die Beziehung von Mimi und Billie und nimmt schließlich ein Video auf, das an das ikonische "Leave Britney Alone" von Cara Cunningham 2007 angelehnt ist. Und das ist nicht die einzige Britney-Anspielung – auch die legendäre Kopfrasur wird zitiert.
"Drama Queens" ist ein trashig-knallendes Musical über zwei junge lesbische Sängerinnen, deren Darsteller*innen Louiza Aura und Gio Ventura eine echte Magie versprühen. Der Film parodiert sich im Laufe seiner Spielzeit zunehmend selbst und spielt mit seiner fantastischen Musik und plakativen Queerness: Das ist der Film, von dem wir nicht wussten, dass er gefehlt hat.
Drama Queens. Musical. Frankreich, Belgien 2024. Regie: Alexis Langlois. Cast: Louiza Aura, Gio Ventura, Bilal Hassani, Nana Benamer, Alma Jodorowsky, Thomas Poitevin, Dustin Muchuvitz, Raya Martigny,Asia Argento, Jean Biche. Laufzeit: 115 Minuten. Sprache: französische Originalfassung mit deutschen Untertiteln. FSK 16. Verleih: Salzgeber. Im Juli 2025 in der Queerfilmnacht.
Links zum Thema:
» Alle Kinotermine auf der Homepage der Queerfilmnacht
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